E-Book, Deutsch, 363 Seiten
Grummt Neurodiversität
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7799-8721-5
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Sehnsucht nach kultureller Anerkennung, die Macht der neurotypischen Gesellschaft und Ansprüche an neurodiversitätsreflexive Pädagogik
E-Book, Deutsch, 363 Seiten
ISBN: 978-3-7799-8721-5
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Priv.-Doz. Dr. habil. Marek Grummt lehrt und forscht seit über einem Jahrzehnt zu den Themen Inklusion, Neurodiversität, Professionalisierung und diversitätsreflexiver Pädagogik. Er ist inklusionsorientierter Sonderpädage und arbeitet an der Martin-Luther-Universität Wittenberg sowie der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau.
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1Einleitung – Neurodiversität und die Neurodiversitätsbewegung
Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines morgens auf und alle anderen Menschen sind irgendwie verändert. Sie merken das nicht sofort. Aber es fällt Ihnen auf, dass sich alle anders verhalten. Die Anderen sehen Dinge, die Sie nicht sehen. Sie reagieren auf Ereignisse mit Emotionen, die Sie nicht fühlen. Sie sprechen über Dinge, die Sie nicht verstehen. Aber vor allem werden Sie selbst anders behandelt. Die Menschen nennen Sie krank, gestört, beeinträchtigt oder sozial auffällig.
So in etwa beschreiben Menschen ihren Alltag, die sich selbst als neurodivergent bezeichnen würden. Manche würden sogar von einer Welt voller Aliens sprechen.
„Jeder von uns, der lernt, mit euch zu sprechen, jede von uns, die lernt, in eurer Gesellschaft zu funktionieren, jeder von uns, der die Hand ausstreckt, um eine Verbindung zu euch herzustellen, bewegt sich auf außerirdischem Territorium und nimmt Kontakt zu außerirdischen Wesen auf. Wir verbringen unser ganzes Leben damit, das zu tun. Und dann erzählt ihr uns, wir seien nicht fähig, Beziehungen aufzubauen!“ (Sinclair 1993, aus dem Englischen)
Doch nicht alle Menschen nahmen diesen Status Quo hin. Und so begannen sie, die ersten Feuer einer sozialen Bewegung zu entfachen, die heute als Neurodiversitätsbewegung die internationale Psychologie, Medizin und Politik beeinflusst.
Neurodiversität meint die Vielfalt von Nervensystemen – doch Neurodiversität impliziert weit mehr als das. Was ist das für ein Begriff, den eine soziale Bewegung seit über 25 Jahren als ein umfassendes Konzept vertritt (die Halbwertszeit von sozialen Bewegungen ist meist wesentlich kürzer (Rucht, Blattert & Rink 1997)) und von dem sich Millionen von Menschen besser verstanden fühlen als von Konstrukten, die klassischerweise mit Diagnosen wie ADHS, Autismus-Spektrum oder Dyspraxie einhergehen? Was bringt er Neues in den Diskurs, was nicht durch Inklusion, Differenz oder Intersektionalität genauso eingebracht werden könnte?
Der Begriff der Neurodiversität ist mittlerweile auch im deutschsprachigen Diskurs angekommen, allerdings immer öfter auch nicht in seiner ursprünglich intendierten Bedeutung – beispielsweise nur als Synonym für Autismus. Er findet auch medial immer weiter Verbreitung. Er ist Thema in immer mehr Serien, Büchern und wird in den sozialen Netzwerken thematisiert – und das nicht nur pathologisierend und klischeebehaftet, sondern durchaus auch diversitätssensibel. Dennoch ist im Mainstream die Vorstellung dominierend, dass wenn jemand durch Reize überfordert ist, wenn andere es nicht sind, wenn jemand etwas nicht sieht, was andere sehen, wenn jemand etwas nicht umsetzen kann, was andere umsetzen können, dass etwas nicht stimmen kann. Das wäre ja nicht ‚normal‘. Doch was ist normal? Was ist schon typisch? Und wer entscheidet darüber, was normal ist und was nicht?
Der Diskurs um Neurodiversität bearbeitet auf den ersten Blick die Fragen, was ein typisch funktionierendes und was ein davon divergierendes Nervensystem ausmacht. Auf den zweiten Blick aber – und das kann als Erkenntnis dieser Studie verstanden werden – geht es um die uralten Fragen: Wer bin ich wirklich? Wer sind die anderen? Warum werden Einige ohne offensichtliche Gründe benachteiligt und andere nicht?
In Bezug auf Neurodiversität ist der gesellschaftliche Alltag von einer unbewusst wirkenden Macht erfüllt, die in der Studie als Dispositiv der Neurotypik1 identifiziert wird. Sie sorgt dafür, dass bestimmte Anforderungen an das menschliche Nervensystem – also Anforderungen auf Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Ausdrucksebene – als üblich, typisch oder normal gerahmt werden. Wer diesen entsprechen kann, hat ein Privileg, das ihm oftmals gar nicht bewusst ist. Denn kann man diesen Anforderungen nicht gerecht werden – sei es aus Energiemangel oder Unwissen –, spürt man dies so gut wie jeden Tag und so gut wie in allen gesellschaftlichen Kontexten. Die Frage, was das Neurotypische ausmacht, steht damit genauso im Zentrum wie die Frage nach der Grenzziehung zwischen Neurotypischem und Neurodivergenz.
Dieses Dispositiv sorgte allerdings auch dafür, dass die Neurodiversitätsbewegung entstand – auch wenn sie sich diesem nicht so ausgearbeitet bewusst war. Sie entstand wie fast alle sozialen Bewegungen: aus einem Gefühl der Ungerechtigkeit. Und so begann sie, sich für soziale und kulturelle Veränderung einzusetzen.
In diesem Buch geht es nicht darum, ob soziale und kulturelle Veränderung für eine gerechtere, partizipationsfördernde, inklusivere Welt nötig ist, sondern wie sich eine bestimmte Minorität dafür einsetzt, dass diese soziale und kulturelle Veränderung angestoßen wird. Ein Weg, Veränderung anzustoßen, ist der der politischen Partizipation: Mitglied in einer Partei werden, in verschiedenen Gremien und Ausschüssen mitzuwirken und schließlich durch Anfragen und andere politische Prozesse politische Veränderungen zu erwirken. Doch es gibt einen anderen Weg: die politische und gesellschaftliche Einflussnahme ohne selbst zur politischen Sphäre zu gehören – indem auf die gesellschaftlich bedeutsamen Belange aufmerksam gemacht wird, Diskurse in Gang gebracht werden und über verschiedene Instrumente und Vorgehensweisen angestrebt wird, soziale und kulturelle Veränderung anzuschieben. Dies ist der Weg des Aktivismus – der Weg, den soziale Bewegungen einschlagen, um ihre Botschaften, Narrative und Transformationsansprüche auf gesellschaftlicher Ebene zu verbreiten.
Soziale Bewegungen sind heute allgegenwärtig, es wird von einer ‚Bewegungsgesellschaft‘ gesprochen (Kapitel 4 Soziale Bewegungen und Aktivismus). Doch nicht alle Interessengruppen sind so groß, mächtig und wirksam wie die Umweltbewegungen, People of Color Bewegungen oder antikapitalistische Bewegungen. Chenoweth und Stephan arbeiten in der vielfach ausgezeichneten Studie „Why Civil Resistance Works: The Strategic Logic of Nonviolent Conflict“ (2011) die Bedeutung einer ‚3.5?% Regel‘ heraus: Wenn 3,5 Prozent der Bevölkerung aktiv für etwas eintreten, müssen Regierungen reagieren und soziale und kulturelle Veränderung auch politisch induzieren (oder die 3,5 Prozent unterdrücken/ausweisen). Doch in diesem Buch geht es um eine Bewegung, die (zumindest bisher) keine 3,5 Prozent der Bevölkerung ‚auf der Straße‘ mobilisieren kann und somit andere Wege finden muss, für die Anerkennung ihrer Interessen einzutreten. Die Neurodiversitätsbewegung ist auch gleichzeitig als Prototyp einer sozialen Bewegung zu verstehen, die daran arbeitet, ihre Interessen aus einer Position der Minorität und bisherigen Unterdrückung heraus ohne aktivistische Erfahrung und (vor allem zu Beginn) ohne Unterstützung von machtvollen Playern wie Fachleuten und Politiker:innen durchzusetzen. Wie kann eine Minorität ihre Interessen erfolgreich durchsetzen, wenn sie nicht die mediale Wucht bekannter sozialer Bewegungen hat?
Die Neurodiversitätsbewegung ist eine soziale Bewegung, die nicht durch Aktionismus und Demonstrationen, Aufstände und affektiv aufgeladene öffentlichkeitswirksame Aktionen auffällt, sondern die durch die Neuinterpretation eines Weltbildes, die Neukonstitution einer Differenzlinie und die elaborierte Kritik an jahrzehntelanger Praxis zu einer weltweiten Bewegung geworden ist. Eine Bewegung, die die Arbeit und Ansichten von Mediziner:innen, Psycholog:innen, Pädagog:innen, aber auch Eltern und Unterstützer:innen (Allys) hinterfragt.
Diese Studie ist nicht nur als Gegenwartsdiagnose einer sozialen Bewegung und eines Konzeptes zu verstehen, sondern soll auch dazu beitragen, das Konzept weiterzuentwickeln und zu vertiefen. Hierzu wird sich an die Cultural Studies angeschlossen, indem Grundlagen für die Neurodiversity Studies im deutschsprachigen Raum gelegt werden. Während der Begriff in einem ersten Sammelband (Rosqvist, Chown & Stenning 2020), der in der Zeit des Verfassens dieser Studie erschien, schon genutzt wird, werden hier nicht nur die dort bearbeiteten Bezüge aufgenommen, sondern auch weitere Bezüge aufgegriffen, um mehrere Modelle von Neurodiversität und ein Verständnis von Neurotypik kulturell reflektiert vorzulegen.
Die leitenden Fragestellungen dieser Studie sind damit:




