Gruber / Modes / Pauli | Großstadtgefühle | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

Gruber / Modes / Pauli Großstadtgefühle

Nächster Halt Friedrichstraße
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-4656-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Nächster Halt Friedrichstraße

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

ISBN: 978-3-7504-4656-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



3,7 Millionen Menschen und noch mehr Gefühle. Berlin ist eine ganz besondere Großstadt. Eine besonders liebevolle, in der alle alles sein dürfen und dann wieder eine besonders hinterhältige, in der niemand etwas sein kann. Sie hat dich fest im Griff, du liebst sie, du hasst sie und sie dich auch. Und dann ist da noch das Alles-Dazwischen: Einsamkeit, Nostalgie, Optimismus, Depression, Obsession, Glück, Freiheit. 18 Berliner Autor*innen nehmen dich mit in ihre Version der Hauptstadt und bewegen sich dabei um einen ihrer zentralen Angelpunkte - die Friedrichstraße. Alle Gewinne kommen Mehrwertvoll e.V. zugute, der sich für verschiedenste soziale und kulturelle Projekte in Berlin einsetzt.

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Daniel Klaus



Ich habe einen Siegelring geerbt, der mir selbst am Daumen noch zu groß ist. In den nächsten Tagen werde ich zu einem Juwelier gehen und ihn enger machen lassen. Ich habe auch eine Krawattennadel sowie Manschettenknöpfe geerbt. Ich weiß nicht, ob ich so etwas jemals tragen werde. Sie sind in einer kleinen Schachtel, die ich in meine Schreibtischschublade getan habe. Außerdem ist da noch eine Bibel, die kleinste Bibel der Welt. So steht es in ihrem Testament. Sie ist wirklich klein. Man braucht eine Lupe, um darin lesen zu können.

Heute wurde das Blumenfenster eingesetzt. Es sieht sehr schön aus. Besonders am Abend, wenn die Sonne darauf fällt und sich das Licht im Glas bricht. Ich habe bestimmt eine halbe Stunde davor gestanden und es betrachtet und daran gedacht, daß es Dir auch gefallen wird. Es hat eine große Fensterbank, und es ist jede Menge Platz für Deine Blumen da. Sie werden dort immer genug Licht haben.

Als ich mit Tante Anka am zweiten Weihnachtsfeiertag zusammen Chinesisch essen war, wusste ich nicht, dass es das letzte Mal sein würde, dass wir uns sehen. Ich hatte eine Pekingente, sie war sehr knusprig, und wir haben uns über die Knusprigkeit von Pekingenten unterhalten. Vielleicht hätten wir über etwas anderes gesprochen, wenn wir gewusst hätten, dass es das letzte Mal ist, dass wir uns sehen. Vielleicht hätten wir aber auch gar nichts gesagt, weil es nicht auszuhalten gewesen wäre. Was soll man in einem solchen Moment auch sagen? Wahrscheinlich war es besser so. Ich hätte bestimmt auf die Toilette gehen müssen und dort geheult.

Tante Anka ist jetzt schon über drei Wochen tot. Sie war die Schwester meiner Oma. Sie hat selbst keine Enkel gehabt, aber es gab ja mich, und wir hatten viel Spaß zusammen. Der Siegelring, die Manschettenknöpfe und die Krawattennadel sind von ihr. Davor haben sie ihrem Mann gehört, den ich nie kennengelernt habe, weil er gestorben ist, bevor ich auf die Welt kam. Sein Name war Jakob. Er ist nicht mal vierzig geworden. Im Wohnzimmer hatte sie Bilder von ihm an der Wand hängen, direkt neben dem Fernseher. Er sah auf ihnen alt aus, viel älter als Anfang dreißig, aber vielleicht lag das auch an den Schwarzweißaufnahmen und der ernsten Art, mit der man sich Ende der Fünfziger fotografieren ließ.

Daß ich gestern verschlafen habe, hast Du ja mitbekommen. Wegen dem Wecker brauchst Du nichts zu unternehmen, den werde ich selber wieder in Ordnung bringen. Aber wenn Du willst, kannst Du einen neuen Wecker aus der Kaufhalle holen, einfach zur Sicherheit. Und wundere Dich nicht. Ich habe ein kleines Körbchen Birnen nach Hochheim mitgenommen. Einige mußte ich schon essen, denn die Fahrt auf dem Fahrrad ist ihnen nicht so gut bekommen. Sie waren saftig und herrlich süß, und ich habe natürlich zu viele gegessen. Ich habe eben versucht meinen Bauch einzuziehen, aber er ist so voll, daß sich nichts bewegt.

Und dann sind da noch die Briefe.

Man könnte sagen, dass ich die Briefe geerbt habe. Man könnte aber auch sagen, dass ich sie mir einfach genommen habe. Fakt ist jedenfalls, dass man sie weggeworfen hätte, weil sie sonst niemand haben wollte. Die Briefe sind von Jakob. Einige Umschläge sind an den Ecken bereits vergilbt. Es sind dreißig oder vierzig Stück, ich habe sie nicht gezählt, aber es ist ein recht dicker Stapel. Sie sind so alt, dass die Adresse noch in einer anderen Reihenfolge aufgeschrieben wurde, und Postleitzahlen gab es damals auch nicht. Das Porto betrug nur zwanzig Pfennige, und auf den Briefmarken ist ein Gesicht, das ich nicht kannte. Ludwig Erhard, sagte meine Mutter.

Ich weiß nicht, ob ich diese Briefe überhaupt lesen darf. Sie sind niemals für mich bestimmt gewesen.

Da ich die ganze Woche nicht nach Wiesbaden kommen kann, will ich Dir zumindest ein paar Zeilen schreiben.

Ich war heute in der Tapeziergenossenschaft und habe mich nach den Preisen erkundigt. Ein Sprungrollo für unser Blumenfenster kostet ungefähr fünfzig Mark. Anschließend bin ich bei Helmholtz gewesen, um nach der Antennenleitung zu fragen. Mit der Antenne ist es aber ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Ich verstehe nicht, warum solche Dinge so kompliziert sein müssen.

Hast Du Dir denn nun die Strickjacke gekauft, die Du in der Auslage bei Meixler gesehen hast? Du hast ja so begeistert von ihr gesprochen.

Gerade hat sich eine Meise auf die Fensterbank gesetzt. Ich habe von meinem Blatt aufgeschaut, und jetzt sitzt sie vor mir. Da hat sie sich ein schönes Plätzchen ausgesucht. Wenn sie öfter kommt, wirst Du sie auch kennenlernen. Ich werde euch beide dann miteinander bekannt machen.

Die Briefe waren in einem blauen Stoffbeutel, der im Kleiderschrank neben den Bettbezügen und Tante Ankas Nachthemden lag. Nun liegt er auf meinem Schreibtisch. Eigentlich wollte ich mich an den Computer setzen, um an der Homepage für Karen weiterzuarbeiten. Sie hat nächste Woche Geburtstag, und es soll eine Überraschung werden. Hoffentlich freut sie sich darüber, denn in letzter Zeit ist sie am Telefon ein bisschen komisch gewesen.

Entschuldige meine Schrift, ich weiß, daß sie ein wenig krakelig ist, aber ich habe keine Schreibunterlage gefunden und muß deshalb im Stehen schreiben.

Ich bin endlich beim Frisör gewesen und habe mir die Haare schneiden lassen. Du hattest ja angemahnt, daß ich völlig zuwachse und von meinem Gesicht bald nichts mehr zu sehen ist. Es ist ein ungewohntes, aber auch frisches Gefühl auf dem Kopf, und Du kannst gespannt sein, wie ich aussehe, wenn wir uns am Freitag Abend treffen.

Die Arbeiten am Haus gehen langsam voran. Vielleicht bin ich nur zu ungeduldig, aber ich denke immer, daß ich mehr schaffe, als es dann tatsächlich ist. Es ist noch viel zu tun, und manchmal habe ich das Gefühl, daß der Aus- und Umbau komplizierter ist, als wenn man das Haus abreißen und von Grund auf neu bauen würde. Mit der Wand, mit der wir unser Bad abteilen wollen, habe ich mir etwas Neues ausgedacht. Ich werde es Dir genau erklären, wenn Du hier bist. Eben fällt mir ein, daß ich das Loch im Küchenfußboden noch zuspachteln muß, damit ich morgen endlich mit dem Fliesenlegen beginnen kann.

Bitte sieh mir nach, wenn die Dinge nicht so der Reihe nach aufgezählt sind. Das kommt daher, weil mir nicht alles sofort einfällt. Außerdem bin ich müde, und wenn ich von meinem Blatt aufschaue, verliere ich schnell den Faden.

Was macht man mit Briefen, die einem nicht gehören? Briefe, deren Absender und Adressatin tot sind. Darf man sie lesen, auch wenn die Menschen, die man um Erlaubnis fragen müsste, jetzt nicht mehr leben?

Dabei fällt mir ein, dass ich mal ein Buch mit Van Goghs Briefen an seinen Bruder gelesen habe. Ich glaube, jeder, der sich ein wenig näher mit Van Gogh beschäftigt, kennt diese Briefe. Trotzdem waren sie nur für seinen Bruder gedacht. Ob sich das Briefgeheimnis nach dem Tod aufhebt? Ob Van Gogh gewollt hätte, dass die Briefe veröffentlicht werden? Ich war jedenfalls froh, dass ich die Möglichkeit gehabt hatte, sie zu lesen.

Karen ist für sechs Monate in Chicago. Sie macht dort ein Praktikum im Goethe-Institut. Ich war davon nicht gerade begeistert, aber sie hat gesagt, dass sie eine solche Chance nie wieder bekommen würde. In den ersten Wochen haben wir jeden Tag miteinander telefoniert. Ich habe sie mittags angerufen, um sie in Amerika pünktlich zum Frühstück zu wecken, und sie hat mich meist nach der Arbeit angerufen, bevor ich ins Bett gegangen bin.

Für die Homepage habe ich von den Plätzen und Orten, die sie hier am liebsten mag, Fotos gemacht. Ihr altes Kinderzimmer im Haus ihrer Eltern ist dabei, das Café hinter der Uni und auch ein Bild vom See, wo wir uns kennengelernt haben. Außerdem bin ich mit dem Diktiergerät herumgelaufen und habe Geräusche aufgenommen: ihren Weg zur Uni. Den Gemüsehändler an der Ecke, der mir einen Gruß auf das Band gesprochen hat. Das Öffnen und Schließen der S-Bahn-Türen, das des Schaffners und die Ansagen vom Band: Den Verkehrslärm auf der Frankfurter Allee und das Kindergeschrei auf dem Spielplatz im Park.

Ich stelle mir das so schön vor. Wir telefonieren an ihrem Geburtstag, und ich sage:

»Dein Geschenk findest du unter www.karen-winkelmann.de

Mir gefällt es ebenso wenig wie Dir, daß wir uns nur am Wochenende sehen. Ich würde Dich jetzt auch viel lieber im Arm halten. Wir müssen einfach daran denken, wie schön es sein wird, wenn alles fertig ist! Am Samstag bekommst Du eine exklusive Schlossführung. Das hier ist die schriftliche Einladung. Du wirst Dich umschauen, denn es hat sich viel getan.

Ich will versuchen diesen Brief gleich einzuwerfen, damit Du ihn so schnell wie möglich erhältst. Allerdings habe ich keine Briefmarke, aber ich hoffe, daß ich noch irgendwo eine auftreiben kann.

Jakobs Handschrift ist gut zu lesen. Teilweise sieht sie aus wie gemalt, weil er jeden Buchstaben akkurat ausschreibt. Nur am Ende der Briefe wird es manchmal...



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