E-Book, Deutsch, 244 Seiten
Gruber / Kasolowsky / Modes Vier Uhr morgens
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-9825720-5-5
Verlag: Katharina Stein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 244 Seiten
ISBN: 978-3-9825720-5-5
Verlag: Katharina Stein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wo bist Du um vier Uhr morgens? Bist Du schon auf dem Weg oder sitzt Du an Deinem Fenster und starrst in die Zeit zwischen Nacht und Morgen? Was beschäftigt Dich, wenn Du so spät noch nicht schläfst oder so früh schon wach bist? 24 Berliner Autor*innen erkunden mit ihren Texten einen Zeitpunkt, an dem so viel mehr geschieht, als es auf den ersten Blick scheint. Noch vor dem Sonnenaufgang nehmen sie uns mit in leere Zahnarztpraxen und Dörfer im Abriss, in kleine Auf- und große Umbrüche und zeigen, was sichtbar wird, wenn die Welt für einen Moment innehält.
Autoren/Hrsg.
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S. M. Gruber
Hunger oder den Bauch voller Angst
dachte Mo, dabei war es schon viel später. Oder früher. Wie man es nimmt. Bestimmt würde sich seine Deutschlehrerin trotzdem freuen, dass dieses Zitat aus ihrem Unterricht hängen geblieben war.
»Die Küchenuhr war halb drei«, sagte er deshalb.
Frau Blume runzelte die Stirn und drehte sich nach der Uhr um.
Ein Knall ließ sie beide zusammenzucken. Herr Klampf hatte mit der flachen Hand auf den Tisch gehauen und schnaufte schwer durch die Nase. Irgendetwas sagte er, aber Mo konnte sich nicht darauf konzentrieren. Das Einzige, das er wahrnahm, war das der runden Uhr, die über dem Kantineneingang der Jugendherberge hing. Er musste an Leyla denken, die keine analogen Uhren lesen konnte.
Frau Blume atmete tief durch, so wie sie es etwa tat, wenn Leyla wieder einmal anfing, mit ihr über die Notenvergabe zu diskutieren, und berührte Herr Klampf kurz am Unterarm. So kurz, dass man es verpasst hätte, hätte man geblinzelt, doch Herr Klampf verstummte sofort.
»Hast du Hunger, Mo?«, fragte Frau Blume und es freute ihn, dass Herr Klampf sicher nicht wusste, warum sie ihn das fragte. Mathe und Sport, der las nicht in seiner Freizeit. Der Tonfall, in dem sie es sagte, klang spitzer als sonst.
Mo schüttelte den Kopf. Inzwischen war Herr Klampf wieder ins Schnaufen gekommen, während Frau Blume Mo einfach nur anblickte, als würde sie noch auf etwas warten.
»Aber ertappt fühle ich mich«, fügte Mo hinzu, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass sie da nicht schon selbst draufgekommen war.
»Ja, das kann ich mir vorstellen.« Sie lehnte sich zurück und tippte mit einem ihrer manikürten Fingernägel auf die Tischplatte.
»Mo?«
»Ja?«
»Antwortest du bitte auf Herrn Klampfs Frage?« Frau Blumes Nagel schwebte über dem hellen Holz, dann verschränkte sie die Hände ineinander. So fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.
»Hm?«, machte Mo.
»Seine Frage. Antwortest du bitte?«, wiederholte Frau Blume, während ihr Kollege so aussah, als würde er gleich aufspringen und eine seiner langatmigen Schimpftiraden von sich geben. Manchmal, wenn etwa zwei Drittel der Klasse ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatte, oder wenn irgendein Trottel TikTok öffnete und der Ton plötzlich anging, dann bekamen sie den Rest der Stunde frei. Weil Herr Klampf, wenn er sich einmal warm geschimpft hatte, so schnell nicht mehr aufhörte. Dann musste man bloß ein aufmerksames, reumütiges Gesicht machen und konnte sich entspannen. Aber nicht zu sehr, weil einschlafen war auch wieder nicht gut, dann bekam man eine E-Mail nach Hause und dann achteten die Eltern wieder mehr darauf, wann man ins Bett ging, weil man ja anscheinend immer so müde war, und dann konnte man nachts nicht zocken und dementsprechend am nächsten Tag nicht mitreden. Und das Handy war dann auch weg über Nacht. Einmal hätte er fast seine Snapchat-Flammen verloren. Und einmal hatte er nicht auf das YumYum-Nudeln-Meme antworten können, das Leyla ihm geschickt hatte.
»Wussten Sie, dass Leyla die Uhr nicht lesen kann?«, rutschte es Mo heraus und da wusste er schon, dass Herr Klampf jetzt endgültig die Fassung verlieren würde.
Zwei, drei Herzschläge war es ganz still, Herr Klampfs Kiefer mahlte lautlos, aber dann sagte er nur gefährlich ruhig: »Und du hast gedacht, mitten in der Nacht wäre der richtige Zeitpunkt, um es ihr beizubringen, ja? Im Wald. Gibt es denn dort eine Uhr, Mo?« Beim letzten Satz wurde seine Stimme doch etwas schriller.
»Leyla war gar nicht dabei«, log Mo.
»Da hat Sani aber etwas anderes erzählt«, warf Frau Blume ein.
War ja klar, dass Sani sich wieder einmischen musste. Jetzt nur nichts Unüberlegtes sagen. Die beiden konnten Leyla nicht im Wald gesehen haben, darauf hatte Mo ganz genau geachtet.
»Sie hat bei mir geklopft und gesagt, dass Leyla mit dir rausgegangen ist. Sonst wären wir gar nicht auf die Idee gekommen, dich dort zu suchen«, erklärte Frau Blume und bemühte sich dabei um einen Plauderton. »Weißt du, ich habe auch viel Blödsinn auf Klassenfahrten gemacht. Einmal ist ein Kumpel sogar im ersten Stock über zwei Balkone geklettert, um zu uns ins Zimmer zu kommen. Das scheint alles wie ein harmloser Spaß, aber überleg mal, was da alles passieren kann! Wir sind für euch verantwortlich. Wenn ihr euch verletzt oder den Wald abbrennt, dann sind auch wir mit schuld daran.«
Fast hätte Mo protestiert und erzählt, was sie dort eigentlich gemacht hatten, und was hätte da schon groß passieren sollen? Aber dann biss er sich doch noch rechtzeitig auf die Zunge. Das war nämlich das Gefährliche an Frau Blume. Die war zwar wirklich nett und Mo kaufte ihr das Verständnis auch ab, aber man durfte vor ihr trotzdem nichts zugeben. Weil sie die Eltern, die Schulleitung oder sonst wen informieren , wie sie dann immer betonte. Weil sie auch den anderen gegenüber fair bleiben wollte. Dabei war nichts jemals fair. Mo mochte Frau Blume. Aber Leyla mochte er mehr.
»Womit hätten wir denn den Wald abbrennen sollen?« Mo hob eine Augenbraue. »Das Lagerfeuer machen wir doch erst am letzten Abend.«
»So, es reicht mir jetzt!« Herr Klampf sprang auf. »Du leerst jetzt deine Taschen aus. Und zwar alle«, forderte er und dabei blähten sich seine Nasenflügel ganz komisch auf.
»Hä, warum das denn jetzt?«, fragte Mo.
»Hä mich nicht an!«, schrie Herr Klampf. »Taschen ausleeren! Sofort!« Seine Stimme überschlug sich beim letzten Wort. Ob es ihn wohl viel Anstrengung gekostet hatte, so lange ruhig zu bleiben?
Eigentlich durfte ein normaler Lehrer keine Taschenkontrollen machen, sondern nur die Schulleitung, und auch da konnte man verweigern. Dann kam aber die Polizei, so wie bei Robin damals. Die Schulleiterin war natürlich nicht mit auf Klassenfahrt, also entschied sich Mo dagegen, darüber zu diskutieren.
Wie in Zeitlupe – weil er wusste, dass das seinen Lehrer besonders aufregte – kramte er in der linken Tasche seiner jogginghose, holte nacheinander eine leere Kaugummipackung, ein angeschnäuztes Taschentuch und ein Hustenbonbon heraus und legte alles nebeneinander auf den Tisch. Frau Blumes Mine blieb reglos, Herr Klampf verzog angewidert das Gesicht.
»Die andere auch.«
»Bin ja schon dabei«, murmelte Mo und zog sein Handy aus der rechten Hosentasche. Über den Bildschirm zog sich ein Netz aus Sprüngen, es ploppte ein Gespenst über dem anderen auf, dazwischen der eine oder andere grüne Hörer. Na toll. Es hatte sich also schon herumgesprochen, dass er erwischt worden war.
»Die Gesäßtaschen«, presste Herr Klampf hervor.
»Hab ich keine«, sagte Mo wahrheitsgemäß.
Der Lehrer verschränkte die Arme vor der Brust. »Aufstehen, umdrehen«, orderte er.
Frau Blume rollte nicht direkt mit den Augen, aber ihr Blick wanderte zur Decke und verharrte dort einen kurzen Moment, bevor sie Mo ansah und ihm kaum merklich zunickte. Also tat er wie geheißen, übernahm jetzt das Augenrollen für sie beide. Mit zwei Fingern hob er seinen Pulli hoch und wackelte mit seinem Hinter sich hörte er so etwas wie ein Knurren und ein unterdrücktes Lachen, also drehte er sich wieder um und ließ sich auf seinen Stuhl plumpsen.
Keine Vape, kein Feuerzeug und erst recht keine Zigaretten – die rauchten sowieso nur noch alte Leute. Herr Klampf versuchte erst gar nicht, seine Enttäuschung zu verbergen.
»Jetzt, wo wir das geklärt haben«, sagte Frau Blume langsam, »würde mich mal etwas ganz anderes interessieren. Leyla war also nicht mit dir draußen, aber trotzdem hast du eben gesagt: ›wir‹.«
»Wie bitte?«, fragte Mo.
»Du sagtest so etwas wie ›bei dem, was wir gemacht haben‹. Wer ist denn ›wir‹, Mo?«
Shit. Die Frau hätte genau so gut beim BND arbeiten können.
Mo zuckte mit den Schultern. Vor Herr Klampf würde er sowieso nichts erzählen. Das schien wohl auch Frau Blume zu wissen, denn sie bat ihren Kollegen, nachzusehen, ob Leyla inzwischen wieder in ihrem Zimmer angekommen war. Dessen Gesichtsausdruck ließ nicht gerade auf Begeisterung schließen. Natürlich nicht. In seinen Augen war Mo die Wurzel allen Übels und am liebsten hätte er ihn aus dem Blumenbeet seiner Klasse gerupft. Dass er trotzdem widerwillig aufstand und in Richtung der Schlafsäle verschwand – allerdings nicht, ohne ihn vorher mit einem verächtlichen Blick zu bedenken – führte Mo darauf zurück, dass er einen mächtigen Crush auf Frau Blume hatte. Schade, dass sie verheiratet war. Ein bisschen Liebe hätte ihm bestimmt gutgetan.
Da war wieder Frau Blumes Nagel. Mo wusste, dass sie ihn aufmerksam musterte, auch ohne aufzusehen.




