E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Gruber / Kasolowsky / Modes Großstadtgeheimnisse
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-6288-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Funkentanz im Dämmergrund
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7557-6288-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Funke. Die zündende Idee, etwas nicht preiszugeben - schon wächst ein Geheimnis daraus. Es wächst im Verborgenen und lässt sich kaum zähmen. Für immer verschwiegen, heimlich getuschelt, hinausposaunt oder verplappert, ein Geheimnis steht nie still. Schon gar nicht in Berlin. In 26 Kurzgeschichten erzählen Berliner Autor*innen von schrägen Begegnungen, sprechen heimliche Wünsche aus und gehen Sehnsüchten nach. Sie werfen Blicke in die Vergangenheit, decken auf, lassen ruhen. Sie sagen Käfern den Kampf an, werfen Dinge aus Fenstern und bekommen ungewöhnlichen Besuch. Oder, wie es in einem der Texte heißt: »Es gibt niemals genug Leben.«
Autoren/Hrsg.
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Annabella Kittel Engels Ende Fünfundvierzig … sechsundvierzig … siebenundvierzig … achtundvierzig. Schnaufend blieb Gerhard Engel stehen und hielt sich am Treppengeländer fest. Er fischte den Schlüsselbund aus der Tasche seiner Lederjacke und trat auf die Türmatte. Wie immer verhakte sich das Schloss ein wenig – also zog er die Tür fest heran und rüttelte zweimal nach links, bis ein Klicken zu hören war. Er trat ein, setzte sich auf die Bank und drückte die Tür zu. Erst noch einen Moment durchatmen, dann die Schuhe ausziehen. Beim Herunterbeugen war ihm sein Bauch im Weg, nur mit Mühe bekam er die Schnürsenkel zu fassen. Anstrengend, alles. Am Küchentisch saß Heinrich und sah ihn erwartungsvoll an. »Heinrich, ick sach et dir … dit war heut een Tach.« Er ging zur Filtermaschine und goss sich den letzten Rest kalten Kaffees in eine Tasse. Dann ließ er sich auf seinen Stuhl fallen, der beleidigt knarrte. »Der Ali is schon janz feddich. Der hat den janzen Tach nur von Abschied jeredet, und dat nu allet anders wird.« Er nahm einen Schluck. »Der Jungsche macht sich so een Kopp, ick sach et dir. Und völlich umsonst – ick meen, ick bin ja nich ausse Welt.« Kopfschüttelnd stellte er die Tasse ab. Heinrich sah ihn mitfühlend an und nickte. Gerhard nahm die Packung Nil vom Tisch und schüttelte sich eine heraus. Neben dem vollen Aschenbecher lag ein rotes Zippo. UND NIEMALS VERGESSEN – EISERN UNION, der Schriftzug war an manchen Stellen abgekratzt. Funke, Funke, Funke, dann züngelte ein Flämmchen gierig am Papier hoch. Ein tiefer Zug, die Glut glomm orangerot in der Dämmerung. Schweigend sahen beide dem Rauch nach, der in Spiralen hochzog. »Ick merk ooch schon, da kommen jetz janz neue Leute. Janz junge. Die erzähln mir nüscht mehr. Die kommen und koofen Tabak und diese neuen Brausen. Und dann jehn se wieder.« Gerhard nahm einen letzten Zug, dann drückte er die Zigarette auf einer anderen Zigarette aus und schob sie vorsichtig ein wenig tiefer in den Aschenbecher. »Aber«, er beugte sich über den Tisch, »ett war heut ooch der alte Buchbinder da. Hat een Sterni mit mir jetrunken, wollt sich verabschieden. Wir ham lang jeredet.« Er wackelte verschwörerisch mit seinen buschigen Augenbrauen. »Ick hab dir heut een jutet Jeheimnis mitjebracht.« Heinrich sah ihn gespannt an. Leise begann Gerhard zu erzählen. Als er am nächsten Morgen aus dem Haus trat, musste er seine Augen vor dem gleißenden Sonnenschein abschirmen. Stinkend fuhr der 194er in Richtung Hermannplatz an ihm vorbei. Überhaupt, der Verkehr war für die Tageszeit beachtlich. Seinerzeit fingen alle schon früher an zu arbeiten – heute schoben sich die Autos um drei viertel neun kolonnenweise über den Markgrafendamm. Gerhard ging auf ein Knie und ignorierte seinen protestierenden Rücken, als er sich am Schloss des Rollladens zu schaffen machte. Erst jetzt bemerkte er ein neues Graffiti, das auf die Aluleisten gesprüht worden war. Brot, stand da. In roter Schnörkelschrift. Einfach nur: Brot. Er grunzte. Murmelnd schob er den Rollladen hoch. »Die Namen von die Banden hier, die wern ooch immer bekloppter.« Während er die restliche Verkleidung nach neuen Schmierereien absuchte, blieb sein Blick an dem gelben Würfel hängen, der am Ende des Schaufensters aus der Wand ragte. ATM Geldautomat stand in schwarzen Buchstaben darauf. Und EC in rot und blau darunter. Vor knapp zwei Wochen war der Automat geliefert worden. Sein Einbau hatte sich als Spektakel für die gesamte Straße entpuppt. Zwei Tage lang wurde die Wand aufgestemmt, geschliffen, abgedichtet. Der Besitzer vom Filmverleih hatte einen Campingstuhl aufgestellt und seine Mittagspausen damit verbracht, Leberwurststullen zu essen und das Geschehen zu beaufsichtigen. Die beiden Kleinen der Friseurmeisterin waren aufgeregt zwischen dem Salon und dem Baugerüst hin- und hergelaufen. Ali und Hamza hatten die Familie zusammengetrommelt, wodurch die gesamte Corinthstraße durch gut gelaunte Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen lahmgelegt war. Gerhard schloss auf und betrat seinen Kiosk. Er zog die Tür hinter sich zu und der Straßenlärm verstummte. Langsam ließ er seinen Blick über die Regale gleiten. In der Ecke brummten die vier neuen Kühlschränke. Zweiundvierzig Jahre. Ein ganzes Leben lang. Fast schon sein ganzes Leben lang. Er ging an der Tiefkühltruhe und dem Grußkartenständer vorbei zur Ladentheke, hob ihr Ende an und zwängte sich durch den schmalen Durchgang auf die andere Seite. Die gesamte Wand hoch stapelten sich Tabakartikel. So hat dit anjefangen. Er betrachtete die vielen bunten Schachteln. Mit Zigaretten und Zeitungen. Die Tür wurde geöffnet und Ali kam herein, eine große Heliumflasche in den aufgepumpten Armen. Hinter ihm folgte Hamza, mehrere Plastiktüten schleppend. »Engel! Bereit für deinen letzten Tag?« Ali wuchtete das Ungetüm auf die Kühltruhe. Dann kam er zur Theke, beugte sich darüber und umarmte Gerhard. Heute konnte der sich sogar überwinden, dabei Alis Rücken flüchtig zu tätscheln. Grundsätzlich war ihm diese Art der Begrüßung suspekt. Hamza hob kurz die Hand und machte sich daran, die Tüten auszupacken. Still und immer ein wenig unter dem Radar – ein Junge nach Gerhards Geschmack. »Na, wat habt ihr Jungschen heut noch vor?« »Wir machen hier bisschen Party.« Ali zwinkerte. »Hab die Familie und paar Kumpels eingeladen, kleine Feier so ab neun.« Gerhard nickte. Kleine Feier – das war eine Umschreibung für mehrere hundert Leute. Dazu noch die üblichen Nachtschwärmer, die ab elf seinen Kiosk aufsuchen würden. Oder dann den Späti, wie Ali ihn jetzt nannte. In den letzten Jahren waren immer mehr Bars und Diskotheken in den Kiez gezogen. Unter der Elsenbrücke hatte sich eine Art Biergarten eingenistet, an der Ecke ein Tanzclub, an der Kurve zum Ostkreuz noch einer. Gerhard hatte diese Wandlung stoisch zur Kenntnis genommen. Mittlerweile merkte er aber, dass ihn die ständige Veränderung ermüdete. Die große Freifläche an der Spree, auf der er früher immer mit Ulrich Gassi gegangen war (Gott hab ihn selig), war mittlerweile fast komplett verbaut. Wohnhäuser, ein Hotel und mehrere Bürogebäude versperrten nun die ehemals freie Sicht aufs Wasser. Hin und wieder spazierte er zur alten Zigarrenfabrik und fragte sich, wann wohl auch sie für weitere Großraumbüros ausgeschlachtet werden würde. Draußen blieb ein weißer Kastenwagen stehen und hupte. »Krass geil! Das ist der Ahmed mit dem Schild!« Leichtfüßig wie ein Rehkitz sprang Ali hinüber zur Tür. Manchmal hatte der Kerl eine Grazie, die nicht so recht zu seinem muskelmassigen Körper passen wollte. Hamza folgte ihm und auch Gerhard schob sich hinter den beiden auf den Bürgersteig. Ahmed, dünnhaarig und dickbärtig, öffnete gerade die Türen zum Laderaum. »Ey, Ali.«Die beiden begrüßten sich mit Küsschen. »Packst du mit an?« Gemeinsam zogen sie einen riesigen Karton aus dem Auto, trugen ihn zwischen zwei parkenden Autos hindurch und stellten ihn vor dem Kiosk ab. »Hab ich auch den Monitor mit.« »Ey, du bist der Geilste.« Ali umarmte ihn stürmisch. »Ich hol dir noch nen Drink für die Fahrt.« Ahmed lächelte und holte das zweite Paket. An seinen Wagen gelehnt unterhielt er sich dann mit Hamza auf Türkisch. Gerhard war fasziniert davon, wie gleichgültig die beiden die fünf hupenden Autos ignorierten, die mittlerweile hinter dem Lieferwagen Schlange standen. Gleichzeitig wurde er immer nervöser. Er konnte die Autofahrer verstehen, immerhin war die Ware bereits ausgeladen. Er sah noch einmal zu Ahmed und Hamza, die sich weiterhin unbeeindruckt unterhielten. Das Hupen wurde dringlicher. Gerhard hielt es nicht länger aus. »Sach ma–Ahmed, richtich? – hörn Se dit? Die Fahrer wern janz schön unjeduldich …« Er trat von einem Fuß auf den anderen. Ahmed sah ihn an und schien das dröhnende Gehupe erst jetzt zu registrieren. Er nickte und hob die Hand: »Sorry! Ist kein Problem, eine Moment!« Er öffnete die Fahrertür, stieg ein und schaltete die Warnblinkanlage an. Als er zufrieden lächelnd wieder aus dem Auto kletterte, kam Ali zurück. Er reichte Ahmed eine neongelbe Dose. »Tut mir leid, dass es so lang gedauert hat, aber die Kaffeemaschine ist ne Diva.« Er deutete auf den braunen Plastikbecher in seiner Hand. »Die braucht ne Extraeinladung, bis die was ausspuckt.« Beide lachten. Die Autos hupten. Gerhard sah erst von Ali zu Ahmed, dann vom Kastenwagen zur Autoschlange. Er entschloss sich, lieber wieder in den Kiosk zu gehen. Ein paar Minuten später folgten auch Ali und Hamza. Durch die Scheibe konnte Gerhard...




