Grote | Ein Winter in Wicklow | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 236 Seiten

Grote Ein Winter in Wicklow

Erzählung
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-24842-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählung

E-Book, Deutsch, 236 Seiten

ISBN: 978-3-347-24842-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Viel bewegen können wir uns in diesen Tagen nicht, doch wir können uns die Freiheit nehmen, Michael Müller zu begleiten und mit ihm zu erleben, wie es denn war, in den 1990er Jahren nach Irland auszuwandern und mitten in den Wicklow Mountains ein halbverfallenes Haus wieder bewohnbar zu machen. Wie er versucht, sich ein neues Leben auf der Insel zu schaffen und sein altes in Deutschland hinter sich zu lassen. Doch ein dunkler Schatten verfolgte ihn und zwingt ihn, Position zu beziehen zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und einer erträumten Zukunft.

Georg Grote ist ein Historiker, der sich auf westeuropäische Zeitgeschichte mit den Schwerpunkten Nationalismus und Regionalismus spezialisiert hat. Seine Fachpublikationen umfassen deutsche, irische und Südtirolgeschichte.
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Prolog - Sommer

Langsam verschwand die flache Küstenlinie am Horizont, dahinter hing in flammendem Rot die untergehende Sommersonne. Die beiden Schornsteine des Poolbeg Kraftwerks schienen sie für kurze Zeit in der Luft festzuhalten, dann verloren sie sich vor dem Glutball. Die salzige Luft der offenen See strich warm um seinen Kopf, die wenigen Fahrgäste, die das Ablegemanöver verfolgt hatten, wandten sich allmählich von der Reling ab und stiegen die Treppen in die ein Deck höher liegende Bar hinauf. Aus den Lautsprechern schollen Sicherheitshinweise, während sich das Schiff zunehmend schneller aus der Bucht herausdrückte und aufs offene Meer hinaus steuerte. Die zwei großen Turbinen der Stena Explorer schalteten jetzt zu und der Aluminiumriese beschleunigte beinahe mühelos. Ein Stewart kam auf das Achterdeck und winkte die Passagiere in die Kabine hinein.

Michael blickte hinab auf das wild schäumende Wasser - eine gewaltige weiße Spur erstreckte sich bereits zwischen dem Land und dem Hochgeschwindigkeitskatamaran. Als er in die Kühle des klimatisierten Kabineninnern trat, passierten sie bereits das Kish Lighthouse, jenen Leuchtturm, der einsam im Ozean den Vorposten Irlands markierte. Michael fühlte, dass er jetzt auch symbolisch die grüne Insel verlassen hatte. Er stiefelte zur Bar und benutzte sein letztes irisches Geld für ein großes Glas Bier. Der Mann hinter dem Tresen hielt das Glas mit der großen aufgedruckten schräg unter den Zapfhahn und ließ die schwarze Flüssigkeit gekonnt bis zum Rand einlaufen, dann stellt er das Glas vor sich, damit das Bier sich setzten konnte.

Michael beobachtete, wie der weiße Schaum durch das Glas sprudelte und sich allmählich in schwarzes Bier verwandelte. Ein alter Fischer an der Westküste hatte ihm erklärt, dass man das Bier erst dann trinken konnte, wenn die Linie zwischen Bier und Schaum wie mit dem Messer gezogen war. “Sieben Minuten braucht es für ein gutes Pint“, hatte er gesagt. Genau solange wartete Michael, steckte in der Zwischenzeit die letzten Kupfermünzen in das kleine Porzellanschiff der irischen Lebensrettungsgesellschaft auf dem Bartresen und trug sein Bier dann zu dem kleinen Tisch am Fenster, den er sich schon vorher ausgesucht hatte. Er ließ sich auf den am Boden verschraubten Stuhl fallen und stieß mit seinem Knie an dem kleinen Metalltisch an. Diese Sitzgelegenheiten waren eindeutig nicht für große Menschen gemacht. Michael streifte die schweren Stiefel ab, legte seine Beine in der knirschenden Lederhose auf den Sitz gegenüber und nippte an seinem Pint. Um ihn herum türmten sich die Utensilien eines reisenden Motorradfahrers, Helm, Handschuhe, Jacke, Schal und der Tankrucksack. Mit dem Verlassen der Bucht von Dublin wurde sie See rauher, doch er wußte sein Motorrad gut im Laderaum des Schiffes verzurrt und genoß einen weiteren Schluck seines Bieres. Er schloß die Augen und fühlte das Dröhnen der Turbinen tief unter ihm. Alles vibrierte, und er wußte, dass er noch ganze 90 Minuten bis zur walisischen Küste hatte. Dort mußte er sich ein Zimmer für die Nacht suchen, um dann am Morgen durch die Berge von Wales in Richtung London weiterzufahren. Doch das war morgen…

In Gedanken ging er noch einmal über das Land, das ihm nun bald gehören würde. Vor seinem Auge sah er das alte Cottage am unteren Ende des Grundstücks, roch den Geruch des Torffeuers, dessen Rauch sich aus dem Kamin kräuselte, und stellte sich die hohen Fuchsienhecken vor, die das Anwesen zur Straße begrenzten. Etwas weiter rechts stand eine Reihe efeubewachsener Bäume, die das kleine Stück Land auf der östlichen Seit von den Nachbarn trennte, im Westen und Süden waren Felder, und nördlich, hangabwärts, führte ein kleiner asphaltierter Feldweg an 'Glenside' vorbei.

Dieser letzte Besuch in den Wicklow Mountains war erst heute am Morgen gewesen und somit noch keine 12 Stunden her. Die Sonne hatte warm geschienen, und von seinem Aussichtspunkt am hinteren Ende des Gartens hatte sich ihm ein Bild pastoralen Friedens geboten: Die alten Apfelbäume verdeckten beinahe das niedrige Haus mit dem rauchenden Kamin, dahinter neigte sich das Tal, das sich sanft zum Meer erstreckte und in der Ferne, etwas weiter links, die Hügel, an deren Ende die Hauptstadt lag, zu weit entfernt, um des Nachts zu mehr als einem an niedrig hängenden Wolken reflektierenden Lichtschein zu werden. Vom hinteren Ende des Gartens konnte man das Meer erahnen, das im Osten lag - zum Strand waren es nur ein paar Minuten.

Den ganzen Morgen hätte er mit seiner Zigarette und der Tasse süßen Tees dort am Ende des Gartens verbringen können, aber Graham hatte ihm aus der Küche zugewinkt und ihm bedeutet, dass das Frühstück fertig war. Dem Geruch von gebratenen Würstchen, Schinken, Spiegelei und Toast konnte Michael nicht widerstehen und stapfte durch das feuchte Gras zurück zum Haus. Er ließ seine schweren Stiefel an der Türe stehen und trat geduckt in die kleine Küche ein. Graham hatte ihm bereits eine großzügige Portion auf den Teller geschaufelt, Liz, seine Frau, schenkte Tee ein und Daniela, die zehnjährige Tochter, saß mit verschlafenen Augen in ihrem Pyjama auf der Küchenbank, ihren Teddybären fest umklammert. Die Küche war winzig klein, in ihrer Mitte stand ein altmodischer Ofen, der gleichzeitig als Kochgelegenheit und als Wärmequelle diente. Darauf köchelte ein großer schwarzer Wasserkessel vor sich hin.

Von der Küche ging man zwei Stufen hinab in das eigentliche Wohnzimmer, aber der Raum war leer, denn die drei wohnten in einem kleinen Anbau des Cottages, den Graham selbst gebaut hatte. Der alte Teil des Hauses war unbewohnt, das Dach löchrig, einige Fenster fehlten, und es gab kein fließendes Wasser und, abgesehen von einigen halbherzig verlegten elektrischen Leitungen, keinen Strom. Das Haus war in einem miserablen Zustand, das konnte Michael selbst an diesem wunderbaren Sommermorgen nicht abstreiten. Es gab keine anständige Heizung, keine Toilette außer dem Abort in dem kleinen Schuppen im Garten, und auch sonst nichts, was eine Wohnung im 20. Jahrhundert ausmachte. Aber er würde sich des Hauses annehmen und es renovieren, das hatte er sich vorgenommen: gerade gestern hatte er den Kaufvertrag im Beisein eines irischen Rechtsanwaltes unterschrieben und eine erste Anzahlung gemacht. Dadurch war sein Urlaub zwar viel kürzer geworden, als er sich gedacht hatte, aber er hatte dafür ein Ziel bekommen, das es zu erreichen galt.

Zwei Wochen war er bereits mit dem Motorrad durch das Land gefahren, hatte die Westküste besucht, war langsam im großen Gang zwischen grauen Steinmauern entlanggetuckert und hatte halbe Nächte im Pub verbracht, in denen sich die rauhe Landschaft auf seltsame Weise mit dunklem Bier, kehligen Akzenten und traditioneller Musik paarte. Er hatte an einsamen Stränden gezeltet, war mit dem Delphin von Dingle im Atlantik geschwommen, war auf Berge gestiegen, deren rauhe Schönheit ihm fast den Atem nahm und war Menschen begegnet, die so ganz anders waren als die, die er aus seiner norddeutschen Heimat kannte. Er war einer von denjenigen Deutschen geworden, die sich in die grüne Insel verliebt hatten.

Er begann, die Schaufenster von Immobilienhändlern genauer zu studieren und besuchte einige kleine Häuser und Cottages, die zum Verkauf anstanden, anfangs ohne ernsthafte Intention. Doch weder an der Westküste noch in den Midlands konnte er etwas finden, das ihm gefiel, oder wenn es ihm gefiel, war es unerschwinglich. Die Zeiten, in denen man ein altes irisches Haus für den sprichwörtlichen Apfel und ein Ei kaufen konnten, waren auch in Irland schon lange vorbei. Er hätte drei oder vier Jahre früher kommen sollen, so Mitte der 90er Jahre, da seien die wahren Schnäppchen über den Tisch gegangen, sagte man ihm immer wieder, aber jetzt, so kurz vor der Jahrtausendwende, da sei fast alles aufgekauft. Irland war reich geworden im Boom der frühen 90er Jahre, viele Dubliner hatten alte Cottages an der Westküste gekauft und sie zu Ferienhäusern umgebaut. Zwar mußte Michael nicht auf den Pfennig schauen, da er den Großteil seiner Abfindung angelegt hatte, aber Wucherpreise wollte er auch nicht bezahlen. Dann würde es eben kein Haus in Irland werden.

Mit diesem Gefühl im Bauch war er an Irlands Ostküste zurückgekehrt, hatte die langweiligen Midlands hinter sich gelassen und war in die Hügelkette südlich von Dublin, den Wicklow Mountains, gefahren, wo, so hatte man ihm gesagt, der Garten von Irland auf ihn warten würde. Liebliche Täler und mittelhohe Berge, die zum Wandern einluden, das war es, wonach ihm der Sinn stand. Er quartierte sich auf dem Zeltplatz in Glendalough ein und unternahm Touren durch die Berge, zu Fuß und auf dem Motorrad. Und es war an einem dieser Tage gewesen, vor acht Tagen genau, dass er sich verfahren hatte und die Orientierung komplett verlor. Plötzlich begannen alle Hügel gleich auszusehen. Die Straße schlängelte sich beinahe ziellos über Berg und Tal, und die wenigen Kreuzungen waren schilderlos. Er hielt sich...



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