Grote | Bis zur Neige | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

Grote Bis zur Neige

Eine Reise
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7469-4023-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Reise

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

ISBN: 978-3-7469-4023-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was tun, wenn die Diagnose negativ ist und der Doktor nur noch mit dem Kopf schüttelt? Sich dennoch in Therapie begeben, sich der Obhut der Fachärzte anvertrauen und weiter hoffen, dass es doch noch weitergeht? Oder aber einmal noch das Leben umarmen und auskosten? Das Motorrad satteln und eine Reise über den ganzen Kontinent, vom Osten Irlands bis nach Zentralanatolien unternehmen. Regen und Sonne auf der Haut spüren, Salzwasser schmecken, andere Menschen in ihren Lebenswelten antreffen und jeden Meter der Strasse mit der Neugier eines Kindes erfahren. Plätze wiedersehen, die ihm immer viel bedeutet haben und sich von ihnen zu verabschieden. Das war Carls Plan. Und dann trifft er auf der Strasse nach Piräus eine jungen Frau, und als sie auf das Motorrad steigt, offenbart sich ihm eine grosse Liebe. Ihre gemeinsame Reise über die griechischen Inseln und durch Kleinasien lässt ihn eine Zeitlang alles vergessen, was vor ihm liegt. Es ist dieses Glas voll des erfüllten Lebens, dass er bis zur Neige leert, komme was wolle... Eine packende Liebesgeschichte mit tiefen Einblicken in die Lebenskulturen Irlands, Südtirols, Griechenlands und der Türkei, die den Leser auf eine Reise durch das Europa der frühen 1990er Jahre mitnimmt und ihn mit detaillierten Beobachtungen und einer facettenhaften Sprache fesselt.

Georg Grote ist ein Historiker, der sich auf westeuropäische Zeitgeschichte mit den Schwerpunkten Nationalismus und Regionalismus spezialisiert hat. Seine Fachpublikationen umfassen deutsche, irische und Südtirolgeschichte.
Grote Bis zur Neige jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Prolog


Idir Eatarthu, Ende Dezember 1995

Einige Tage nach diesen Ereignissen fuhr ich nach Irland; das dritte oder vierte Mal, glaube ich. Wir hatten beschlossen, das Haus zu verkaufen und recht bald einen Käufer dafür gefunden. Die Entscheidung war uns schwergefallen, aber unter den Umständen schien dies das Beste zu sein. Ich sollte nun den Verkauf vollziehen, einige persönliche Dinge meines Bruders zurück nach Deutschland bringen und den Rest, das Inventar, die Bücher, seine Motorräder und das Auto versteigern.

Ich hatte nie so recht verstanden, was ihn in diese abgelegene Ecke Europas gezogen hatte; für ihn, der so gerne durch Europa gereist war, war Irland die ungünstigste Ausgangsposition. Er mußte in Irland auch jenes mediterrane Flair vermißt haben, das er im Süden so geliebt hatte. Irische Sommer waren feucht, die Winter naßkalt und zugig, und er hatte mir oft erzählt, daß er seine Freunde in Deutschland und auf dem Kontinent vermißte.

Als ich an diesem feuchtkalten Morgen in den letzten Dezembertagen vom Flughafen zurückkehrte, die Eltern sicher auf dem Weg nach Deutschland wußte und das Auto in der Einfahrt abstellte, ging ich die wenigen Schritte zum Haus hinauf und empfand die Stille als gewaltig. Es war überwältigend ruhig hier, ein Ort, nicht von Motorlärm und schriller Hektik verunreinigt. Keine Hupe und kein dröhnender Lastwagen, keine Sirene störte die Ruhe im blassen Sonnenschein. Die kahlen Eichen bewegten sich leise knarrend, das Pampasgras raschelte und die langen spitzen Blätter der Palme am Tor zischelten über die Hauswand. Er hatte das Haus idir eatarthu genannt, ich glaube, das war gälisch und bedeutete ’zwischen den Welten’ – ganz passend für ihn, der sich nirgends so richtig zugehörig gefühlt hatte. An der Haustüre wurde ich von der kleinen Katze begrüßt. Sie muß sich sehr allein gefühlt haben, denn sie sprang an meinen Beinen hoch und bettelte darum, gestreichelt zu werden. Im Haus war es kalt, doch nachdem ich den Ofen in der Küche und den Kamin mit Torf gefüllt und angezündet hatte, verbreitete sich schnell eine wohlige Wärme.

Es war schwierig, wenn nicht unmöglich, aus diesem Haus, das angefüllt war mit Dingen, die mein Bruder von seinen Reisen mitgebracht hatte, den Mengen an Photographien an den Wänden, den alten Kameras, die er früher einmal gesammelt hatte, und den Büchern, die über das ganze Haus verteilt waren, irgendetwas besonderes herauszusuchen und mit nach Deutschland zu nehmen. Das ganze kleine Cottage war irgendwie so etwas wie ein Gesamtkunstwerk, oder ein umfassendes persönliches Statement, das man nicht guten Gewissens sezieren konnte. Ich wußte auch nicht, wo die Grenze war zwischen Dingen, die ihn ausmachten und anderen, die er mitgebracht hatte und mit denen er sich in seiner kleinen Welt umgeben hatte. Idir eatarthu passte auch zum Sammelsurium von Reisemitbringseln. Um zu spüren, dass man sich in Irland befand, musste man schon aus dem Fenster sehen.

Am Nachmittag klingelte Frank an der Haustüre, und da es ein sonniger Tag war, fuhren wir hinauf in die Berge. Irgendwo in Glencree ließen wir den Wagen stehen und wanderten über den Grat in ein kleines, eher unscheinbares Tal. Es lag still in der fahlen Sonne eines irischen Wintertages. Ein kleiner Fluß rann durch die Senke, ansonsten gab es nicht viel, kein Haus, keine Straße, nur einen kleinen Pfad und ein paar niedere Bäume, die aus den verblühten Farnen hinausragten. Dieses flache Tal, so erklärte mir Frank, sei einer der Lieblingsplätze meines Bruders gewesen. In der Mitte dieses Tales, unter einem Schlehenbusch, waren einige der Natursteine derart dick mit weichem Moos überwuchert, daß sie einen bequemen Sitzplatz bildeten. Hier habe er oft gesessen und Frank vermutete, daß, wenn es einen Ort gegeben hat, an dem mein Bruder sich zuhause gefühlt hatte, es diese Stelle in den Bergen Wicklows gewesen war.

Frank schenkte mir eine Tasse heißen Tee aus seiner Thermoskanne ein und schlug vor, einige Minuten an dieser Stelle zu bleiben. Als ich unter diesem Schlehenbusch saß, den kleinen Fluß ein paar Meter weiter murmeln hören konnte und auf die karge, bräunliche Winterlandschaft mit den gelegentlichen hellen Stellen, die von dünnem Schnee zeugten, blickte, spürte ich den Frieden, der von diesen Bergen ausging. Nur wenige Kilometer von der Straße entfernt, aber weitab von der Zivilisation gab es hier nur noch die Natur, ein paar Tiere und den Wind, der jetzt von Osten in das Tal hineinpfiff und mich frösteln machte. Es war unwirtlich hier, so mitten im Winter, doch konnte ich die Liebe meines Bruders für diesen Flecken nachvollziehen, denn es war still in dieser Gegend, und nicht nur das, es war friedlich.

Wir fuhren zurück zum Cottage und tranken Wein. Er hatte diese Weinbauern in den Dolomiten gut gekannt, und hatte eigentlich immer einige Flaschen ihres Rotweines im Haus. Ich weiß nicht, wie er sie immer nach Irland transportierte, denn meistens war er mit dem Motorrad dort gewesen, und selten allein. Wir tranken viel Wein in dieser Nacht am lodernden Torffeuer. Wir redeten und verdrängten; Frank versuchte, den traurigen Ereignissen etwas Positives abzugewinnen, erzählte, wie erfüllt das Leben meines Bruders doch gewesen war, und wie glücklich, wiewohl natürlich viel zu kurz. Er hatte Recht, letztlich weinten wir um uns, nicht um ihn, doch man verliert nun mal nicht allzu oft einen Bruder. Nachdem Frank gegangen war, wurde die Stille wieder allgegenwärtig. Es gab kein Telefon mehr, - und was war dies für eine Erholung für mich, der ich ständig mit meinem Mobiltelefon umherrannte um in Kontakt mit meinen Kunden zu sein - und selbst der im Kamin verbrennende Torf brannte lautlos. Ich begann langsam zu verstehen...

Am nächsten Morgen verdrückte ich ein kurzes Frühstück in einer winterlich-kalten Küche, denn ich hatte vergessen, den Ofen für die Nacht zu füllen. Mit einer Tasse heißen Tees in der Hand trat ich hinaus in den Sonnenschein und öffnete die blauen Holztore des kleinen weißen Schuppens. Die fahle Morgensonne schien auf die beiden alten, schwarzen Motorräder. An eines war ein großer, altertümlicher Seitenwagen mit einem Reserverad am Heck angeschlossen. Wicklows Spinnen hatten bereits Besitz von den Maschinen genommen und begonnen, ihre Netze von den Lenkern zu den Schutzblechen und hinunter zu den Zylindern zu spinnen. Die alten BMWs waren schön, und ich erinnerte mich, wieviel Arbeit ihn die Aufarbeitung der Maschinen gekostet hatte. Ich hatte mir nie viel aus Motorrädern gemacht; selten einmal hatte ich auf einem gesessen, wußte nur, daß sie eigentlich viel zu gefährlich für den heutigen Verkehr sind.

Das Gespann sah aus, als sei es gerade erst aus dem Süden zurückgekehrt; daß der gelbliche Staub auf den Schutzblechen, der Lampe und dem Beiboot konnte nicht von den Straßen Irlands stammen. Der Zündschlüssel steckte in der Lampe und auch der Tankrucksack war noch auf dem Tank festgezurrt, und als ich ihn öffnete, fand ich darin ein paar Schraubenschlüssel, Klebeband und einige zerlesene Bücher, Plays, Poems and Prose by John Millington Synge, A Time of Gifts und Travelling with Chatwin, englischsprachige Bücher, die mir nichts sagten und deren Autoren ich nicht kannte. Die Kartentasche war aufschlußreicher, sie war angefüllt mit Straßenkarten Italiens, Griechenlands und der Türkei. Über alle Karten spann sich ein schmaler, schwarzer Strich, der nur selten einmal über eine Autobahn oder eine Nationalstraße lief, sondern sich meist über kleine und kleinste Nebenstrecken zog und schlängelte. Das muß seine Tour im Sommer gewesen sein; er hatte mir bei unserem letzten Treffen davon erzählt.

Unwillkürlich mußte ich lachen; als Junge schon hatte er die alten Straßenkarten, die unser Vater nicht mehr brauchte, genommen und darauf imaginäre Reisen unternommen. Mit einem Filzstift fuhr er so von München bis nach Indien und von Casablanca bis nach Kapstadt. Eine seiner Reisen auf einer alten Karte, die ihm unser Großvater gegeben hatte, führte vom Niederrhein bis nach Königsberg, und ich erinnere mich noch lebhaft an sein Unverständnis widerspiegelndes Gesicht, als unser Vater ihm erklärte, daß er wohl nie über Land bis nach Königsberg reisen könne, denn dazwischen seien Grenzen, die unüberwindlich seien. Das muß irgendwann in den siebziger Jahren gewesen sein, ich war vielleicht erst fünf oder sechs, doch gehört diese Episode zu den ersten Erinnerungen, die ich mit ihm verbinde.

Und jetzt stand ich hier, an einem kalten Dezembermorgen, im Schuppen und las in den Straßenkarten der Türkei die Spuren unserer Kindheit. Entlang der schwarzen Linie gab es gelegentlich kleine...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.