E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Gross Ein Teilchen im Ozean
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7557-6885-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7557-6885-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Harald ist sechzehn, damals Ende der Siebziger. Er führt ein Doppelleben. Tagsüber macht er mit seinem Moped Ausflüge, schaut sich Filme im Kino an, jobbt in einer Buchhandlung und gehört im Gymnasium zu den Klassenbesten. In den Nächten aber, wenn er Musik hört, an den melancholischen Abenden in der Hochhaussiedlung sehnt er sich danach, in den Ursprung der Welt zurückzukehren und sich in der Unendlichkeit des Kosmos aufzulösen. Aber da ist Frank aus der Klasse über ihm, mit dem er reden kann. Da ist Bruno, den er in einer Teestube kennen lernt. Und da gibt es noch die Mädchen, die allmählich in sein Blickfeld rücken. Haralds Weltbild beginnt sich zu verändern, und das Neue, das in sein Leben tritt, holt ihn aus seiner Einsamkeit heraus.
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Bisher u.a. erschienen: Grafeneck (2007, Glauser-Debüt-Preis 2008); Weiße Nächte (2008); Kettenacker (2011); Kelterblut (2012); Yûomo (2014); Haus der Stille (2014); Schrödingers Kätzchen (2015); Haut (2015); My sweet Lord (2016); In der fernen Stadt (2017); Räucherstäbchenjahre (2018); Der Teehändler (2019); Er sollte nicht ahnen (2019); Lebkuchenstadt (2020); Schatzkiste (2020); Ein Nachmittag am Bondi Beach (2020); Flieg zum Regenbogen (2020); Im Herz aller Dinge (2020); In La Coruna geht Picasso zu den jungen Stieren (2021); Neugeboren (2021); Skymning (2021); Winterherz (2021); Die Madonnen von Vernazza (2021); Der letzte Herbst (2021); Fürchte dich nicht (2022).
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In Franks Dachzimmer hörte er Musik, die er nicht kannte. Er stieß sich den Kopf am First, sie tranken Tee, der Eine saß auf dem Bett, der Andere im Sessel. Sie redeten über die Entstehung des Kosmos und die Doppelnatur des Lichts, über Heisenberg und Einstein. Frank wollte Physik studieren. Er war schon in der Reformierten Oberstufe und hatte Grund- und Leistungskurse. Er war einmal sitzengeblieben und zwei Jahre älter als Harald. Er hatte schon den Führerschein und ein gebrauchtes Auto, einen alten R5. Mit dem fuhren sie manchmal in die Stadt und gingen ins Kino. In den Jugendfilmclub, das Jufi. Dort sahen sie Filme, die ihre Vorstellung von der Welt prägten, die Welt um sie herum, in der sie ihren Platz suchen mussten. In Franks Dachzimmer hörte Harald eines Tages die Musik einer Band namens Eloy. Psychedelischer Rock, wie er Harald gefiel. Dazu das Mythische der Vorzeit. Von Atlantis war die Rede, von der Inkarnation des Logos und ägyptischen Göttern. Und an einer Stelle hieß es: Wir sind ein Teilchen im Ozean. Verloren und geborgen wie eine Träne. Salz zu Salz. Aufgelöst im Urgrund. Der Ozean war unsere Mutter , und wir werden wieder in ihn eingehen. Aber wo ist Erbarmen mit unserer Angst? Diese Frage traf Harald. Da konnte man von Göttern und Urzeitmythen reden, wie man wollte. Da konnte man davon träumen, nach dem Tod im Kosmos aufzugehen, sich aufzulösen. Aber das Eine blieb: die Angst. Dafür brauchte der Mensch Erbarmen. Er war nur ein winziges Teilchen im Ozean. Das wusste Harald. Aber als dieses Einzelne sehnte sich das Teilchen nach Erlösung. Er wusste nicht, was für eine Erlösung. Oder wovon. Vielleicht von der Anonymität. Von der Zufälligkeit und Beliebigkeit. Jedes Individuum war ein einzigartiges, unwiederholbares Ich, und doch erloschen täglich Millionen von Existenzen. Das war der Widerspruch, an dem er nagte. Das war das Geheimnis. Dass trotz der unendlichen Weite des Universums ein paar winzige Staubteilchen sich danach sehnten, einen Namen zu haben. So stellte er sich die Bewusstseinswerdung vor: Ein kleines Fünkchen begann zu glühen und erhellte seine Umgebung. Eine von Millionen Stimmen hörte sich selbst und begann zu rufen. Ob da noch jemand sei. Is there anybody out there? So musste das in Urzeiten gewesen sein. Jedes Individuum war eingemauert in sich selbst. Es blieb nur der Weg in die Vertikale: in die tiefsten Tiefen und in die höchsten Höhen. Das soziale Miteinander war nebensächlich, ja nutzlos. Es diente nur dazu, sich im gewöhnlichen Leben einzurichten und seine Wurzeln zu vergessen. Der Alltag schüttete die wahre Bestimmung des Menschen zu. Nur wenige wehrten sich dagegen. Nur wenige hüteten den Traum. In einem Buch über San Francisco hatte er ein Gedicht gefunden, das von unerfüllten Träumen sprach. Langston Hughes, Harlem. Es fragt, was mit unerfüllten Träumen passiert. Trocknen sie ein wie Rosinen? Oder werden sie sirupsüß? Stinken sie wie verrottetes Fleisch? Oder explodieren sie irgendwann? Es war gefährlich, Träume zu hüten. Träume hatten Kraft, waren wie Sprengstoff. Daran wollte er festhalten. Das Gedicht schrieb er ab und pinnte den blauen Zettel an seine Korktür. Manche Filme beeindruckten ihn. Sie hinterließen einen Grimm, mit dem sich Harald der Realität entgegen stellte. Filme, die die Harmlosigkeit des Alltags Lügen straften. Filme, die das Bild von einer Gesellschaft zeichneten, die den Individualismus unterdrückte und rebellische Geister verfolgte. Damit identifizierte er sich. Abends oder spätnachts saß er in seinem Zimmerchen vor dem Fernseher und verfolgte die Filme zornig und ohnmächtig. Sie bestätigten ihn in seiner Auflehnung und seiner Rebellion gegen die Realität, die jeder als Wirklichkeit anerkannte. Aber hinter der Realität steckten andere Kräfte, andere Welten. Dort erst fand der Mensch zu sich selbst. Er schaute zusammen mit Frank in dessen Dachzimmer, zu zweit auf dem Bett liegend, Sciencefictionfilme wie Jahr 2022 … die überleben wollen. Auch dort gelang dem Helden der Blick hinter die Kulissen. Er fand heraus, dass die Sterbezeremonie für Leute, die zu alt geworden waren, im Grunde eine kannibalische Verwertungsmaschinerie war. Soylent Grün ist Menschenfleisch, sagte er allen. Die Lösung der Ernährungsprobleme war Kannibalismus. So sah die Welt der Zukunft aus. Nicht anders sah sie 1978 aus, fand Harald. Der große Betrieb wurde am Laufen gehalten, um die wahren Hintergründe zu verdecken. Der Atomkrieg drohte, und die Leute gingen essen oder einkaufen oder unterhielten sich über Wurstpreise. Wie seine Eltern. Das warf er ihnen vor. Er war nicht politisch. Würde nie an einer Demonstration teilnehmen oder sich engagieren. Aber er hatte seine Ansichten. Er wurde wütend über Ungerechtigkeit und über die Verdummung des Volkes. Er glaubte an die Macht der freien Presse. Wenn Bernstein und Woodward alias Dustin Hoffman und Robert Redford in Die Unbestechlichen den Watergate-Skandal aufdeckten und die Verwicklungen der Politiker darin offen legten, dann schaute er tief befriedigt zu und ballte die Faust. Die Macht der Presse hatte man ja zum Schlechten bei der Bildzeitung gesehen, die so lange gegen Rudi Dutschke gehetzt hatte, bis einer kam und ihn erschießen wollte. Die Machenschaften dieses Verblödungsorgans mussten aufgedeckt werden, und Wallraff und Böll hatten das Ihre dazu getan. Die Lektüre der Verlorenen Ehre der Katharina Blum im Deutschunterricht war eine Sternstunde der Gymnasialbildung gewesen. Und wenn Robert Redford sich am Schluss von Drei Tage des Kondors eine Lebensversicherung verschaffte, indem er die Unterlagen über den Vorfall bei einer großen Tageszeitung deponierte, dann atmete Harald auf. Es gab also doch Möglichkeiten des Kampfes gegen die Verschwörer, gegen die großen Haie, gegen die Mörder im feinen Anzug. Er schaute mit Frank den Film 1984 und las Huxleys Brave New World. Natürlich. So war das. Die Verschwörung war im Gange. Die Wahrheit wurde unter Verschluss gehalten. Das Leben in dieser Gesellschaft war eine Lüge. Alles manipuliert und kontrolliert. Im Grunde lebte er in einem Polizeistaat. Und es ging nicht an, dass man Gewalttätern die Aggression wegkonditionierte, um sie dann wehrlos einer nicht weniger aggressiven Gesellschaft auszusetzen, wie in Clockwork Orange von Stanley Kubrick, das Frank und Harald im Jufi anschauten. Trotzdem suchte Harald für sich einen Weg. Einen Weg, in der Wahrheit zu leben. Das war keine Frage des politischen Systems, das war eine Frage der inneren Gewissheit und der Träume. Das sollte sein Leben werden: ein Leben angesichts der Wahrheit des Menschen. Dass er ein Teilchen im Ozean war. Dass er dorthin zurück kehren würde. Dass er zwischendurch auf dem Heimweg war, heimatlos und auf der Suche. So stellte er sich sein Leben vor: Er wollte sich von niemandem beeinflussen lassen. Er wollte frei und unabhängig leben. Er wollte sich nicht umbiegen lassen. Er wollte sich nicht vom Alltag verschütten lassen. Er wollte nie seine Träume verlieren. Er wollte kein graues, tristes Alltagsleben in Deutschland führen. Er wollte die Welt sehen. Er wollte irgendwo leben, wo er frei sein konnte. Er wollte sich nicht anpassen. Er wollte das Glück als Aufgehen im Kosmos erleben. Er wollte im Einklang mit dem Universum leben. Er wollte einst einen frei gewählten Tod. Er wollte mit der Natur verschmelzen. Er wollte eigentlich nur ein Kind sein können. Ein zutrauliches Kind, das sich dem Schutz des Universums überließ. Er wollte keine Kompromisse eingehen. Er wollte im ständigen Bewusstsein dessen leben, was er als wahr erkannt hatte. Er wollte sich gegen alles wehren, was ihm seinen Weg verbauen wollte, gegen alle Zwänge, seien sie gesellschaftlich, politisch oder moralisch. Er wollte ein Großer werden und mit dem Geist alles umfassen können. Er wollte höhere Bewusstseinsebenen erreichen. Er wollte in das Geheimnis der Welt eindringen. Er wollte weder Reichtum noch Macht, weder ein Leben im Luxus noch Berühmtheit. Er wollte nur eines: Erfüllung. Er wollte lieber gar kein Leben als ein unerfülltes. Das wusste kaum jemand von Harald. Auch mit Frank redete er nicht von solchen Sachen. Aber er schrieb sie auf, spätnachts am Schreibtisch, in seine Notizbücher, seine Kladden, seine Geschichtenhefte. Er hielt den Dialog mit der Welt. Mit der Welt, die er bezwingen musste. In seinem Geist bewältigte er die Aufgaben und Rätsel, die sich ihm stellten. Im Aufschreiben wurde ihm immer wieder klar, wo er stand und wer er war. Klandestine Existenz. Diesen Begriff kannte Harald noch nicht. Er sollte ihn später im Studium kennen lernen. Auch eine Art von Rumpelstilzchengefühl. Ach wie gut, dass niemand wusste, wer er in Wirklichkeit war. Er hieß Harald Schwenk, aber das war nur äußerlich. In Wahrheit hatte er...




