Grond Der Erzähler und der Cyberspace
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7099-7361-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Essays
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7361-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Walter Grond geboren 1957, lebt in Melk/Wachau. War unter anderem Herausgeber der Literaturreihe 'Essay' und der Zeitschriften Nebelhorn, ABSOLUT und Liqueur. Autor der Romane 'Landnahme', 'Labrys', 'Das Feld', 'Stimmen' und 'ABSOLUT GROND'. Autor und Organisator von 'GROND ABSOLUT HOMER'. Im Frühjahr 2002 Arbeit am Projekt 'Schreiben am Netz' am Collegium Helveticum der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit der Neuen Zürcher Zeitung. Seit 2004 Projektleiter von readme.cc, ab 2005 Herausgeber (mit Beat Mazenauer) der Reihe 'Lesen am Netz. Bücher, Websites' im Studienverlag/Haymon Verlag, lesenamnetz.org. Bei Haymon: 'Der Soldat und das Schöne'. Roman (1998), 'Der Erzähler und der Cyberspace'. Essays (1999), 'Old Danube House'. Roman (2001), 'Almasy'. Roman (2002), 'Schreiben am Netz'. Literatur im digitalen Zeitalter (gem. mit Johannes Fehr, 2003), 'Drei Männer'. Novelle (2004), 'Der gelbe Diwan'. Roman (2009) sowie zwei Bände der Reihe 'Draußen in der Wachau'. Der etwas andere Reisebegleiter (2011 und 2012). Im Herbst 2012 erscheint sein neuer Roman 'Mein Tagtraum Triest'.
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Der Autor, der Leser, das Experiment
Warum schreibt Friederike Mayröcker eine hohe und warum Johannes Mario Simmel eine niedere Literatur?
Ulrich Greiner spricht von einem Reich der Literatur und betont, daß erst der Eintritt in dieses Reich wirkliche Sprach- und Denkfähigkeit begründe. Sprach- und denkfähig wird demnach nur, wer liest, und nicht, wer vor dem Computer sitzt, Bilder betrachtet, Musik hört oder Filme anschaut. Und, so ist zu vermuten: ein Leser von hoher Literatur wird sprach- und denkfähiger als einer von niederer. Demnach schreibt Mayröcker eine hohe Literatur, weil ihre Leser der Sprache und des Denkens mächtig sein müssen, während das auf die Leser Simmels nicht unbedingt zutreffen mag.
Was aber sind wirkliche Sprache und wirkliches Denken? Kennen nicht verschiedene Kulturen verschiedene Sprach- und Denkfähigkeiten? Und fordert nicht der Wandel zur Informations- und Erlebnisgesellschaft so unterschiedliche Fähigkeiten heraus, wie sie die Literaturen Mayröckers und Simmels aufrufen? Werden nicht die Voraussetzungen des Sprechens und Denkens gerade neu verhandelt? Ist daher nicht auch ein Nachdenken über das Lesen nötig, wenn vom Schreiben die Rede ist? Und nicht zuletzt: verhindert nicht das Außer-Zweifel-Stellen von Gipfelliteratur die anstehende Untersuchung, ob und wie sich die Kulturtechniken, die mit dem Buch bzw. mit dem Computer verbunden sind, gegenseitig befruchten?
Kürzlich feierte das Feuilleton Raoul Schrott für eine akademische Vorlesung über die Geschichte der Poesie als Dichter. Die Poesie aller Zeiten und aller Kulturen, über die Schrott dozierte, war durch Mischung der Genres – des Dichtens und des Redens über das Dichten – zur DNA einer künstlerischen Selbstzeugung geworden. Raoul Schrott verkörperte in jenem Spektakel den Wiedergeborenen all der Dichter, die er in seine Anthologie aufgenommen, also hatte. Die Inszenierung um die Renaissance des Poeten umfaßte die bekannten Bestandteile gegenwärtiger Mystik-Computerspiele und bediente kindliche Regungen ebenso wie den Wunsch nach Wissenschaftlichkeit. Man konnte meinen, Raoul Schrott sei eine Erfindung des Cyberspace. Der im Radio dozierende, singende, lallende, lautmalende Hohepriester antiker Verse erweckte eine Aufmerksamkeit, die ihm in diesem Ausmaß als Autor eigener Gedichte und Prosa verwehrt geblieben war.
Was bedeutet das Abpreisen hoher Literatur als Event und vor welchem Hintergrund geschieht es?
Selbst leidenschaftlichen Verteidigern der hohen Kunst entgeht nicht, daß sich im zeitgenössischen Bewußtsein etwas wandelt und daß die Änderungen aus der Technik und der hinter ihr stehenden Wissenschaft herrühren. George Steiner spricht sogar von der Abenddämmerung der Kunst, der Morgenröte der Technik und hält nach dem richtigen Zeitpunkt Ausschau, um der Kunst ihr Ende zu bereiten. Heute sei nur noch Wissenschaft und Technik nach vorwärts gerichtet und zu Erneuerungen fähig, während die Kunst selbst ihren Anspruch, die Menschlichkeit zu steigern, längst verspielt habe. Kreativität verbinde sich nunmehr vor allem mit Wissenschaft.
Das erklärte Ende der Kunst wäre auch ein erklärtes Ende der hohen Literatur, also jener, die Kunstanspruch stellt. Schluß gemacht wird aber nicht mit der Kunst, nicht mit der Literatur. Beide finden sich heute so mannigfaltig und eigenwillig betrieben wie nie zuvor. An ihr Ende kommt hingegen die Weihe der Kunst als ein Gebiet, das den anderen Disziplinen im Erkennen und Gestalten der Wirklichkeit überlegen sei. Die Vorstellung also, nur in der Kunst lasse sich die Wirklichkeit wirklich erkennen; eine Konzeption, aus der man ihre unantastbare Autonomie in der modernen Gesellschaft abgeleitet hat. Was heute tatsächlich ans Ende kommt, ist die Vorstellung der Kunst als Avantgarde, als Gewissen einer politischen Kultur, und hiemit auch die Konzeption der Avantgarde als dem eigentlich Hohen, als der Kunst, die Zukunft vorwegnehme.
Der Kunstbegriff der literarischen Moderne der fünfziger und sechziger Jahre erfährt seit den siebziger Jahren seine Aufwertung: Hohe Literatur als Abgrenzung zur trivialen niederen meint ein Arbeitsbündnis, das seine Mitglieder, wenn auch ironisch und respektlos, in den historischen Zusammenhang der europäischen Avantgarde stellt. Diese unausgesprochene Entente von unterschiedlichsten Autoren schuf das gegenwärtige literarische Milieu. Neue Werke nehmen meist Bezug auf dessen Kanon, der im Kern fest und an den Rändern durchlässig ist. Ohne die Kenntnis einiger wesentlicher Parzellen der Literaturgeschichte und ihrer jeweiligen Ausformungen, besonders der zeitgenössischen, wird das Schaffen von hoher Literatur fast unmöglich. Pierre Bourdieu hat darauf hingewiesen, daß ein in seiner Entwicklung fortgeschrittenes künstlerisches Feld keinen Platz für jene biete, die die Geschichte des Feldes ignorieren. Die relative Autonomie des Feldes trete immer mehr in jenen Werken hervor, die ihren formalen Besitzstand und ihren Wert nur der Geschichte des Feldes verdanken: und eben damit bestärke sich die Autonomie des Feldes. Dies wiederum untersage zunehmend den Kurzschluß, also die Möglichkeit, von den Hervorbringungen der sozialen Welt direkt zu den Produkten des künstlerischen Feldes zu gelangen.
Avantgarde als hohe Literatur legt rigoros den Vorrang des Schreibaktes gegenüber dem Lesevorgang fest. In der Tradition der klassischen Moderne sind ihre Kennzeichen das Sprachspiel und das Meisterwerk. Schreiben bedeutet für ihre Autoren primär Überbieten der Form; diese Autoren sind in ihrer Werkorientiertheit und Abgrenzung zur Unterhaltungskunst zumeist anti-avantgardistisch – hatten doch die Avantgardebewegungen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts Vermischung, Unreinheit und Überschreitung zur Alltagskultur verkündet. Die Fünfziger-Jahre-Moderne aber verstand sich im Grunde nur als Avantgarde, weil sie auf reaktionären Widerstand stieß und als eine Elite zu wissen meinte, welchen Verlauf die künstlerische Geschichte weiterhin nehmen würde.
Nicht selten entpuppt sich heutiger Kulturpessimismus als eine Projektion dieser Generation. Die Kunstfeindlichkeit der nachfaschistischen Ära überblendet dabei die marginale Rolle der Kunst in den neunziger Jahren, und der Verlust der Avantgarderolle wird als eine Bedrohung der gesamten Kultur durch Unkultur gedeutet. Neue Medien und globale Technologien erscheinen als die Schreckensengel der kapitalistischen Apokalypse. Und wenn gar von der gefährdeten Kulturnation die Rede ist, genießt eben das Bewahren von Kultur das höchste Ansehen jenes Gutes, das der Barbarei gegenübersteht – und nicht etwa der Schutz von individueller Freiheit.
Dem Publikum wird dabei, ähnlich den Kirchengängern, nur der Rang von Besuchern zugestanden. Die ebenso elitäre Wissenschaft begründete freilich ihrerseits mit der Technik die Voraussetzungen für eine Gesellschaft der Massenkommunikation und der Mobilität.
James Joyce und H. G. Wells debattierten schon vor sechzig Jahren die Frage nach dem Experiment in der Literatur. Wells bewunderte Joyce für sein Werk, hielt es jedoch für eine Sackgasse, während Joyce nicht müde wurde zu versuchen, Wells zu bekehren. In einem Brief hielt Wells 1928 seinen tiefen Respekt vor der Arbeit an fest, um Joyce dann vorzuwerfen, er hätte dem einfachen Mann, seinen elementaren Bedürfnissen, seiner beschränkten Zeit und Intelligenz den Rücken gekehrt und alles kunstvoll entwickelt. Das Ergebnis wären ungeheure Rätsel – ein solches Buch zu schreiben, wäre für den Autor amüsanter und aufregender, als es dessen Lektüre für einen Leser je sein könnte. Weder hätte er, Wells, an diesem Werk ein großes Vergnügen noch das Gefühl, etwas Aufschlußreiches zu erfahren. Wer zum Teufel wäre dieser Joyce, daß er so viele wache Stunden von den paar tausend, die Wells noch zu leben habe, zum rechten Verständnis seiner Finten und Schrullen und Genieblitze forderte?
Wells träumte von einer durch die Wissenschaft entwickelten weltweiten Kommunikation der allgemeinen demokratischen Verständigung. Joyce widersprach Wells nur insofern, als daß auch er den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit stellte, jedoch festhielt, die Nachtseite des menschlichen Bewußtseins zu erforschen, deren Darstellung so dunkel wie ihr Gegenstand sei.
Wird nicht das Andere, das Dunkle, das Gefährliche, wovon Joyce in bezug auf das Unterbewußte sprach, heute als Abwehr der Einwanderer und Flüchtlinge erlebt, deren Migrationen wiederum von einer durch Technik globalisierten Welt begründet sind? Die ständige Durchmischung kultureller Erfahrung rührt auch von der Verwissenschaftlichung sämtlicher Lebenswelten her, die sich zudem verstärkt ästhetisieren.
Wissenschaftlichkeit im Kunstanspruch bedeutet, so erkenntnisreich wie Wissenschaft, ja ihr sogar überlegen zu sein. Wenn von experimenteller Literatur die Rede ist, denkt man an eine Art bessere Wissenschaft, die den Widerspruch zwischen Erkenntniswunsch und Darstellungsvermögen aufgehoben haben will. Der Künstler als...




