Groff | Licht und Zorn | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Groff Licht und Zorn

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-446-25428-2
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-446-25428-2
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lottos Charme bezwingt jeden, Mathildes Schönheit wirft ein Schimmern an jede Wand. Sie lieben und begehren einander, sie heiraten, ziehen nach New York. Ihre Partys sind legendär, und irgendwann feiert Lotto Triumphe als Dramatiker. Ist das glückliche Fügung, oder lenkt hier jemand mit kühlem Verstand die Geschicke? Ahnt Lotto, welchen Zorn Mathilde hinter ihrem Lächeln verbirgt? In einer vor Energie pulsierenden Sprache entwirft Lauren Groff das Bild einer Ehe, hinter deren Glanz sich schleichend etwas Dunkleres offenbart. Denn die Geschichte von Lotto und Mathilde kann auch ganz anders erzählt werden.

Lauren Groff, 1978 geboren, lebt in Gainesville, Florida. Wie bereits mit ihrem ersten bei Hanser Berlin erschienenen Roman Licht und Zorn stand Lauren Groff auch mit Florida auf der Shortlist des National Book Award.
Groff Licht und Zorn jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


3


Eine Frage der Perspektive. Von der Sonne aus betrachtet ist die Menschheit schließlich nur eine abstrakte Vorstellung. Die Erde bloß ein rotierender, leuchtender Punkt. Kommt man näher, ist die Stadt ein Lichterknoten von vielen; noch näher, und man sieht ein schimmerndes Häusermeer, nach und nach einzelne Gebäude. Im ersten Morgenlicht hinter den Fenstern Körper, alle gleich. Erst bei genauem Hinsehen zeigen sich Besonderheiten – ein Muttermal an der Nase, eine trockene Unterlippe, die im Schlaf am Zahn klebt, die papierdünne Haut einer Achselhöhle.

Lotto goss Sahne in den Kaffee und weckte seine Frau. Der Kassettenrekorder lief, Eier wurden gebraten, Teller gespült, Böden gewischt. Bier und Eis hereingeschleppt, Snacks vorbereitet. Am Nachmittag war alles glänzend und bereit.

»Es ist noch keiner da. Wir könnten …«, flüsterte Lotto Mathilde ins Ohr. Er strich ihr das lange Haar aus dem Nacken und küsste den hervorstehenden Wirbel dort. Dieser Nacken gehörte ihm, war der Nacken der Frau, die jetzt seine war, unter seinen Händen erstrahlte.

Die Liebe, die so kraftvoll im Körper begonnen hatte, hatte sich verschwenderisch auf alle anderen Bereiche ausgeweitet. Sie waren seit fünf Wochen ein Paar. In der ersten Woche hatte es keinen Sex gegeben, hatte Mathilde sich ihm entzogen. Dann der Ausflug übers Wochenende, das rauschhafte erste Mal und das Pinkeln am Morgen, bei dem er sah, dass sein Schwanz vom Schaft bis zur Spitze blutig war, und ihm klar wurde, sie war Jungfrau gewesen, hatte deshalb nicht mit ihm schlafen wollen. In diesem neuen Licht sah er sie an, als sie gerade das Gesicht unter den kalten Wasserstrahl hielt und es rosig und glänzend vor Nässe wieder hob, und er wusste, dass sie der reinste Mensch war, dem er je begegnet war, er, den man auf Reinheit geeicht hatte. In diesem Moment wusste er, dass sie zusammen durchbrennen würden, ihren Abschluss machen, nach New York ziehen und dort zusammen glücklich sein. Glücklich waren sie, wenn auch noch nicht vertraut. Gestern hatte er erfahren, dass sie auf Sushi allergisch war. Als er am Morgen mit seiner Tante telefonierte, sah er Mathilde, die gerade aus der Dusche kam, beim Abtrocknen zu, und wie ein Schlag traf ihn die Erkenntnis, dass sie überhaupt keine Familie hatte. Das Wenige, was sie von ihrer Kindheit erzählte, war von Missbrauch überschattet. Er sah es regelrecht vor sich: Armut, ein verbeulter Wohnwagen, ein Onkel, der boshaft und ihren Andeutungen nach vielleicht noch Schlimmeres war. Die lebhaftesten Kindheitserinnerungen hatte sie an den Fernseher, der niemals ausgeschaltet wurde. Ihre Rettung: die Schule, Stipendien, Modeln für kargen Lohn. Sie hatten begonnen, einen gemeinsamen Geschichtenfundus anzulegen. Wie sie als kleines Mädchen, isoliert auf dem Land, so einsam gewesen war, dass sie eine Woche lang einen Blutegel an der Innenseite ihres Oberschenkels hatte leben lassen. Wie ein Gargoyle von einem Mann sie im Zug als Model entdeckt hatte. Es musste Mathilde immense Willenskraft kosten, sich ihrer Vergangenheit zuzuwenden, die so trist und leer hinter ihr lag. Jetzt hatte sie ihn, nur ihn. Es rührte ihn zu wissen, dass er ihr alles war. Er würde nicht um mehr bitten, als sie ihm freiwillig gab.

Draußen ein gnadenloser New Yorker Junitag. Gleich begann die Party, Dutzende Collegefreunde würden zum Housewarming bei ihnen einfallen, obwohl es jetzt schon brütend warm war. Für den Moment waren sie sicher in ihren vier Wänden.

»Können wir nicht. Es ist sechs. Wir haben für halb sechs eingeladen«, sagte Mathilde. Aber er hörte nicht auf sie und schob die Hände unter ihren Pfauenrock und den Bund ihres Baumwollslips, der im Schritt durchgeschwitzt war. Sie waren verheiratet. Das stand ihm zu. Sie kippte das Becken nach vorn und hielt sich links und rechts an dem billigen bodenlangen Spiegel fest, der zusammen mit der Matratze und einem babylonischen Turmbau aus Koffern, die ihnen als Kleiderschrank dienten, das gesamte Schlafzimmermobiliar darstellte. Durch das Sonnentrapez von den hohen Sprossenfenstern schlich ein Schattentiger über die Kieferndielen.

Er zog ihr die Unterhose bis zu den Knien und sagte: »Wir beeilen uns.« [Mussten sie.] Im Spiegel beobachtete er, wie sie die Augen schloss und sich auf ihren Wangen, ihren Lippen und in ihrer Halsgrube eine Röte ausbreitete. Die Rückseiten ihrer Beine drückten sich feucht und zitternd gegen seine Knie.

Lotto fühlte sich übervoll. Wovon? Von allem. Der Wohnung im West Village mit dem perfekten Garten, den dieser britische Drachen von oben pflegte. Ihre Stampfer waren selbst in diesem Moment zwischen den Tigerlilien im Fenster sichtbar. Eine Zweizimmerwohnung, aber riesig, Souterrain, aber mietpreisgebunden. Von der Küche und vom Bad aus sah man Passantenfüße, entzündete Ballen und tätowierte Fesseln, aber sie waren sicher hier unten, unterirdisch vor Katastrophen geschützt, durch Schichten von Erde und Teer vor Hurrikans und Bomben gefeit. Nach so langer Zeit als Nomade war er nun verwurzelt, an diesem Ort und in dieser seiner Frau mit ihren feinen Gesichtszügen, den traurigen Katzenaugen, den Sommersprossen und dem ranken Körper mit dem Beigeschmack des Verbotenen. Seine Mutter hatte so schreckliche Dinge gesagt, als er sie angerufen hatte, um ihr von seiner Hochzeit zu erzählen. Entsetzliche Dinge. Wenn er daran dachte, verschleierte sich seine Sicht. Doch heute lag die Stadt vor ihm wie ein Degustationsmenü; die Neunziger glänzten nagelneu, Mädchen trugen Glitter auf den Wangen, und in Tops und Röcke waren Silberfäden eingewebt; alles barg das Versprechen von Sex und Reichtum, und Lotto würde all das gierig verschlingen. Alles war Schönheit, alles Überfluss. Er war Lancelot Satterwhite. Er trug eine glühende Sonne in sich. Das ganze wunderbare Alles, das er gerade vögelte.

Hinter Mathildes gerötetem und keuchendem Gesicht sah ihn sein eigenes an. Seine Frau, ein Kaninchen in der Falle. Wie sie pochte und pulsierte. Ihre Arme gaben nach, ihr Gesicht wurde blass und sie kippte in den Spiegel – ein Knacken, ein Sprung, der ihre Köpfe in zwei ungleiche Hälften zerschnitt.

Ein träges, langgezogenes Trillern der Türklingel.

»Moment!«, rief Lotto.

Im Flur hievte Chollie den riesigen Messingbuddha, den er unterwegs in einem Container gefunden hatte, in den anderen Arm und sagte: »Ich wette um hundert Dollar, dass die ficken.«

»Schwein«, antwortete Danica. Seit dem Abschluss hatte sie massiv abgenommen. Wie ein paar Stöcke in Gaze gewickelt, so sah sie jetzt aus. Sobald Lotto und Mathilde die Tür aufmachten – wenn sie denn irgendwann mal aufmachten, verdammt noch mal –, wollte sie ihnen sagen, dass sie nicht mit Chollie zusammen hergekommen war, sondern ihn zufällig vor dem Haus getroffen hatte, dass sie sich nie, nie, niemals freiwillig allein mit Chollie an einen Ort begeben würde, weder lebendig noch tot, dass sie diesen fiesen Troll mit seiner am Steg mit Klebeband geflickten Brille nicht ausstehen konnte. Mit seinem Krähenschnabelmund, der ständig dasselbe verbitterte Lied krächzte. Sie hatte ihn schon gehasst, als er Lotto damals besucht hatte, und die Besuche dehnten sich meist über Monate aus, bis die Leute glaubten, er würde an der Vassar studieren, aber das stimmte nicht, er hatte mit Ach und Krach die Highschool geschafft und kannte Lotto von früher. Jetzt hasste sie ihn noch mehr. Diesen schwabbeligen Blender. »Du stinkst nach Müll«, sagte sie.

»Containertauchen«, sagte er und stemmte triumphierend seine Buddhatrophäe hoch. »Ich glaub, an denen ihrer Stelle käme ich gar nicht mehr aus der Kiste. Mathilde sieht zwar komisch aus, aber ich würde sie schon klarmachen. Und Lotto hat so viel rumgevögelt. Der muss inzwischen ein echter Experte sein.«

»Stimmt’s? Er ist der größte Hurenbock von allen«, sagte Danica. »Aber wenn er einen dann so ansieht … Ich meine, wenn er ein glatter Schönling wäre, würde er einen nie so umhauen, aber man braucht nur fünf Minuten mit ihm in einem Raum zu sein, schon will man sich die Klamotten vom Leib reißen. Und auch, weil er ein Kerl ist. Wenn ein Mädchen so einen Verschleiß hat wie Lotto, ist sie eine Art Aussätzige. Eine Unberührbare. Aber ein Typ kann ihn reinstecken, sooft er will, und alle denken nur, tja, Männer eben.« Danica drückte noch ein paarmal schnell hintereinander die Türklingel. »Jedenfalls geb ich dieser Ehe ein Jahr«, sagte sie leiser. »Ich meine, wer heiratet denn mit zweiundzwanzig? Kohlebergarbeiter. Bauern. Aber wir doch nicht. Wart’s ab, in acht Monaten vögelt Lotto die Schreckschraube von obendrüber. Und irgendeine wütende Regisseurin mitten in den Wechseljahren, die ihn dann den Lear spielen lässt. Und alle anderen, die ihm gefallen. Und Mathilde kriegt eine Turboscheidung und heiratet einen transsilvanischen Prinzen oder so.«

Sie lachten. Danica klingelte einen Morsecode: SOS. »Ich schlag ein«, sagte Chollie. »Lotto betrügt sie nicht. Ich kenne ihn, seit er vierzehn war. Er ist sauarrogant, aber treu wie Gold.«

»Eine Million«, sagte Danica. Chollie stellte den Buddha ab, und sie gaben sich die Hand.

Die Tür ging auf, und da stand Lotto, glänzend und mit Schweißperlen auf den Schläfen. Am anderen Ende des leeren Wohnzimmers sahen sie ein Scheibchen von Mathilde, die gerade die Badezimmertür hinter sich zuzog, ein Himmelsfalter, der die Flügel schloss. Danica musste sich zusammenreißen, um Lotto beim Begrüßungsküsschen nicht über die Wange zu lecken. Salzig, o mein Gott, köstlich wie eine heiße weiche Brezel. In seiner Nähe wurde sie immer ein wenig schwach.

»Willkommen tausendmal! Ich...


Groff, Lauren
Lauren Groff, 1978 geboren, lebt in Gainesville, Florida. Wie bereits mit ihrem ersten bei Hanser Berlin erschienenen Roman Licht und Zorn stand Lauren Groff auch mit Florida auf der Shortlist des National Book Award.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.