Grill | Das Paradies des Doktor Caspari | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Grill Das Paradies des Doktor Caspari

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-552-05750-0
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-552-05750-0
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seit zehn Jahren erforscht der Wiener Biologe Franz Wilhelm Caspari auf einer Insel in Indonesien die vermeintlich ausgestorbene Schmetterlingsart 'Calyptra lachrypagus'. In und um sein Haus mit Garten, das Caspari von einem geheimnisvollen Privatier zur Verfügung gestellt wurde, züchtet er die winzigen Nachtfalter, deren Ernährung aus menschlichen Tränen besteht. Um diese zu bekommen, ist Caspari nicht nur Zaungast bei allen Begräbnissen der Insel, sondern versucht auch auf listige Weise, Freunde und Bekannte für die Tränengewinnung einzuspannen. Andrea Grill gelingt in ihrem Roman Erstaunliches: Sie verwandelt Vorgänge der Naturwissenschaft in einen Roman voller Witz und Sinnlichkeit.

Andrea Grill, 1975 in Bad Ischl geboren, studierte u. a. in Salzburg und Thessaloniki und promovierte an der Universität Amsterdam in Biologie. Sie wurde u. a. mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis (2011) und dem Förderpreis für Literatur der Stadt Wien (2013) ausgezeichnet. Andrea Grill lebt in Wien und unterrichtet an der Universität Bern. Zuletzt erschienen bei Zsolnay die Romane Das Paradies des Doktor Caspari (2015) und Cherubino (2019).
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Ja, müsste ich wissen, weiß ich auch, eigentlich, nur so hab ich’s mir noch nie überlegt. So hab ich’s noch nie formuliert: Schmetterlinge haben kein Herz. Klingt herzlos.

Sie sind herzlos. In jeder Hinsicht. So lieb sie auch ausschauen.

Die Weichheit in ihrem Gesicht verschwindet so plötzlich, wie sie gekommen ist, macht dem Widerspruch Platz.

Wie kannst du das wissen? Fast schreit sie mich an; wäre sie keine Engländerin, würde sie schreien.

Ich sage nichts.

Dann, nach einer Pause: Ich gehe hinunter, den Wagen aufräumen, damit wir gleich fahren können, wenn du fertig bist.

Sie ersticht mich nochmals mit einem Blick und wendet sich wieder den toten Tieren zu.

Als ich mit dem Oberkörper in der offenen Autotür stecke, mit dem Kopf unter dem Lenkrad die Matte richte, zirpt mein Telefon wie eine Grillenkolonie: meine Schwester, ich habe ihr einen aparten Klingelton gegeben.

Man wartet vergeblich, dass einen jemand rettet, sage ich zu ihr, während des Wartens bringe ich meinen Wagen in Ordnung, um eine britische Studentin zu chauffieren. Und du?

Rettet wovor, du bist doch nicht in Gefahr? Ja, ja, das Schwesterlein tut ihr Bestes, mich nicht allzu ernst zu nehmen; außer den Gemüsepflanzen in ihrem Garten nimmt sie sowieso wenig ernst. Im fernen Europa. Als ich studierte, wohnte ich am Europaplatz, das hätte ich Shambhavi erzählen sollen, fällt mir ein, während ich meiner Schwester zuhöre. Am Europaplatz, laut, dröhnend; der erste Europaplatz in Europa wurde in Wien angelegt, werde ich Shambhavi auf der Fahrt erzählen, am 21. Juni 1958, du weißt, was das für ein Tag ist? Ja, richtig, Sonnenwende. Die Hinwendung Wiens zu einem friedlichen Europa verkörpert der Platz, der aus mehreren Kreuzungen besteht, brausendem Verkehr, gerahmt von Fassadenkolossen.

Ob er wirklich der erste Europaplatz ist, kann ich nicht sagen; älter als die Europaplätze Berlins, Karlsruhes und Aachens ist er.

Man wartet darauf, sage ich zu meiner Schwester, dass einen jemand von der Einsamkeit befreit, in der man sich als Wissenschaftler befindet; doch das tut keiner. Als Student stellt man sich den Alltag der Lehrenden gesellig vor, sieht sie vertraulich miteinander in der Mensa sitzen, lauscht ihnen stundenlang, wie sie vor Publikum in Büchern blättern, entwischt angenehm erleichtert den Büros, in denen sie einem im Zwiegespräch Prüfungen abnehmen, wie Geschwülste, derer man sich entledigen muss, um in den hellen Wissenschaftshimmel aufzusteigen. Man kehrt benotet nach Hause zurück; eine Not mehr in der Tasche.

Ich höre, es geht dir gut, du bist in Gesellschaft, sehr gut. Meine Schwester denkt, wenn man nicht allein ist, sei man schon in Gesellschaft. Ich verabschiede mich und sauge das Auto.

SPIEGELGLATT IST DAS MEER, und windstill ist es, das ist selten.

Sehr selten, sage ich zu Shambhavi, du hast Glück.

Du hast Glück, heute wäre ein guter Tag zum Tauchen, ich bin aber hier mit dir.

Besser gesagt, ich bin hier mit dir. Du hattest diese wahnsinnige Idee, Falter übers Meer auszustreuen, als wären sie Aschenreste.

Früher hat man geglaubt, Schmetterlinge seien die Seelen von Toten.

Woher weißt du das denn? Das weiß keiner.

Bitte – du sagst doch selber, dass ich Biologin bin.

Seit wir ins Auto gestiegen und, wie es unvermeidlich ist, nebeneinander gesessen sind, ganz eng, ihr Knie neben meinem, nur die Handbremse zwischen uns, hat sie einen flirtenden Unterton; auch einen flirtenden Blick, soweit ich das beurteilen kann.

Das ist Kulturgeschichte, antworte ich streng, mit Biologie hat das nichts zu tun.

Vielleicht streuen wir ja Menschheitsseelen mehrerer Jahrhunderte übers Meer? Wieder ein flirtender Blick.

Wenn du in so einer Stimmung bist, drehen wir in dieser Minute um, fahren zu mir nach Hause, werfen die Falter, alle 75, ordentlich aufgelegt, wie du sie hast, in die Tonne, morgen ist Leerung. Irgendwann landet aller Müll aller Inseln, auch dieser, im Meer; wir sparen uns die Kosten für das Mietboot, ich spare mir die Kosten. Oder wolltest du bezahlen? Als ich merke, dass sie weiter flirtet, ungenierter als vorher, lege ich nach: oder wir stopfen sie hier hinein. Ich deute auf einen der Kübel, die ab und zu an den die Strandpromenade säumenden Laternen hängen; diese Kübel haben nur einen Schlitz als Öffnung, das in stundenlanger Kleinarbeit fabrizierte Kunstwerk Shambhavis ließe sich nur mit Gewalt da hineinquetschen. Oder – ich lege ein weiteres Schauferl nach – wir werfen sie auf den großen Misthaufen des Gärtners, der freut sich, wenn ich ihn bei der Düngerproduktion unterstütze!

Ihre Unterlippe fängt zu zittern an. Sie also auch. Ich kenne diesen Ausdruck von Mrs. Banerjee: Vorzeichen für ein Gewitter mit Starkregen, strömend aus menschlichen Sehwerkzeugen.

Jetzt und hier nützen mir Tränen gar nichts, ich mache einen Rückzieher. Hey, ist ja nicht ernst gemeint.

Du hast aber so geklungen.

Ich möchte nur, dass du zugibst, dass es deine Idee war, dass wir ausschließlich und nur auf deinen Wunsch mit den Faltern aufs Meer hinausfahren. Okay? Ich mach so was nicht. Wenn das einer meiner Kollegen wüsste, wär ich der Witz der Saison, Gary Larson würde mich zeichnen.

Wer ist Gary Larson?

Den kennst du nicht?! Bist offenbar doch keine echte Biologin. Eher Kulturwissenschaftlerin, quod erat demonstrandum.

Sie stößt mich kokett in die Seite. Warum habe ich den Eindruck, dass sie nur darauf wartet, von mir umarmt zu werden? Ich spinne wahrscheinlich. Mit Heinrich kann und will ich nicht mithalten, ich würde mir ja selber Heinrich aussuchen von uns beiden, nicht mich.

Boat? Boat? Sir?

Was immer man auch will auf Mangalemi; es wird einem angeboten. Shambhavi, als Taucherin, kennt den Typ, der das Boot mit dem kleinen Außenbordmotor anpreist, als handelte es sich um seine Tochter.

She’s so beautiful, really really beautiful, very soft motor. Very very soft.

Zum Preis von umgerechnet sechs Euro ist das Boot unseres, für diesen Nachmittag.

Have fun. Der Besitzer winkt uns glücklich nach, dreht sich, sobald wir einige hundert Meter weit draußen sind, um und rennt davon, als wäre man hinter ihm her.

Was ist mit dem los?

Der rennt zum nächsten Pub. Alkoholiker. Eigentlich müsste man das Geld seiner Frau geben – er hat fünf Kinder –, aber wenn er trinkt, schlägt er sie zumindest nicht, er wird sanftmütig, macht ihr ein neues Kind. Sie ist nicht dagegen, dass er trinkt, eher froh, wenn er es kann. Hat sie mir selber erzählt.

Shambhavi kennt den Bootsvermieter, wie es scheint, wirklich ganz gut.

Setz dich dorthin, sage ich, zeige auf den Sitz, der so weit wie möglich von mir weg ist. Wer weiß, auf welch seltsame Gedanken sie sonst noch kommt. Sie ist 24. Und befolgt – ausnahmsweise – direkt, was ich ihr sage.

WIR FAHREN EIN STÜCK HINAUS, ich bin seit langem nicht auf dem Wasser gewesen, seit mehr als drei Jahren nicht, wenn ich mich richtig erinnere. Die Windstille hält an, die Spiegelglattheit. Dazu leichter Regen, die einzelnen Tropfen fallen deutlich sichtbar in den Spiegel. Der wird zur Haut, Planetenhaut, auf der unser Boot eine Spur hinterlässt. Der einzige Nachteil des Hinausfahrens bei sogenanntem Schlechtwetter, ich nenne es: verhangen – in den Monaten, während derer in Europa Sommer herrscht, Juli und August, nicht selten –, sind die Wasserskifahrer. Sie schneiden uns, plumpsen in den Spiegel, krabbeln dann wie bleigetränkte Insekten auf ihre Bretter, um sich neuerlich als Superwasserläufer zu versuchen.

Du kennst doch diese Tiere, oder, Shambhavi? Halobates mangalemus, lebt endemisch auf der freien Meeresoberfläche um Mangalemi, ernährt sich von Zooplankton, saugt auch Fischeier und Fischlarven aus.

Trotz allem scheint in mir ein Bedürfnis zu schlummern, ihr ständig etwas beizubringen, irgendwo in mir steckt dieser Lehrer.

Sicher kenn ich sie, die kennt doch jedes Kind.

Da habe ich sie aus der Reserve gelockt. Sie ärgert sich.

War nur eine Frage.

Pass auf, welche Fragen du mir stellst!

Und wieder das Flirten …

Ich steuere von den Schleifen der Wasserskifahrer weg. Ein Stück weit draußen ist eine untiefe Stelle, mit Bojen ausgeflaggt, dort scheint mir ein guter Ort für unser Vorhaben. Die meisten Bootsfahrer meiden die Stelle, weil sie unangenehm zu befahren ist, man riskiert, auf Grund zu laufen. Bei unserem kleinen Boot habe ich da keine Sorge, wir liegen kaum dreißig Zentimeter unterhalb der Wasserlinie, allenfalls springe ich hinaus, schiebe an.

Wir fahren dorthin, Shambhavi. Mit ausholender Geste gebe ich die Richtung an. Einverstanden?

Klar.

Sie sitzt kerzengerade, wie ein Matrose, der einen Besen geschluckt hat.

Ohne ein Wort zu sagen beginnt sie, die Falter ins Wasser zu streuen. Sie hält den Papierfächer auf den Knien, hebt Schicht um Schicht auf. Der Fahrtwind haucht den bunten Flügeln noch einmal Leben ein. Ich verlangsame die Fahrt. Das Boot fährt im Kreis. Irgendwo in ihrer Tasche hat Shambhavi Blumenköpfe. Sie wirft gelbe und knallblaue Blüten ins Wasser; die gelben sind Dendrobium, das Blaue etwas, das man hier Schmetterlingserbse nennt. Die Farben sind gut gewählt. Sie reicht mir ihre Kamera. Nimm das auf, bitte. Als alle Blumen, die sie dabeihat, im Wasser liegen, stopft sie die leeren Papiere in ihre Tasche, streckt die Hand aus: Gib mir den Fotoapparat. Sie filmt die Pracht vor uns,...


Grill, Andrea
Andrea Grill, 1975 in Bad Ischl geboren, studierte u. a. in Salzburg und Thessaloniki und promovierte an der Universität Amsterdam in Biologie. Sie wurde u. a. mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis (2011) und dem Förderpreis für Literatur der Stadt Wien (2013) ausgezeichnet. Andrea Grill lebt in Wien und unterrichtet an der Universität Bern. Zuletzt erschienen bei Zsolnay die Romane Das Paradies des Doktor Caspari (2015) und Cherubino (2019).



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