E-Book, Deutsch, 260 Seiten
Reihe: Niedersachsen Krimi
Griffiths-Karger Das Grab in der Eilenriede
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86358-692-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 260 Seiten
Reihe: Niedersachsen Krimi
ISBN: 978-3-86358-692-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marion Griffiths-Karger wurde 1958 in Paderborn geboren. Dort studierte sie Literatur- und Sprachwissenschaften, bevor sie als Werbetexterin tätig war. Seit fast zwanzig Jahren lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern bei Hannover, arbeitet als Lehrerin und schreibt Krimis. Im Emons Verlag erschien ihr Kriminalroman 'Tod am Maschteich'.
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EINS
Wenn er sich noch zwei Minuten geduldete, würde er Zeuge, wie das Opfer endlich seinen letzten Atemzug tat. Der Killer spielte mit ihm, versetzte ihm noch einen Hieb und holte dann zum finalen Schlag aus…
»Kaspar! Wie oft muss ich dich denn noch darum bitten, die Leiter wegzustellen?«
Vorbei! Der Kater floh mit einem gewaltigen Satz unter den wuchernden Jasmin, und die Maus nutzte die Gunst der Stunde, rappelte sich mühsam auf und verschwand im Erdreich unter dem Lattenzaun.
Kaspar Hollinger klappte murrend sein Buch zu.
»Ich muss jetzt los!«, rief Ursula, seine Frau, ihm von der Küche aus zu. »Du kannst die Leiter natürlich auch gleich ans Balkongitter stellen, das macht’s einfacher für die Diebe.«
Hollinger, Polizeioberkommissar im Kleefelder Revier, erhob sich ächzend, um die Aluminiumleiter zu holen. Er hatte die letzten Kirschen gepflückt an diesem sonnigen Samstag im August, der endlich die lang ersehnte Wärme gebracht hatte. Die Sonne warf großzügig ihre letzten warmen Strahlen in seinen geliebten Garten, und er überlegte, ob er seinen Nachbarn Hubert Frings zum Grillen überreden könnte. Hubert war seit drei Jahren geschieden. Seine Frau hatte ihn verlassen, weil sie »keine Lust hatte, bei diesen Spießern« – wie sie die Nachbarn nannte– »zu versauern«. Seitdem war Hubert alleinstehend und schien an diesem Zustand auch nichts ändern zu wollen. Hollinger hörte, wie die Haustür zuschlug, und lächelte. Er hatte den Abend für sich allein. Ursula war Krankenschwester im Vinzenzkrankenhaus und hatte Nachtdienst. Er lehnte sich über den Gartenzaun und spähte auf das kleinere Nachbargrundstück. Die Terrassentür stand offen.
»Hubert!«, rief Hollinger. »Ich hab noch Weizenbier im Keller!« Er wartete. Nach einer halben Minute erschien Hubert Frings in der Tür, mit kurzer Hose und ebenso kurzem weißem T-Shirt, das großzügig den Blick auf einen behaarten Nabel freigab. Er stemmte die Fäuste in die Hüften.
»Bei dir oder bei mir?«
»Komm rüber«, sagte Hollinger nach einem Blick auf den Grill seines Nachbarn. Wie viele Kolonien welcher Bakterien dort siedeln mochten, wollte er gar nicht wissen.
»Ich bring den Grappa mit.«
»Ja, und mach schon mal Feuer. Holzkohle und Spiritus stehen neben dem Grill. Ich hol die Würstchen aus der Truhe.«
Eine halbe Stunde später zog der würzige Duft von Grillwürstchen über die nachbarlichen Grundstücke.
Die Sommerferien waren gerade zu Ende gegangen, und in den umliegenden Gärten war es – trotz des regen Verkehrs auf der Kirchröder Straße– ungewöhnlich still. Die Kinder der Nachbarschaft, die sonst die nachmittägliche Stille unterbrachen, hatten sich wohl vor den Fernseher verkrümelt.
Hubert stand am Grill, in der einen Hand die Würstchenzange, in der anderen ein Glas Weizenbier. Hollinger hatte es sich wieder in seinem Lehnstuhl bequem gemacht. Er blinzelte zufrieden in die Sonne und leckte sich den Bierschaum von den Lippen. Es war einer dieser vielversprechenden Sommerabende, die er mehr liebte als einen Urlaub auf Ibiza. Zum Glück hatte er keine Ahnung, dass diese Idylle nur von kurzer Dauer sein sollte.
»Hast du keinen Ketchup?«, wollte Frings wissen. »Ketchup und Currypulver. Dann haste zur Wurst gleich ’n bisschen Gemüsiges.«
Hollinger blinzelte verwirrt in die untergehende Sonne.
»Seit wann isst du denn Gemüse? Willste abnehmen?«
Frings klopfte sich liebevoll auf den Bauch und nahm einen Schluck Bier.
»Das nich gerade, aber…« Frings kam nicht mehr dazu, seine plötzliche Vorliebe für »Gemüsiges« zu erklären, denn irgendjemand bummerte kräftig gegen die Hollinger’sche Haustür, und noch bevor Kaspar sich aus dem Sessel gestemmt hatte, rief eine ungehaltene Frauenstimme: »Was zum Kuckuck fällt Ihnen ein!«
»Scheiße«, entfuhr es Hollinger auf dem Weg zur Tür. Mittlerweile drückte jemand energisch auf die Klingel.
Draußen stand eine gepflegte ältere, leicht schwankende Dame in Begleitung eines nervösen Streifenbeamten.
»Tut mir leid, Herr Hollinger, aber…«
»Schon gut«, sagte Hollinger und winkte ab.
»Was denkst du dir bloß immer, Berna«, seufzte er dann und zog seine Mutter unsanft in den Flur.
»Langsam, Junge, pass doch auf!«, schimpfte Bernadette Hollinger und suchte Halt am Garderobenständer.
»Wieder beim Bowlen?«, fragte Hollinger mit einem Blick auf den Streifenbeamten.
»Nee, auf dem Jubiläumsfest«, antwortete der und hatte Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen. Er tippte kurz an seine Mütze und ging zurück zu seinem Kollegen, der im Streifenwagen wartete.
Ach ja, das Jubiläumsfest vom Kleefelder Sportverein hatte er ganz vergessen. Wahrscheinlich war der größte Teil der Anwohner dort versammelt. Seine Mutter jedenfalls hatte es nicht vergessen und sich dort mit ihren Freundinnen aus dem Stephansstift zu einer kleinen Weinprobe getroffen– wie sie es nannte.
»Du machst jetzt erst mal ein Nickerchen«, sagte Kaspar und schob seine Mutter vorsichtig Richtung Gästezimmer. »Wenigstens ist Ursula nicht da«, murmelte er.
»Was hast du gesagt?«, rief Bernadette Hollinger, als sie mit unsicheren Schritten das Gästezimmer betrat.
Hollinger hatte Mühe, seine Mutter davon zu überzeugen, dass draußen keine Grillparty stattfand und es auch nichts zu trinken gab. Er bot ihr aber ein Käsebrot an, was sie verächtlich ablehnte, bevor sie sich endlich aufs Bett legte. Zehn Minuten später kehrte Hollinger zu seinem Bier und in seinen Sessel zurück.
»Wird wieder ’ne unruhige Nacht«, sagte er und leerte sein Glas.
Frings, der sich mittlerweile drei der fünf Würstchen einverleibt hatte – ohne Ketchup–, nickte nur.
Hollinger sollte recht behalten, denn zehn Minuten später klingelte es erneut an der Haustür.
Vor der Tür stand Sabine Krämer, Ursulas Freundin. Sie machte einen nervösen Eindruck.
»Ursula ist nicht da. Sie hat Nachtdienst«, sagte Hollinger und fürchtete, die Besucherin würde in Tränen ausbrechen.
»Ach Gott«, sagte Sabine, »was mach ich denn jetzt?«
Hollinger war sich nicht sicher, ob er seine Hilfe anbieten sollte, denn er wusste genau, worum es ging. Frau Krämers ungleich rote Wangen sprachen Bände.
»Wo ist dein Mann jetzt?«, fragte er.
»Auf dem Jubiläumsfest«, sagte sie, »da war ich bis eben auch, aber…« Sie sprach nicht weiter. Jeder wusste, dass Michael Krämer seine Frau schlug, auch wenn er das nie vor Zeugen tat. Es gab Stimmen, die behaupteten, er würde seine Frau ohrfeigen, weil er das bei seinen Schülern nicht durfte. Wie oft hatte Sabine Krämer sich bei Ursula schon ausgeheult? Und wie oft hatte Ursula ihr gesagt, sie solle den Kerl in die Wüste schicken. Hollinger kannte dieses Phänomen, dass Frauen oft nicht die Kraft aufbrachten, sich von ihren gewalttätigen Ehemännern zu trennen. Es war ihm in seiner Laufbahn als Polizist immer wieder begegnet, verstehen konnte er es nicht. Früher, als Frauen noch finanziell abhängig waren von ihren Männern und so gut wie keine Rechte besaßen, da blieb ihnen vielleicht keine Wahl, aber heute war das doch anders. Und trotzdem ließen sie sich immer wieder einschüchtern.
»Warte, ich hab eine Idee«, sagte er, »wie wär’s, wenn du meine Mutter nach Hause bringst? Dann kannst du bei ihr bleiben, wenn du willst.«
Sabine Krämers Gesicht hellte sich auf. »Ja, das würde ich gerne, wenn das geht«, seufzte sie erleichtert.
»Na, dann komm«, sagte Hollinger und ging voran ins Gästezimmer, wo seine Mutter vernehmlich schnarchte.
»Oh«, entfuhr es Sabine, als sie die alte Dame in ihrem eleganten grün karierten Hosenanzug auf dem Bett liegen sah.
»Berna!«, rief Hollinger und patschte seiner Mutter liebevoll auf die Wange. »Komm, du musst aufstehen, Frau Krämer bringt dich nach Hause und bleibt heute Nacht bei dir.«
Bernadette Hollinger blinzelte Sabine aus schweren Lidern an und lächelte dann.
»Das ist gut«, murmelte sie, »es geht doch nichts über das eigene Bett.«
»Wem sagen Sie das«, seufzte Sabine und half Frau Hollinger auf die Beine.
Fünf Minuten später schloss Kaspar aufatmend die Haustür und ging zurück zur Terrasse, wo Hubert Frings mittlerweile im Lehnstuhl eingeschlafen war und die beiden Würstchen nicht mehr als solche zu erkennen waren.
Er lächelte selbstzufrieden. Ausnahmsweise hatte es das Leben mal gut mit ihm gemeint und ihm so eine wertvolle Information zugespielt. Aber wieso das Leben? Er hatte eben ein gutes Gedächtnis. Am Anfang war er nicht sicher gewesen– nach so langer Zeit, aber dann hatte er nachgeforscht und konnte nach und nach das Puzzle zusammensetzen. Gründlichkeit zahlte sich eben aus, und die Fähigkeit zur Deduktion natürlich.
Er wandte lächelnd den Kopf der Frau zu, die neben ihm lag. Es schien ihr gefallen zu haben. Sabine war im Bett einfach eine Niete. Keine Ideen, keine Lust, mal was Neues auszuprobieren. Und seine Geliebte fing ebenfalls an, ihn rumzukommandieren. Wollte, dass er sich scheiden ließ. Liebe Güte, was glaubte sie denn, was eine Scheidung kostete? Und wenn er mal geschieden wäre, würde er bestimmt nicht so blöd sein und gleich wieder heiraten. Nein, da würde er sich doch lieber an seine neue Gespielin halten. Die war so demütig, wie er das liebte, ließ sich alles gefallen, auch das Fesseln war kein Problem. Nur bei der brennenden Zigarette hatte sie verrücktgespielt. Er lachte leise und sah auf die Uhr. Noch nicht mal...




