E-Book, Deutsch, 332 Seiten
Griesbach Haller 16 - Wahre Kunst
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95765-920-0
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Du siehst was, was ich nicht sehe
E-Book, Deutsch, 332 Seiten
ISBN: 978-3-95765-920-0
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurzgeschichten von Inga Adams, Gerhard Benigni, Emma Benker, Nicola Bittscheidt, Martin Blättner, blume, Ralf Burnicki, Arno Endler, Casjen Griesel, Ulf Großmann, Michael Guery, Henning Günther, Jonis Hartmann, Carsten Hein, Andreas Heindl, Stefan Heyer, Gerald Jatzek, Jonas Kissel, Klaus Klausens, Hartmut Holger Kraske, Stefanie Leistner, Kunigunde Lindner, Fabian Lutz, Brigitta Michel-Schwartze, Karl Johann Müller, Anna Noah, Ritterherz, Friedhelm Rudolph, Sven Safarow, Kai Savelsberg, Regina Schleheck, Saza Schröder, Marlene Schulz, Bernd Schumann, Christiane Schwarze, Martin Schwietzke, Johann Seidl, Nele Sickel, Gard Spirlin, Claire Walka, Fiona Weber, Peter Zemla und Pedro Zobel Lyriken von DoubleYEaSi, Raoul Eisele, Stefan Heyer, Michael Hillen, Gerald Jatzek, Andrea Maria Kerstinger, Bastian Kienitz, Jörg Kleemann, Norbert Leitgeb, Romina Lutzebäck, Susanne Mathies, Eline Menke, M. T. Nielsen, Jutta von Ochsenstein, Rolf Polander, Hermann Ruf, Kai Savelsberg, Katja Schraml, Saza Schröder, Christof Schwaiger, Christian Schwetz, Johann Seidl, Christine Tippelreiter, Angela Wiedermann und Anne Zänkert Illustrationen von Kai Savelsberg Ausführliche Vitae im Buch.
Weitere Infos & Material
Klaus Klausens
Die zwei Damen und der Rest vom Plan
– Museales um die hohe Kunst der Kunstmacherei –
Natürlich stolzierten sie hin und her. Jedes Bein war lang und doch verhängt. Vom teuren Stoff. Die Schuhe zeigten sich mehr und mehr spitz. Oben wackelte der Hut von links nach rechts.
Herr Gebwinkel näherte sich der Dampfwolke der beiden Damen, indem er sie leicht umkreiste. Er wusste, er müsste jetzt eines seiner süßesten Lächeln aufsetzen. Also zog er innerlich am Muskel B in seiner linken Backe und auch am Muskel D seiner rechten Backe.
Es kam etwas zustande, was zu gefallen wusste. Erika Gillenberg senkte den Blick nach unten, nippte dann mit dem Kopf, als sei die Welt ein Glas, und bemühte sich nun um eine Sichtachse zu den leicht verschleierten Augen von Gebwinkel. Dann lachte sie, und man hörte das Rauschen des Stoffes. War es das Kleid oder die darübergehängte Jacke?
»Ach, Gebwinkel!«, sagte sie leicht in den Raum, bis sich auch Jane Köstriehm zu ihm hindrehte und ihrerseits etwas von der eigenen Wolke verteilte, bis sich beide Wolken der zwei Frauen zu einer Neuwolke verdichtet hatten, welche nun wiederum noch emsiger den armen Gebwinkel umkreiste und bedunstete.
Die Köstriehm hatte so dicke Lippen, dass man meinte, es könne Botox sein, tatsächlich hatte Erika Hahn zu Gebwinkel gesagt: »Es muss Botox sein, Herr Gebwinkel.«
Hahn war seine Assistentin, während er die leitende Funktion hatte, im Museum. Direktor! Heute war Ausstellungseröffnung und an den beiden Damen hier ging kein Weg vorbei. Gillenberg war die Frau des Vorsitzenden des Fördervereins und Köstriehm wiederum war die Schwägerin vom Oberbürgermeister. Beide Damen kamen und gingen. Sie gingen hinein in das Museum, drehten ihre Kreise und gingen wieder hinaus. Zwischendurch hatten sie einige Gläser Sekt oder Wein in den Händen gehalten, denn sie tranken immer mehr, als gut für sie war.
Gebwinkel versuchte, die Dicke zu berechnen, die die Schminke ausmachte, die auf dem Gesicht der Köstriehm lag. Bei der Gillenberg schaute er auf den Busen, der sich weder hob noch senkte, weil er irgendwie eingesperrt zu sein schien. Die Gillenberg drehte sich wieder in den Raum und suchte andere Gesichter. Sie nutzte aber den Moment, neben dem Direktor zu stehen, weil das natürlich beobachtet werden würde. Jede Minute neben dem Direktor war auch eine gewisse Sprosse auf der Leiter gesellschaftlicher Anerkennung. Sicher, sie mochte auch die Kunst. Aber mehr noch mochte sie sich selbst.
Ähnlich war es mit der Köstriehm, die nun auch dahinschaute, wohin die Gillenberg zu blicken schien. Also schauten beide nun in die gleiche Richtung, drehten aber auch ihre Köpfe nach da und dort, um genau abzutasten, ob man sie neben dem Direktor würde sehen können.
Der Direktor war ein weicher Mann, aber er sah recht gut aus. Er mochte um die zweiundfünfzig Jahre alt sein und hatte diese Stelle angetreten, nachdem man ihn von einem Kunstverein hochgelobt hatte. Nun war er Direktor eines Museums, das beträchtliche Mittel aus einer Landesstiftung zur Verfügung hatte. Das wiederum hatte er dem Kulturstaatssekretär bzw. noch eher dessen Frau zu verdanken. Aber die saß nicht in der Berufungskommission. Dennoch: Sie hatte eben da und dort mitzureden. Einfach als Frau des Staatssekretärs: Denn der Staatssekretär sagte immer genau das, was eigentlich seine Frau meinte, weil er selber von der Kunst nicht genug Ahnung hatte. Er schickte also seine Frau vor, Ella Speral, die dann alle Kunstvereine aufsuchte, jede Neueröffnung, die auch acht Magazine abonniert hatte, alle zur Kunst, und deshalb immer auch sehr gut informiert war, über alle Trends. Ella war unbestritten gut.
Sie also hatte ihren Mann einst auf den Herrn Dr. Gebwinkel aufmerksam gemacht, mit dem sie zuletzt in Osnabrück zusammengestanden hatte. Ihr Mann hatte alles das gerne aufgenommen und den Herrn vom Museumsverein durchprüfen lassen. Die Prüfung war sehr gut ausgefallen, sehr gut. Ein Neuer, einer, der etwas wagte, einer aber auch, der sich am Ende an alle Konventionen hielt, nirgendwo richtig aneckte, denn er wollte ja noch etwas weiter hinaus. Und auch dieses Museum hier würde für ihn eine Zwischenstation bleiben. Nach sechs Jahren wollte er wieder woanders sein. Ein noch wichtigerer Direktor in einem noch wichtigeren Museum.
Gebwinkel musste sich also jetzt mit diesen Damen befassen, die eine unangenehme Wolke um sich hertrugen und doch auch einflussreich waren. Eigentlich mochte er weder die eine noch die andere. Ja, die Frau vom Kulturstaatssekretär, die Ella (man duzte sich), die ja. Aber doch nicht die Köstriehm und die Gillenberger!
Aber da standen sie nun und bedrängten ihn. Sie drehten den Kopf schon wieder in einer Parallelität, die ihn verunsicherte. Er wusste, dass sie schauten. Aber das tat er ja auch. Auch er brauchte Anerkennung. Und auch er war sich bewusst, dass dieses gemeinsame Sein mit den beiden Damen vom Förderverein und allen anderen Gästen hier bestimmt beobachtet werden würde.
Es blieb jetzt noch eine Zeit von circa zwanzig Minuten bis zur Eröffnung der Ausstellung. Da galt es noch mit dem Menschen von der Lokalzeitung zu reden, und sei es nur ein Wort. Dann die Dame vom Hessischen Rundfunk, und vielleicht auch noch diese Jäger … von diesem »arsmagazin« … oder wie das hieß.
Zudem waren heute zwei wichtige Unternehmer anwesend, einer Besitzer einer Farbenfabrik, der andere produzierte Stahlgerüste … die alle, also beide, gedachten, Gelder in die Stiftung zu geben. Hinzu kam der Sammler Klossmacher, der heute auch kommen wollte, den er aber noch nicht sah. Klossmacher verschanzte sich in einem bunkerähnlichen Haus mit drei Alarmanlagen und zehnköpfigem Sicherheitsdienst hinter zweihundert Kunstwerken höchster Provenienz. Der war schon zweiundachtzig und müsste irgendwann sterben. Da wäre er, Gebwinkel, doch ziemlich dumm, würde er nicht mit Klossmacher reden.
Aber er sah ihn noch nicht.
Jetzt hatte er erst einmal diese beiden Frauen am Hals. Er betrachtete, verstohlen und doch entdeckend, die Brosche der Köstriehm, die etwas zu schwer schien, weil sie, die Brosche, den Stoff fast gänzlich mit nach unten riss, qua Gewicht, sodass im Stoff eine Wellung entstand, die man gut und gern als unschön hätte bezeichnen können. Das alles im Brustbereich.
Gebwinkel war mehr der Ästhet. Auch er zeigte sich stets tadellos, seine Anzughosen saßen nicht einen Millimeter falsch auf den Schuhen auf. Die Schuhe selbst kosteten immer fünfhundert oder sechshundert oder gar siebenhundert Euro und waren wirklich von den besten Schuhmachern Europas. Er ließ jedoch die meisten nunmehr aus London kommen, von einer einzigen Adresse, weil er seinen Fußabdruck in der Waterstone Street hinterlassen hatte, bei Gimson & Porth, der jetzt alle Zeit genutzt wurde, um ihm auf Maß neue und weitere Teuerschuhe zu machen.
»Sie haben etwas Kolossales ausgebuddelt, Gebwinkel«, ließ sich nun Gillenberger vernehmen. Gebwinkel zuckte leicht zusammen und ließ seinen Kopf niedergehen, sodass man etwas Devotes erkennen konnte. Aber die Gillenberger sah es nicht, weil sie in den Raum schaute, weit hinein, und jeden Kommenden genau begutachtete. Natürlich wusste auch sie, wer Klossmacher war. Aber Klossmacher war noch nicht da.
Elfie kam vorbei, die Zuhilfe von Frau Hahn, also eine Art Assistentin der Assistentin, und raunte ihm etwas ins Ohr. Er zuckte zusammen und wirkte verschreckt. Dann sah er beiden Damen eine sehr kurze Sekunde in die Augen, bis er wieder devot wurde: »Sie entschuldigen, es gibt ein kleines Problem!«
Daraufhin sagte die Köstriehm, ohne seine Augen auch nur einmal zu treffen: »Natürlich, Herr Gebwinkel, dafür haben wir vollstes Verständnis.«
Gebwinkel zog sich nun zurück und machte sich an die Lokalzeitungsdame heran, ganz kurz nur, aber es musste sein. Sie schrieb die längsten Artikel. Deshalb. Und sie war ihm freundlich gesonnen. Deshalb auch. Also ging er die dreizehn oder vierzehn Schritte, um sie bei der Leiterin der »Galerie am Markt« anzutreffen. Er sagte nichts, sondern stellte sich leise und zart hinzu. Er wusste, er würde bald einen Einstieg finden, in dieses Gespräch, und dann genau eine Minute mit Ariana Glas vom »Wüllener Anzeiger« verbringen.
Gebwinkel fühlte sich wohl. Alles war bestens. Die Impressionisten hingen. Jedes Bild war abgestaubt. Die Versicherungssummen waren ausreichend. Gäste erschienen weiterhin. Es schien voll zu werden. Und Elfie würde gleich erneut zu ihm kommen und ihm wieder etwas ins Ohr flüstern.
Alles war Minute auf Minute durchgeplant. Das hatten er und Frau Hahn und Elfie schon gestern gemacht. Heute Morgen hatten sie nochmals seine Sprechpläne abgeglichen … mit den angemeldeten und möglichen Besuchern, die dann auch letztendlich erschienen. Durch die plötzliche Erkrankung von Professor Grochowski war ein Minigespräch entfallen, weshalb man den Leiter des Möbelhauses Kuhnert, Herrn Peter Kuhnert, eingesetzt hatte.
Gebwinkel schaute schon, ob er Kuhnert sehen konnte.
Auf Klossmacher war unbedingt zu achten. Aber das würde die Hahn schon machen. Im Zweifelsfall musste er nur warten, wann und ob deren »gute Elfie« zu ihm herantrat. So ein Museum war schon eine...




