Griesbach | Haller 15 - Alte Freunde | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 127 Seiten

Griesbach Haller 15 - Alte Freunde


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95765-943-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 127 Seiten

ISBN: 978-3-95765-943-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alte Freunde: In diesen zwei Worten schwingen Glück und Leid, Verrat und Wehmut mit. Die alten sind nicht immer die besten Freunde, doch manchmal sind sie die einzigen, die uns bleiben. Leider tauchen sie manchmal zur falschen Zeit am falschen Ort auf. Sie retten uns aber auch den Abend oder das Leben. Unter den vierzehn Autoren, die sich in dieser Ausgabe den 'alten Freunden' widmen, sind einige erfahrene und bereits viel gelesene Autoren, und einige, die erst am Anfang ihres Autorenlebens stehen. Jeder macht mit seiner Geschichte das Thema zu etwas Einzigartigem. Die fünf Künstler, deren Bilder für diesen Band ausgesucht wurden, gehen das Thema völlig unterschiedlich an, sowohl die Motive als auch die Techniken sind verschieden. Jedes Bild fasziniert auf eigene Weise, egal, ob es einen Text illustriert oder für sich steht.

Die 1967 in Marbella geborene Corinna Griesbach ist Autorin von Kurzgeschichten verschiedener Genres.
Griesbach Haller 15 - Alte Freunde jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Peter Zemla: Kratzer


Es fällt mir schwer, über den Anschlag und alles, was mit dem Anschlag im Zusammenhang steht, zu schreiben. Aber noch schwerer fällt es, darüber zu sprechen. Was ein Grund sein mag, jedoch keinesfalls meine charakterlichen Unzulänglichkeiten entschuldigen soll und darf, warum ich Stoffel so lange aus dem Weg gegangen bin. Über den Anschlag zu schreiben oder gar zu sprechen, bedeutet heraufzubeschwören, was, bestimmt der komplizierteste alchemistische Prozess, in mir im Laufe der vergangenen Monate wieder und wieder entwässert und eingeschrumpft, was mit einer kristallinen Schicht überzogen und an einem gegen äußere Einflüsse hermetisch abgeschirmten und geheim gehaltenen Ort eingelagert worden ist. Bisweilen schuppen sich von der konzentrierten Masse, Einfluss einer wie auch immer gearteten Korrosion oder möglicherweise Ab- und Ausscheidungsprodukte der fortdauernden Einfaltung, ich kann es nicht sagen, Späne ab, die über verzweigte Kanäle nach außen transportiert werden, die an meinen Schläfen oder an den Knorpeln hinter den Ohren zutage treten. Mit Daumen und Zeigefinger drücke ich die entsprechenden Körperstellen und halte mir winzige Partikel vors Auge, die, drehe ich sie ins Licht, wie Puzzleteilchen Bilder zeigen oder besser, genauer: Fragmente von Bildern, die ich nicht sehen möchte, die ich gleichwohl studieren muss, die ich nicht eher im Waschbecken hinunterspülen kann, bis ich sie in all ihren Facetten betrachtet habe. Da ist der aus dem Nichts auffahrende blendhelle Schein, der unmittelbar vor der Detonation den Bahnhof überflutet hat, da sind die Glassplitter, in denen die zerbrochene Welt sich kaleidoskopartig spiegelt, die roten Schlieren, die über das verschwommene Bild oder das Fragment eines Bildes wie Sirup rinnen.

Ich drehe den Hahn bis zum Anschlag auf und lasse das Wasser lange fließen, zum einen, um sicherzugehen, dass, was ich weggespült wissen möchte, auch wirklich weggespült wird, zum anderen, weil mich das Rauschen beruhigt. In Maßen wenigstens, denn um ehrlich zu sein: Wirklich ruhig bin ich seit dem Anschlag nicht mehr. Ruhe ist seit dem Anschlag etwas, das in mir, stelle ich sie, die Ruhe, mir, in welcher Erscheinungsform auch immer vor, ein spöttisches Grinsen hervorruft, ein Grinsen, das angezeigt ist, berichtet jemand von einem Fabelwesen, und zwar in einer Weise, dass er sich mit all seiner Reputation für dessen Existenz verbürgt, während man doch gleichzeitig mit einer nicht infrage zu stellenden Bestimmtheit weiß, dass diese Existenz einem Hirngespinst entwachsen ist.

Ich will von Stoffel schreiben. Ich will wenigstens anzudeuten versuchen, was er für mich bedeutet hat. Ich war, ich bin es immer noch, das mittlere von fünf Geschwistern. Nicht dass mir etwas gefehlt hätte zu Hause, aber schon früh hatte ich das Gefühl, im Grunde überflüssig zu sein. Mit mir wurde, wie es heißt, nicht viel Aufhebens gemacht, ich lief, wie es heißt, mit, oder anders formuliert, dasselbe bedeutend: nebenher. Ich meinerseits machte nicht viel von mir reden. Ich saß, so erinnere ich mich, bei den sogenannten Familienfesten stumm vor meinem Kuchenteller und gab vor zuzuhören, zuzusehen, was die Tanten und Onkel zum Besten gaben, während meine Brüder und Schwestern, auch die jüngeren, längst die Runde verlassen hatten, um Dingen, später Gleichaltrigen, noch später Andersgeschlechtlichen nachzugehen, die mir allesamt ein Rätsel blieben, die es, ich bekenne es, im Grunde bis heute geblieben sind. Was nicht heißt, dass ich mich für Derartiges nicht auch interessierte oder mich hätte interessieren können, aber was mir fehlte, war der Zündfunke, um agieren und reagieren zu können. Ich stand gewissermaßen am Beckenrand und sah es drinnen planschen und toben und sah einige, die gekonnt, mit scheinbar dem geringsten Aufwand und scheinbar den geringsten Widerstand erzeugend, ihre Bahnen zogen, während ich nicht sicher war, ob das Schwimmen zu meinen angeborenen Fähigkeiten zu zählen sei. Weil aber niemand kam, mich packte und hineinwarf, ließ mich das Grübeln über diese Frage am Ende des Badetages mein trockenes Handtuch einpacken und mit der Müdigkeit des Unversuchten in den Gliedern wieder nach Hause schleichen.

Das alles änderte sich, nun, wenigstens aus meiner Sicht Entscheidendes änderte sich, als in der siebten Klasse Stoffel auftauchte. Mein Vater, wahrscheinlich angesichts der Unbestimmtheit meiner Anlagen ratlos, was mit mir einmal anzufangen sei, vielleicht aber auch schlicht lethargisch, was die Weichenstellung meinen Lebensweg betreffend anbelangt, hatte mich nach der Grundschule ins Gymnasium wechseln lassen. Der schulbehördliche Bescheid, der sinngemäß lautete, die Zensuren seien leidlich ausreichend, wenn auch nicht zu größeren Hoffnungen Anlass gebend, sodass man es auf gut Glück versuchen könne, war ihm Anstoß genug. So hörte ich mir nun, immer noch in der letzten Bank sitzend, an, wie man sich fremdsprachlich ausdrückt oder physikalische Kräfte beziffert, unbeteiligt, doch durchaus aufmerksam, wie ich mir zuvor das Einmaleins oder den Satz Otto fährt Bus hatte beibringen lassen. Ich war keiner von jenen Schülern, die man gemeinhin als Opfer oder Prügelknaben bezeichnen muss, die eines körperlichen Gebrechens oder ihrer sozialen Herkunft wegen oder einfach weil das, nennen wir es, der Konvention geschuldet, Schicksal sie völlig grundlos dazu auserkoren hat, für den Spott der Masse herhalten müssen, denen man straflos Besitz entwendet und sie dafür mit Hämatomen entschädigt. Ich war der, der abseitsstand, im Schatten, den die steinerne Plastik eines stilisierten Sauriers auf dem Schulhof des Gymnasiums warf, oder unter dem einzigen Schulhofbaum, weitestgehend verborgen hinter dessen von Generationen malträtierten Stamm, der, der nicht auffiel und von daher übersehen wurde.

Nur Stoffel sah mich, entdeckte mich. Die großen Ferien waren seit zwei Wochen vorüber, als er an der Seite des Direktors – wer hier wen führte oder begleitete, konnte für den, der die Augen dafür hatte, nicht mit Bestimmtheit ausgemacht werden – in die Klasse kam. Dies sei der Neue, hieß es, und, die Direktorenhand hob sich gebietend, dass keinerlei Anlass bestehe, deshalb in ein Primatengejohle auszubrechen. Was aus Altmännersicht leicht dahingesagt war, denn der Neue mit der bronzefarbenen Haut, mochte er zwölf sein wie die meisten von uns, dreizehn vielleicht, war ungewöhnlich groß, ohne dass man diese Größe aufgeschossen nennen konnte, schon eher stattlich. Er trug das Haar länger, als es damals üblich war, doch war diese bei jedem federnden Schritt mitfedernde Frisur keineswegs wildwüchsig oder als ungepflegt zu klassifizieren. Zwischen den Fransen war eine leicht gewölbte, fein gehämmerte Stirn zu sehen, darunter zwei dunkle, eher kleine Augen, die den Eindruck erweckten, sich in Wartestellung zu befinden, bis eine Beute sich verrät, die es zu packen lohnt. Eine braune Ledertasche, wie robust und weich zugleich die war, konnte man fühlen, ohne sie berührt zu haben, hing ihm locker über der einen Schulter. Wie er daherschritt, aufrecht, witternd und sondierend, den Blick langsam durch die Reihen schickte, auf der Suche nach einem ihm entsprechenden Platz, uns Schüler dabei gar nicht wahrnahm und von der Weisung des Englischlehrers Tillich, sich doch dorthin zu setzen, keine Notiz nahm, sondern mit einer Selbstverständlichkeit sich eine eigene Bank aussuchte, das ließ uns Jungen, vielen von uns, ein mehr verblüfftes als anerkennendes Glucksen, Schnalzen, Schmatzen entfahren, während den Mädchen, den meisten von ihnen, ein hochgestimmtes Kieksen, ein kurzes, schrilles Kreischen entwich.

In den nächsten Tagen verbreitete sich die geraunte Nachricht, selbst zu mir gelangte sie schließlich, dass der Neue bislang ein Internat in Genf besucht hatte, aus dem er, aus welchen Gründen auch immer, da rankten sich abenteuerliche Gerüchte, relegiert worden sei, dass sein Vater einen diplomatischen Dienst versehe, und er, der Sohn, unsere Schule nur als eine Art Zwischenstation verstehe, weil die Familie sich auf dem Absprung, so hieß es, in den Fernen Osten befände. Nicht alles davon entsprach der Wahrheit, wie ich später aus erster Hand erfahren sollte. Erst einmal aber beobachtete ich den Neuen, wie ich alles und jeden beobachtete: aus der Ferne. Was mir, während ich seine unerschütterliche Gelassenheit gegenüber den Lehrkräften, gegenüber den Regeln der Institution Schule, seine Unberührtheit von den an ihn anbrandenden und sogleich wieder abprallenden und rückstandslos abperlenden Umständen bewundernd registrierte, dabei entging, war, dass offenbar er auch mich beobachtete.

Nach Ablauf einer Woche hatte er dieses Projekt abgeschlossen, was sich darin äußerte, dass er während der großen Pause auf mich zuschlenderte. Kleiner, sagte er zu mir, sagte es, ohne dass es herablassend oder gar beleidigend und damit herausfordernd gemeint und von mir, der ich mir ein Gespür für die Untertöne angeeignet hatte, auch nicht so aufgefasst worden war. Kleiner, sagte er, weil er beschlossen hatte, mich so zu nennen, und tatsächlich nannte er mich fortan so. Fortan ist das Losungswort, denn es gab ein Leben, mein Leben, vor der besagten großen Pause, eines, durch das graue Schlieren gezogen waren, die es mir schwer gemacht hatten, klarsichtig nach links und rechts und vor allem nach vorne zu sehen, die mir, je länger diese Trübe andauerte, mehr und mehr Angst gemacht hatten, dass mein nächster Schritt einer über die Kante sein könnte, jenseits derer kein Tritt und kein Halt mehr wäre,...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.