E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
Grenville Ein Raum aus Blättern
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-312-01235-0
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01235-0
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Was wäre, wenn Elizabeth Macarthur - Ehefrau des berüchtigten John Macarthur, Wollbaron in den frühesten Tagen der Kolonisierung Australiens - geheime Memoiren geschrieben hätte? Und was wäre, wenn die Schriftstellerin Kate Grenville sie auf wundersame Weise gefunden und veröffentlicht hätte? Das ist der Ausgangspunkt für »Ein Raum der Blätter«, ein spielerischer Tanz der Möglichkeiten zwischen dem Realen und dem Erfundenen.
Die Ehe mit einem rücksichtslosen Tyrannen, ihre eigenen Sehnsüchte, die Suche nach Selbstbestimmung in einer Gesellschaft, die den Frauen diese nicht zugestand: Elizabeths Memoiren lassen uns hören, was eine dieser scheinbar sittsamen Frauen aus der Geschichte wirklich gedacht haben mag.
»Ein Raum aus Blättern« durchzieht außerdem eines der brisantesten Themen unserer Zeit: die verführerische Anziehungskraft von falschen Geschichten.
1788. Die 21-jährige Elizabeth hat nicht viele Optionen in ihrem Leben. Als Halbwaise, ohne große Mitgift in einer Zeit, in der für Frauen das Wichtigste war, einen Ehemann zu finden, muss sie denjenigen zum Ehemann nehmen, der sie als erstes fragt. John McArthur ist rücksichtslos und getrieben von einer dunklen Wut auf die Welt. Er soll eine Stelle als Leutnant in einer Strafkolonie in New South Wales antreten, und Elizabeth als seine Ehefrau hat keine andere Wahl, als mit ihm zu gehen.
Ihr ganzes Leben lang hat Elizabeth gelernt, zuvorkommend zu sein, sich selbst klein zusammenzufalten. Jetzt, in dieser unwirtlichen neuen Umgebung, mit einem Ehemann, der immer wieder für längere Zeit in England weilt, ist Elizabeth auf sich gestellt und geht ihren Weg, so gut es ihr möglich ist.
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Gesellig und gefügig
Der Bauernhof meines Vaters war ein Erbhof und ging nach seinem Tod an John Veale über, meinen Vetter zweiten Grades. Er setzte uns zwar nicht gerade vor die Tür, schickte uns aber einen Karren mit leeren Truhen und Kisten, Seilen zum Festbinden und ein paar Säcken Sägemehl für das Geschirr.
Mein Großvater hieß uns auf seinem Hof willkommen, auf dem Mutter aufgewachsen war, doch der alte Mann steckte in seinen Gewohnheiten fest. Unser Geschirr holten wir nie aus dem Sägemehl, die Truhen landeten, bis auf eine Kiste Kleidung für jede von uns, ungeöffnet in der Scheune, und so waren es Großvaters Laken, in denen wir schliefen, und Großvaters Teller, von denen wir aßen. Mutter verfügte über ein kleines Witwengeld, das sie mir später überließ. Dank dieser Summe musste sie Großvater nicht um ein Paar Stiefel für mich oder eine neue Haube für sich bitten. Doch das war nur Nadelgeld, und da Großvater es ihr einst überlassen hatte, entsprang es ebenfalls seinen wohltätigen Händen.
Ich sehnte mich nach Lodgeworthy. Kurz nach unserem Umzug kamen Mutter und ich am Hof vorbei. Ich lief zum Tor, hatte die Hand schon auf dem vertrauten Riegel. Mutter musste mich packen und wegziehen, musste mir erklären, wenn ich den Riegel öffnete und durch das Tor ginge wie tausendmal zuvor, würde man das als »unbefugtes Betreten« bezeichnen, und ich wäre so etwas wie eine Diebin. Nur auf Einladung käme ich dort noch hinein. Ich hätte keinerlei Ansprüche, sondern nur vorübergehendes Gastrecht.
So stand ich vor dem Tor, das Handgelenk im eisernen Griff meiner Mutter, und schrie. Eigensinnig, wie ich war, riss ich mich los, rannte zum Haus, während sie »Elizabeth! Elizabeth!« hinter mir her rief, und hob die Hand, um anzuklopfen. Doch noch nie hatte ich diese Tür als ein so gleichgültiges Stück Holz erlebt, nie hatte ich anklopfen müssen, damit sie sich auftat, und bei dem merkwürdigen Anblick und bei der Vorstellung, John Veales blasse unfreundliche Frau könnte aufmachen, ließ ich die Hand sinken.
Mutter wartete hinter dem Tor auf mich. Sie sah mich nicht an. Schweigend gingen wir weiter, allerdings nicht, ohne dass ich zuvor das Tor so heftig zugeschlagen hatte, dass es knackte.
Ja, ich war ein schwieriges Kind, das sehe ich heute ein. Nicht, dass ich schwierig sein wollte, ich besaß einfach einen starken Willen. Hatte ich denn nicht das Recht zu fühlen, was ich fühlte, zu sein, wer ich war?
Wie bei Unseresgleichen üblich, herrschte in unserem Haushalt bescheidener Wohlstand, gepaart mit Sparsamkeit. Großvater vertraute auf Gottes Großes Licht, das nichts kostete, und den Verzehr von Gottes Gaben: Eier der eigenen Hühner, Kohl aus dem Garten, hin und wieder ein Stück Fleisch von dem Schwein, das zu Weihnachten geschlachtet wurde.
Großvater war ein Mensch, der sich von den Dingen dieser Welt gelöst und sein Leben völlig in den Glanz von Gottes Herrlichkeit gestellt hatte. Viel Zeit wurde in der Kirche verbracht, oft war von der Vorsehung die Rede, stets erhielt der Herr tief empfundenen Dank für die Speisen auf dem Tisch. Am Sonntag zweimal Gottesdienst, jeden Abend Bibellektüre, Gebete vor dem Zubettgehen.
Trotz meiner Jugend war ich so klug, die Frage, auf die es keine Antwort geben konnte, nicht zu stellen: Wenn Gott gut ist, warum ist Vater dann tot? Wenn ich mit den anderen den Kopf neigte und Amen sagte, als ob ich es meinte, war das meine erste Unaufrichtigkeit. Unter den Wimpern beobachtete ich, ob auch Mutter heuchelte, ertappte sie aber nie dabei.
Doch Großvater war eine gütige Seele, und er liebte mich. Ließ mich über die Felder streifen und mit Zweigen und Blättern Verstecke bauen, in denen ich mich verkroch. Hielt mich nicht davon ab, wenn ich hinaus in den Regen lief und am Abhang hinter dem Haus stundenlang das Bächlein staute und umleitete.
»Ein sauberes Kind ist kein glückliches Kind«, sagte er, wenn Mutter schimpfte.
Großvater, der einige Morgen Land besaß, hatte von allem etwas: Gerste, Rüben, Heu. Seine Liebe galt den Schafen. Wenn er mit gebieterischem Schritt in die Herde trat, stoben die Tiere ernst und steifbeinig auseinander, doch kaum waren sie in sicherer Entfernung, sahen sie sich über die Schulter zu ihm um.
»Gott hat sie gesellig und gefügig geschaffen«, erklärte mir Großvater. »Sie sind Gemeinschaftswesen. Wir armen Sünder dagegen meinen, wir kämen mit allem allein zurecht.«
Mutter fand die Schafe dumm, aber das waren sie nicht, sie verhielten sich nur anders als wir. Ich schloss sie ins Herz, verstand und mochte sie. Wenn man nicht gegen ihr Naturell arbeitete, sondern es nutzte, waren sie folgsame Geschöpfe und alles andere als dumm. Großvater brachte mir bei, beim Treiben hinter ihnen zu bleiben und die Ruhe zu bewahren. Wenn sie sich umdrehten und mich anstarrten, sollte ich unerschrocken zurückstarren. Und ich sollte abwarten, bis sie in die gewünschte Richtung sahen, ehe ich die Schäferschippe hob, um mich größer zu machen, als ich war.
Wenn so eine Kreatur auf einen zu rannte und mit den Hufen stampfte, weil man ihrem Lamm zu nahe gekommen war, musste man sie einfach ins Herz schließen. Das Mutterschaf, das arme Ding, hatte ja keine anderen Mittel, ihr Junges zu verteidigen. Vor lauter Bewunderung für ihren Mut musste ich lachen.
»Gott mäßigt den Wind für das geschorene Lamm«, sagte Großvater, als das Tierchen stolperte, fiel und wieder aufstand. »Denk daran, Lisbet, wenn das Leben dir seine Stürme entgegenbläst.«
Großvater brachte mir alles bei, was ich später als Frau eines Bauern können musste. Wie man buttert, wie man ein krankes Huhn heilt, wie man Schafe zählt, was deutlich komplizierter ist, als man denkt.
»Wenn du eine Herde zählst, kannst du dir nie sicher sein«, sagte er in seiner ruhigen lehrreichen Art. »Schafe haben so etwas an sich, da geht das Zählen oft schief. Zum Zählen einer Herde machst du Schlaufen in eine Schnur. Oder Kerben in ein Holz, immer eine für zwanzig Tiere.«
Um es mir zu zeigen, holte er eine Schnur aus der Tasche, entfernte die Schlaufen von der letzten Zählung und gab sie mir.
»So schaffst du das auch«, sagte er. Das Lächeln, die Zärtlichkeit waren seiner Stimme anzuhören.
Großvater war ein Bauer, der, wie es hieß, die Zucht verbesserte, und als ich noch klein war, dachte ich, das habe mit der Züchtigung eigensinniger Kinder zu tun und mit seinem unerschütterlichen Glauben daran, dass Unser Herr alles zum Besseren richte. Wie ich heute weiß, verkörperte er ungeachtet seines Alters einen neuen Typus Landwirt. Mit verbessern war die Veredelung durch Zucht gemeint. Daher herrschte große Aufregung – sogar der zurückhaltende Großvater war aus dem Häuschen –, als er einem gewissen Mr. Bakewell einen Schafbock abkaufte. Ehe ich das Tier zu Gesicht bekam, dachte ich, es handle sich womöglich um ein Kuchenschaf oder vielleicht eine Schafspastete, jedenfalls etwas Gutes zu essen, und war enttäuscht, als es Wolle und Hörner hatte wie jeder andere Widder auch. Der Karren wurde von einem Mann namens Hale gebracht, der den Bock am Strick durch unser Tor führte wie einen Prinzen. Ich streichelte unterdessen den Hund, den er mitgebracht hatte.
»Pass auf mit dem, Kindchen«, rief Mr. Hale. »Wenn du stehen bleibst, pinkelt er dir ans Bein.«
Ich hielt das für einen hübschen Scherz, doch an Großvaters strenger Miene konnte ich ablesen, dass er Mr. Hale ordinär fand.
Großvater hielt den Kopf des Widders an den Hörnern hoch, und Mr. Hale, von dem aus meiner Perspektive nur der Hut zu sehen war, beugte sich über das Tier, zog mit den großen groben Händen den Pelz auseinander und brachte unter dem grauen Filz die cremeweiße Wolle zum Vorschein.
»Was halten Sie von einem Dutzend solcher Kerle«, sagte er, »wenn er erst mal seinen Zipfel in Ihre hübschen Ladys gesteckt hat?«
»Vorsicht«, sagte Großvater. »Hüten Sie Ihre Zunge, Mr. Hale, wenn ich bitten darf. Haben Sie denn die junge Dame hier nicht gesehen?«
Diese Bemerkung fand ich gleich in doppelter Hinsicht erstaunlich: Zum einen bargen Mr. Hales Worte, deren Bedeutung mir ein Rätsel waren, offenbar etwas Lasterhaftes, und zum anderen war ein Mädchen von neun Jahren eine junge Dame, die vor der Bedeutung dieser Worte geschützt werden musste.
Mr. Hale warf mir einen kurzen Blick zu und war wohl ebenso erstaunt wie ich, dass dieses schmuddelige Kind mit schlammverklebtem Rocksaum eine junge Dame sein sollte. Dann unterhielt er sich murmelnd mit Großvater über Flocken und Wollfett. Ich schwang derweil auf dem Tor hin und her, hin und her, und kratzte mir am untersten Holm den Schlamm von den Stiefeln, bis die Matschklumpen sauber aufgereiht auf dem Boden lagen, was allerdings zwecklos war, denn sobald ich vom Tor sprang, wären die Stiefel gleich wieder matschig. Die fahle Frühlingssonne, die blökenden Lämmer auf der Weide, Großvater, der gedämpft mit Mr. Hale plauderte, der Schafbock, der starren Blickes darauf harrte, freigelassen zu werden: Diese Erinnerung ist nach siebzig Jahren so deutlich, als wäre es gestern gewesen.
Als Mr. Hale gefahren war, standen Großvater und ich in der wogenden Herde zwischen den blökenden Schafen, und er erklärte mir, warum er für den Bock fünfzehn Guineen ausgegeben hatte, für das Ohr eine gewaltige Summe, wo doch der Widder für das Auge aussah wie jedes andere Schaf. Dieser Bock habe wunderbare Lebenskraft und hervorragendes Vlies, sagte Großvater, er sei ein schönes robustes Tier. Wenn er...




