E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Gregory Du hast mich krank gemacht
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-3148-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Meine Mutter ließ mich leiden
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7325-3148-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Mutter. Eine Tochter. Eine zerstörte Kindheit. Julie Gregorys Erinnerungen gehen unter die Haut. Aus den Tiefen der Hölle musste sich die couragierte junge Frau aufmachen, um die eigene Kraft und den eigenen Wert zurückzugewinnen. Ihr Überleben und ihre Heilung vom Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom kommen einem Wunder gleich. »Eine Mutter misshandelt ihre Tochter - und Dutzende Mediziner helfen unfreiwillig mit.« Stern
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1
Was ich am meisten hasste, war das Rasieren. Wie viele Haare kann ein zwölfjähriges Mädchen schon auf der Brust haben? Trotzdem schäumen sie mich ein und fahren mit einer neuen Einwegklinge über meine kaum vorhandenen Brüste. Glatt und haarlos sollen sie sein, damit die kleinen weißen Knöpfe auch an den jeweiligen Punkten im Umfeld meines Herzens kleben bleiben und sie meinen Herzschlag aufzeichnen können. Während der Vorbereitungen schwebe ich über meinem Körper, betrachte konzentriert die rauen weißen Deckenfliesen und male mir ein auf dem Kopf stehendes Zimmer aus, in dem ich leben möchte, ein Zimmer fern von der Unordnung in unserem Zuhause, fern von diesem Krankenhaus – inmitten von reinem weißem Frieden. Der Geruch der Rasiercreme zieht mich wieder zurück auf den Boden. Die gleiche Sorte, wie Dad sie benutzt hat. Jeden Morgen vor Tagesanbruch hatte er seine fürchterlichen Hustenanfälle. Dann schleppte er sich auf die Toilette und versuchte, sich das Herbizid Agent Orange aus den Lungen zu würgen. Manchmal, wenn die Welten zwischen Wachen und Schlafen einige benommene Momente lang nahtlos miteinander verschmolzen, kam das Würgen auch aus den Kehlen der geisterhaften Gestalten meiner Träume. Gewöhnlich rasierte er sich, nachdem er erbrochen hatte. In unausgesprochenem Einverständnis drückt sich die Krankenschwester einen dicken Batzen Creme aus der Dose in die Handfläche, so viel, dass ihre Haut meine nicht berührt, wenn sie mir die drei Zentimeter dicke Schicht auf die Brust schmiert. Irgendwann ebbte die Agent-Orange-Flut schließlich ab. Normalerweise lehnte Dad sich dann erschöpft an den Türpfosten. »Ich kotze mir die Seele aus dem Leib, Sissy. Hast du verstanden? Die Seele. Die Seele. Die Seeeele.« Anschließend lachte er in sich hinein und wischte sich mit der dicken Faust über die Lippen. Die Krankenschwester nimmt eine neue Klinge mit blauem Griff und zieht sie säuberlich an meinem Brustbein entlang. Ein weiterer frischer rosa Streifen Haut zeichnet sich ab. Was kann man morgens um sieben schon anderes machen, als in das Lachen seines großen, sich schwerfällig bewegenden Vaters einzustimmen, wenn er so tut, als wäre der Türpfosten ein Laternenpfahl, an dem er sich betrunken festklammert, und sich seine Lungen heraushustet. Irgendwann ist alles fertig. Die weißen Tellerchen sind mit einem durchsichtigen Haftgel an sechs unterschiedlichen Stellen befestigt worden. Ihre Kabel vereinigen sich zu einem breiteren Kabelfluss, der mein Brustbein entlang zum Bauch läuft und am Reißverschluss in meine Hose, als hätte ich da drinnen das neueste Modell eines Pay-TV-Decoders verborgen. Die Elektroden mit den Gummiknöpfen füttern ein Aufzeichnungsgerät, das sich in ein rechteckiges Lederetui schmiegt und wie eine Handtasche aussieht. Sein Riemen liegt auf meiner Schulter, und während mein Siebtklässlerleben dahintickt, versanden meine dazugehörigen Herzschläge in dem Kasten. Ich war schon von klein auf häufig krank, dünn wie eine Bohnenstange und empfindlich wie ein Soufflé aus dem Backofen. Ständig holte ich mir blaue Flecken und fühlte mich oft schlapp und elend. Die Kinder in der Schule fragten mich ganz ungeniert, ob ich magersüchtig sei. Aber das war ich nicht, ich war nur krank. Meine Mutter riss sich schier ein Bein aus, um herauszufinden, was mir fehlte. Dass mit meinem Herzen etwas nicht stimmte, ließ sich nicht übersehen. Irgendwie lag bei mir alles im Argen und war zu so vielen undurchdringlichen Schichten geronnen, dass es unmöglich schien, zur Wurzel des Übels vorzudringen. Es war, als wollte man einer Zwiebel die durchsichtigen Häute einzeln abziehen, und als ich alt genug war, mich an diese Aufgabe zu wagen, brachte mich jede dieser Häute zum Weinen. Ich wuchs in dem kranken Leib einer kranken Mutter heran, die sich selbst kasteite, indem sie hungerte, und auf diese Weise auch mich aushungerte. Zum Zeitpunkt meiner Geburt litt sie unter schwerer Anämie und war aufgrund einer Blutvergiftung vorübergehend erblindet – wie sie mir erklärte, war die Blutversorgung der Augen durch ihren Bluthochdruck unterbrochen gewesen. Kaum drei Pfund schwer, wurde ich vorzeitig in die Welt gestoßen, ein durchscheinend schimmerndes Frühchen, und als man mir den Klaps auf den Hintern verpasste, gab ich keinen Mucks von mir. Zunächst hielt man mich für tot. Der Arzt, der meinen bläulichen Körper an den Fersen hielt, sagte, nachdem er einen ersten Blick auf mich geworfen hatte: »Mein Gott, was für große Füße sie hat.« Dann verfrachtete man mich eilig in einen Brutkasten, wo ich wie alle Frühgeborenen den Zeitpunkt meines Eintritts in die reale Welt außerhalb der schützenden Fruchtblase erwartete. In der Folge war mein Gesundheitszustand so labil, dass man sich ständig mit meinem Befinden und der Frage, wo der Ursprung des Übels lag, beschäftigen musste. Da waren die frühen Nasen- und Halsentzündungen, ein bellender Husten, der meine zarte Erscheinung Lügen strafte, heftige und hartnäckige Migräneanfälle, geschwollene Mandeln, die, sobald ich Ahhhh sagte, nach einer Operation schrien, eine deformierte Nasenscheidewand, die mich dazu zwang, mit offenem Mund zu atmen, undefinierbare Allergien, die mir ein für alle Mal den Verzehr der vier wichtigsten Nahrungsmittelgruppen verboten. Als wir der Ursache meiner rätselhaften Krankheiten in der Kardiologie näher kamen, verschrieb sich Mom der Logistik meines in allen Einzelheiten ausgearbeiteten Behandlungsplans mit der Gewalt einer Furie. »Verdammt noch mal, Sie sehen doch, dass dieses Mädchen krank ist, oder nicht? Schauen Sie doch selbst! So wahr mir Gott helfe, wenn sie stirbt, weil Sie nicht feststellen können, was ihr fehlt, werde ich Sie auf jeden einzelnen Cent verklagen, den Sie besitzen.« Mom hatte die Augen in ihrem schmalen Gesicht zusammengekniffen, und wie immer, wenn sie wütend war, bildete sich auf ihrer Unterlippe ein weißlicher Schaum aus dickflüssigem Speichel. Ihre Stimme verfolgte jeden Arzt, der einzuwenden wagte, man habe bereits alle Untersuchungen durchgeführt, sie hallte ihm den Gang hinunter nach und zerriss die Krankenhausstille. »Das darf doch nicht wahr sein!«, zischte sie, wenn sie ins Untersuchungszimmer zurückkehrte. »Was für ein unfähiger Trottel!« »Mach dir keine Sorgen, Mom. Ist schon gut. Wir suchen uns einen anderen.« So tröstete ich sie, mit der Versicherung, dass wir nicht aufgeben würden. »Ach, ich will doch nur dein Bestes! Ich opfere mein Leben, damit wir herausfinden, was dir fehlt. Also vermassele es nicht wieder, indem du beim Hereinkommen so tust, als wäre alles normal. Zeig ihnen, wie krank du bist, und lass uns der Sache auf den Grund gehen. Ist das klar?« »Ja, alles klar.« Tag für Tag hockten wir zusammen – Mom, Dad, der kleine Danny, ich und dann später noch die Pflegekinder –, aber Dad erfuhr nie, dass man mir die Brust rasierte. Mom staffierte ihn nur dann mit ein paar »anständigen Sachen« und den sorgfältig verpackten weißen Slippers aus, wenn im Krankenhaus eine Demonstration väterlicher Fürsorge angesagt war. Ansonsten blieb er der x-ten Wiederholung von M*A*S*H und dem Berg Nussschalen überlassen, die er mit seinen rotfleckigen Pistazienfingern auf dem Bauch angehäuft hatte. Wir wohnten damals in einem Trailer von doppelter Standardbreite, am Ende einer unbefestigten Straße im Hinterland von Ohio, einer wilden und üppig grünen Gegend des Bundesstaates. Die Cinemascope-Pracht der endlosen Kette von Bergen, die sich vor uns entfaltete, ließ einem den Atem stocken, und man meinte ständig, im Säuseln des Windes leise Banjoklänge zu hören. Meine Eltern hatten ihren schwarzen Samtdruck von Jesus dem Gekreuzigten, dem von der Dornenkrone seitlich am Kopf plastisch ausgebildetes Blut herabsickerte, aus dem fernen Arizona über sechs andere Stationen bis in dieses Tal und in die Burns Road geschleppt. Dort ließen wir uns dann nieder. Unser Wohnzimmer war mit einer urtümlichen veloursbezogenen Kopie der Sofas aus der Pionierzeit ausgestattet, und Jesus hing an einer grellorangen Samttapete, die einfach über die Holzvertäfelung geklebt worden war, so dass sich deren Fugen als hohle, dunklere Streifen abzeichneten. Klebrige Wollfäden (als hätte jemand Honig verschüttet und anschließend aufgesaugt) wallten wie Seegras ungehindert über den Boden. Unseren Hinterhof schmückten Betonminiaturen der Tiere auf dem Bauernhof, in Paaren oder Grüppchen aufgestellt – weiße Küken, kleine Kühe mit rosafarbenen Eutern, Hennen, die sich um einen Hahn scharen, ein Esel mit Sombrero –, und wenn wir zu einem meiner Arzttermine in die Stadt fuhren, hielt Mom mit Adleraugen Ausschau nach Ergänzungen für ihre Hinterhofmenagerie. Ich erinnere mich noch gut, wie Dad damals war: wie eine Seekuh, dick, weich, blank geschrubbt, als habe man ihn auf seinem Fernsehsessel durch eine Autowaschanlage gerollt. Nackte bleiche Haut von der Farbe weißen Tons spannte sich über seinen mächtigen Bauch. Nichts hören. Nichts sehen. Nichts sagen. Aus dem abgedunkelten Wohnzimmer unseres Trailers drang nichts – bis auf den gelegentlichen Ausbruch dröhnenden Gelächters über das endlose Geblödel von Hawkeye und Hunnicut. Einmal, als ich sieben war, lag ich im Bett und war gerade am Einschlafen, als Dad rief: »Siiisssy! Siiissssy!« Ich dachte mir, es sei irgendetwas passiert, sprang auf und stolperte in meinem Schlafanzug mit den angenähten Füßen durch den Flur. »Mach mir ein paar Scheiben Toast, ja?« Dad hatte die Hände über dem Bauch gefaltet, die dicken Waden auf die...