E-Book, Deutsch, 448 Seiten, E-Book Epub
Grand Späte Vergeltung
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8412-1321-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 448 Seiten, E-Book Epub
ISBN: 978-3-8412-1321-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Grand erinnert an Fred Vargas.' France Culture. In einer nordfranzösischen Kleinstadt wird die Leiche der drogenabhängigen Pauline gefunden. Der Schuldige scheint schnell ausgemacht: Ein Geldeintreiber, der für die illegalen Kredithaie arbeitet, bei denen Pauline eine hohe Summe geliehen hat. Wenige Tage später wird eine weitere Person ermordet, und die Polizei steht vor einem Rätsel. Doch dann stößt Kommissar Erik Buchmeyer, der die Gegend wie kein zweiter kennt, auf eine Spur, die ihn direkt in die Vergangenheit des Ortes führt. Und je länger er sich mit den damaligen Ereignissen beschäftigt, desto größer wird seine Gewissheit, dass auch nach über 30 Jahren Vergangenes längst nicht vergessen ist. Ein temporeicher Thriller, der von seiner Atmosphäre und den überzeugenden Charakteren lebt.
Emmanuel Grand, geboren 1966 in Versailles, wuchs an der französischen Atlantikküste der Vendée auf. Heute lebt er mit seiner Frau und seinen vier Töchtern in der Nähe von Paris und arbeitet als Webdesigner. Bei Rütten & Loening erschienen bisher seine Romane 'Der fremde Bretone' und 'Späte Vergeltung'.
Weitere Infos & Material
Douve
1944. Brazzaville.
»Immer wieder heißt es, dass dieser Krieg mit einer sogenannten Befreiung der kolonisierten Völker enden muss. Im großen kolonialen Frankreich gibt es jedoch weder Völker, die befreit, noch rassische Diskriminierungen, die abgeschafft werden müssen. Es gibt Bevölkerungen, die sich französisch fühlen. Denen es darum geht, einen größeren Anteil am demokratischen Leben und an den demokratischen Institutionen Frankreichs zu haben. Frankreich ist bereit, ihnen das zu gewähren. Es gibt Bevölkerungen, die wir Schritt für Schritt in die Mündigkeit führen wollen. Die reifsten unter ihnen werden am politischen Prozess beteiligt werden, doch sie werden unter Unabhängigkeit nie etwas anderes verstehen als die Unabhängigkeit Frankreichs.«
René Pleven, Kolonialminister
Konferenz von Brazzaville, 30. Januar 1944
Juli 1952. Haiphong.
Der Scout Car kroch langsam auf der Straße voran, die sich zwischen den Reisterrassen des Flussdeltas hinschlängelte. Auf beiden Seiten lagen schlammige, überschwemmte Felder, auf denen Bauern mit bloßen Händen den Boden umgruben. Unter der drückenden Hitze wiederholten sie mit ihren Strohhüten auf dem Kopf endlos die immer gleichen Bewegungen. Von Zeit zu Zeit konnte man phlegmatische Büffel sehen, die ihre schweren Körper über die Erddeiche schleppten. Kinder lagen auf ihren Rücken und trieben die Tiere mit Tampenschlägen und hellen Rufen an. Gerade vor denen musste man sich in Acht nehmen. Der Konvoi brauste vorbei und wirbelte eine Staubwolke auf. Die Bauern hoben nicht einmal mehr den Kopf, so viele sahen sie vorbeifahren. Zumindest war das der Eindruck, den sie vermitteln wollten. Doch Korporal Douve und seine Kameraden wussten, dass die Nhaqués sie aus den Augenwinkeln genau beobachteten.
Der M3A1 Scout Car war ein mittelmäßiger Panzerspähwagen aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Panzerung war zu dünn und der Motor zu schwach, die Aufhängung stammte von einem zivilen Lastwagen – vollkommen ungeeignet für die unwegsamen Pisten, auf denen er vom Expeditionskorps benutzt wurde, um zwischen den Militärbasen und vorgeschobenen Außenposten im Dschungel hin- und herzufahren. Hunderte dieser Fahrzeuge hatte sich die französische Armee von den Amerikanern andrehen lassen, die darin eine gute Möglichkeit sahen, sich ihrer alten Karren zu entledigen und gleichzeitig zu zeigen, dass sie ihre treuen Alliierten unterstützten. Auf der Ladefläche des Scout Cars waren drei Maschinengewehre fixiert, ein M2 und zwei leichte Brownings.
Gérard Dubus, genannt Gégé, saß am Steuer. Charron, der Leutnant, bediente das zentrale Maschinengewehr. Auf den seitlichen Posten saßen Douve und Jo Barjo. Ständig auf der Hut vor Heckenschützen, suchten sie die Reisfelder und Schlammdeiche ab. Hinter ihnen schob sich in einer braunen Wolke der GMC-Truck voran. Er war voller Kies und Zementsäcke, die sie bis zu den Vorposten in der Region Phu Tho transportieren sollten.
Erst gegen drei Uhr nachmittags hatten sie den Laster endlich fertig beladen, Charron war deswegen immer noch wütend. Die Président Durand, ein bis zur Bordkante voll beladenes Frachtschiff aus Marseille, hatte im Hafen von Haiphong Vorrang bekommen. Drei Stunden Fracht löschen, drei Stunden Verspätung. Alle Docker abkommandiert. Sie entluden Berge von Mehl, Bier, Sardinen in Öl, cassoulet und Sauerkraut, ein Geschenk des Mutterlands an seine Kolonien in den Tropen. Douve hatte sich schon oft gefragt, wie sich diese Flachpfeifen in der Verwaltung die Situation in Indochina eigentlich vorstellten, und ob sie wirklich glaubten, dass man sich an ihrem verdammten cassoulet satt essen würde. Das Delta und der Dschungel waren so heiß und feucht wie der Arsch des Teufels selbst. Die Vegetation drang brüllend, braun, faserig, verwickelt aus der Erde. Verdrehte Baumstämme voller Borsten. Die Zweige weich, die Blätter riesig, dick wie Karton oder voller Stacheln. Das Gras auf dem Boden war so hart und scharf, dass es einem die Füße zerschnitt. Eine Kuh aus der Normandie hätte sich an diesem Teufelszeug glatt den Bauch aufgeschlitzt.
Charron und seine Männer hatten zugeschaut, wie erst die Verpflegungskisten und dann, als der Frachter seine Laderäume weit aufgemacht hatte, das Kriegsgerät an ihnen vorbeizog. MAS-Gewehre, M1-Karabiner, Maschinenpistolen, Mörser, Kanonen, MGs, Bazookas, Munition, Ersatzteile und acht amerikanische M3-Halftracks, die verbesserte Version des Scout Cars. Dann musste der Papierkram erledigt werden. Um vier Uhr nachmittags hatten sie gerade mal zwanzig Kilometer in Richtung Hanoi geschafft.
Douve drehte seinen Kopf nach hinten und warf einen strengen Blick auf Dreyer, den Fahrer des GMC. Scheiß boche. Der und der andere, Nha Thang, ein hagerer Thai, der den Kopiloten machte, die hatten immer ihren Spaß. Fast könnte man meinen, sie legten es darauf an, dem Rest der Truppe auf den Senkel zu gehen. Als ihnen im Hafen von Haiphong ein Vietnamese im Pyjama erklärt hatte, dass sie mit dem Einladen warten mussten, protestierte Dreyer nicht einmal. Er hatte sich einfach zu Charron und seinen Männern umgedreht und grinsend mit den Schultern gezuckt. Sein Thai machte es genauso, nur diskreter.
Drei Stunden Verspätung. Ein dreimal so hohes Risiko, einer Vietminh-Kolonne in die Arme zu laufen. Aber die zwei Arschlöcher lachten sich trotzdem schief. Was hätte Douve darum gegeben, mit dem einen auf den anderen einzuschlagen. Auch Barjo kribbelte der Finger am Abzug seines Maschinengewehrs. Doch Dreyer und Nha Thang mussten sich keine Sorgen machen, das wussten sie nur zu gut. Dieser Scheißdeutsche war unersetzbar. Er war ohne Übertreibung der beste Mechaniker zwischen Tonkin und Cochinchina. Und zwar war er nicht nur irgendein Schönwetter-Schrauber, sondern ein echter Buschmechaniker. Ein Kerl, der einen Dieselmotor mit Draht und ein paar Stücken Bambus reparieren konnte. Das war Gold wert. Er wusste es genau, und das machte ihm Spaß.
Die schwüle Hitze zermürbte die Soldaten. Mit freiem Oberkörper und Strohhüten auf dem Kopf hielten sich Douve und Barjo an ihren Waffen fest. Der Leutnant wusste, dass sie niemals vor Einbruch der Dunkelheit in Phu Tho ankommen würden. Natürlich hätte er Dubus einfach befehlen können, das Marschtempo anzuziehen, und Gérard hätte mit großem Vergnügen aufs Gaspedal getreten, doch das hätte das Material zu sehr strapaziert. Versorgungslinien waren die Lieblingsziele der Vietminh. Sie kamen in die Dörfer, rekrutierten ein paar Bauern, drückten jedem ein Gewehr und eine Granate in die Hand und gaben ihnen den Befehl, gegen die erstbesten Franzosen loszuschlagen, die sie sahen. Die Kommunisten waren Meister der Überzeugungskunst und die Nhaqués hatten keine andere Wahl, als die Befehle auszuführen. Also musste man doppelt so gut aufpassen und langsam fahren, denn diese Saukerle verschmolzen geradezu mit der Landschaft. Hinter jedem Busch, Grasbüschel oder Erdhügel lauerte die Gefahr.
Während der Durchquerung des Deltas brummten ohne Unterlass Flugzeuge über ihren Köpfen. Das hatte etwas Beruhigendes. Deren Bomben konnten jeden feindlichen Angriff in einem Sekundenbruchteil ausradieren. Doch gleichzeitig belastete es auch die Nerven, als ob ständig eine Alarmglocke ihn ihren Ohren schrillte. Zwei Mal bestrich Douve ein Reisfeld mit Maschinengewehrfeuer. Barjo leerte sein Magazin in ein Gebüsch, in dem er glaubte, einen schwarzen Büffel gesehen zu haben. Die Schlitzaugen benutzten sie manchmal als Deckung, um sich den Konvois zu nähern. Charron hatte zwar nicht geschossen, aber während der ganzen Fahrt die Kiefer so sehr zusammengebissen, dass seine Zähne nun noch ein wenig mehr abgeschliffen waren.
Der Konvoi passierte Hanoi um fünf Uhr abends. Der Leutnant entschied, Richtung Viet Tri weiterzufahren, ein strategisch wichtiger Punkt, an dem der Klare Fluss in den Roten Fluss mündete. Die französische Armee betrieb dort einen befestigten Stützpunkt.
Sie erreichten das Fort bei Einbruch der Nacht. Die Männer verstauten ihre Waffen und das Marschgepäck. Dreyer hatte ein ungewohntes Geräusch ausgemacht und steckte den Kopf unter die Motorhaube, während Nha Thang in die Kantine ging und mit zwei Schalen Reis und cassoulet zurückkam.
»Ein echtes kleines Paar, diese beiden«, scherzte Dubus, als er mit seinem Rucksack auf der Schulter vom Scout Car sprang.
»Wenn ich die erwische, wie sie sich hinter einem Busch verstecken – taktaktaktaktak«, versetzte Barjo.
»Das würde mich wundern«, sagte Douve. »Ich hab Dreyer mal mit einer Bande von Legionären in einem Puff in Hanoi gesehen. Er hat mich nicht bemerkt, aber ich schwör euch, dass er es war.«
Sichtlich enttäuscht schulterten die zwei Soldaten ihre Rucksäcke.
»Heute Abend müsst ihr ohne mich auskommen, Jungs. Ich bin mit Charron beim Colonel eingeladen.«
»Man hört, es gibt Champagner!«, sagte Dubus.
»Und ’ne Ordonnanz, die ihm schöne Abendessen kocht, mit frischem Fleisch und Gemüse«, fügte Barjo hinzu.
»Ihr kriegt dann meinen Bericht«, sagte Douve mit einem Grinsen, bevor er zu seinem Zelt marschierte.
Colonel Florac ähnelte in keinem Punkt den alten Trotteln aus Hanoi oder Saigon, die ihre Gäste mit demonstrativ an die weiße Uniform gehefteten Orden empfingen und dann lang und breit ihre unschlagbaren Theorien zum Besten gaben, wie man General Giap fertigmachen konnte. Nein, Florac war ein echtes Frontschwein, ein großer Kerl mit sonnengebräuntem...




