Gralle | Der Geschmack des Wunders: Historischer Roman | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Gralle Der Geschmack des Wunders: Historischer Roman


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95764-212-7
Verlag: Hallenberger Media Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-95764-212-7
Verlag: Hallenberger Media Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Jahr 555 wird Treveris an der Mosella von der Nachricht erschüttert, dass der wohlhabende Tuch- und Weinhändler Arbeo, der am Fieber gestorben war, durch ein Wunder wieder ins Leben zurückgekehrt sei.
Kurz vor der wundersamen Auferstehung hat man einen geheimnisvollen Mönch an der Totenbahre gesehen, und im Zimmer findet sich ein Stück Holz mit einem verstümmelten Zauberspruch.
Der Diakon Kilian wird von Bischof Nicetius beauftragt, den Mönch zu finden, um festzustellen, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist.
Kilian gerät in den Bann der attraktiven Susanna, Arbeos Frau, und das Unmögliche kann passieren. Plötzlich geschehen weitere unvorhersehbare Wunder...

Gralle Der Geschmack des Wunders: Historischer Roman jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Kapitel 1


Im vierzehnten Regierungsjahr Chlothachars, König der Franken, aus dem Geschlecht der Merowinger (555 n. Chr.)

Susanna lief wie ein gehetztes Tier in ihrem Zimmer auf und ab. Viel Platz für ihre Schritte blieb ihr allerdings nicht, denn in dem Raum standen ein breites Bett, zwei Truhen aus Eichenholz und drei Hocker, wobei der eine umgefallen war. Susanna blieb schließlich vor der Wand stehen, brüllte plötzlich auf, als würde man sie abstechen, und trommelte mit ihren Fäusten gegen die Ziegel. »Druhtin, uuirt uns gnadic, druhtin uuird uns gnadic! - Herr erbarme dich über uns!« schluchzte sie und preßte ihre heiße Stirn gegen die Steine.

Dann krallte sie sich mit ihren Fingern an dem alten Gemäuer fest, das noch von den Römern stammte, und stöhnte: »Arbeo! Arbeo!«

Während sie sich ihrem Schmerz hingab, wurde die Tür, die zu dem kleinen Raum führte, langsam nach innen gedrückt, und zwei Kindergesichter spähten in das dämmerige Zimmer, das nur von einem kleinen quadratischen Fenster ohne Glas erhellt wurde.

»Mutter!« rief das eine Kind, ein Junge mit halblangen, blonden Haaren, und in seiner zögernden Stimme mischte sich Angst mit Überraschung. Offensichtlich hatte er seine Mutter noch nie so schreien hören. Er schob sich durch die Öffnung, gefolgt von einem Mädchen, und beide blieben unschlüssig mitten im Zimmer stehen.

Susanna, die mit dem Rücken zu ihren Kindern stand, drehte sich um und blickte die beiden an, als müsse sie sich erst mühsam erinnern, wo sie eigentlich war.

Obwohl ihr Gesicht rot und geschwollen war und ihre rötlich gefärbten Locken stumpf wirkten, war sie trotz dieser Umstände und ihres Alters eine Schönheit geblieben. Mit ihrer geraden Nase und den fein geschwungenen Lippen, erinnerten ihre Gesichtszüge an den Ausdruck einer edlen Götterstatue. Allerdings war Susanna keine kalte, makellose Schönheit, sondern eine Frau, die durch die etwas zu weiten Nasenflügel, die breiten Wangen, das Grübchen auf der linken Seite, wenn sie lächelte, und die lebhaften, dunkelgrünen Augen, menschliche Wärme und Vitalität ausstrahlte.

Susannas Körper war nach drei Schwangerschaften zwar nicht mehr so straff wie früher, und die Brüste hatten ihr Volumen eingebüßt, ein Eckzahn fehlte, und an ihren Beinen kamen die Krampfadern durch, aber die Buttersalbe, die sie selbst herstellte und seit zwei Jahren jeden Abend dünn auftrug (nicht zuviel davon, sonst wurde der Geruch zu stark), hatte die Falten der Dreißigjährigen noch ein wenig zurückgehalten und ihre helle Gesichtshaut davor bewahrt, grau und ausgelaugt zu wirken.

Auf die meisten Leute machte Susanna zunächst einen beherrschten und freundlichen Eindruck, aber wer sie näher kannte, wußte, daß es Augenblicke gab, wo die Gefühle überwogen. So wie in diesem Augenblick.

»Kommt her, ihr braucht keine Angst zu haben«, sagte sie heiser zu ihren beiden Kindern und wischte mit der Hand über ihr Gesicht. »Manchmal muß man schreien, wenn es einem zuviel wird.«

Rado und Radagunt kamen näher und kuschelten sich in den Stoff des langen Leinenkleids, das mit einer Fibel an der Schulter und mit einem breiten Ledergürtel um die Taille zusammengehalten wurde.

Susanna strich über die beiden ungleichen Köpfe, fuhr mit ihrer Hand durch Rados glatte Haare, die er von seinem Vater geerbt hatte und griff nach den schwarzen Locken ihrer Tochter.

Es war noch zu früh, ihren Kindern zu erzählen, was der Tod ihres Vaters Arbeo für sie alle bedeutete. Das würden sie noch früh genug zu spüren bekommen.

Ja, Arbeo war tot! Unfaßbar! Gestern noch hatte Susanna den Toten geschüttelt und umarmt, als könnte sie ihn mit ihrer Körperwärme lebendig machen. Aber seine Arme hatten leblos heruntergehangen und hoben sich nicht mehr, um ihr Gesicht zu streicheln.

Jetzt lag der Tote am anderen Ende des Innenhofs im Gästezimmer auf einer einfachen Bahre. Die Arme auf der Brust gekreuzt und die Füße nach Osten ausgerichtet, wurde er von einer Magd bewacht.

Nachdem die drei sich eine Weile stumm umarmt hatten, sagte Rado unvermittelt: »Ich habe die Mathematikaufgaben versäumt, weil... weil wir meine Rechensteine nicht finden konnten.« Es hörte sich an, als sei der Junge darüber erleichtert.

»Vielleicht hast du sie versteckt?« schlug Radagunt vor und drückte sich enger an die Mutter, weil sie wußte, daß ihr Bruder jetzt wütend wurde. Aber es war einfach schön, ihn zu ärgern.

»Das stimmt nicht!« rief Rado aufgebracht. »Das ist eine gemeine Lüge. Paß auf, ich werde dir zeigen...«Er wollte nach den Locken seiner Schwester greifen, aber die hatte das schon geahnt und sich hinter den Rücken ihrer Mutter geflüchtet.

»Warte nur, ich krieg dich«, stieß Rado hervor und wollte seine Schwester fangen, aber die war inzwischen hinter eine der Truhen gerannt, wo er sie nicht gleich packen konnte. Trotzdem beugte sich Rado nach vorn und erwischte Radagunts Handgelenk.

»Au! Du tust mir weh!« kreischte sie.

Jetzt griff Susanna ein und trat dazwischen, packte beide am Genick und schüttelte sie wie zwei junge Hunde. »Euer Vater liegt nur ein paar Schritte weiter auf seinem Totenbett, und ihr habt nichts Besseres zu tun, als euch zu streiten! Schämt euch!«

»Aber sie hat behauptet...«, fing Rado wieder an.

»Schluß jetzt!« unterbrach ihn seine Mutter. »Geht mir aus den Augen! Dieser Tag ist hart genug. Ich will euch eine Zeitlang nicht sehen...«

Rado und Radagunt schlichen nach draußen, und Susanna verriegelte von innen die Tür. Das tat sie nicht oft, vor allem nachts war es ihr verboten, damit ihr Mann sie jederzeit aufsuchen konnte, wenn ihn der Hunger nach Susannas Umarmungen wachhielt. Nun, auch das hatte jetzt aufgehört.

Durch das geöffnete Fenster hörte Susanna Stimmen, die mal lauter, mal leiser wurden. Ein kleines Kind schrie irgendwo, und ein schlecht geöltes Rad quietschte. Aber diese Geräusche aus der Stadt Treveris (Die heute üblichen geographischen Namen von Städten und Landschaften befinden sich in einem Glossar im Anhang. Anm. d. Aut.) drangen bei Susanna nicht in ihr Bewußtsein. Sobald ihre Kinder den Raum verlassen hatten, stürmten die schwarzen, verzweifelten Gedanken wieder auf sie ein, als ob sie in der Ecke gewartet hätten, um sie nun mit neuer Kraft anzufallen.

Arbeo war tot. Sie konnte es nur schwer begreifen. Die Wadenwickel und die feuchten Umschläge, die Gebete des Priesters, selbst die verbotenen Zauberformeln, die Susannas Schwester Ansegud heimlich am Krankenbett gemurmelt hatte, all das hatte nichts mehr genützt.

Das Fieber Arbeos war nicht zurückgegangen. Zäh hatte es sich in dem kräftigen Körper gehalten und in seinem Inneren rumort wie ein feuriger wilder Dämon, der sich nicht verscheuchen ließ. Arbeos ganze Kraft hatte dieser Fieberdämon aufgefressen, und schließlich war er unsichtbar aus seinem Mund geflohen, als der Mann erschöpft zusammensank und starb.

Frau Susanna war nicht zimperlich. Sie hatte schon einiges in ihrem Leben mitgemacht: den Tod ihres Onkels beim Kampf der Frankenkönige gegen die Burgunder. Damals war sie noch ein Kind gewesen. Und später: eine Flut, Hungersnöte, einen Hausbrand, den Tod ihrer ersten Tochter Landina, das mühselige Sterben ihrer zweiten Schwester... Aber daß nun auch noch ihr Mann gestorben war, das wollte sie nicht begreifen.

Der Verlust war nicht deshalb so schmerzlich, weil sie ihren Mann über alles liebte. Liebe - dieses Wort wandte man nicht unbedingt auf das offizielle Zusammenleben von Mann und Frau an. Dafür war die Lebensgemeinschaft viel zu wichtig, als daß sie sich von derart schwankenden Gefühlen tragen ließ. Wenn ein Mann und seine Frau zusammenlebten, dann war das ein wichtiger Stein im Sozialgefüge, eine Ordnung, die dafür geschaffen war, Kinder zu gebären und einen Lebensraum zu schaffen. Vielleicht flackerte gelegentlich eine Andeutung von Zärtlichkeit auf, wenn man zusammenlag und nicht schlafen konnte oder wenn man Kinder zeugte. Ging es gut, dann hatte die Frau auch etwas davon. Und Susanna war es gut gegangen.

Nein, es war nicht das überwältigende Liebesgefühl für den Toten, das Susanna verzweifeln ließ und das sie drängte, mit den Fäusten gegen die Ziegelwand zu trommeln und Arbeos Namen hinauszuschreien. Auch nicht der Tod an sich machte ihr zu schaffen, dem begegnete man andauernd, und er machte vor niemandem Halt. War nicht vor kurzem sogar König Theudobald gestorben?

Die Verzweiflung über Arbeos Tod kam vielmehr durch die Unsicherheit, die nun ihr Leben begleiten würde, denn die selbstverständliche Versorgung durch einen Mann fehlte. Da Susanna nur die zweite Frau Arbeos war, und eine sogenannte Friedelehe führte, eine Art legalisierte zweite Beziehung, blieb nicht viel übrig an Schutz und an Versorgung. Die erste Frau Arbeos, die Merofled hieß und in einem anderen Zimmer der umgebauten römischen Villa wohnte, war die eigentliche Frau Arbeos. Sie würde sich keine Zukunftssorgen machen müssen, da sie Arbeos Besitz erben würde.

Noch vor ein paar Tagen hatte Susanna abends beruhigt einschlafen können, weil sie wußte, daß es etwas zu essen, zu trinken und anzuziehen gab. Das war nun vorbei.

Auch wenn sie sich mit Merofled, Arbeos erster Frau, nicht immer verstanden und sie sich gegenseitig oft angegiftet hatten, war das Leben geschützt gewesen wie hinter einer breiten Mauer, die einen Garten umgab. Jede hatte ihren Platz...

»Wo werde ich wohnen?« murmelte Susanna, während sie wieder hin und her ging. »Ich muß zurückgehen ins Dorf, zurück zu Großvater und zu meiner Schwester Ansegud...« Susanna schüttelte energisch den Kopf, als sie an das Lehmhaus...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.