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Grahl | MARCUS (Band 1) | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 410 Seiten

Reihe: Marcus

Grahl MARCUS (Band 1)

Lauf so schnell du kannst
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7531-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Lauf so schnell du kannst

E-Book, Deutsch, Band 1, 410 Seiten

Reihe: Marcus

ISBN: 978-3-6957-7531-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Kind rennt durch die Nacht, auf der Flucht vor einem unaussprechlichen Verbrechen. Ein ganzes Land hält den Atem an. Marcus ist zehn Jahre alt, als er sich auf den Weg macht, auf Feldwegen, entlang von Bahnlinien, durch kleine Orte und große Städte. Er begegnet Menschen, die ihm helfen, ihn prägen oder ihn tiefer in seine Ungewissheit treiben. Während die Ermittler im Dunkeln tappen, sucht Marcus seinen eigenen Weg, nie sicher, wie lange er an einem Ort bleiben kann, unfähig zur Bindung. "Lauf so schnell du kannst" ist der erste von zwei Teilen einer Erzählung aus Nahland, einem Phantasieland, welches gleichzeitig fremd und vertraut wirkt - eine stille, eindringliche Geschichte über Flucht, Orientierung, Sehnsucht und die Suche nach Halt in einer Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten ist.

R. G. Grahl schreibt stille, atmosphaerische Prosa ueber Menschen in Grenzsituationen, die ihren Weg durch eine bruechige Welt suchen. Seine Figuren sind oft eigenwillig, verletzlich und von einer leisen Fremdheit umgeben. "Lauf so schnell du kannst" ist sein literarisches Debüt und der erste Teil der Nahland-Erzählungen.
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2


Die Sonne – warm und freundlich erhob sie sich über das Meer, welches beinahe lautlos den weißen Sandstrand streichelte. Ein Morgen wie aus dem Bilderbuch. So stand er dort und beobachtete die Möwen, die auf der Suche nach Nahrung über dem Ufer kreisten – strich sich durch sein weißes, aber noch fülliges Haar. Auf seine Mitarbeiter wirkte er – 1,90 Meter groß und mit einem stattlichen Bauch ausgestattet – fast einschüchternd, wären da nicht sein dürres, zerklüftetes, von Falten gezeichnetes Gesicht, die aschfahle Haut – die hinter den gesenkten Lidern versteckten Augen. Zwischen seinen schmalen Lippen brannte eine Zigarette nach der anderen ab. Die Kippen verschwanden in einer seiner Hosentaschen. Er trug einen Anzug in Beige, darunter ein weißes Hemd und eine blaue Krawatte, dazu schwarze Slipper – Sachen, die – neu – einiges gekostet hatten. Doch an Bernd Neumann – abgetragen und zerknautscht – wirkten sie nicht elegant.

Er hielt inne, blickte auf das Meer – dachte nach. Nachdem er seine Schachtel Zigaretten geleert hatte, drehte er sich um und ging schweren Schrittes zurück in Richtung der Düne, stieg hinauf und sog die Landschaft dahinter auf: Hochgewachsenes Gras, vereinzelt Apfel- und Kirschbäume, weiter entfernt ein Weizenfeld – dann wieder ein Deich. Mittendrin eine enge, aber asphaltierte Straße und direkt vor ihm – eingezäunt – ein paar Bungalows und ein zweistöckiges Haus, eine weite Rasenfläche, ein Sandplatz mit einem Volleyballnetz in der Mitte. Ein Holzzaun umgab das Gelände – die grüne Farbe an vielen Stellen abgesplittert. Zur Straße hin befand sich ein großes offenstehendes Tor, nach hinten zum Meer nur eine kleine – angelehnte – Tür.

Bernd Neumann öffnete sie und trat auf das Gelände. Er bahnte sich seinen Weg durch uniformierte Polizisten, Einsatzfahrzeuge, Kranken- und Leichenwagen – sah Kollegen ratlos auf dem Boden sitzen. Einer hatte auf seine Hose gebrochen. Neumann klopfte ihm auf die Schulter – ein unbeholfener Versuch, Trost zu spenden. Sogar ihm, der während seiner langen Dienstzeit – so dachte er – schon alles gesehen hatte, wurde beim Anblick des Tatorts übel. Es gelang ihm gerade so, sein Frühstück bei sich zu behalten. Als Sechzehnjähriger hatte er 1957 seine Ausbildung im Polizeipräsidium in Hambten begonnen, war einige Jahre Streife gefahren und wurde schließlich ins Dezernat für Tötungsdelikte versetzt. Dort arbeitete er sich akribisch durch die Aufklärung zuvor schon zu den Akten gelegter Mordfälle nach oben, bis er zum Leiter des Hauptdezernats für Tötungsdelikte des Staates Endstadt/Kreis ernannt wurde. Damit war seine Arbeit als aktiver Ermittler beendet. Er kümmerte sich um Verwaltungsangelegenheiten und wurde nur in besonders kniffligen Fällen zurate gezogen. Doch hier war alles anders. Der ermittelnde Beamte rief ihn sofort an den Tatort.

Zwei Polizisten kamen ihm mit einer Barre entgegen. Ein weißes Tuch deckte eine etwa einen Meter dreißig große Person – ein Kind! – zu. Nach dem zwanzigsten vergaß er zu zählen.

Neumann trat durch die Tür eines der Bungalows. Er sah in den Raum, sah die leeren und halbvollen Bier- und Weinflaschen, sah die riesige Blutlache und die Menschen, die darin auf dem Boden lagen. Zwölf hatte er gezählt – fünf Frauen und sieben Männer – offensichtlich erschossen. An der Wand lehnte sein Assistent, der ebenfalls Neumann hieß. Beide waren weder miteinander verwandt noch verschwägert. Optisch das genaue Gegenteil zu seinem Vorgesetzten war Stefan Neumann klein, untersetzt und trug eine Uniform. Sie waren Duzfreunde.

„Die Leichen sind immer noch nicht zugedeckt“, stellte Bernd Neumann fest.

Sein Assistent erklärte: „Die Spurensicherung wollte zuerst mit den Kindern fertig werden.“

„Wie viele Tote zählen wir?“

„Sechzig mittlerweile. Das ist vermutlich die endgültige Zahl!“

„Also die zwölf hier und achtundvierzig Kinder?“

„Nein, sechsundvierzig. Wir haben noch zwei weitere Betreuer nebenan gefunden!“

„Das möchte ich sehen!“

Stefan Neumann führte seinen Chef aus der Tür und hinein in ein anderes Gebäude.

Die beiden blickten auf ein Bett und direkt auf das nackte Gesäß eines Mannes – unter ihm eine Frau, von der sie nur die Beine erkennen konnten

„Mehr muss ich nicht sehen!“, winkte Bernd Neumann ab. „Alles Weitere finde ich im Bericht der Spurensicherung! Ich möchte noch einen Blick in die Kinder-Schlafräume werfen. Gibt es eins, aus dem die Leichen noch nicht abtransportiert sind?“

„Ja, eins der Jungen-Zimmer!“

Sie liefen quer über den Hof in das zweistöckige Haus. Vor dem Fenster kniete ein Mann, sammelte mit einer Pinzette etwas Sand auf und verschloss ihn in einer Ampulle.

Bernd Neumann ging direkt auf die Doppelstockbetten zu. Die Kinder waren bereits zugedeckt. Er deckte einen der oben liegenden Jungen ab – sah die weit geöffneten Augen und die blau angelaufenen Lippen, das Oberteil des Schlafanzugs – an vielen Stellen durchstochen und nur an den Rändern der Löcher blutig.

„Wer tut so etwas? Das ist ein verfluchtes Kinderferienlager!“, entfuhr es Bernd Neumann.

Sein Assistent zuckte mit den Schultern. Er sah auf das Bett darunter.

„Es ist leer. Wurde der Junge schon abtransportiert?“

In dem Moment mischte sich der großgewachsene, glatzköpfige Mann mit der Pinzette – Philipp Bender von der Spurensicherung – in das Gespräch ein: „Es war leer!“

„Wie, es war leer? Das Bett ist bezogen! Ist er vorher abgereist?“

Stefan Neumann stand abseits neben dem Kleiderschrank. „Hier sind auch Sachen von sechs Kindern zu finden!“

„Es kann auch jemand seine Kleidung auf zwei Fächer verteilt haben“, antwortete Bernd Neumann.

„Das glaube ich nicht. Vor dem Bett stehen zwei Paar Hausschuhe unterschiedlicher Größe! Die werden nicht beide dem Jungen im oberen Bett gehören“, warf Bender ein. „Ich habe weitere Spuren entdeckt! Auf dem Fensterbrett befindet sich Sand. Ein wenig davon ist auch im Zimmer verteilt. Zudem war das Fenster anders als in den anderen Zimmern weit geöffnet. Es hat gestern am frühen Abend leicht geregnet, weshalb die Spuren im nassen Sand vor dem Fenster noch gut zu erkennen sind. Ältere Spuren sind natürlich verwischt!“

„Spuren vor dem Fenster? Sind die Täter durch das Fenster eingestiegen?“, wollte Bernd Neumann wissen.

„Nein, es sieht so aus, als habe der Junge diesen Raum lebend verlassen. Schau mal, hier sind mehrere Fußspuren, die von dem gleichen Paar Schuhe kommen. Von den Sohlen aus lässt sich das nicht exakt bestimmen, aber es dürfte in etwa Größe 37 bis 38 sein. 38 ist auch die Größe der Hausschuhe, die vor dem leeren Bett stehen. Schauen Sie sich die Anordnung der Spuren an. Wir haben zwei, die herausführen und eine, die hineinführt. Er ist also heraus, hinein und wieder heraus. Wobei die Abdrücke von zwei der Spuren eher darauf schließen lassen, dass er geschlichen ist. Links vom Fenster weg und dann immer an der Wand entlang – und genauso zurück.“

„Nicht andersherum?“, fragte Bernd.

„Wie? Andersherum?“

„Na, erst hinein und dann raus! Es könnte auch ein Besucher aus einem anderen Zimmer gewesen sein.“

„Die hereinführende Spur überlagert die herausführende an einigen Stellen. Es ist definitiv jemand nach dem Regen heraus und wieder hereingeschlichen. Man kann sogar sehen, dass er beim Herausgehen an der Hausecke stehen blieb.“

„Vielleicht hat er geschaut, ob die Luft rein ist. Fragt sich nur, wo er hinwollte?“

„Auf die Toilette?“, fragte Bender.

„Möglich, aber warum hätte er dafür aus dem Fenster klettern sollen? Der nächtliche Gang zur Toilette war bestimmt nicht verboten. Er wollte höchstwahrscheinlich woanders hin – vielleicht weglaufen oder ein Mädchen treffen. Was ist mit der dritten Spur?“

„Diesmal hatte er es eilig. Er ist aus dem Fenster gesprungen und davongelaufen – nicht an der Wand entlang, sondern quer über den Hof!“

„Okay, danke Bender. Suchen Sie noch den Rest des Geländes ab! Sagen Sie mir Bescheid, falls Sie die Spur wiederfinden – und nur mir!“

Bender nickte und verließ den Raum. Neumann setzte sich auf einen der Stühle, um seine Gedanken zu ordnen. Warum bricht jemand in ein Kinderferienlager ein und tötet sechzig Menschen? Warum lagen alle bis auf zwei Kinder in ihren Betten und sahen aus, als schliefen sie friedlich? Nur ein Mädchen fand man noch auf der Toilette.

Neumann wandte sich seinem Assistenten zu, der die vorangegangene Unterhaltung aufmerksam verfolgt hatte.

„Er hat sich also herausgeschlichen und dann wieder hinein. In der Reihenfolge – das wissen wir. Dann sprang er aus dem Fenster und lief fort....



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