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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 8, 464 Seiten

Reihe: Journalistin Linda Roloff

Graf Wolfsgebiet

Kriminalroman
2024
ISBN: 978-3-8392-6104-0
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 8, 464 Seiten

Reihe: Journalistin Linda Roloff

ISBN: 978-3-8392-6104-0
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Wolf ist zurück im Schwarzwald. Seit ein einzelnes Tier dutzende von Schafen getötet hat, ist der Nordschwarzwald Wolfsgebiet. Als im Wald neben der Leiche eines Mädchens Wolfsspuren im Schnee gefunden werden, steht der graue Jäger als Täter fest. Doch die Tübinger Journalistin Linda Roloff stößt auf Spuren, die auf einen kaltblütigen Mörder schließen lassen, der mit Isegrims Waffen tötet. Zusammen mit dem afrikanischen Safariführer Alan Scott sucht sie nach der Fährte des Wolfs und macht dabei eine grausame Entdeckung ...

Edi Graf, Jahrgang 1962, studierte Literaturwissenschaft in Tübingen und arbeitet als Moderator und Redakteur bei einem Sender der ARD. Zuhause ist er in Rottenburg am Neckar. Seit über 30 Jahren bereist der Autor den afrikanischen Kontinent und lässt neben seinen Protagonisten, der Journalistin Linda Roloff und ihrer Fernliebschaft, dem Safariführer Alan Scott, die gemeinsam zwischen Schwarzwald und Afrika ermitteln, auch Tierwelt und Natur tragende Rollen zukommen. Er greift aktuelle und bewegende Themen auf und liefert dazu detailliert recherchierte Hintergründe, die er geschickt in den Plot integriert. Durch authentisch beschriebene reale Handlungsorte haucht er seinen Krimis Echtheit und Leben ein.
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5


Das schrille Scheppern der Haustürglocke riss Harald Haag aus dem Schlaf. Er schielte auf seinen Wecker und erkannte durch die Lamellen der herabgelassenen Jalousien, dass es draußen schon hell war. Kurz nach halb neun …

Früher hatte er selbst bei Spätdienst um diese Zeit längst im Bus nach Pforzheim gesessen, frisch geduscht und rasiert, den kleinen Rucksack mit der Thermoskanne Kaffee und dem Vesperbrot, das ihm seine Katja liebevoll gerichtet hatte, neben sich auf der freien Sitzbank und den Blick hinaus auf die Landschaft, die sich zwischen den Dörfern erstreckte.

Er hatte es geliebt, in der Arbeitspause im Baumarkt seinen Kaffee zu trinken und das Wurstweckle auszupacken, den Duft der groben Hausmacher Leberwurst einzuatmen und den ersten Bissen zu genießen. Eine hauchdünne Schicht Butter unter der Leberwurst musste sein, und genau so schmierte ihm Katja sein Brötchen, jeden Morgen, jeden Tag.

Seitdem er geschieden war, leistete er sich weder Butter noch Leberwurst. Nicht einmal Brötchen. Im Kühlschrank fanden sich – wenn überhaupt – drei, vier Flaschen Bier und ein Glas Essiggurken. Der Joghurt war oft abgelaufen, der Käse verschimmelt. Er war kein Hausmann. Und kein Ehemann mehr.

Nicht einmal ein richtiger Vater. Trotzdem lag im Kühlschrank immer wenigstens eine Tafel Kinderschokolade für Luisa. Mindestens. Manchmal, wenn er wusste, dass sie kam, auch ein Überraschungsei. Das mochte sie.

Der zweite schrille Schepperton der Haustürglocke schien ungeduldiger und lauter als der erste und Harald Haag wälzte sich aus dem Bett und machte Licht. Er hatte in Unterhose und Unterhemd geschlafen, zog das Hemd an, das von gestern noch auf der anderen, unbenutzten Hälfte des Doppelbetts lag, und schrie laut: »Jaaaaaa! Ich komm ja!«, als die Haustürglocke zum dritten Mal schepperte. Seit sie ihm gekündigt hatten, war er nicht mehr so früh aufgestanden.

Das Scheppern nervte noch ein viertes Mal. Da scheint es jemand verdammt eilig zu haben, dachte Harald Haag, als er in die Jeans schlüpfte, sich Wollsocken anzog und ohne Schuhe aus dem Schlafzimmer wankte. Der Flur war noch dunkel, da alle Jalousien unten waren, doch er kannte den Weg durch den L-förmigen Gang.

Statt des Schepperns dröhnte ihm nun ein dumpfes Poltern von der Haustür entgegen, Fäuste schlugen gegen das milchige Glas und Haralds Hand fuhr zum Lichtschalter, um dem Ungeduldigen zu signalisieren, dass er auf dem Weg war.

»Geht’s noch?«, fauchte er zornig und bog um die Ecke Richtung Eingang. Der Schnee im Hof leuchtete in hellem Grau. Harald Haag erkannte durch das Milchglas die dunkle Silhouette eines Mannes im Gegenlicht des sonnigen Morgens. Er sah den Schattenriss der Arme und der zu Fäusten geballten Hände, die jetzt ein Trommelfeuer gegen die Tür eröffneten.

»Sag mal, spinnst du? Hör sofort auf!«, schrie er dem Unbekannten entgegen. Der schien ihn gehört zu haben und das Faustfeuer setzte aus. Zwei Schritte und Harald war an der Tür.

»Wer ist da?«, rief er so laut, dass man es draußen hören konnte.

»Ich! Los, mach schon auf!«

Er erkannte die aufgebrachte Stimme von Role Gassner.

»Mach auf, oder ich schlag dir die Tür ein!«, drohte Role jetzt und das Faustfeuer trommelte erneut gegen die Tür.

Harald Haag zögerte. Er wusste, dass der Neue seiner Ex ein grober Klotz war und auch schon in Rottenburg eingesessen hatte, vielleicht sogar mehrmals. Drogen, Diebstahl, Sachbeschädigung, Körperverletzung. Auch er hatte mit ihm schon Auseinandersetzungen gehabt, Streitereien wegen Katja oder Luisa, doch es war nie zum Äußersten gekommen. Leere Drohungen, eine aufgeschlagene Bierflasche, ein Kratzer im Auto aus einer Wut heraus, mehr nicht.

»Los, mach auf!«, brüllte Role weiter. »Ich will zu Luisa!«

Luisa, durchfuhr es Harald. Wieso Luisa? Sie war doch gar nicht bei ihm!

Er drückte die Klinke nieder und die Tür, die er auch nachts nie abschloss, ging nach innen auf.

»Wo ist sie?«, schrie Role und schob sich zwischen Harald und der geöffneten Tür in den Flur.

»Wo ist Luisa?«

Er fuhr herum und starrte Harald mit weit aufgerissenen Augen an. Seine Hände packten ihn am Kragen und seine starken Arme drückten ihn gegen die Wand. Mit einem Fuß schob er die Haustür zu, und als sie schwer ins Schloss gefallen war, zog er Harald bis auf wenige Zentimeter zu sich heran.

Harald Haag spürte den feuchten Atem in seinem Gesicht und roch die Ausdünstung aus kaltem Kaffee, fahlem Biergeschmack und ungeputzten Zähnen. Der Mundgeruch von Role war so übel, dass ihm schleimige Galle hochkam.

»Wo – ist – Luisa?«

Role spuckte ihm die drei Worte ins Gesicht und fast berührten sich ihre Nasen, so dicht stand der Aufgebrachte jetzt vor ihm.

»Ich weiß es nicht«, stammelte Harald Haag und würgte den Schleim in seiner Kehle hinunter.

»Red keinen Scheiß!«, brüllte Role und schmetterte ihn mit den Schultern gegen die Wand, dass das Bild, das ihn mit Katja und Luisa beim Skifahren zeigte, vom Nagel sprang, zu Boden fiel und das Glas zerbarst. Das Klirren holte ihn aus seiner Teilnahmslosigkeit, er packte Roles Arme und versuchte, sich aus dessen Griff zu befreien.

»Sie ist nicht hier! Sie muss doch schon seit gestern Abend wieder bei euch sein. Ich hab sie pünktlich losgeschickt!«, ratterte er los, bevor Role weiterbrüllen konnte.

»Sie sollte gestern Abend um fünf zu Hause sein«, schrie Role weiter und lockerte seinen Griff an Haralds Hemdkragen, »war sie aber nicht!«

Er atmete schwer, sein Blick wanderte von Harald in den Flur, wo aus dem Gang um die Ecke Licht kam. Er stieß Harald noch einmal gegen die Wand, ließ ihn los und eilte dem Licht entgegen.

Harald folgte ihm wie in Trance. Role kam schon wieder aus dem Schlafzimmer zurück, das er leer vorgefunden hatte, und stieß die nächste Tür auf. Er warf einen kurzen Blick in das Zimmer, schrie laut »Luisa!« und nahm sich das nächste Zimmer vor. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche, Bad, Klo. Mehr gab es nicht in der kleinen Dreizimmerwohnung. Doch! Luisas Zimmer, gleich neben dem Hauseingang.

Harald Haag war im Flur stehen geblieben und hatte Role fluchend eine Tür nach der anderen aufstoßen sehen, wie besessen rannte er von Zimmer zu Zimmer, schlug die Türen auf und wieder zu, riss dabei weitere Bilder von den Wänden, fegte das Telefon von seinem Tischchen und kam jetzt wieder auf ihn zu.

Luisas Zimmer!

Nein, dort durfte er nicht hinein! Es war ihr Reich. Und sein Reich. Es war Luisas und sein Zimmer. Ihre Kuschelecke. Die Schummerlichtleiste an der Wand, die sie mit Fernbedienung in allen Farben leuchten lassen konnte. Er mochte es am liebsten in Rot.

Und ihre Bücher, ihre Bilder. Bilder, die sie und ihn zeigten. Liebevolle Bilder. Bilder von Vater und Tochter. Das war nichts für diesen Brutalo!

Harald Haag stellte sich Role in den Weg. Doch gegen die tätowierten Oberarmmuskeln hatte der Schmächtige keine Chance. Role hob ihn mit Leichtigkeit hoch und schleuderte ihn gegen die Tür zu Luisas Zimmer, dass sie nach innen flog und Harald in einem schmerzhaften Aufprall auf dem Boden vor Luisas Bett landete. Zusammengekrümmt blieb er auf der Seite liegen.

Role trat ins Zimmer und sah sich um. Sah die Bilder, die Lichtleiste, auf einem Stuhl Kleider, die er nie an Luisa gesehen hatte, den Teddybären neben dem Kopfkissen.

Er starrte auf die zurückgeschlagene Bettdecke.

»Luisa war heute Nacht hier!«, zischte er und versetzte dem am Boden Kauernden einen harten Tritt in die Rippen. Harald jaulte auf und schrie:

»Nein, verdammt! Sie war nicht hier! Sie ist nach Hause gegangen!«

Er zitterte, weil er nicht die Wahrheit sagen konnte.

»Und wieso sieht ihr Bett dann so aus? Sie hat hier drin geschlafen, willst du mich verarschen?«

Er stand vor dem Bett, schleuderte die Bettdecke zur Seite und starrte auf das Bild, das darunter lag.

Er ergriff die Fotografie und seine Kieferknochen mahlten.

»Du perverses Schwein! Du Mistkerl!«, brüllte er und trat und kickte mit seinem rechten Fuß wieder und wieder auf Harald ein. Der hatte sich in seiner Seitenlage zusammengerollt und seine Arme schützend über die angezogenen Knie verschränkt, doch die Tritte kamen von allen Seiten und er schrie bei jedem Schlag auf.

Role ging in die Hocke und hielt ihm das Bild vor das Gesicht: »Was macht dieses Foto in ihrem Bett, ha?«

Er knüllte den Papierausdruck zusammen und warf ihn in eine Ecke. »Was machst du in ihrem Bett?«

Harald lag wimmernd auf dem Boden und wagte es nicht, Role anzusehen. Jeden Augenblick fürchtete er einen neuen Hieb, einen Tritt in die schmerzenden Rippen, gegen seine Beine, in sein Gesicht.

»Ich … war nicht … ihrem Bett«, stammelte er. »Und … sie war … heute Nacht … nicht hier, ich schwör’s!«

»Und du?«, fauchte Role. »Wo warst du?«

Einen Augenblick lang war nur Haralds Wimmern zu hören. Role brüllte weiter:

»Ich war gestern Abend zweimal da. Es war alles dunkel und niemand da. Ich hab Sturm geklingelt! Es ging auch keiner ans Telefon. Kein Anrufbeantworter!«

»Der ist … kaputt«, brachte Harald heraus und verstärkte den Druck seiner Arme um die angezogenen Knie, jeden Moment den nächsten Tritt und einen höllischen Schmerz erwartend.

»Was hast du mit Luisa gemacht? Warum ist sie nicht nach Hause gekommen?«, fragte Role schwer atmend. »Los, raus jetzt...


Graf, Edi
Edi Graf, Jahrgang 1962, studierte Literaturwissenschaft in Tübingen und arbeitet als Moderator und Redakteur bei einem Sender der ARD. Zuhause ist er in Rottenburg am Neckar. Seit über 30 Jahren bereist der Autor den afrikanischen Kontinent und lässt neben seinen Protagonisten, der Journalistin Linda Roloff und ihrer Fernliebschaft, dem Safariführer Alan Scott, die gemeinsam zwischen Schwarzwald und Afrika ermitteln, auch Tierwelt und Natur tragende Rollen zukommen. Er greift aktuelle und bewegende Themen auf und liefert dazu detailliert recherchierte Hintergründe, die er geschickt in den Plot integriert. Durch authentisch beschriebene reale Handlungsorte haucht er seinen Krimis Echtheit und Leben ein.



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