Graf Der Notarzt - Folge 250
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-1943-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna-Lena allein zu Haus
E-Book, Deutsch, Band 250, 64 Seiten
Reihe: Der Notarzt
ISBN: 978-3-7325-1943-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna-Lena ist sauer! Ständig behandelt ihre Mutter sie, als sei sie noch ein kleines Mädchen. Dabei wird sie doch bald schon zwölf! Zu gerne würde sie am Wochenende bei ihrer Freundin Cindy übernachten und dort eine Party feiern, aber das würde ihre Mutter Nina nie erlauben. Als Nina an dem Party-Wochenende zu einem Fortbildungsseminar fährt, hat Anna-Lena die rettende Idee: Sie behauptet einfach, sie bleibe bei ihrem Vater und dessen neuer Freundin. Dass die ebenfalls verreist sind, muss ihre Mutter ja nicht wissen ...
Kaum ist Nina abgereist, bekommt Anna-Lena einen Anruf von Cindy: Die Party muss leider ausfallen, und bei ihr schlafen kann Anna-Lena auch nicht. Kurz wird der Elfjährigen übel bei dem Gedanken daran, nun das ganze Wochenende allein zu Hause zu verbringen, doch dann beschließt sie, das Beste daraus zu machen. Warum nicht eine eigene Party veranstalten? Kurzentschlossen verschickt sie eine Einladung über Facebook. Doch statt der erwarteten zehn Freunde stehen plötzlich mehrere hundert Fremde vor der Tür ...
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Als Kai Danneberg sich nach seinem Medizinstudium dazu entschlossen hatte, sich auf exotische Tiergifte zu spezialisieren, hatten ihm alle gesagt, dass es sich dabei um eine brotlose Kunst handele, und ihm prophezeit, dass er kaum jemals etwas zu tun bekommen würde.
Kai musste schmunzeln, als er eben jetzt das Institut für Tropenmedizin, in dem er seit sechs Jahren angestellt war, verließ und mit großen Schritten durch den Park eilte, an dessen anderem Ende die Sauerbruch-Klinik lag.
Seine Freunde hatten damals gewitzelt, sie würden ein Spendenkonto für ihn einrichten, denn seine Leidenschaft für giftige Viecher würde ihn nicht ernähren können. Zumindest nicht in diesem Land. Hier in Deutschland gäbe es maximal ein paar giftige Schwiegermütter, hatten sie gescherzt, und gegen die wäre noch kein Antitoxin erfunden worden.
Nun, sie hatten sich alle geirrt. Inzwischen hatte Kai kaum noch eine ruhige Minute, und sein Pieper, ohne den er nirgendwo mehr hingehen konnte, holte ihn nachts aus dem Bett und sonntags aus dem Kino. Zu seinem Leidwesen konnte er auch kaum jemals einen Urlaub genießen, ohne nicht zumindest einmal am Tag eine oder auch mehrere Stunden lang am Telefon zu hängen.
Offiziell gab es in seinem Heimatland zwar keine wirklich lebensgefährlich giftigen Tiere, aber wenn so mancher brave Bürger gewusst hätte, was in der Nachbarwohnung, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, im Geheimen hauste – ihn hätte das blanke Entsetzen gepackt! Klapperschlangen, Kobras, Mambas, Skorpione, Schwarze Witwen, Krokodile, Pfeilgiftfrösche, sogar Seeschlangen, die so giftig waren, dass ein einziger Tropfen ihres Giftes ein paar Tausend Menschen töten konnte.
Die Leute, die sich solche Tiere hielten, obwohl es gegen das Gesetz verstieß, zählten erfahrungsgemäß nicht unbedingt zu den Intelligentesten oder Zuverlässigsten. In den meisten Fällen beschränkte sich das Fachwissen der Tierhalter auf so wichtige Eckdaten wie: „Das Teil ist mords-mega-gefährlich!“ Oder: „Die Schlange stammt ursprünglich aus irgend so einem Entwicklungsland, und wenn dich die sticht, biste in zehn Sekunden alle!“
Er erinnerte sich an eine Fachsimpelei mit einem Spinnenliebhaber, der um ein Haar qualvoll am Biss einer australischen Trichternetzspinne gestorben wäre.
„Wieso halten Sie sich derart gefährliche Tiere?“
„Weil sie geil sind! Einfach nur geil! Alle Insekten sind geil!“
„Spinnen zählen aber nicht zu den Insekten.“
„Echt jetzt? Egal, geil sind sie trotzdem!“
Meistens war gar kein wirkliches Interesse für die Tiere vorhanden. Es war reiner Geltungsdrang, sich einen potenziellen Killer ins Aquarium, Terrarium oder auch schon mal in die Badewanne oder in einen Schuhkarton zu setzen.
Und es kam gar nicht so selten vor, dass einer seiner Giftnatter überdrüssig wurde und sie im Klo runterspülte, seiner Tarantel-Zucht im Park den Laufpass gab oder das Krokodil, wenn es nicht mehr ins Terrarium passte, in den Main oder in einen Badeteich entsorgte.
Einzig und allein der Kälte jedes Jahr im Winter war es zu verdanken, dass die Tierchen sich hier nicht ungehemmt vermehrten und ausbreiteten.
Kurz und gut, über Langeweile konnte Kai wirklich nicht klagen. Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht in irgendeine Klinik gerufen wurde, in der ein Mann – es waren fast ausschließlich Männer – mit dem Tod rang, weil er der Meinung gewesen war, seine Klapperschlange, seine Mamba oder seine Giftspinne würde ihn nach jahrelanger aufopfernder Pflege endlich liebhaben und ihm nichts zuleide tun, wenn er mit bloßen Händen ins Terrarium fasste.
Als Kai jetzt die große Eingangshalle der Sauerbruch-Klinik durch die gläserne Drehtür betrat, schaute er sich aufmerksam nach allen Richtungen um, und sein Herz begann, ein paar Takte schneller zu schlagen.
Seit etwa drei Jahren hatte die Klinik diese Wirkung auf ihn. Es gab hier nämlich eine bildhübsche Ärztin, in die er sich auf den ersten Blick verliebt hatte. Nina Maresch.
Damals, als er ihr vor drei Jahren zum ersten Mal begegnet war, war sie noch verheiratet und somit für ihn tabu gewesen. Doch seit etwa einem Jahr war sie nun geschieden, und er setzte alles daran, sie für sich zu gewinnen.
Er wollte sie und sonst keine. Er wollte sie so sehr, dass er seit drei Jahren fast wie ein Mönch lebte, weil es in seinen Augen Betrug gewesen wäre, sich auf eine andere Frau einzulassen und dabei doch nur an Nina zu denken.
An Angeboten mangelte es ihm dabei keineswegs, denn er war ein attraktiver Mann. Kai war zweiundvierzig Jahre alt, groß, hatte eine durchtrainierte, schlanke Figur, dunkles lockiges Haar und kornblumenblaue Augen. Außerdem war er gebildet, erfolgreich, humorvoll und einfühlsam. Doch was das Wichtigste war, im Gegensatz zu Ninas Exmann Dr. Alexander Maresch, dem Gehirnchirurgen aus der Städtischen Klinik, war er treu und verabscheute jede Form der Gewalt.
Wenn man Alexander Maresch kannte, dann konnte man sich ungefähr vorstellen, was Nina in der zehn Jahre dauernden Ehe so alles ertragen haben musste. Der Gehirnchirurg war ein herrischer, jähzorniger Patriarch, der seine Finger von keiner Frau lassen konnte. Dabei wendete er auch schon mal erpresserische Methoden an, wenn er anders nicht zum Ziel kam. Es war kein großes Geheimnis, dass der endgültige Scheidungsgrund eine achtzehnjährige Schwesternschülerin mit Körbchengröße E gewesen war.
Kein Wunder, dass Nina kein Vertrauen mehr zu Männern hatte. Dabei war Kai sich ziemlich sicher, dass sie ihn zumindest attraktiv fand und auch mochte.
Er war ein paarmal mit ihr Kaffee trinken gegangen. Sie hatte ihm auch schon mal erlaubt, ihre Hand zu halten. Und wenn er sie zum Abschied auf die Wange geküsst hatte, war ihm nicht entgangen, wie sie sich – meistens leider nur für den Bruchteil einer Sekunde – an ihn geschmiegt hatte.
„Ich kann nicht“, hatte sie geseufzt und ihn dabei aus sehnsüchtigen Augen angeschaut. „Anna-Lena … sie hat so sehr unter der Scheidung gelitten, ich kann ihr nicht zumuten, dass ich … ein neuer Mann in meinem Leben würde sie …“
Kai hatte sie immer sofort losgelassen und sie nicht weiter bedrängt. Sie hatte ihm noch nicht einmal das vertrauliche Du angeboten, obwohl das doch unter Kollegen durchaus üblich war.
Doch er war zu gut erzogen, um den ersten Schritt zu machen. Er war geduldig, er konnte warten, bis die seelischen Verletzungen, die ihr Exmann ihr zugefügt hatte, langsam heilten und sie für eine neue Liebe bereit war.
Anna-Lena war, genau wie ihre Mutter, sehr hübsch. Kai war ihr ein paarmal in der Klinik begegnet. Sie war fast zwölf Jahre alt, sehr klug und willensstark. Vor allem aber wusste sie die Schuldgefühle, die ihre Mutter plagten, weil sie ihr den Vater genommen hatte, virtuos für ihre Zwecke auszunutzen.
Das sollte nicht bedeuten, dass Anna-Lena etwa einen schlechten Charakter gehabt hätte. Nein, aber sie war mitten in der Pubertät, und es sprach eher für ihre Intelligenz und ihr optimistisches Naturell, dass sie versuchte, aus einer unglücklichen Situation das Beste zu machen.
Es war faszinierend zu beobachten, wie genau sie wusste, auf welche Knöpfe sie drücken, welchen Ton sie anschlagen und welches Gesicht sie ziehen musste, um ihre Mutter zu manipulieren. Allen, die Mutter und Tochter gemeinsam sahen, fiel das sofort auf. Allen, nur Nina nicht.
Doch Kai würde den Teufel tun und sie darauf hinweisen. So sehr, wie Nina ihr Kind liebte, würde es das sofortige Ende seiner Bemühungen bedeuten.
Nein, er ließ die Zeit für sich arbeiten. Nina war ja eine sehr kluge Frau, und sie würde es selbst herausfinden. Er hatte es nicht eilig, schließlich wollte er sie ja nicht für ein flüchtiges Abenteuer, sondern für immer.
***
„Vielleicht darf man die gar nicht haben, und wenn es rauskommt, kriege ich eine saftige Strafe?“
Auf der Kardiologie im dritten Stock der Sauerbruch-Klinik schaute Hubert Mölzer, ein fünfzigjähriger Bauarbeiter, zerknirscht zu Prof. Lutz Weidner, dem Chefarzt der Klinik, auf.
„Darüber machen Sie sich mal gar keine Sorgen, Herr Mölzer.“ Prof. Weidner blickte zur Tür, als er draußen auf dem Flur eilige Schritte näherkommen hörte. „Dr. Danneberg ist ein sehr netter und verständnisvoller Mann. Der rennt nicht gleich zur Polizei. Er wird versuchen, mit Ihnen gemeinsam eine Lösung zu finden.“
Lutz Weidner regulierte die Tropfgeschwindigkeit von Herrn Mölzers Infusion.
„Und noch wissen wir ja gar nicht, ob die Tiere tatsächlich etwas mit Ihren Herz-Kreislauf-Problemen zu tun haben. Es ist ja vorerst nur so ein Verdacht von mir.“
„Herr Prof. Weidner?“ Draußen wurde an die halb offene Tür geklopft, und Kais schwarzer Lockenkopf tauchte dahinter auf. „Ah, da sind Sie ja! Hallo!“
„Danke, dass Sie so schnell kommen konnten, Kollege.“ Der Professor schüttelte dem Toxikologen die Hand und wies dann mit einer Handbewegung auf das Bett. „Das ist Herr Mölzer, von dem ich Ihnen am Telefon erzählt habe. Er ist jetzt zum dritten Mal innerhalb eines halben Jahres mit schweren Herz-Kreislauf-Problemen zu uns gekommen.“
Lutz Weidner wartete ab, bis Kai den Bauarbeiter, der den Toxikologen ein bisschen misstrauisch beäugte, begrüßt hatte.
„Bis jetzt habe ich gerätselt, was der Auslöser sein könnte“, erklärte er dann. „Es gibt nämlich keinen wirklichen Grund dafür. Erst vorhin habe ich erfahren, dass Herr Mölzer sich Quallen in einem Aquarium hält. Manche...




