Graf | Der Notarzt - Folge 249 | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 249, 64 Seiten

Reihe: Der Notarzt

Graf Der Notarzt - Folge 249

Katrins verhängnisvoller Irrtum
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-1942-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Katrins verhängnisvoller Irrtum

E-Book, Deutsch, Band 249, 64 Seiten

Reihe: Der Notarzt

ISBN: 978-3-7325-1942-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Katrins beste Freundin Miriam unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, verbringt die junge Pflegerin ihre gesamte Freizeit am Krankenbett ihrer Freundin. Miriams Bruder, der attraktive Assistenzarzt Tim Tanner, kündigt sogar seinen Job an der Städtischen Klinik, um rund um die Uhr bei seiner Schwester sein zu können! Doch alles Bangen und Hoffen ist vergebens, nach wenigen Monaten stirbt Miriam. Gemeinsam beschließen Tim und Katrin, nach Südtirol zu fahren, um dort Miriams Asche zu verstreuen - der letzte Wunsch der Toten.

Auf der Fahrt dorthin wird Katrin immer wieder übel, und sie ist überzeugt, von ihrem Exfreund schwanger zu sein. Deutet nicht alles darauf hin? Schließlich landen die beiden in einem verlassenen Bergdorf namens Himmelreich. Ein Unwetter, das die schmale Bergstraße in einen reißenden Bach verwandelt, verhindert ihre Rückreise, und Katrin beginnt, hoch zu fiebern. Die vermeintliche Schwangerschaft stellt sich als Blinddarmentzündung heraus - und es gibt keine Möglichkeit, Hilfe zu rufen! So sieht sich Tim dazu gezwungen, sie mit sehr primitiven Mitteln selbst zu operieren ...

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„Es ist vorüber. Sie hat es überstanden.“

Eine Weile war es ganz still in dem freundlichen kleinen Zimmer, das ein wenig abseits der anderen Krankenzimmer auf der Krebsstation lag, weil hier jene Patienten betreut wurden, die keine Zukunft mehr hatten. Zumindest nicht in dieser Welt.

Erst als sie Tim wie aus weiter Ferne qualvoll stöhnen hörte, drang die Botschaft bis in Katrins Bewusstsein vor und schlug dort ein wie eine alles vernichtende Gewalt. Der wochenlang mühsam aufrechterhaltene Damm zerbarst, und wahre Sturzbäche ergossen sich aus ihren Augen.

„Nicht!“, brüllte sie und stürzte sich wie eine Furie auf Prof. Lutz Weidner, den medizinischen Leiter der Frankfurter Sauerbruch-Klinik, der den leblosen Körper behutsam von den zahlreichen Maschinen zu befreien begann. „Schalten Sie das verdammte Beatmungsgerät wieder ein! Sofort! Ohne das kann sie doch nicht atmen!“

„Hör auf, Katrin!“ Tim schob sich zwischen sie und den Chefarzt und hielt ihre beiden Fäuste fest, mit denen sie unermüdlich auf die Brust des Professors einschlug. „Sie ist tot! Miriam ist tot! Hörst du? Es ist vorüber!“

Es war bei Gott nicht das erste Mal, dass Katrin hautnah miterlebte, wie ein Herz zu schlagen aufhörte. Sie war schon oft dabei gewesen, wenn der letzte Atemhauch einen Körper verließ und sich die Augen für immer schlossen.

Katrin Leopold war seit fünf Jahren Pflegerin in der Notaufnahme der Sauerbruch-Klinik und hatte bereits etliche Tragödien miterlebt. Der Tod gehörte ebenso zu ihrem Handwerk dazu wie das Leben.

Nur wenige Menschen wussten so gut wie sie, dass das Leben ein ständiges Kommen und Gehen war und dass man keinen aufhalten konnte – selbst mit den teuersten und modernsten technischen Geräten nicht –, wenn die Uhr abgelaufen, das letzte Sandkorn nach unten gerieselt oder der Lebensfaden gerissen war.

Sie wusste, dass der Tod nicht nur jene holte, die ein langes, erfülltes Leben hinter sich hatten. Sie hatte das Leichentuch schon über Menschen jeden Alters gebreitet. Kinder, Jugendliche, Babys, Menschen in der Blüte ihres Lebens.

Selbst dann, wenn ein Todesfall sie besonders betroffen gemacht und sie sich zurückgezogen hatte, um heimlich ein paar Tränen zu weinen, so hatte sie doch immer gewusst, dass Sterben die natürlichste Sache der Welt war. Einer kommt, einer geht, so war das immer schon gewesen, und vermutlich würde es auch immer so sein. Bis in alle Ewigkeit.

Aber diesmal war es etwas völlig anderes. Diesmal waren ihr die üblichen Plattitüden, die in einem solchen Fall gerne gesagt wurden, kein Trost, denn es war ihre beste Freundin, die hier vor ihr lag und so aussah, als würde sie nur schlafen.

Miriam war von Anfang an Teil ihres Lebens gewesen, lediglich ihre Mutter kannte sie ein paar Minuten länger. Selbst als ihr Vater sie zum ersten Mal in die Arme genommen hatte, hatte sie davor schon eine ganze Weile neben Miriam in einem Bettchen auf der Säuglingsstation gelegen und mit ihr im Duett um die Wette gebrüllt.

Die beiden Mädchen waren fast zur selben Zeit zur Welt gekommen, und ihre Mütter hatten sich in der Entbindungsstation angefreundet. Danach war kaum jemals ein Tag vergangen, an dem Katrin und Miriam nicht zusammen gewesen waren.

Sie waren fast wie Zwillingsschwestern aufgewachsen. Sie hatten gemeinsam laufen gelernt und denselben Kindergarten besucht. Von Anfang an hatten sie darauf bestanden, die gleichen Kleider zu tragen. Sie hatten die gleichen Vorlieben und Abneigungen entwickelt, sich später meistens in dieselben Jungs verliebt, hatten beide das Abitur versemmelt und beide beschlossen, eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen.

Natürlich hatten sie sich eine gemeinsame Wohnung genommen und sich nach bestandener Prüfung um eine Anstellung in derselben Klinik bemüht – Miriam auf der Herzstation und Katrin in der Notaufnahme der Sauerbruch-Klinik.

„Es ist gut so. Es ist doch gut. Sie ist jetzt von ihren Schmerzen und dem zerstörten Körper erlöst.“

Tim hatte es gut gemeint, hatte sie trösten und ihr den positiven Aspekt der traurigen Tatsache ins Gedächtnis rufen wollen. Doch dieser Satz klang wie ein Hohn in ihren Ohren und brachte Katrins Blut in Wallung.

Mit der unglaublichen Kraft, die ihr der rasende Schmerz und die unbändige Wut verliehen, stieß sie ihn so energisch von sich, dass er durch das halbe Zimmer taumelte und hart gegen einen Materialwagen prallte. Instrumente, Metallschalen und Medikamentenfläschchen fielen scheppernd zu Boden.

„Du! Dich lässt das natürlich kalt!“, schrie sie, stürzte sich auf ihn und begann auf ihn einzuschlagen. „Du hast sie ja nie geliebt, du … du …“

„Das ist doch nicht wahr!“, presste er mit schmerzverzerrtem Gesicht zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Dann massierte er sich mit einer Hand die schmerzende Stelle im Rücken, mit der er gegen die Kante des Metallwagens geprallt war, und wehrte mit der anderen Katrins Schläge ab. „Sie ist … war meine kleine Schwester! Natürlich habe ich sie geliebt!“

„Du … du hast sie immer nur geärgert, hast ihre Spielsachen kaputtgemacht und sie immer ‚Spatzenhirn‘ genannt!“, schluchzte Katrin.

„Mein Gott, damals waren wir doch noch Kinder! Natürlich haben wir uns gezofft, das ist doch unter Geschwistern völlig normal. Ich habe sie ‚Spatzenhirn‘ genannt und sie am Pferdeschwanz gezogen, und sie hat mir dafür Käfer ins Bett gesteckt.“

„Ameisen …“ Katrin zog die Nase hoch.

„Was?“

„Es waren Ameisen. Rote Waldameisen. Wir waren vorher extra in der Bibliothek und haben in einem Buch nachgeschaut, welche Ameisen am schlimmsten beißen. Dann haben wir sie im Stadtwald gesammelt. In einem Gurkenglas.“

Tim lachte leise. „Okay, dann eben rote Waldameisen. Ich hatte damals keine Lust, sie mir näher anzusehen. Das war die schlimmste Nacht meines Lebens. Mama hat alle Kissen, Laken und Decken einfach aus dem Fenster geworfen, weil es darin vor Ameisen nur so gewimmelt hat. Und mich hat sie unter die Dusche gezerrt.“

Bei der Erinnerung an das Brennen auf der Haut rieb sich Tim die Arme.

„Ich habe ausgesehen, als wäre ich in einen ganzen Wald von Brennnesseln gefallen“, stöhnte er.

„Ha, ha! Miri hat eine ganze Woche Hausarrest bekommen.“ Katrin schniefte unter Tränen. „Und ich natürlich zwangsweise auch, denn ohne Miriam wollte ich sowieso nirgendwo hingehen. Aber das war es uns wert. Wir haben damals …“

Sie brach ab und fuhr herum, als sie das Klicken hörte, mit dem Lutz Weidner die Radsperren des Bettes löste.

„He! Stopp! Was machen Sie da?“, verlangte sie zu wissen.

„Sie kennen doch das Procedere, Schwester Katrin“, seufzte der Chefarzt. „Sie wird jetzt abgeholt und von Dr. Sarnitz, unserem Pathologen, noch einmal gründlich untersucht.“

„Nein!“ Alles Blut wich aus Katrins Gesicht, und sie begann am ganzen Körper zu zittern. „Nicht in den Keller! Miriam wird nicht in den Keller gebracht! Das lasse ich nicht zu!“

Sie warf sich schützend über den leblosen Körper der jungen Frau, deren lieblichen Gesichtszügen nicht einmal der vier Monate dauernde Todeskampf etwas hatte anhaben können. Innendrin hatte der Krebs alles verwüstet und vernichtet, aber rein äußerlich sah Miriam aus wie das schlafende Schneewittchen.

Noch hatte der Tod sie nicht gezeichnet. Ihre Wangen waren voll und immer noch rosig. Ihre Haut war straff von der vielen Flüssigkeit, die täglich über einen Infusionsschlauch in ihre Venen geflossen war. Und die hohen Dosen Morphium, die sie zuletzt gegen die Schmerzen bekommen hatte, ließen ihre Gesichtszüge friedlich und entspannt aussehen.

„Sie ist tot!“ Tim versuchte Katrin vom Bett zu zerren, doch sie klammerte sich schluchzend mit beiden Händen an dem eisernen Rahmen fest.

„Reiß dich bitte zusammen!“, flehte er. „Mama und Papa werden gleich hier sein. Für sie ist es schwer genug, und ich möchte nicht, dass sie auch noch eine solche Szene miterleben müssen.“

„Okay. Tut mir leid.“ Dafür hatte Katrin Verständnis. Sie setzte sich auf und strich ihrer toten Freundin liebevoll eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn. „Wo ist sie, Prof. Weidner? Wo?“, verlangte sie zu wissen.

„Wer denn?“ Der Klinikchef schüttelte verständnislos den Kopf.

„Miriam! Wo ist sie jetzt? Sie sind einer der besten Mediziner des Landes. Sie pflanzen den Menschen neue Herzen ein, Sie haben immer für alles eine Lösung und eine Antwort auf jede Frage. Sagen Sie mir bitte, wo sie hingegangen ist! Sie war doch eben noch hier! Wo ist sie jetzt?“

Erneut wurde sie von einem Weinkrampf geschüttelt.

„Okay … ihr Körper ist vielleicht kaputt. Aber wo ist ihr Lachen?“, fragte sie, während ihr die Tränen unaufhörlich über die Wangen flossen. „Wo ist die unglaubliche Energie, die sie immer hatte? Wo ist die Liebe, die sie für alles, was kreucht und fleucht, empfunden hat? Wo sind ihre engelsgleiche Geduld, ihr Humor, ihre Kreativität, ihr unerschütterlicher Glaube an das Gute und Schöne, ihr unbeugsamer Sinn für Gerechtigkeit, ihre Hilfsbereitschaft? Wo ist das alles geblieben, Professor? Sagen Sie es mir, bitte! Wo?“

„Das …“ Lutz Weidner musste schlucken, ehe er leise fortfuhr: „… kann Ihnen niemand sagen. Seit es Menschen auf dieser Welt gibt, versuchen sie, genau das herauszufinden – ohne Erfolg. Es ist, als ob es uns nicht gestattet wäre, dieses eine letzte Geheimnis...



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