E-Book, Deutsch, Band 492, 64 Seiten
Reihe: Der Notarzt
Graf Der Notarzt 492
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-7729-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Versagen in Weiß
E-Book, Deutsch, Band 492, 64 Seiten
Reihe: Der Notarzt
ISBN: 978-3-7517-7729-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Routineeingriff endet in einer Tragödie. Plötzlich stehen zwei Ärzte der Sauerbruch-Klinik nicht nur vor den Trümmern ihrer Karrieren, sondern auch vor der Frage, ob sie selbst Schuld an dem Versagen tragen. Während die Klinikleitung auf Antworten drängt und die Medien unbarmherzig berichten, gerät das professionelle und persönliche Verhältnis der beiden Kollegen ins Wanken. Doch hinter den Kulissen brodelt ein Netz aus Intrigen und Machtkämpfen, das die Wahrheit zu verschleiern droht. Was geschah wirklich im OP-Saal? Und wie weit wird man gehen, um die eigene Unschuld zu beweisen?
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Versagen in Weiß
Das Team der Notaufnahme gerät in Bedrängnis
Karin Graf
Zuerst halten sie es alle für einen Scherz, als der Verwaltungsdirektor der Frankfurter Sauerbruch-Klinik die Entlassung von Dr. Peter Kersten verkündet. Auf Anweisung des Stiftungsratspräsidenten muss er seinen Posten für einen angehenden Nobelpreisträger räumen, der frisch von der Universität Harvard kommt.
Doch sehr schnell bleibt dem Krankenhauspersonal das Lachen im Hals stecken, und ebenso schnell geht in der Notaufnahme alles drunter und drüber. Denn das angebliche Genie stellt sich als totale Niete heraus, dessen Arroganz und Inkompetenz ein Menschenleben kosten ...
»Zu guter Letzt habe ich noch eine ... ähm ... Personal ... ähm ... eine Personalfrage vorzu... ähm ...bringen.«
Emil Rohrmoser, der Verwaltungsdirektor der Frankfurter Sauerbruch-Klinik, blätterte hektisch in seinen Unterlagen und gab vor, nach Einzelheiten zu suchen, wollte in Wahrheit jedoch nur hinauszögern, was er sagen musste, aber nicht wollte.
Ein kleiner Schweißtropfen fiel von seiner Stirn auf die Seite, nach der er gesucht hatte, tropfte ausgerechnet auf den Anfangsbuchstaben des Namens, den er gleich nennen musste, und ließ diesen wie eine kleine Lupe größer und dunkler erscheinen.
K wie Kersten.
Prof. Lutz Weidner, der Chefarzt und Chefkardiologe des Krankenhauses, der zusammen mit Direktor Rohrmoser am Kopfende des großen ovalen Tisches im Sitzungszimmer saß, warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Dann schob er seinen Stuhl zurück.
»Ich nehme an, das betrifft mich ohnehin nicht. Ich sollte jetzt nämlich langsam zur Morgenvisite aufbrechen. Ich muss um zehn Uhr bereits im OP sein, um ...«
»Sie bleiben gefälligst sitzen, Weidner!«, kreischte Emil Rohrmoser. Seine Stimme klang ungewohnt schrill und kippte wie die eines halbwüchsigen Bengels, der sich mitten im Stimmbruch befand und ein mächtig schlechtes Gewissen hatte.
»Das könnte Ihnen so passen, sich zu verdrücken, wenn es unangenehm wird, und mich mit diesem Schweinkram einfach alleine zu lassen!«
»Grundgütiger!« Lutz Weidner rückte wieder näher an den Tisch heran. »Ich wusste ja nicht ...«
»Kommt das mit dem Schweinkram auch ins Protokoll?«, erkundigte sich Irene Busswald, die Sekretärin des Verwaltungsdirektors. Sie saß schräg hinter den beiden Klinikchefs an einem eigenen kleinen Tischchen und schrieb fürs Sitzungsprotokoll mit.
Emil fuhr wütend herum. »Sind Sie vom wilden Affen gebissen, Busswald? Seit wann kommen Randbemerkungen ins Protokoll? Schreiben Sie etwa auch auf, wenn einer der Pappenheimer sagt, dass er mal rasch aufs Klo geht? Seit wann arbeiten Sie nun schon für mich? Wie? So, wie Sie aussehen, seit mindestens hundert Jahren! Da sollten Sie keine so dämlichen Fragen mehr stellen müssen!«
»Könnten wir dann bitte endlich zur Sache kommen?«, drängte der Chefarzt. »Ich muss wie gesagt zur Morgenvisite!«
»Für die unerhörte Verzögerung können Sie sich bei der Busswald bedanken, Weidner!«, zeterte Emil. Er drehte sich abermals zu seiner Sekretärin um. »Die vergeudete Minute geht von Ihrem Jahresurlaub ab! Das wird Ihnen hoffentlich eine Lehre sein. Hier sitzen lauter Leute, die keine Zeit zu verplempern haben, und Sie kommen mit dämlichen Fragen daher, die ...«
»Direktor! Bitte! Können wir?«, drängte Lutz Weidner abermals und packte schon mal seine Sachen zusammen, um nach dem letzten Punkt der monatlichen Versammlung der leitenden Angestellten der Sauerbruch-Klinik den Sitzungssaal sofort verlassen zu können.
»Sie brauchen sich überhaupt nicht so aufzupudeln, Weidner«, grummelte Direktor Rohrmoser. »Sie haben vorhin fast zehn Minuten lang gelabert. Habe ich mich da vielleicht aufgeregt?«
»Ich hatte aber etwas Wichtiges zu sagen!«, rechtfertigte sich der Chefarzt.
»Hab ich auch!«
»Dann tun Sie's doch endlich, um Himmels willen!«
»Gut!« Emil Rohrmoser nickte überdeutlich. »Sie wollten es so! Regen Sie sich also hinterher bloß nicht auf!«
»Werde ich nicht!« Prof. Weidner wurde nun langsam ungehalten. »Los jetzt! Letzter Tagesordnungspunkt ...! Also?«
»Hiermit gebe ich bekannt, dass wir uns leider von einem unserer Mitarbeiter trennen müssen. Er verlässt uns am Ende der Woche. Ähm ... wir haben bereits mindestens gleichwertigen Ersatz für ihn, was bedeutet, dass es in seiner Abteilung zu keinerlei Verzögerung oder sonstigen Kalamitäten kommen wird.«
Emil hievte sich ächzend aus seinem wuchtigen Chefsessel, den Irene Busswald extra aus seinem Büro hierhergeschafft hatte. Gewöhnliche Stühle gingen unter Direktor Rohrmosers beachtlichem Übergewicht nämlich nur allzu leicht zu Bruch.
»So, meine Herren ... ähm ... und Damen ... das war's dann auch schon wieder für heute! Ich wünsche Ihnen allen ...«
»Name!«
»Was?« Emil fuhr zu Lutz Weidner herum.
»Wer wird uns verlassen? Sie haben noch keinen Namen genannt. Mir ist nichts davon bekannt, dass irgendeiner von meinen Oberärzten neulich die Kündigung eingereicht hätte.«
»Ach so!« Mit einem abgrundtiefen Seufzer ließ sich der Verwaltungsdirektor wieder auf die Sitzfläche fallen.
Erneut blätterte er in seiner Mappe, gab vor, nach Details zu suchen, und wollte erneut lediglich Zeit schinden, weil ihm vor dem graute, was nach seiner Ankündigung unweigerlich kommen musste.
»Direktor! Bitte!«, zischte der Chefarzt.
»Kersten«, flüsterte der Verwaltungsdirektor.
»Waaas?«
»Sie haben schon richtig gehört, Sie alter Zausel!« Emil verlor jetzt endgültig die Nerven. »Kersten aus der Notaufnahme wird uns Ende der Woche verlassen!«, schrie er. »Haben Sie es jetzt gehört, Weidner, oder haben Sie was an den Ohren?«
Die Köpfe sämtlicher an der Sitzung teilnehmenden Oberärzte fuhren zu Dr. Peter Kersten, dem Leiter der Notaufnahme, herum.
Eine Schrecksekunde lang herrschte totale Stille. Dann fingen alle gleichzeitig an zu lachen. Ihnen allen war klar, dass es sich nur um einen Scherz handeln konnte, denn Dr. Peter Kersten war nicht nur einer der angesehensten und beliebtesten Ärzte, er hatte die Notaufnahme auch zu einer der bedeutendsten des ganzen Landes gemacht. Außerdem war es ein offenes Geheimnis, dass Prof. Weidner ihn zu seinem Nachfolger aufbauen wollte.
Emil Rohrmoser wischte sich mit einem großen karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn und atmete erleichtert auf.
»Ich freue mich, dass Sie es alle so positiv aufnehmen. Kersten, das Kündigungsschreiben müsste bereits in Ihrem Hauspostfach liegen, sofern die Busswald nicht mal wieder geschlafen hat. Ich wünsche Ihnen hiermit alles Gute für die Zukunft und ... ähm ... so weiter und so fort ...«
Er hievte sich erneut aus seinem Sessel.
»Die Sitzung ist hiermit fertig. Aus. Geschlossen. Durch. Am Ende. Die Maus hat den Faden abgebissen. Das Kind liegt im Brunnen. Wer mich in dieser Angelegenheit sprechen möchte, der kann mich gerne in meinem Büro ... ähm ... suchen, wird mich aber nicht finden, denn ich bin ... bin ... dann mal weg. Gehaben Sie sich alle wohl, auf Wiedersehen!«
»Moment mal, Direktor!«, donnerte der Chefarzt. »Das müssen Sie uns jetzt aber bitte näher erklären! Sollte das ein Scherz gewesen sein?«
»Ich dachte, Sie hätten es eilig, Weidner? Jetzt auf einmal nicht mehr? Wollten Sie nicht zur Morgenvisite?«
»Es gibt Dinge, die wichtiger sind als die Morgenvisite! Schlimmstenfalls fällt sie eben einmal aus, oder ich hole sie nach der Operation nach.«
»Das wäre doch aber dann keine Morgenvisite mehr«, gab der Verwaltungsdirektor zu bedenken. »Das wäre dann eine Mittagsvisite. Da würden Sie die Patienten bloß beim Mittagessen stören. Und Sie sagen doch immer selbst, dass man in Ruhe essen soll, weil es sonst zu Magenverstimmungen kommen ...«
»Hinsetzen!« brauste Lutz Weidner entnervt auf. »Ich möchte jetzt sofort wissen, was es mit dieser Kündigung auf sich hat!«
Er wandte sich an den Leiter der Notaufnahme, der am Ende des langen ovalen Tischs neben seinem besten Freund Dr. Wolf Habermann saß, dem Leiter der Orthopädie.
»Sie haben gekündigt und es nicht für notwendig gehalten, zuvor mit mir darüber zu sprechen, Kollege Kersten? Ich muss schon sagen, das enttäuscht mich sehr.«
Peter zuckte ratlos mit den Schultern. »Ich habe nicht gekündigt, Chefarzt.«
»Was soll das dann bedeuten?«
»Das weiß ich selbst nicht. Genau wie Sie und alle anderen, habe ich es hier und jetzt erfahren.«
»Direktor!«, fuhr der Chefarzt Herrn Rohrmoser herausfordernd an, der sich hochkonzentriert mit dem Clip seines Kugelschreibers die Fingernägel putzte. »Erklären...




