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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 450, 64 Seiten

Reihe: Der Notarzt

Graf Der Notarzt 450

Der Himmel muss warten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-5317-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Der Himmel muss warten

E-Book, Deutsch, Band 450, 64 Seiten

Reihe: Der Notarzt

ISBN: 978-3-7517-5317-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Emilia Meister hat es nicht leicht, denn sie zieht ihre achtjährige Tochter Mila allein groß. Doch in letzter Zeit machen noch viel größere Sorgen als die üblichen Geldprobleme der jungen Mutter zu schaffen. Mila kränkelt seit Wochen, muss immer wieder frühzeitig von der Schule abgeholt werden und wirkt auch zu Hause erschöpft und teilnahmslos. Obwohl der Hausarzt eine gewöhnliche Angina diagnostiziert, wird Emilia das Gefühl nicht los, dass etwas sehr viel Ernsteres dahinterstecken muss. Sie hat ihr geliebtes Kind noch nie so entkräftet erlebt.
Spät am Abend kommt es schließlich zur Katastrophe. Mila kann plötzlich kaum noch atmen, sie röchelt und ringt verzweifelt um jeden Atemzug. Mit ihrer Tochter auf den Armen, rennt Emilia in die nahe gelegene Sauerbruch-Klinik. In der Notaufnahme nimmt Dr. Peter Kersten der aufgelösten Mutter das Mädchen ab, und er erkennt auf den ersten Blick: Dieses Kind hat keine Angina. Es hat eine sehr viel schlimmere Erkrankung. Eine lebensbedrohliche ...

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Der Himmel muss warten

Eine Mutter kämpft um ihr todkrankes Kind

Karin Graf

Emilia Meister hat es nicht leicht, denn sie zieht ihre achtjährige Tochter Mila allein groß. Doch in letzter Zeit machen noch viel größere Sorgen als die üblichen Geldprobleme der jungen Mutter zu schaffen. Mila kränkelt seit Wochen, muss immer wieder frühzeitig von der Schule abgeholt werden und wirkt auch zu Hause erschöpft und teilnahmslos. Obwohl der Hausarzt eine gewöhnliche Angina diagnostiziert, wird Emilia das Gefühl nicht los, dass etwas sehr viel Ernsteres dahinterstecken muss. Sie hat ihr geliebtes Kind noch nie so entkräftet erlebt.

Spät am Abend kommt es schließlich zur Katastrophe. Mila kann plötzlich kaum noch atmen, sie röchelt und ringt verzweifelt um jeden Atemzug. Mit ihrer Tochter auf den Armen, rennt Emilia in die nahe gelegene Sauerbruch-Klinik. In der Notaufnahme nimmt Dr. Peter Kersten der aufgelösten Mutter das Mädchen ab, und er erkennt auf den ersten Blick: Dieses Kind hat keine Angina. Es hat eine sehr viel schlimmere Erkrankung. Eine lebensbedrohliche ...

»Ist mal wieder für Sie, Frau Meister. Dann verabschiede ich mich wohl am besten gleich von Ihnen.«

Annegret Kortig-Schmidt, die sechsundfünfzigjährige Büroleiterin, hielt den Telefonhörer hoch. Sie hielt ihn mit spitzen Fingern, als ob er irgendwie besudelt wäre, nur weil der Anruf für Emilia war.

»Es tut mir leid, Frau Kortig-Schmidt.« Die Entschuldigung kam Emilia schon völlig automatisch über die Lippen. Die bleistiftstrichdünnen, gekräuselten Lippen und der stechende Blick der selbst ernannten Vorgesetzten waren nur schwer zu ertragen.

Alleine in dieser Woche war Emilia Meister bereits zweimal kurz nach Dienstbeginn aus dem Schreibbüro Pelikan & Pickler, in dem sie seit rund drei Jahren arbeitete, abberufen worden. Ebenso in der Woche davor und in der vorvorigen Woche sogar dreimal.

Kortig-Schmidt hatte ihr bereits damit gedroht, ein ernstes Wörtchen mit Herrn Pelikan oder Frau Pickler zu sprechen. Wenn sie das tat, dann war Emilia ihren Job los. Das durfte jedoch nicht passieren, denn sie brauchte das Geld und kam so schon kaum über die Runden.

Sie nahm der säuerlich lächelnden alten Hexe, die ihre grauen Haare auf dem Hinterkopf zu einem Gebilde hochgesteckt hatte, das wie eine Frikadelle aussah, den Hörer aus der Hand und hoffte inständig, dass es nicht wieder die Lehrerin ihrer Tochter sein möge, die verlangte, dass sie das Kind abholte, weil ihm übel war.

»Meister. Hallo?«

»Guten Morgen, Frau Meister. Es tut mir sehr leid, dass ich Sie schon wieder von der Arbeit wegholen muss, aber Mila geht es nicht besonders gut. Ihr ist übel, sie ist sehr müde, und sie hat ein bisschen Fieber. Noch nicht dramatisch hoch, erst etwas unter achtunddreißig Grad, aber es ist im Steigen begriffen, wie mir scheint.«

Also doch! Emilia schloss für einen Moment die Augen und biss die Zähne fest zusammen. Wie sollte das nur weitergehen? Sie wusste es nicht.

»Gibt es ein Problem?«, hakte Milas Klassenlehrerin nach, weil es so still am anderen Ende der Leitung war. »Wenn Sie nicht von der Arbeit weg können, könnten wir Mila vielleicht ins Krankenhaus ...«

»Nein, nein!«, fiel Emilia ihr hastig ins Wort. »Die Arbeit muss warten. Ich komme, so schnell ich kann.«

»Wie ich sagte«, murmelte die Büroleiterin, stieß einen endlos langen Seufzer aus und verdrehte dazu auch noch die Augen. »Fragt sich nur, wie lange die Arbeit noch warten wird, bis ihr der Kragen platzt!«

»Ich nehme mir ein bisschen Arbeit mit nach Hause, Frau Kortig-Schmidt.«

Emilia ging zu ihrem Schreibtisch zurück und beugte sich über die zerfledderte Pappschachtel, die mit modrig riechenden alten Notizbüchern, Taschenkalendern, Dutzenden Kassenzetteln aus verschiedenen Supermärkten und sogar Papierservietten vollgestopft war.

Alles war in einer kaum entzifferbaren winzigen Fitzelschrift eng beschrieben. Es handelte sich um die Lebensgeschichte eines Neunzigjährigen, der der Nachwelt partout seine Memoiren hinterlassen wollte.

Der alte Herr hatte ein sehr eintöniges Leben hinter sich. Wenn Emilia mit der Reinschrift fertig war, würden die Käufer des Buches – sofern es überhaupt jemand kaufte – auf zwei- oder dreihundert Seiten erfahren, wie Knut Röhrig erst zur Grundschule gegangen war, dann zur Mittelschule, wie er danach eine kaufmännische Lehre absolviert, sich in Hermine Pötzelsberger verliebt, sie geheiratet und im Alter von fünfunddreißig Jahren einen eigenen Laden für Kurzwaren eröffnet hatte.

Das war im Großen und Ganzen auch schon die gesamte Geschichte. Höhepunkt war ein dreiwöchiger Campingurlaub mit seiner Gattin in Rimini. Ein Sturm hatte nachts an den Zeltwänden gezerrt, und Hermine Röhrig hatte Todesängste ausgestanden, weil sie dachte, es sei ein Bär, der ins Zelt wollte, um sie zu fressen. Bei diesem Kapitel konnte man vielleicht ein bisschen Spannung in die eintönige Litanei bringen.

Die Leser würden aber vermutlich gar nicht erst bis zum Rimini-Kapitel gelangen. Sie würden schon nach den ersten paar Seiten einschlafen.

Ein normaler Verlag würde dieses Machwerk sicher nicht produzieren wollen. Aber Herr Röhrig hatte sein Leben lang gespart statt gelebt, verfügte über einen ansehnlichen Batzen Geld und wollte das Buch im Eigenverlag herausgeben.

»Packen Sie ruhig gleich die ganze Kiste ein. Ich möchte morgen früh das fertige Manuskript auf dem Tisch liegen haben!«, verlangte Annegret Kortig-Schmidt. »Herr Röhrig wird bereits nervös. Er ist immerhin bald neunzig und kann nicht mehr so lange warten, bis Sie gnädigerweise irgendwann einmal ein bisschen Zeit haben.«

Emilia sog zischend die Luft ein. Das würde bedeuten, dass sie sich die ganze Nacht um die Ohren schlagen musste. Sie war erst an der Stelle, wo Hermine starb und in dem Grab beerdigt wurde, das sie zu Lebzeiten selbst ausgesucht und regelmäßig mit frischen in Herzform arrangierten Stiefmütterchen liebevoll bepflanzt hatte.

Danach kamen noch die lustigen Jahre mit dem Pensionistenverein. Ausflüge, Kaffeefahrten, Filmabende, Kartenspielabende ... Knut Röhrig hatte es richtig krachen lassen, nachdem seine Gattin unter der Erde gewesen war.

Aber sie konnte ja nicht gut aufbegehren. Ihr Arbeitsplatz wackelte so oder so schon, und wie gesagt, sie brauchte das Geld.

»Ich werd's versuchen«, antwortete sie und hob die ganze Kiste hoch.

»Sie sollten mehr tun, als es bloß zu versuchen«, erwiderte Annegret Kortig-Schmidt mit hochgezogenen Augenbrauen. »Ich stehe knapp davor, ein ernstes Wörtchen über Sie mit Herrn Pelikan oder Frau Pickler zu sprechen. In letzter Zeit waren Sie ja mehr fort als da. Und immerhin trage ich die Verantwortung dafür, dass die Arbeit getan wird.«

»Gut, ich werde es schon schaffen.«

»Hoffentlich!«

»Ganz bestimmt.«

»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe!«

Ein leises »Pst!« aus einer der Nebenkojen ließ Emilia den Kopf heben. Ihre Kollegin Melanie, die an einer Doktorarbeit für einen faulen Studenten aus reichem Haus schrieb, winkte sie zu sich.

»Lass dir doch von der alten Hexe nicht immer alles gefallen«, raunte sie Emilia zu. »Nur weil Pelikan sie zum Spitzel ernannt hat, damit er und die Pickler sich einen faulen Lenz machen können, ist sie noch lange nichts Besseres als wir anderen.«

Emilia zuckte mit den Schultern und verdrehte die Augen nach oben. Melanie hatte leicht reden. Sie war verheiratet. Wenn sie ihren Job verlor, dann war da immer noch ihr Mann, der genug für zwei verdiente.

»Such dir doch einen Kerl und heirate«, riet die Kollegin ihr, als ob sie Emilias Gedanken erraten hätte. »Du bist noch jung und siehst verdammt gut aus. Jeder Mann, der noch alle Sinne beisammen hat, würde sich alle fünf Finger nach dir ablecken. Dann wären du und die Kleine abgesichert, und du müsstest dich von der alten Hexe nicht so herablassend behandeln lassen.«

»Einen Kerl?« Emilia lachte leise, während sie versuchte, die Pappschachtel in eine große Plastiktüte zu stopfen. »Ich hatte schon mal einen. Hab dir von ihm erzählt. Schon vergessen?«

»Das war doch kein Kerl«, winkte Melanie ab. »Ein Typ, der eine Frau sitzenlässt, weil sie von ihm schwanger ist, ist kein Kerl, sondern ein jämmerlicher Drecksack. Du findest etwas Besseres. Einen, der dich und die Kleine wirklich liebt. Und du und die Kleine ihn ebenso.«

»Ach, Liebe«, murmelte Emilia und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Die Liebe muss warten. Falls ich in diesem Leben überhaupt noch einmal daran denke, mich zu verlieben. Im Moment kann ich es mir nicht wirklich vorstellen.«

»Halten wir jetzt auch noch die Frau Seidl von der Arbeit ab, ja?«, unkte Annegret Kortig-Schmidt und schüttelte so heftig den Kopf, dass die Frikadelle auf ihrem Hinterkopf ins Schwanken geriet. »Ich glaube, ich muss wirklich bald mal ein ernstes Wörtchen...



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