E-Book, Deutsch, Band 357, 64 Seiten
Reihe: Der Notarzt
Graf Der Notarzt 357
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-8964-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein kurzes Glück, bevor ich gehe
E-Book, Deutsch, Band 357, 64 Seiten
Reihe: Der Notarzt
ISBN: 978-3-7325-8964-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein kurzes Glück, bevor ich gehe
Nach einer schlimmen Diagnose will Tatjana noch einmal lieben
Karin Graf
Tatjana ist mit Leib und Seele Bankerin. Mit ihren zweiunddreißig Jahren hat sie es dank ihres ungewöhnlichen Ehrgeizes schon zur Direktorin einer großen Frankfurter Bank gebracht. Freizeit oder Privatleben? So etwas gibt es in Tatjanas Wortschatz nicht. Für Frauen, die sich verliebt an einen Mann hängen und von Kindern träumen, hat sie nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Entweder, man will im Leben etwas erreichen, oder man ist eben verweichlicht und rennt den anderen nur hinterher!
Doch dann erhält Tatjana eine Diagnose, die ihre bisherige Lebensweise auf einmal infrage stellt. Die Ziele, die sie sich so hart erkämpft hat, wirken plötzlich völlig nebensächlich.
Was bedeuten schon Geld, Ansehen und Macht? Diese Dinge sind nichts im Vergleich zu Freundschaft, Liebe und Vertrauen. Wahres Glück, so erkennt sie, erfährt man auf ganz anderen Wegen. Und ein solches Glück will Tatjana unbedingt noch erleben. Sie will wissen, wie es ist, zu lieben und geliebt zu werden - komme, was da wolle ...
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ein kurzes Glück, bevor ich gehe
Nach einer schlimmen Diagnose will Tatjana noch einmal lieben
Karin Graf
Tatjana ist mit Leib und Seele Bankerin. Mit ihren zweiunddreißig Jahren hat sie es dank ihres ungewöhnlichen Ehrgeizes schon zur Direktorin einer großen Frankfurter Bank gebracht. Freizeit oder Privatleben? So etwas gibt es in Tatjanas Wortschatz nicht. Für Frauen, die sich verliebt an einen Mann hängen und von Kindern träumen, hat sie nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Entweder man will im Leben etwas erreichen, oder man ist eben verweichlicht und rennt den anderen nur hinterher!
Doch dann erhält Tatjana eine Diagnose, die ihre bisherige Lebensweise auf einmal infrage stellt. Die Ziele, die sie sich so hart erkämpft hat, wirken plötzlich völlig nebensächlich.
Was bedeuten schon Geld, Ansehen und Macht? Diese Dinge sind nichts im Vergleich zu Freundschaft, Liebe und Vertrauen. Wahres Glück, so erkennt sie, erfährt man auf ganz anderen Wegen. Und ein solches Glück will Tatjana unbedingt noch erleben. Sie will wissen, wie es ist, zu lieben und geliebt zu werden – komme, was da wolle …
„Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, knurrte der Makler, als Tobias ihn um den Schlüssel für die Tür zum Dachboden bat. Praktischerweise goss es gerade wie aus Eimern, das war eine gute Gelegenheit, um unter dem Dach nach Wasserlachen Ausschau zu halten.
Bei so viel Dreistigkeit blieb Tobias die Spucke weg.
„Also, neunzigtausend Euro für diese Bruchbude, das würde ich nicht gerade einen geschenkten Gaul nennen.“
„Was wollen Sie eigentlich?“ Der etwa fünfzigjährige hagere Mann, der wie ein typischer Workaholic kurz vor dem Herzinfarkt aussah, wurde langsam ungeduldig. „Es stand doch ganz deutlich in der Annonce, auf welche hin Sie Ihr Interesse für diese Immobilie bekundet haben, dass dieses Haus nicht mehr ganz neu ist.“
„Ja, ich weiß. Kleinod für Bastelfreunde, so haben Sie es in der Anzeige genannt“, konterte Tobias sarkastisch. „Dabei sind Ihnen aber wohl ein paar Tippfehler unterlaufen.“
„Und zwar?“ Der Geschäftsmann im grauen Businessanzug zog genervt die Augenbrauen hoch.
„Es sollte wohl eher klein, öd und für Freunde der Arbeit heißen!“
Der Makler grunzte missmutig.
„Also, wenn es Ihnen nicht zusagt – ich habe noch hundert andere Interessenten an der Hand. Dachten Sie, für diesen Pipifax-Betrag kriegen Sie eine neuwertige Villa? Wir sind hier in Schwanheim, guter Mann! Das ist eines der teuersten Pflaster in Frankfurt.“
„Wie viel kostet das dort?“ Tobias trat an eines der Fenster mit den wurmstichigen Holzrahmen, von denen der Lack längst abgeblättert war, und deutete auf das gepflegte Haus direkt gegenüber, das ebenfalls zu verkaufen war. „Das gefällt mir viel besser.“
„Sechshundertsiebzigtausend.“
„Nein, nein, Sie haben mich falsch verstanden! Ich meine nur das eine Haus, nicht alle in dieser Straße!“
„Sehr witzig.“ Der Makler warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Also, was jetzt? In fünf Minuten kommt der nächste Interessent. Entscheiden Sie sich, bitte.“
Tobias war nicht auf den Kopf gefallen. Ihm war klar, dass der Mann ihn lediglich unter Druck setzen und verhindern wollte, dass ihm weitere gravierende Mängel an der Bruchbude auffielen. Hätte es tatsächlich noch andere potentielle Käufer gegeben, dann hätten die beim Anblick dieser prähistorischen Ruine sofort wieder kehrtgemacht.
Er blickte seinerseits auf seine Uhr. Es war fast sechs. Er hatte heute Nachtdienst, und der begann um sieben. Zuvor musste er allerdings erst noch nach Hause. In seine Zweizimmerwohnung im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Die war ebenfalls für Menschen mit viel Humor gedacht.
In den vergangenen zehn Jahren hatte er dafür – alle Monatsmieten und Handwerkerrechnungen zusammengezählt – etwa genauso viel hingeblättert, wie dieser Witz hier kosten sollte. Mit dem Unterschied, dass dieser Witz hier ihm gehören würde, wenn er ihn kaufte.
„Wie wäre es mit siebzigtausend?“
„Fünfundachtzig!“
„Fünfundsiebzig?“
„Achtzig und keinen Cent weniger!“
„Na also, geht ja!“ Tobias hatte nur auf gut Glück gefeilscht, weil er das in manchen Filmen so gesehen hatte. Er hätte nicht gedacht, dass es auch im wahren Leben klappen würde. „Warten Sie!“ Er lief noch einmal den düsteren Flur mit dem löchrigen, hühnerkackefarbenen Linoleumfußboden entlang und öffnete die Hintertür, die in den Garten führte.
Also, Garten war vielleicht nicht ganz die richtige Bezeichnung. Jede Wette, dass hier seit der großen Eiszeit keiner mehr eine Harke in die Hand genommen hatte. Man bräuchte mindestens eine Kettensäge, um sich einen Weg durch diese Wildnis zu bahnen. Oder einen Flammenwerfer.
Der Verfasser der Annonce hatte bei der Bezeichnung herrliches Gartenparadies vermutlich an King Kong oder Rübezahl als Käufer gedacht. Aber das Grundstück war zumindest groß. Zweitausend Quadratmeter. Man könnte etwas daraus machen. Nach ein paar Jahren harter Arbeit oder so. Und Tobias wusste, wie teuer die Grundstücke im grünen Frankfurter Stadtteil Schwanheim waren. Hier lebten eher die wohlhabenden Leute, und zu denen gehörte er gewiss nicht. So gesehen …
Er holte tief Luft und kniff die Augen zusammen.
„Okay, ich nehme es.“
„Gute Wahl! Sie werden es nicht bereuen.“
Kein Wunder, dass der gelackte Kerl sich bei der Anzeige vertippt hatte, dachte Tobias mit Galgenhumor. Er konnte ja noch nicht einmal fehlerfrei sprechen. Bei dem Wort „Wahl“ gehörte vorne ein Qu statt einem W hin, und das „nicht“ war fehl am Platz. Er würde es garantiert bereuen. Von heute an würde er jeden einzelnen Cent, den er verdiente, in diese Ruine stecken müssen.
Schluss mit entspannenden Kinoabenden, Schluss mit der Mitgliedschaft im Tennisclub, keine Urlaubsreisen mehr, ab sofort nur noch halb so viel Butter aufs Brot wie bisher und kein Schinken obendrauf.
„Was ist das?“, fragte er misstrauisch, als der Makler ihm ein zehnseitiges Konvolut hinhielt, auf dem außer dem Wort Vorvertrag alles andere so kleingedruckt war, dass es aussah, als wäre eine Bazille mit schmutzigen Füßen über das Papier gelaufen.
„Ein Vorvertrag. Steht ja klar und deutlich drauf. Ich kann mich ja nicht gut nur auf Ihr Wort verlassen, allen anderen Interessenten absagen, und morgen überlegen Sie es sich dann vielleicht anders.“
„Und wenn ich es mir trotz des Vorvertrags anders überlege?“
„Dann zahlen Sie zehn Prozent des ursprünglichen Kaufpreises als Stornogebühr.“
„Neuntausend?“
„Sehr gut! Haben Sie Mathematik studiert?“
Tobias musste lachen. Er nahm dem Makler den silbernen Kugelschreiber aus der Hand, holte noch einmal tief Luft, ignorierte die Alarmglocken, die in seinem Unterbewusstsein den Weltuntergang einläuteten, und unterschrieb mit Dr. Tobias Thurnwald.
Der Makler zog – jetzt mit etwas mehr Respekt im Blick als zuvor – die Augenbrauen hoch.
„Ah, ein Doktor! Was haben Sie denn Hübsches studiert, wenn man fragen darf?“
„Leider das Falsche!“, seufzte Tobias. „Ein Doktor im Basteln, Brandroden und Heimwerken würden mir jetzt bessere Dienste leisten.“
***
„Du hast was?“ Der Leiter der Notaufnahme in der Frankfurter Sauerbruch-Klinik fiel aus allen Wolken. „Diese Ruine in der Agnes-Bernauer-Straße? Die hast du gekauft, Tobi?“
„Wieso? Ist es so schlimm?“, erkundigte sich Jens Jankovsky, der fast zwei Meter große junge Sanitäter, als Tobias nur irgendetwas grummelte.
„Also, wenn es sich bei dem Haus um einen Patienten handeln würde“, erwiderte Dr. Peter Kersten mit Grabesstimme, „dann würde ich schon mal damit beginnen, den Totenschein auszufüllen.“
„Du übertreibst! So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ Jetzt, da ihm die Ruine gehörte, entwickelte Tobias fast so etwas wie Vatergefühle für sein missratenes Sorgenkind. „Man kann durchaus was draus machen.“
„Sicher“, erwiderte Peter. „Hast du eine Million auf der hohen Kante? Für die Dachdecker, die Klempner, die Elektriker, die Maurer, die Fliesenleger, die Glaser, die Maler und Anstreicher und die Gärtner?“
„Nee, nicht ganz. Abzüglich der Achtzigtausend, von denen ich die Hälfte sofort und den Rest binnen vierzehn Tagen zu bezahlen habe, bleiben mir noch ungefähr Minus neunundsiebzigtausend Euro übrig.“
„Macht nichts“, winkte der Notarzt sarkastisch ab. „Dann kannst du es immer noch hoch versichern und hoffen, dass der Blitz einschlägt.“
„Es ist wirklich schön, Freunde zu haben, die einem Mut machen“, erwiderte Tobias ironisch und stellte seinen...




