E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Grätz / Weißpflug NaturKultur
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95829-946-7
Verlag: Steidl Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-95829-946-7
Verlag: Steidl Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gegenwärtig scheint die von Humboldt beschriebene »Wechselwirkung« einer ungleichen Verteilung von Macht gewichen zu sein. Im Zeitalter des Anthropozäns, in dem der Mensch die uneingeschränkte Macht über den Planeten Erde für sich beansprucht, wird »Fortschritt« vor allem auf Kosten einer Natur erzielt, die zunehmend ausblutet. Wer die Beziehungskrise zwischen Mensch und Umwelt
therapieren will, muss indes nicht nur ökonomische und politische, sondern auch kulturelle Faktoren berücksichtigen, wenn es darum geht, nach Ursachen und Lösungen für die Misere zu suchen. Denn es sind Weltbilder, Überzeugungen,
Werte und Normen – kurzum: kulturelle Prägungen –, die dazu geführt haben, dass Natur in den westlichen Industrienationen zum »ganz anderen« stilisiert werden
konnte, das zum einen romantisch überhöht, zum anderen gnadenlos ausgebeutet wird.
Doch es geht beileibe nicht nur darum, Kultur als Verursacher von Missständen und als Brandbeschleuniger zu betrachten. Vielmehr ist Kultur auch Motor der Vorstellungskraft für eine bessere Zukunft, durch den Visionen Gestalt annehmen und Szenarien erprobt werden können, wie die ökologische Krise in ein harmonischeres Verhältnis alles Lebendigen überführt werden könnte. Diesem Potenzial der Kultur ist die vorliegende Publikation gewidmet.
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Im Fluss
Von Ottmar Ette
Aus heutiger Sicht ist es verlockend und zugleich ein wenig riskant, das Erbe Alexander von Humboldts abzuschätzen. Denn als der Natur- und Kulturforscher im Mai 1859 am Ende eines langen Lebens verstarb, gab es schon längst zahlreiche »Nachkommen«, die Humboldt in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, aber auch weit außerhalb der Wissenschaften in Kunst und Literatur »beerbt« hatten. Die Hinterlassenschaften und das Erbe Alexander von Humboldts sind mindestens so vielgestaltig wie die wissenschaftlichen Betätigungsfelder des Philosophen und Schriftstellers selbst. Ich möchte den Versuch unternehmen, die vielfältigen Wirkungen des Verfassers des Kosmos einzuteilen in ein Erbe, das längst historisch geworden ist, in ein Erbe, das sich bis in unsere Gegenwart erstreckt und in ein Erbe, das immer noch Gültigkeit besitzt und künftige Herausforderungen an die Zukunft stellt. Denn Alexander von Humboldt mag zwar verstorben sein und insofern ein Erbe hinterlassen haben, sein Denken wie seine Wissenschaftskonzeption aber sind quicklebendig und inspirierender denn je.
Versucht man, zunächst das längst angetretene und historisch gewordene Erbe der Humboldt’schen Aktivitäten näher zu bestimmen und zu bezeichnen, so wäre dabei vor allem an seine Faszination als Reisender, mehr noch als Weltreisender zu denken. Ungezählte Forscherinnen und Forscher, zahlreiche Künstlerinnen und Künstler folgten seinen Spuren, indem sie Pläne und Konzepte entwickelten, um die großen transkontinentalen Reisen Alexander von Humboldts in die amerikanischen Tropen oder (seltener) ins russische Reich nachzuvollziehen. Nicht nur ein Adelbert von Chamisso ist ohne den Anstoß Humboldts nicht zu denken und kommt in seiner Reise um die Welt auch immer wieder auf Humboldt zu sprechen, nicht nur der große Landschaftsmaler Moritz Rugendas wäre ohne den Humboldt’schen Impuls niemals zu einem so in den Amerikas erfahrenen Künstler geworden. Es waren viele Generationen, die sich vom Lesen der Schriften Humboldts angeregt in Bewegung setzten und der unstillbaren Neugierde des großen Preußen nacheiferten. Man kann diesen Vorbildcharakter der Humboldt’schen Reisen und das von ihnen Bewirkte wohl kaum überschätzen, gelang es Humboldt doch, Menschen in den verschiedensten Teilen der Welt, von dem französischen Chile-Forscher Claude Gay über den Briten Charles Darwin, der Humboldts Reisebericht auf der Beagle mit sich führte, bis hin zum argentinischen Schriftsteller und späteren Staatspräsidenten Domingo Faustino Sarmiento, für andere Kulturen und Weltansichten zu begeistern. Auch heute noch reisen Menschen auf den Spuren des Verfassers von Asie Centrale, doch ist das Humboldt’sche Erbe auf diesem Gebiet wohl historisch geworden.
Zu jenem Teil seines Erbes, das sich lebendig bis in unsere Gegenwart erstreckt, ja in unserer Gegenwart seine eigentliche Bedeutung entfalten konnte, zählt ohne jeden Zweifel das Netzwerkdenken Alexander von Humboldts. Es ist so, dass der 250. Geburtstag des großen Gelehrten weltweit nur deshalb auf ein so enormes Echo stieß, weil wir heute an einem Punkt der Entwicklung der Menschheit stehen, dessen fundamentalen Herausforderungen adäquat nur durch ein Denken in vernetzten Strukturen begegnet werden kann. Die Humboldt’sche Wissenschaft in ihrer transdisziplinären, einzelne Disziplinen miteinander verbindenden und zusammendenkenden Anlage wie in ihrer transarealen, nicht nur weltweit denkenden, sondern unterschiedlichste Gebiete miteinander verschränkenden Wissenschaftstheorie und Wissenschaftspraxis erscheint als eine Denk- und Handlungsstruktur, welche den Problemen unserer Zeit gerecht wird. Darüber hinaus versuchte Humboldt, dem Leben ebenso im Bereich der Natur wie der Kultur auf die Spur zu kommen und somit lebenswissenschaftlich zu arbeiten. Wir wissen heute, dass man darauf spezialisiert sein kann, disziplinär nicht spezialisiert zu sein, und dass es notwendig ist, bei aller großartigen Ausdifferenzierung in Teildisziplinen die Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichsten Bereichen nicht zu übersehen, kurzum: die Ökonomie aller Dinge ökologisch zu verstehen. Nicht umsonst ist Humboldts formelhafter Satz aus seinen Amerikanischen Reisetagebüchern heute so populär geworden: Alles ist Wechselwirkung.
Diese ins Blickfeld gerückten Wechselwirkungen betreffen heute insbesondere das Verhältnis des Menschen zur Natur. In einer Zeit, in der Raumfahrt mit dem Hinweis betrieben wird, dass unsere Erde eines nahen Tages vielleicht unbewohnbar werden könnte, die sich in der nur noch von wenigen, aber einflussreichen Populisten geleugneten Klimakrise mit ihrer rapiden Erderwärmung in einer für ihr Überleben gefährlichen Situation befindet, die die schon vor langer Zeit erkundeten Grenzen des Wachstums nicht länger oder nur noch auf Kosten ihres eigenen Unterganges zu leugnen vermag, in einer solchen Zeit fällt das Erbe der Wissenschaftsvision Alexander von Humboldts auf fruchtbaren Boden. Humboldt glaubte an die Wissenschaft und verschaffte ihr gegen alle Leugner auch politisch den notwendigen Einfluss.
Man konstatiert verblüfft, dass Humboldt in seinem Naturgemälde der Tropenländer schon vor mehr als 200 Jahren alle Faktoren untersuchte, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein zu haben scheinen und sich doch für die anthropogen verursachten Veränderungen unseres Klimas verantwortlich zeichnen. Wir haben eine Sensibilität dafür entwickelt, dass die zum Äquator hin ansteigende Schneegrenze und der Permafrostboden, die zerstörerischen Monokulturen der Plantagenwirtschaft und die ungeregelte Aufzucht von Tieren zur Fleischgewinnung, die Beschaffenheit unserer Atmosphäre und die Verwendung von Arbeitssklaven, die uns in der heutigen third slavery historisch nicht ferne sind, etwas miteinander zu tun haben. Humboldts vernetztes Denken ist wie gemalt für ein Netzzeitalter, das sich des Computers bedienen kann und doch wie zu Humboldts Zeiten nur Daten generiert, die von unterschiedlichsten Politikern einfach ignoriert werden können. Der preußische Wissenschaftsorganisator ließ dies nicht zu.
Mit den Amerikanischen Reisetagebüchern begann in Alexander von Humboldts Wirken aber auch eine zweite Phase, die ein Erbe hinterließ, das bis heute nicht abgegolten ist. Sein relationales Denken in Netzwerken vermag auch in unserer Zeit noch immer zu inspirieren. Wir haben im Grunde Humboldts Lektion gelernt – und wir könnten hinzufügen, dass es nur noch mit der Umsetzung hapert. Ob wir diese politische Umsetzung mit einer Menschheit, die sich lieber Feinde sucht als Partner, die lieber Kriege führt als friedliches Zusammenleben in Differenz praktiziert, noch rechtzeitig erreichen werden, steht in den Sternen und wird schon an die nächste Generation schwer zu bewältigende Herausforderungen stellen. Doch Humboldts Botschaft, dies zeigt sich allenthalben, ist angekommen.
Bleibt der dritte, der noch uneingelöste Teil des Erbes Alexander von Humboldts. Wir verfügen heute über eine Vielzahl von Forschungsinstituten, die zum Teil den Namen des preußischen Gelehrten tragen und fleißig Daten sammeln, um unsere zahlreichen Krisen meistern zu können. Wenn es sich bei diesen Forschungen um rein naturwissenschaftliche handelt, dann entsprechen sie nicht dem Denken Alexander von Humboldts. Denn seine heute noch immer nicht eingelöste Herausforderung an unser Denken lautete, Natur und Kultur, Kultur und Natur auf fundamentale Weise zusammenzudenken. So wie wir den Menschen nicht begreifen, wenn wir ihn entweder als allein der Natur oder allein der Kultur zugehörig sehen, müssen wir unseren Planeten als eine Welt verstehen – und im germanischen Wort für Welt oder World ist etymologisch der Mensch gegenwärtig –, in der wir die Phänomene der Natur nur dann meistern können, wenn wir zugleich die Probleme der Kulturen des Menschen besser begreifen und angehen.
Schon Humboldt wusste, dass wir die weltumspannenden Probleme der Globalisierung – von den mit ihr einhergehenden und von ihm untersuchten Epidemien bis hin zu den massiven Abholzungen des Regenwaldes – niemals erfassen, wenn wir allein die Phänomene der Natur erforschen. Wir haben die klimatischen Folgen der Abholzung detailliert untersucht, nicht aber ihre kulturellen Beweggründe und ethischen Dimensionen. Ebenso die Phase beschleunigter Globalisierung, die er untersuchte – die Zeit des Kolumbus, dessen Beobachtungsgabe er bewunderte –, wie jene Phase, der er selbst angehörte und zu deren weiterer Beschleunigung er beitrug, waren für ihn Erscheinungen, die man allein aus der Sicht von Natur und Kultur adäquat beurteilen kann. Öffnen wir uns endlich auch für diesen Teil seines Erbes und warten wir dafür nicht seinen 300. Geburtstag ab.
Diesen Teil des Erbes Humboldts haben wir noch nicht andeutungsweise verstanden oder gar implementiert. Die Naturwissenschaften glauben, anderer Wissenschaften mit anderen Logiken nicht zu bedürfen, und die Geistes- und Kulturwissenschaften haben auf sträfliche Weise ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Wann begreifen wir, dass nicht allein die Weltwirtschaft, sondern zudem das Weltklima auch von kulturellen Faktoren abhängt? Wann nehmen wir Humboldt auch auf diesem Gebiet endlich ernst? Erst wenn wir Kultur und Natur zusammendenken, erst wenn wir ein polylogisches Denken im Vernetzungsraum von Kultur und Natur entfalten, erst dann sind wir im vollen Wortsinne die Erben Alexander von Humboldts.
Bewegt wie die Natur: Alexander von Humboldts Kunst
Weltweit sind Alexander von...




