Gombert / Sander | Demokratie bilden | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 364 Seiten

Gombert / Sander Demokratie bilden

Leiten und Moderieren von Gruppen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-3341-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Leiten und Moderieren von Gruppen

E-Book, Deutsch, 364 Seiten

ISBN: 978-3-7526-3341-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine lebendige Demokratie ist nicht nur eine Frage von Menschenrechten, Wahlen, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit. Demokratie ist auch Lebens- und Arbeitsform. Das gilt nicht nur im Staat, sondern auch für Gruppen und Teams. Was einfach klingt, ist in der Praxis herausfordernd: Wie können Gruppen und Teams gleichwürdig und demokratisch zusammenarbeiten? Wie kann das beteiligungsorientiert, aber auch zielgerichtet klappen? Dieses Buch gibt Antworten auf diese Fragen und legt dabei den Schwerpunkt auf die hilfreiche Steuerung und Moderation demokratischer Teams. Was das Buch für alle moderierenden und leitenden Personen anbietet, ist - eine bildungs- und demokratietheoretische Einordnung - eine Einführung in das Moderieren und Leiten - anschauliche moderative Praxisbeispiele - eine Methodensammung mit erprobten Tools

Tobias Gombert (Jg. 1975) ist Leiter des Bildungs- und TagungsZentrum HVHS Springe e. V., Mediator, systemischer Berater und Trainer. Tobias Gombert arbeitet fast ausschließlich in seinen Seminaren, Workshops und Verhandlungen mit ehrenamtlich Engagierten zusammen. Zudem beschäftigt er sich seit mehr als 20 Jahren mit Theorien Sozialer Demokratie, der Sozialphilosophie und Bildungstheorie. Tobias freut sich, wenn er Gruppen darin unterstützen kann, demokratisch ihr Potenzial zu nutzen.

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2.1. Schlaglicht 1: Humboldts humanistischer Bildungsbegriff
Dass Bildung einen emanzipatorischen Charakter ins sich tragen könnte, ist kein neues, sondern ein (bildungs)bürgerliches Verständnis, das sich im Zuge der Aufklärung herausgeschält hat. Besonders stark wird es (neben Philosophen wie Kant, Schelling und Herder) vor allem mit Wilhelm von Humboldt verbunden. Einer der – aus heutiger Sicht – prägnantesten Texte zur Bildungstheorie ist ein Fragment aus dem Jahr 1793/94 geblieben und mit Theorie der Bildung des Menschen – Bruchstück überschrieben. Der Text umfasst nur wenige Seiten, kann aber als ein Konzentrat des bildungsbürgerlichen Begriffs von umfassender Bildung gelesen werden. Humboldt kombiniert dabei Individuierung und gesellschaftliche Verortung als Aufgabe umfassender Bildungsprozesse. Diese setzen eine Freiheit für Bildung voraus: Humboldt »gelangte (…) zu der Überzeugung, die Aufgabe einer zeitgemäßen Bildung könne nicht darin bestehen, die Verfassung der Menschen einseitig an der des Staates zu prüfen; vielmehr komme es umgekehrt darauf an, die Bildung von jeder Bevormundung durch Politik freizustellen.« (Benner 2001: 58) Humboldts Ausgangspunkt ist dabei eine »Wechselwirkung« zwischen Individuum und »Welt ausser sich« (Humboldt 1980: 235), die beide (!) gebildet (also gestaltet) werden. Die Besonderheit ist also, dass Humboldt auf einen Zusammenhang zwischen ‚sich bilden‘ (als Person) und ‚etwas‘ bilden (also die gesellschaftliche Realität) abstellt. Das »Ich« strebe dabei im »Denken« und »Handeln« nach seiner Veredelung also Verbesserung, wobei das Denken der Versuch des »Geistes« sei, »sich selbst verständlich« zu sein (Humboldt 1968 (V): 235) und das Handeln der Versuch des »Willens, in sich frei und unabhängig zu werden« (ebd.). Ziel dabei sei es, dass Menschen in den Stand versetzt werden sollen, die »lebendige, freie Wechselwirkung« zu verwirklichen (Humboldt 1980: 235 f.). Bildung ist insofern auf die Wechselwirkung angewiesen: »Was also der Mensch notwendig braucht, ist bloss ein Gegenstand, der die Wechselwirkung seiner Empfänglichkeit mit seiner Selbstthätigkeit möglich mache.« (Humboldt 1980: 237) Insofern ist Freiheit letztendlich etwas, was sich in einem Kraftfeld oder wie in einer elektrischen Spule immer wieder verstärkt: Sich mit seiner Umwelt und mit sich selbst kritisch auseinanderzusetzen, ist demnach Bildung und Voraussetzung für erfolgreiche Individuierung. Dieser Anspruch auf gebildete Individualität, die jedem Menschen zugestanden wird, ist quasi der Nucleulus, aus dem heraus sich Gesellschaft entwickeln soll. Ein durchaus revolutionäres oder besser noch: revolutionär liberales Konzept bürgerlicher Aufklärung. Dabei ist Humboldt nicht naiv, sondern weiß um die gesellschaftlichen Realitäten, wie er es in seinen Ideen über die Staatsverfassung, durch die neue französische Constitution veranlasst aus dem August 1791, beschreibt: »Eine neue Verfassung soll auf die bisherige folgen. An die Stelle eines Systems, das allein darauf berechnet war, soviel Mittel, als möglich, aus der Nation zur Befriedigung des Ehrgeizes und der Verschwendungssucht eines Einzigen zu ziehen, soll ein System treten, das nur die Freiheit, die Ruhe, und das Glük jedes Einzelnen zum Zwek hat.« (Humboldt 1980: 35) ‚Bildung‘, ‚Befreiung‘, ‚gleiche Freiheit‘ und eine entsprechend verfasste Gesellschaft (‚Staat‘) sind also bei Humboldt in der Theorie zusammengedacht. Zugleich weiß Humboldt (auch aus der eigenen Funktion im preußischen Staat heraus), dass diese Art von Staat nicht einfach existiert, sondern einen (bürgerlichen) Umbau erforderlich macht. Dass Humboldt dabei eher einen aufgeklärten Absolutismus im Blick hat und auch die Verbindung zwischen der Unfreiheit der Vielen (nämlich von Frauen, Arbeiter*innen, Bauern etc.) als Voraussetzung der Freiheiten der Wenigen (Bildungsbürgertum, Adel und Monarchie) übersieht, ist nicht nur ein analytischer Schwachpunkt, sondern macht auch deutlich, dass das »Glük jedes Einzelnen« nicht einfach das ‚Glück aller‘ bedeutet. Dennoch öffnet der Bildungsbegriff Humboldts den Blick dafür, dass ‚Bildung‘ nicht mit einem technischen Begriff von ‚Wissen‘ und seiner Aneignung verwechselt werden darf, sondern sich Menschen in »Wechselwirkung« mit Anderem und Anderen selbst (ihre Meinung) bilden und dazu einer freien und gleichen Entwicklungschance bedürfen. Bei aller berechtigten und wesentlichen Kritik ist das der emanzipatorische Kern von Bildung. Das ist die positive Flaschenpost, die in der politischen Erwachsenenbildung entkorkt werden muss. Für die praktische Erwachsenenbildung heißt dies, dass sich politische Bildung nicht in Wissensvermittlung oder in Kompetenztraining erschöpft, sondern Menschen einen geschützten Raum erhalten sollen, sich kritisch und diskursiv eine eigene Meinung zu bilden und diese in der demokratischen Auseinandersetzung stark machen zu können, um damit ‚sich‘ und ‚etwas‘ zu bilden. 2.2. Schlaglicht 2: Kritische Wendung des Bildungsbegriffs bei Heydorn und Freire Dem universellen Anspruch von Befreiung und Bildung stand und steht für viele eine konkrete Erfahrung von Unfreiheit und Bildungslimitation entgegen. Der bürgerliche Bildungsbegriff, wie er von Humboldt und anderen entwickelt worden ist, wurde insofern nicht nur als potenzielle Befreiung von allen Menschen, sondern auch als Teil des bürgerlichen Herrschaftssystems, der modernen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft begriffen. Im 20. Jahrhundert ist diese kritische Denkweise in Deutschland mit der Kritischen Theorie (und dort vor allem mit Theodor W. Adorno) einerseits und mit Heinz-Joachim Heydorn andererseits verbunden. Nahezu zeitgleich veröffentlichte Paulo Freire 1970 (dt. Fassung 1973) sein berühmt gewordenes Buch Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit . Auch hier ist der Ausgangspunkt die Unfreiheit (in diesem Fall in Lateinamerika). Im Kern wird man für beide (Heydorn wie Freire) sagen können, dass sie einer kapitalistischen Gesellschaft den philosophischen Spiegel vorhalten und damit den Versuch unternehmen, den ‚ideellen Überschuss‘ der humanistischen Bildungstheorie zu retten, ihn zugleich aber auch als Negativ der gesellschaftlichen Verhältnisse zu begreifen. Im ‚Negativ‘ ist dabei der universelle Anspruch gleicher Freiheit aufgehoben, kann sich aber unter den Herrschaftsverhältnissen nicht realisieren. Dieser ambivalente Rückgriff auf die Aufklärung und ihrem Bildungsbegriff wird von Heydorn historisch entwickelt: »Mit ihrer unmittelbaren Herkunft weist Mündigkeit auf die Geschichte des bürgerlichen Aufstiegs; erst das aufsteigende Bürgertum macht Bildung zu einem organisierten Instrument der Befreiung. Die Institution wird zum Mittel des Klassenkampfes. Dem Adel der Geburt (…) wird ein neuer Adel entgegengesetzt, den sich der Mensch selbst erwirbt; der Mensch wird auf seine eigene Spur gesetzt.« (Heydorn 1980: 95) Diese Art von ‚Bildungsadel‘ weist recht gut auf die ambivalente gesellschaftliche Wirkung des bürgerlichen Bildungsbegriffs hin: Die Befreiung von geburtsständischen Privilegien bedeutet nicht die Freiheit aller, sondern eine neue – nämlich bürgerliche – Freiheit, die zur Legitimation von neuen Grenzlinien in der gesellschaftlichen Ungleichheit avanciert. ‚Bildung‘ wird insofern in den entstehenden Schulen und Universitäten nicht zu einer Freiheit, sich selbst entwickeln zu können, sondern zu einer Absicherung der neuen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung: »In der Radikalität des Begriffs ist sie schon vollzogen, ist der Mensch zu sich selber schon frei geworden, aber seine Füße werden das Pflaster nicht los, auf dem sie gehen« (Heydorn 1980: 96). Nachdem sich die bürgerliche Herrschaft historisch durchgesetzt hat, reagiert sie genauso, wie es Herrschaftssysteme regelmäßig tun: Sie müssen die revolutionären Bestandteile (in diesem Fall von Bildung) zu unterbinden suchen: »Die Erinnerung an sie wird bald aus dem Verkehr gezogen. Der Kapitalismus legt keinen Wert auf seine Herkunft, auf Liberté, Egalité, Fraternité. Er macht sie unkenntlich. (…) Die Klasse muß Ihr Gesicht unkenntlich machen, damit die Züge ihrer Vergangenheit ausgelöscht werden; der Positivismus ist ihre Wissenschaft. (…) Wie in vielem besorgt auch hier eine bildungslose Linke die Geschäfte des Kapitalismus mit.« (Heydorn 1980: 101) Dabei gehen sowohl Heydorn als auch Adorno davon aus, dass es nicht an Wissen und an Angeboten, etwas zu lernen, mangele. Nur handele es sich dabei um eine Art Rauschgift: »Es bedarf nicht des Rauschgifts; die bürgerliche Kultur ist voller Rauschgifte.« (Heydorn 1980: 103) Mit anderen Worten: Bürgerliche...



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