E-Book, Deutsch, 428 Seiten
Goldsmith Das Bad-Boy-Experiment
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-417-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman: Von der Autorin des Weltbestsellers »Der Club der Teufelinnen«
E-Book, Deutsch, 428 Seiten
ISBN: 978-3-96655-417-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Olivia Goldsmith (1949-2004) arbeitete nach ihrem Studium als Unternehmensberaterin in New York und hätte nie damit gerechnet, internationale Bestsellerautorin zu werden. Doch dann wurde sie von ihrem Mann aufs Übelste hintergangen - und schrieb sich den Frust darüber von der Seele. So entstand die hinreißende Rachegeschichte »Der Club der Teufelinnen«, die als Roman und in der Verfilmung mit Bette Midler, Goldie Hawn und Dianne Keaton Welterfolge feierte: Der Startschuss der rasanten Karriere einer Autorin, die ihren Leserinnen mit viel Humor aus der Seele sprach! Bei dotbooks erschienen Olivia Goldsmiths Romane »Die Rachegöttinnen«, »Der Club der Gaunerinnen«, »Das Bad-Boy-Experiment« und »Der Billy-Effekt«.
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Kapitel 1
Der Himmel war genauso weißlich grau wie die fettarme Milch, die Tracie in ihren Kaffee goss. Aber genau das liebte sie so an Seattle. Absolut kein Vergleich mit Encino, wo sich am unweigerlich knallblauen Himmel ebenso wenig Wolken zeigten wie Menschen bei ihr zu Hause. Als Einzelkind berufstätiger Eltern hatte Tracie viel zu lange in diesen Himmel gestarrt. Von leerem Blau hatte sie genug. Es vermittelte ihr immer das Gefühl, eigentlich glücklich sein zu müssen, wenn sie es gerade nicht war. Unter dem bedeckten Himmel von Seattle dagegen erschien schon die kleinste Spur von Glück wie eine Belohnung.
Bevor Tracie sich für das College in Seattle entschieden hatte, hatte sie auch Unis an der Ostküste in Erwägung gezogen, sich dann aber nicht getraut. Sie hatte von Dorothy Parker, Sylvia Plath und den renommierten Frauencolleges im Osten gelesen. Oje oje. Eines war ihr hingegen klar: Sie wollte weg von Kalifornien, und zwar so weit weg, dass Wochenendfahrten nach Hause gar nicht erst in Frage kamen. Auch wenn sie im Gegensatz zu so mancher Märchenheldin nicht behaupten konnte, dass ihre Stiefmutter böse war; sie war allenfalls passiv-aggressiv. Schließlich hatte sich Tracie für die Universität von Washington entschieden, was ihr neben einer ziemlich guten journalistischen Ausbildung auch noch den Vorteil eingebracht hatte, dass sie dort nette Freunde kennen gelernt, einen vernünftigen Job gefunden und sich in die Stadt Seattle regelrecht verliebt hatte. Ganz zu schweigen davon, dass sie in der boomenden Musikszene auf etliche supergeile Typen gestoßen war. Klar, sinnierte Tracie, als sie den ersten Schluck ihrer morgendlichen Koffeinration nahm, klar, Seattle ist berühmt für seine bösen Jungs, seinen guten Kaffee und seine Micro-Millionäre. Und während sie in den wolkenverhangenen Himmel starrte, dachte Tracie Leigh Higgins, dass sie eigentlich auf alle drei stand.
Gelegentlich allerdings kam ihr der Verdacht, dass sie das mit den Prioritäten nicht so ganz hinbekam: Vielleicht sollte sie von den bösen Jungs besser die Finger lassen, ihren Kaffeekonsum einschränken und sich mit den Micro-Millionären verabreden. Stattdessen ließ sie sich ernsthaft mit bösen Jungs ein, schüttete einen latte nach dem anderen in sich hinein und schrieb über Micro-Millionäre.
Noch einmal blickte Tracie zum Himmel auf. Ihr Freund Phil machte ihr wieder einmal Schwierigkeiten. Vielleicht sollte ich ja vom Kaffee die Finger lassen, mit den Typen von Micro und Gotonet ausgehen und Romane über die bösen Jungs schreiben, überlegte sie, während sie noch ein wenig fettarme Milch in ihr Gebräu goss. Sie spielte schon mit dem Gedanken, sich ein Schokomuffin zu kaufen, tadelte sich aber dann selbst, weil die Dinger süchtig machten und sie sie ja eigentlich nie mehr anrühren wollte. Tracie war sich nicht ganz im klaren, ob sie die Vorstellung, sich von Phil zu trennen, oder der Gedanke ans Romaneschreiben so aufregte, dass sie Trost suchte. Hatte sie wirklich den Mut, ihren Job hinzuschmeißen, um Bücher zu schreiben? Und worüber sollte sie schreiben? Nicht über ihren Exlover, entschied sie, das wäre viel zu peinlich. Tracie liebte diese Auszeit, die sie sich jeden Morgen gönnte, um überregionale Zeitungen zu lesen und aus dem Fenster des Coffee-Shops zu starren, aber wenn sie nicht bald den Hintern hochkriegte, würde sie zu spät kommen. Sie musste noch eine Kurzbiografie schreiben. Wie langweilig.
Sie nippte noch einmal am Kaffee und schaute auf die Uhr. Warte mal. Vielleicht sollte ich von den bösen Jungs die Finger lassen und über Kaffee schreiben... ach, so früh am Morgen war das alles viel zu verwirrend. Sie war ein Nachtmensch, lebenswichtige Dinge bekam sie so früh am Tag nicht auf die Reihe. Am besten wartete sie bis Neujahr, um ein paar Vorsätze zu fassen. Heute hatte sie erst mal einen Termin: Sie musste den Artikel über das x-te Techno-Wunderkind aus Seattle zu Ende bringen.
Und dann würde sie sich mit Phil treffen.
Bei diesem Gedanken überlief Tracie ein Kribbeln, worauf sie noch einmal zum Kaffee griff, der mittlerweile fast bis zur Untrinkbarkeit abgekühlt war. Sie nahm trotzdem einen letzten Schluck und fragte sich, ob sie am Nachmittag wohl früh genug wegkam, um vor dem Treffen mit Phil noch zum Friseur zu gehen.
Sie kramte einen kleinen Post-it-Notizblock hervor und schrieb »Stefan anrufen wg. Haare schn.«, bevor sie Handtasche und Rucksack nahm und zur Tür ging.
Im Korridor der Times wurde sie von Beth Conte aufgehalten, der Weltmeisterin im Augenverdrehen. »Marcus hat dich schon gesucht«, zischte sie. Obwohl Tracie wusste, wie sehr Beth zur Dramatisierung neigte, verkrampfte sich ihr Magen, was dem Kaffee darin gar nicht gefiel. Zusammen gingen sie auf Tracies Büro zu. »Er ist auf dem Kriegspfad«, fügte Beth überflüssigerweise hinzu.
»Ist dieser Ausdruck eigentlich politisch korrekt?«, fragte Tracie. »Oder könnte man ihn als Diskriminierung der nordamerikanischen Indianer auffassen?«
»Es wäre für jede ethnische Gruppe diskriminierend, in einem Atemzug mit Marcus genannt zu werden. Apropos, was ist er eigentlich?«, fragte Beth sie, während sie zusammen durch den Korridor hasteten. »Italo-Amerikaner jedenfalls nicht, das weiß ich sicher«, fügte sie hinzu, als wollte sie ihre eigene Abstammung verteidigen.
»Er ist dem Haupt des Zeus entsprungen«, mutmaßte Tracie, als sie um die letzte Ecke bogen und endlich ihr Büro betraten.
»Dem Haupt des Zeus?«, wiederholte Beth. »Ist Marcus Grieche? Wovon redest du eigentlich?«
Tracie zog ihren Regenmantel aus, hängte ihn an den Haken und verstaute ihre Handtasche unter ihrem Schreibtisch. »Du weißt schon, wie Diana. Oder war es Athene?«
»Prinzessin Diana?«, fragte Beth, wie immer haarscharf daneben liegend.
Was konnte man auch anderes erwarten, wenn man sich mit Beth vor zehn Uhr morgens (oder auch nach zehn Uhr morgens) über griechische Mythologie unterhielt. Tracie zog ihre Turnschuhe aus, warf sie unter den Schreibtisch und wühlte nach ihren Büroschuhen. Gerade als sie ihren Scherz erklären wollte, verdunkelte Marcus Strombergs massige Gestalt die Tür ihres Büros. Rasch tauchte Tracie unter dem Schreibtisch auf in der Hoffnung, dass er nicht länger als ein paar Sekunden freie Sicht auf ihren Hintern gehabt hatte. Sie schob die Füße in ihre Pumps. Marcus barfuß gegenübertreten zu müssen war mehr, als sie verkraften konnte.
»Danke für den Tipp«, quiekste Beth und machte sich davon.
Tracie schenkte Marcus ihr strahlendstes Siegerinnenlächeln und ließ sich, so cool sie konnte, auf ihrem Stuhl nieder. Von Marcus ließ sie sich nicht einschüchtern! So tough war er auch wieder nicht. Er war weit weniger tyrannisch als die Männer, mit denen ihr Dad in L. A. zusammengearbeitet hatte. Er war nicht mal so ein Tyrann wie ihr Vater. Und dafür, dass Marcus gehofft hatte, eines Tages ein neuer Woodward oder Bernstein zu werden, aber nur ein kleiner Stromberg geworden war, dafür konnte sie ja schließlich nichts.
»Wie schön, dass Sie auch schon da sind«, sagte Marcus mit einem Blick auf seine Armbanduhr. »Ich hoffe nur, dass Ihre Arbeit Ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen nicht allzu sehr im Wege steht.«
Marcus benahm sich ihr gegenüber immer so, als hielte sie sich für eine Art Debütantin. »Sie kriegen die Kurzbiografie bis vier«, erklärte Tracie ihm ruhig. »Das habe ich Ihnen gestern schon gesagt.«
»Ich erinnere mich. Aber zufällig brauche ich Sie heute noch für einen Artikel.«
Mist! Als ob sie nicht schon genug Arbeit hätte. »Und über was?«, fragte Tracie und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
»Muttertag. Ich brauche ein richtig gutes Feature, und zwar bis morgen.«
Zu Tracies Aufgaben gehörte es, die gegenwärtigen und künftigen High-Tech-Mogule zu interviewen, aber wie alle anderen bekam sie gelegentlich auch andere Aufgaben. Zu allem Unglück verfügte Marcus über die unselige Fähigkeit, jedem mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit genau die Story zu verpassen, die ihm gründlich den Tag verdarb. Lily, einer talentierten übergewichtigen Journalistin, schob er regelmäßig Artikel über Fitnessstudios, Magersucht, Misswahlen oder Ähnliches zu. Tim, der zu Hypochondrie neigte, bekam Berichte über die Einweihung von Krankenhäusern oder neue Behandlungsmethoden aufgebrummt. Irgendwie schaffte er es bei jedem, seine ganz speziellen Schwächen zu treffen, selbst wenn diese weniger offensichtlich zu Tage traten als bei Tim und Lily. Da Tracie selten zu ihrer Familie fuhr und Feiertage nicht besonders mochte, wurde sie meist genau mit diesen Themen betraut. Und jetzt auch noch Muttertag!
Ihre Mutter war gestorben, als Tracie viereinhalb war. Ihr Vater hatte wieder geheiratet, sich scheiden lassen und ein weiteres Mal geheiratet. Tracie konnte sich kaum an ihre Mutter erinnern und versuchte, ihre gegenwärtige Stiefmutter zu vergessen. Sie betrachtete Marcus’ kantige Kinnlade und den Bart, der eher die Bezeichnung »Zehn-Uhr-morgens-Schatten« verdient gehabt hätte. »Aus einem bestimmten Blickwinkel?«, erkundigte sie sich. »Oder darf es auch ein einfühlsamer Bericht darüber sein, wie ich den Muttertag zu verbringen gedenke?«
Marcus ging nicht darauf ein. »Wie Seattle seine Mütter feiert. Packen Sie so viele Restaurants, Floristen und andere Anzeigenkunden hinein, wie Sie können. Neunhundert Wörter bis morgen früh. Ich bringe es dann am Sonntag.«
Mein Gott! Neunhundert Wörter bis morgen nahmen ihr jede Chance auf einen netten Abend mit Phil. Tracie betrachtete noch einmal Marcus, sein lockiges dunkles Haar, seine rosige Haut und seine kleinen blauen Augen und wünschte sich nicht zum ersten...




