E-Book, Deutsch, 133 Seiten
Goldschmidt Der unterbrochene Wald
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8353-4865-3
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählung
E-Book, Deutsch, 133 Seiten
ISBN: 978-3-8353-4865-3
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georges-Arthur Goldschmidt, geb. 1928 in Reinbek bei Hamburg emigrierte als Kind nach Italien und später nach Frankreich. Auszeichnungen: Für sein umfangreiches Werk wurde er u. a. mit dem Nelly-Sachs-Preis, der Goethe-Medaille, dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Prix de l`Académie de Berlin ausgezeichnet. Peter Handke, geb. 1942 in Griffen/Kärnten, ist ein österreichischer Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer. Er lebt heute in Chaville bei Paris. 1966 wurde sein inzwischen legendäres Theaterstück »Publikumsbeschimpfung« in Frankfurt unter der Regie von Claus Peymann inszeniert. Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfasst, u.a.: »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter« (1969), »Der kurze Brief zum langen Abschied« (1971), »Die Wiederholung« (1986), »Mein Jahr in der Niemandsbucht« (2004) sowie »Die morawische Nacht« (2008). Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen geehrt. Er erhält den Literaturnobelpreis 2019.
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II
Nach der senkrechten Leere über der Place des Fêtes, eingelassen wie ein Hochplateau zwischen den aufschießenden Bauwerken, führt die Rue Compans hügelab, vorbei an den Fundamenten der Wohntürme. Tunnels sind da eingegraben, groß wie Bahnhöfe, und im hellen Viereck am andern Ende zeigen sich eine andere Straße, Gebäudeausschnitte.
Die Rue Compans hat ein Fragment von einem Landweg bewahrt, eine Sackgasse mündet in sie ein, deren uralte Pflasterung leicht gebaucht und geglättet ist. Sie schrumpft zusammen zwischen Betonmauern, biegt plötzlich ab und bildet eine baumgesäumte Allee, mit einer Öffnung geradewegs auf den Himmel, wird eine Fußgängerpassage mit Pappeln, gleichsam am Ende einer Riesenstadt, auslaufend auf eine Klippe, ausgestattet mit einem Balkon. Die Weite ist indigograu wie das Meer; darin eine Vielzahl von Details, ineinandergeschoben, so fern sind sie. Über dem leichten Rumoren von Paris das wechselseitige Geräusch sich kreuzender Züge, Ausfahrt und Rückkehr sozusagen vermischt, gleichzeitig, so als sei das Erwachsenenalter nur eine Vorläufigkeit.
Das Grollen der Züge in der Erinnerung: Da rollen sie sehr schnell auf den hohen Dämmen der Ebene zwischen Bremen und Hamburg. Diese Rückkehr, elf Jahre später, ist ein stetig sich wiederholendes Bild. Er hatte das Waisenhaus der Vorstadt hinter sich gelassen; im Fahren stellte er sich seine Mansarde vor.
In der Landschaft, an einer leicht schiefwinkeligen Scheune, hatte er einen Taubenschlag gesehen. Felder, Wiesen, eine Straße, Zäune und Pappeln an dem Lauf der unsichtbaren, aber immer gegenwärtigen Oise.
Am Abfahrtstag hatte er mit der flachen Hand auf seine graue Bettdecke geklopft, und davon war ein Abdruck geblieben, den er bei der Rückkehr wiederfände. Und nun, in jenem norddeutschen Garten, schloß er manchmal die Augen und versuchte, sich seiner Mansarde zu entsinnen, deren Bett mit der straffgezogenen Decke, worin der Abdruck seiner Hand geblieben war. Aber bald kam das Vergessen. So versuchte das Gedächtnis einen Blick von oben: Vom Plafond lag das Bett da unter jenem Kinderkörper mit den steifen Beinen, die Hände ausgestreckt auf das graue Leinen des Überzugs.
Der Blick zeigt ihn in der Horizontalen, milchig, zitternde Arme, welche sich leicht vor und zurück bewegen; das Möbel läßt das mit sich geschehen, die vier Beine des Betts bleiben unbewegt. Rundherum die Stille des ausgehenden Nachmittags, das Hochhinaufschrillen der Möwen, hier, dort, sehr weit weg das Geräusch eines startenden Wagens; die von innen abgeschlossene Tür, der umgedrehte Schlüssel, das Fenster darüber, sicher vor allen Blicken. Er bricht ab gerade im letzten Moment, und während er an der Wand steht, sieht er das Bett in der ganzen Länge, die graue Decke zerknüllt an der Matratze und die umgelegte Kissenrolle gesäumt von weißen Binden auf tiefbraunem Grund; bedeckt von einem Handtuch.
Die Reise hatte ihn sehr weit davon weggeführt. Er war aufgebrochen, seine Kindheit wiederzusehen, und hatte nichts wiedererkannt. Er hatte sich die Orte für immer ins Gedächtnis gebrannt und zugleich doch alles getan, sie zu vergessen. Es fehlte ihnen die Zeit, da er weg gewesen war, um seine Erinnerungen zu ordnen.
Er war zurückgekehrt, und trotz des Krieges waren die Orte noch vorhanden. Die Zeit war gestrichen, aus ihm vertrieben das Bild seiner Eltern. Viel später erst war es, daß ihm das Gedächtnis wiederkam.
In den Landschaften der Kindheit, den kaum erst entdeckten, hatte er weder gelernt, sich zu setzen noch sich auszustrecken im Gras und derart ringsum die Welt sich entfalten zu lassen.
Nachts, in dem Kinderheim hoch über dem Tal, war es, bei geschlossenen Augen die Ebene seiner Kindheit gewesen, wo so viele Wege unerforscht geblieben waren: der nach Silk zum Beispiel, wo das Sommergras trocken und klar auf dem Abhang gezittert hatte, welchen die Buchen mit ihrem scharfen Schatten- und Lichtspiel musterten.
1949, elf Jahre danach, war er nach Silk zurückgekehrt, kannte noch den Weg, welcher unten den Hang mit einem unermeßlichen Weizenfeld säumte, abgeschnitten vom Himmel. Er hatte sich ins Gras gesetzt, auf eine kleine Böschung, und in der Waldlichtung hatte sich eine andere abgezeichnet, so als wäre eine jede Landschaft errichtet auf der Erinnerung an eine andre. Da, im nördlichen Deutschland, kam ihm Savoyen in den Sinn, zur Zeit der Befreiung. Im letzten Jahr der Okkupation war er versteckt worden in Bauernhöfen, wegen seiner Herkunft, und im September 1944 zurück in das Kinderheim gekommen, das starr und hoch über dem Tal lag. Schüler und zugleich Domestik, war er so servil wie undiszipliniert, und trotz seiner sechzehn Jahre bekam er’s wöchentlich auf den Hintern.
Er war zu den Bauern geschickt worden, um die noch seltenen, rationierten Kartoffeln zu kaufen. Zu mehreren waren sie dann diese abholen gegangen, der Bauer hatte fünfzig Kilo davon in einen Kinderwagen gefüllt. Sie waren eingetaucht in die Dichte des Fichtenwalds, wo zwischen den Stämmen, an der Lichtung, der Gegenhang durchschimmerte. Alle Zukunft war ihm entfaltet erschienen unter dem Mond des Sommers.
Der Wagen rumpelte über die Wurzeln am Boden. Zu sechst schoben und zogen sie. Sooft der Wagen stockte, berührten sich ihre Körper, und jedesmal durchschoß es ihn dabei heiß. Er sah sich auf dem Speicher, gefügig, gekrümmt. Sie hatten eine Art Zuneigung zu ihm wie zu einem nahen, sehr vertrauten Gegenstand, während er begeistert war von dem verheißungsvollen Mond, vom milchigen Glanz der fernen Matten und der Unermeßlichkeit der Zeit, welche auf ihn wartete.
Den mit Kartoffeln vollen Kinderwagen schiebend, fühlte er sich stolz und stark. Seine Mitschüler, wie er sechzehn oder siebzehn, redeten lauthals in dem stillen Wald, der mit ihren klaren Stimmen beruhigend wirkte. Man konnte mit diesem und jenem reden und vernahm die eigene Stimme unter denen der andern, und am Ausgang des Waldes seine Hand auf der Wagenkante liegen zu sehen neben all den ihren, das hatte ihn erfüllt mit Freude, er schob mit ihnen, er war einer von ihnen, er überließ sich ihnen, nichts hatte er mehr zu fürchten. Es gab zwar die Gendarmeriepatrouillen gegen den schwarzen Markt, doch auch die Gendarmen waren Teil dieser Welt ohne Furcht, auch sie, harmlos, französisch, trugen bei zur Beruhigung.
Während all dieser Jahre, besonders als er versteckt war in den Höfen am Berghang, hatte ihm, sooft sein Körper sich hingab, er keine Gegenwart mehr spürte und die Landschaft um ihn eine Zukunft vorstellte, in einer jäh von irgendwo hervorgebrochenen Angst der Atem gestockt. Ein jedes Mal stieg in ihm das Bild von den Füßen der Juden auf, welche auf dem Dorfplatz hatten in den Lastwagen steigen müssen; er hatte bei ihrem Abtransport zugeschaut. Sie stiegen die kleine Klappstufe hinten an der Wagenwand hinauf, und der Gestapomann half ihnen, eines Morgens bei grauem, gleichförmigem, lichtem Himmel, der einem Lust auf eine Bergwanderung machte. Er hatte sie in den Laster steigen sehen, manchmal kreuzte einer ihrer Blicke den seinen. Er, er war frei zurückgekehrt, hinauf zu dem Kinderheim, die ganze Steigung vor sich, mitsamt diesem Himmel, diesen Bäumen, dieser Straße.
Er hatte sie gesehen nur für den Moment, in dem er die Fahrbahn überquerte, und doch genügte eine Geste, ein Passant, und sie waren wieder da. Jener Mann so viele Jahre danach, in einem Film über die Deportation, vielleicht war er einer von denen gewesen, er hatte weiße Haare und trug einen Mantel mit Fischgrätenmuster, ein Arzt oder ein Anwalt? Er wendet sich um zu seiner Frau. Ein jeder trägt eine große Mappe mit seinen letzten Habseligkeiten, während sie dem Sterben entgegengehen, der Film zeigt ihre Mühsal beim Einsteigen in den Viehwaggon.
Von sehr weit, er war da schon mitten im Kinderheimhang, kam das Geräusch des Lastwagens undeutlich her, ein kleinwinziger Tonfaden gespannt über dem Talgrund. Und er, von seiner Höhe aus, hatte, wie in der Unendlichkeit, im Dunst die Ebene sich erstrecken sehen, meergleich. Er wußte: Da, dort würden sie sterben. Unter dem senkrechten Himmel zeigten sich dunkle Flächen von einem beinahe schwarzen Grün, darin eingeschnitten große sandige Höhlungen.
Grundlos jeweils, daß der Laster ihm in den Sinn kam, der Knall der Wagenwand, das Herabfallen, eine nach der andern, der Spangen. Und jene Gesichter, sie waren ihren Lebtag lang jene Gesichter gewesen, vor Möbeln, vor Wandteppichen, hinter Zäunen, in Bahnabteilen, und er hatte sie da gesehen, unter einem Himmel, wo die Wolken zogen wie überall, stehend in einem Lastwagen, Gesichter in einem Lastwagen, die beim Anfahren alle in die gleiche Richtung geruckt worden waren. Die Landschaft war unverändert geblieben, und er, in Sicherheit, hatte sich ergangen unter demselben Himmel.
Einige dieser Juden, ausländischer Herkunft, waren untergebracht gewesen in Bauernhöfen, andre in Hotels oder Wohnungen. Man gab ihnen weiße oder rote Rüben zu essen, in Speisesälen. Angekommen waren sie im Juni 1943, und im Sommer gingen sie durch die Dorfstraßen, in kleinen geschlossenen Gruppen, wie um sich nicht zu verlieren. Nie ein Kind, das seinen Eltern vorauslief. Sie waren gekommen mit Kleidern, die nicht zu der Landschaft paßten.
Von dem Vorsprung, auf welchem das Kinderheim stand, ging der Blick...




