Goldschmidt Der Ausweg
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-403081-4
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Erzählung
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-10-403081-4
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georges-Arthur Goldschmidt, 1928 in Reinbek bei Hamburg geboren, musste als Zehnjähriger in die Emigration nach Frankreich gehen. Er lebt heute in Paris. Für sein umfangreiches Werk wurde er u.a. mit dem Bremer Literatur-Preis, dem Nelly-Sachs-Preis und dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet. Im November 2013 erhielt er den Prix de L'Académie de Berlin. Zuletzt erschienen seine Erzählungen »Der Ausweg« und »Die Hügel von Belleville«.
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II Ausblick
Ihn in der Küche arbeiten zu lassen ergänzte auf nützliche Weise die erteilten Strafen, deren Schmerz und Scham anfingen, für ihn zur Delikatesse zu werden. In der Küche ließ er den Blick an sich selbst hinunterstreifen, die Schürze stand ihm gut. Er mußte das ganze Geschirr und alle Teller abwaschen und hielt dabei die Hände im warmen, schwappenden Wasser, die Wärme war fast wie eine unverdiente Belohnung, er sagte aber nichts, damit man ihm das nicht auch noch nehme. Wenn er fertig war, setzte er sich an den sauber geschrubbten Holztisch: ein hellgelbes Rechteck in der Dunkelheit der Küche, in die nur durch ein kleines, in die Granitmasse geschlagenes Fenster Licht reinkam. Über dem Knaben stand das ungeheure Gewicht des Gebäudes mit allen Etagen übereinander. Ganz oben zogen die Wolken über dem Dachboden dahin. Gerne saß er am glatten Tisch, dessen Holzplatten so dicht aneinandergefügt worden waren, daß einzig die Venen im Holz sichtbar blieben. Wenn man mit der Hand darüberstrich, fühlte man die sanften Unebenheiten heraus, und die Hand konnte sich daran anschmiegen.
In der Küche klang der Wind langsamer und tiefer, wie unzählige Stimmen. Auf dem Boden klang er ein wenig heiser und weitläufig, wie ein Gesang der Fernen. Der Jüngling hörte ihm zu, er saß vor dem Kartoffelhaufen, Kartoffeln gab es jetzt, es war das Jahr 1945, wieder reichlich. Jede Kartoffel hatte eine andere Form, jede wog anders in der Hand, und der Körper folgte den langen, sich schlängelnden Schalen, die man soweit als möglich in einem Stück zu schneiden versuchte, ohne abzusetzen. Um die Augen wegzubekommen, bohrte man einen kleinen, glatten Trichter hinein. Die hellgelben Kartoffeln warf man in den großen Kochtopf, das Wasser sprang dabei kreisförmig auf. Manchmal entglitt ihm eine Kartoffel, und man mußte sie im Halbdunkel zwischen den Tischbeinen suchen. Unter dem Tisch war es wie ein zweites Haus zum Hineinflüchten. Auf der Bank zeichnete das Licht zwei helle Linien, wenn man aufstand, wurden sie zu schwarzen Strichen, solche schwarze Striche zeichneten sich überall ab, wenn man zum Beispiel die Hände faltete, man hatte sie auch zwischen den Schenkeln, es gab sie zwischen Deckel und Kochtopf, zwischen den Waschbecken, zwischen allen Gegenständen, eine Weltgrenze.
Immer wieder wurde er in die Küche oder zum Putzen hinuntergeschickt, aber trotz der Ohrfeigen würde aus ihm nichts werden. Man zog ihn an den Ohren, setzte ihm die Eselsmütze auf, ließ ihn auf dem viereckigen Lineal knien, mit dem man auf seine schön aneinandergedrückten Fingerspitzen schlug. Die Rute bekam er sowieso. Alles verstand er sofort, aber aus Angst machte er immer alles falsch.
Die Küche war jedesmal eine Befreiung. Um hinzugelangen, mußte man durch eine Art Schrank mit einer Pendeltür, die zu einer sehr steilen geriffelten Zementtreppe führte. Die beiden Flügel schlugen dabei gegen die Wände und schnellten dann wieder zurück, nach einigen letzten Schwingungen standen sie still nebeneinander, von derselben senkrechten Linie getrennt, als ginge sie das alles nichts mehr an. Am Ende des langen dunklen Korridors, der wie der Laufgang eines Dampfers ins Helle stieß, lag der leere Küchenkubus, dessen Mitte von einem riesigen Herd eingenommen war, den eine Kupferstange wie eine Reling umlief, ab und zu schlug der Wind die Glut auf und schob sie ins Herdinnere zurück, sein Heulen ließ an die See denken, deren Wellen sich an den tiefgrünen, ins Wasser hineinreichenden Dalben brachen.
Drei zusammengesetzte Bretter dienten als Steg zum Kutter herauf, da gab es ein winziges Klo, eine kleine, senkrechte rot angestrichene Schachtel. Man hatte ihn allmählich, trotz seiner Angst, er war damals gerade über sieben, dort hinaufgeschoben. Unter ihm die Leere des Wassers und auf Gesichtshöhe nur farbige, blaue, rote gelbe und grüne Holzwände. Das Innere des Kastens war weiß gestrichen, sogar die Nieten. Darüber blies der Wind durch die Takelung. Mit dem Kopf stieß er an die Türklinke, eine dunkle Silhouette füllte die ganze Türbreite aus, am Arm wurde er herausgezogen, er stemmte sich gegen die Holzwand, wehrte sich, gelähmt vor Entsetzen, und doch sah er, wie sich alles wieder einstellte: Die Schiffe lagen wieder beisammen an der Mole. In seinem Kopf hallten die Ohrfeigen, vor seinen Augen zogen rote Tränenkreise auf, durch die alles abgerundet aussah. Über ihn schrie man hinweg, wütende Stimmen durcheinander, und dann sah er einen schwarzweißen Turm auf einer Anhöhe jenseits des Wellenschaums, auf der anderen Seite wurden die Bäume immer kleiner, bis sie ganz am Rand des Blicks verschwanden. Jahrzehnte später erst erfuhr er, daß es Neuwerk war, die letzte der Friesischen Inseln.
Wie er da so saß, kam ihm die See in den Sinn, und der Wind trug wieder Landschaften heran, als hätte er ihren Anblick herangeweht. Während er neben der Heizung die Stiefel seiner Mitschüler mit besonderer Sorgfalt reinigte und einfettete, erkannte er manche sofort, sie waren das erste, was er sah, wenn man ihn am Nacken herunterdrückte und er hinkniete. Im gußeisernen mächtigen Heizkörper hörte man das Dröhnen des Sturms. In der Feuerung stand die weißrote Glut in Riffen und zusammengewürfelten Kloben, die einstürzten und wieder aufwirbelten, Kohle, weiß glühende Scheite oder hineingeworfene Schachteln oder alte Hefte behielten ihre Form, bevor sie plötzlich in der heißen Glut in unzählige gelbrote Funken zerstoben. Er mußte immer wieder nachfüllen, die Tür an der Klinke hochziehen und die Kohlen reinschütten, von der Reibung der Kohle war das Schaufelblatt glatt und glänzend geworden.
Irgendwo hatte er gelesen, daß im 16. Jahrhundert Prozesse gegen Katzen geführt wurden und man sie auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Seitdem konnte er von der Vorstellung der Katze nicht ablassen, die er, auf dem Gipfel des Entsetzens, in die Öffnung werfen sah, wie sie sich auf ihren ausgestreckten Pfoten vor Schmerzen aufbäumte, in Flammen aufging, wie sie aufplatzte und ihre Augen aus den Höhlen flossen, es war ihm, als sei er dabei, ihm kamen die Tränen. Er war doch nur ein Böser, ein Verbrecher, daß solche Bilder in ihm überhaupt entstanden. Unter den Fingern das Schlagen der Halsader, und käme die Gnade nicht vor der Tat, würde man nicht die Hände öffnen und mit dem Daumen weiterdrücken, alles wäre endgültig vorbei. Alleine schon ein solcher Gedanke war die Untat.
Dann ging er jedesmal in die Küche, um zu helfen, um sich bloß nicht mehr die Katze in der Weißglut vorstellen zu müssen: Er las die Linsen aus und setzte sich dazu neben die Köchin, ein Flüchtling, die vor den Bomben 1943 aus Noisy-le-Sec mit ihrem kleinen Töchterchen geflohen war. Man hatte die Köchin im Keller des Gebäudes untergebracht, der aus der Tiefe der Granitmasse herausgeschlagen worden war.
Er saß gerne neben der dicken und freundlichen Köchin, ihr Körper schützte ihn, beruhigte ihn, sie roch nach französischer Frau, nach Schuhgeschäft und Schönheitscreme. Die Tochter hieß Lucienne, und wenn er sie so anschaute, fragte er sich jedesmal, was denn seine zukünftige Frau wohl gerade mache, wo sie war, sie war bestimmt schon geboren, da er selbst damals doch schon fünfzehn war, vielleicht war sie irgendwo ganz in seiner Nähe oder sehr weit weg, aber unweigerlich waren sie dabei, einander zu begegnen, Sekunde für Sekunde, ohne daß der eine auch nur das Geringste vom anderen wüßte, nur die unabänderliche Zeitwand trennte sie voneinander.
Gerne sah er ins Gesicht der Köchin, dunkle Haare umrahmten es, und er stellte sie sich an die Theke gelehnt in derselben Haltung vor wie die Französinnen, die er sah, wenn unten im Dorf die Hoteltür offenstand. Sie hatte einen fülligen Körper mit straffer Haut, und er fand es wunderbar, daß er mit jemandem sprach, der Paris kannte. Durch sie hörte er zum erstenmal Namen von Ortschaften um Paris herum, Noisy-le-Sec, Bagnolet, Vincennes, Romainville, wo eine Festung steht, die die ganze Gegend überwacht. Er stellte sich Paris vor, wie es da in der Ferne ausgebreitet lag. Jeder der Namen, Bagnolet oder Vincennes, ließ dem Klang nach eine andere Ansicht entstehen, eine dichtgedrängte oder eine weitläufige Stadt, eine von Gleisen durchzogene, mit Schuppen gesäumte und hohen Schornsteinen, weiter weg stachen gepflasterte Straßen in verlassene Felder vor. Seine Fragen erstaunten die Köchin, und sie wiederholte ihm die Namen der Straßen, die er jeweils in eine andere Richtung verlaufen sah: Nach Norden oder Süden, Westen oder Osten. Große Wolken zogen am Horizont über Straßen hinweg bis zu hohen Türmen in der Ferne. Unendliche Vorstädte endeten auf einmal an Wiesen und Wäldern.
Sie wohnte, erzählte sie, ganz am Ende der Rue Jean Jaurès, in der Nähe des Eisenbahnübergangs, und sie beschrieb ihm das Stahlgestell, das die Gleisenstränge überquerte. Mit der kleinen Tochter nahm sie ab und zu den Zug nach Paris, die Fahrt dauerte zwölf Minuten, er stellte sich dabei den Weg vor, zum Einkaufen ins Samaritaine, ins Bon Marché oder in die Galeries Lafayette, Geschäfte, die ein ganzes Hochhaus einnahmen mit richtigen Balkonen übereinander, die in einen riesigen Hohlraum hineinragten, wie ein Draußen das Drinnen sein würde.
In anderen Augenblicken erschienen ihm Birkenhaine mit der Notre-Dame im Hintergrund. Im kleinen Larousse-Wörterbuch hatte er beim Buchstaben »P« eine Ansicht von Paris entdeckt: Die Cité-Insel, die ein Schleppkahnzug anfährt, mit der Pont Neuf auf ganzer Bildbreite, die ihre Brückenarme von einem zum anderen Ufer streckt. Wenn man lange genug hinschaute, war es, als höre man das Rumoren der...




