Gold Spiel mit dem Tod
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7245-1947-8
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, Band 2, 288 Seiten
Reihe: Kommissär Ferrari
ISBN: 978-3-7245-1947-8
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Anne Gold ist das Pseudonym von zwei Basler Autoren.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Katerstimmung am Tag danach. Pochende Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindelanfälle. Kommissär Francesco Ferrari griff sich vorsichtig an die Stirn. Aber der Abend mit Daniel Stettler war schön gewesen. Es gab Grund zum Feiern, und wie. Denn Daniel, einer seiner wenigen Freunde, war zum CEO der Hightech-Unternehmung ONLINE befördert worden. Schreckliche Bezeichnung für einen Generaldirektor! Was solls, die Amerikanisierung war wohl kaum mehr aufzuhalten. Den frischgebackenen CEO hatten sie im kleinen Kreis ausgiebig gefeiert. Zuerst standesgemäss mit zwei Flaschen Champagner im Büro des Chief Executive Officers, danach mit einer nicht enden wollenden Pintentour durch die Altstadt, die gediegen und ganz harmlos mit einem wunderbaren Essen im «Les Trois Rois» ihren Anfang genommen hatte. Dann, tja dann … wer war bloss auf die Idee gekommen? «Honky Tonk», «Moulin Rouge», «White Horse», «Fischerstube» und «Hirscheneck», wo sie altersmässig ziemlich aufgefallen waren. Ferrari sah die hämisch grinsenden Twens noch vor seinem geistigen Auge. Hingegen versuchte er sich vergeblich daran zu erinnern, was alles und vor allem wie viel er getrunken hatte. Champagner, Wein, Bier, dann wieder Champagner. Oder war es Prosecco gewesen? Und noch einen Schnaps dazu und … Der Magen rebellierte sofort wieder beim Gedanken an die vergangene Nacht. Mein Gott, wieso hatte er sich nur dazu verleiten lassen, alle Beizen im Kleinbasel abzuklappern. Zu guter Letzt wurden sie vor dem «Roten Kater» von einer Polizeistreife aufgegriffen und nach Hause verfrachtet. Immerhin blieb ihm die Ausnüchterungszelle erspart.
Obwohl er jeglichen Lärm zu vermeiden versucht hatte, stolperte er zum sichtlichen Vergnügen der uniformierten Polizisten, die ihn bis an die Haustür begleiteten, über die Schwelle und klatschte mit dem Kopf voll gegen die Klingel. Damit nicht genug. Das verfluchte Ding rastete ein und seine Freundin Monika aus. Wie aus dem Nichts stand sie plötzlich mit furchterregendem Blick an der Tür und stellte die verrückt spielende Glocke ab. Der Rest war schnell erzählt. Monika zerrte ihn wie einen nassen Sack durch den Korridor in die Küche und hielt ihm eine Standpredigt. Er glaubte, etwas wie «Du bist ein schönes Vorbild!», «Was müssen deine Leute von dir halten?», «Morgen bist du die Lachnummer im Kommissariat», «Wenn Nicole dich so sehen würde» und Ähnliches verstanden zu haben. Weshalb weiss der Mensch eigentlich nicht, wann er genug getrunken hat, dachte Ferrari. Jedes Tier hört auf, wenn Hunger und Durst gestillt sind. Nun ja, nicht jedes Tier, tröstete er sich. Es gibt Ausnahmen wie den Labrador eines Kollegen. Der lässt nichts aus, keinen Krümel, keinen ausgespuckten Kaugummi, kein gebrauchtes Taschentuch. Ferrari, der Labrador! Feiner Vergleich. Immerhin hatte das Schicksal dann doch ein Einsehen. Der Kommissär schlief sanft am Küchentisch ein und bekam so nicht mehr allzu viel von Monikas Standpauke mit.
Am Morgen schlich Ferrari mit stechenden Kopfschmerzen aus dem Haus, um einer weiteren Konfrontation zu entgehen. Die Folge war, dass er viel zu früh und ganz gegen seine Gewohnheit bereits um 7 Uhr im Kriminalkommissariat auftauchte. Ein Kollege starrte ihn im Korridor mit offenem Mund an.
«Bist du aus dem Bett gefallen, Francesco?»
«Habe viel zu tun», brummte Ferrari misslaunig und stiess ihn unsanft zur Seite. Wie es schien, hatten seine nächtlichen Eskapaden noch nicht die Runde gemacht. Wenigstens etwas.
Unterwegs hatte er sich trotz des Umwegs bei der Notfallapotheke am Petersgraben noch vorsichtshalber eine Packung Alka-Seltzer besorgt. Zu einem Horrorpreis. Die Halsabschneider nahmen ihm 12.95 Nachtzuschlag ab. Die endlose Diskussion, in die er sich verzettelte, brachte überhaupt nichts. «Nein, mein Herr, es ist halt so. Nachtzuschlag», «Ja, ich verstehe Sie schon, mein Herr, aber ich kann nichts daran ändern.» Ferrari zog alle Register seines Könnens, versprühte seinen ganzen Charme, vergeblich. Die Verkäuferin blieb stur und die Kopfschmerzen verstärkten sich. Jetzt sass er, den Kopf in die Hände gestützt, vor einem Glas Wasser mit zwei sich auflösenden Tabletten und schaute fasziniert den Luftblasen zu. Der Champagner im «Roten Kater» war zu viel des Guten gewesen. Eindeutig.
«Vielleicht sollte ich die ganze Packung Alka-Seltzer schlucken», stöhnte Ferrari und nippte am Glas. Die Kopfschmerzen waren unerträglich und sein Selbstmitleid wuchs exponentiell.
«Wääh! Wieso schmeckt das Zeug nur so bitter?» Er leerte das Glas in einem Zug.
Unbemerkt hatte sich die Tür geöffnet und Marianne Traber, die langjährige Assistentin von Staatsanwalt Jakob Borer, schaute herein.
«Störe ich?»
«Keineswegs, Marianne. Komm rein. Setz dich.»
«Hattest du einen schönen Abend, Francesco?»
«Wie meinst du das?», tastete sich Ferrari sachte vor.
«Ach, man munkelt so einiges.»
«Und was, bitte sehr?»
«Du seist mit Daniel Stettler singend im Kleinbasel wegen Ruhestörung verhaftet worden.»
«Was! Aber das ist doch …», ein stechender Schmerz in seinem Hinterkopf hinderte ihn daran, weiter zu poltern.
«Verdammt noch mal, gehen die Kopfschmerzen denn gar nicht weg? Wer behauptet das, Marianne?»
«Du bist das Gesprächsthema Nummer eins bei den Kollegen vom Claraposten.»
«Na bravo! Und woher weisst du das?»
«Arnaldo, der Kreischef, ist ein guter Freund von mir.»
Ferrari erinnerte sich daran, dass die beiden beim letzten Weihnachtsfest wie zwei Turteltauben aneinandergeklebt waren.
«War es sehr schlimm?»
«Du kannst dich nicht einmal mehr daran erinnern, Francesco?»
«Doch, doch. Das heisst … nicht wirklich. Mit Sicherheit weiss ich, dass mich ein Streifenwagen nach Hause fuhr. Tja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.»
«Du siehst ziemlich blass aus. Willst du dich nicht ein wenig hinlegen?»
«Blödsinn! Wer saufen kann, kann auch arbeiten. Am meisten ärgert mich, dass ich zum Gespött der Kollegen werde. Wundert mich, dass Stephan keine Anspielung gemacht hat.»
«Stephan?»
«Ich habe ihn im Korridor getroffen.»
«Weil ich es verhindert habe, dass du dich zum Narren machst, mein Lieber.»
«Wie das?»
«Arnaldo führt sein Revier ziemlich diktatorisch. Und er frisst mir ordentlich aus der Hand», was Ferrari an seinen Vergleich mit den Turteltauben erinnerte. «Ich bat ihn, das Ganze sehr diskret zu behandeln.»
Wobei die Bitte, so wie Ferrari Marianne kannte, eher einem Befehl gleich kam.
«Dafür bin ich dir dankbar, Marianne. Du hast was bei mir gut.»
«Das kannst du gleich einlösen.»
Marianne setzte sich lächelnd auf einen Stuhl neben Ferrari, der sie fragend ansah.
«Soll ich dir zuerst noch ein Alka-Seltzer auflösen oder bist du aufnahmefähig?»
«Die Geister, die ich gestern Nacht rief, werde ich langsam wieder los.»
«Du bist ein richtiger Poet. Gut, ich mach es kurz. Tust du mir einen kleinen Gefallen, Francesco?»
«Mit einer einfachen Frage beginnt es, und meistens wird daraus ein komplizierter Fall.»
«Nun sei nicht so, Francesco. Du stehst in meiner Schuld, schon vergessen?»
Kommissär Ferrari stiess einen tiefen Seufzer aus.
«Also, was kann ich für dich tun?»
«Seit Tagen ruft eine Frau bei mir an. Sie erzählt mir immer die gleiche Geschichte. Nämlich, dass ihr Mann Selbstmord begehen wolle. Und sie wisse nicht, wie sie ihn davon abhalten könne.»
Ferrari wunderte sich keine Sekunde, dass diese Frau ausgerechnet bei Marianne gelandet war. Sie half jedem und war das scheinbare Problem auch noch so klein. Im Kommissariat nannten sie deshalb alle «Mutter Teresa».
«Suizidgefährdete sind die Angelegenheit eines Psychiaters und nicht die eines Kommissärs, Marianne. Schick sie oder besser ihn zu einem Psychiater.»
«Komm schon, Francesco. Die gibt keine Ruhe. Irgendwie ist sie total hysterisch. Sie überfordert mich. Und sie tut mir sehr leid. Kannst du nicht einmal kurz mit ihr reden?»
«Was bringt das? Wenn jemand wirklich Selbstmord machen will, dann kann ihn nichts auf der Welt davon abbringen. Die meisten reden sowieso nur davon, um sich in den Mittelpunkt zu rücken. Soll ich ihrem Mann meinen Ausweis unter die Nase halten und ihm verbieten, sich...




