E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Gohlke Das Medaillon
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7751-7575-3
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-7751-7575-3
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cathy Gohlke schreibt Romane voller inspirierender Botschaften. Viele von ihnen haben Preise gewonnen. Wenn sie nicht auf Reisen ist, um für ihre Bücher zu recherchieren, verbringt sie gerne Zeit mit ihrer Familie. Sie lebt mit ihrem Mann, ihren erwachsenen Kindern, Enkelkindern und ihrem Hund Reilly in den USA. www.cathygohlke.com
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Kapitel zwei
Vilnius, Litauen
»Bist du verrückt? Sag ihr, dass sie verrückt ist. Sag es ihr, Itzhak! Deine Frau ist verrückt.«
»Mama, sie ist nicht verrückt, sie trauert. Ihr Vater wurde getötet und sie will zu ihrer Mutter. Ist das so schwer zu begreifen? Ich bin ein Mann, und sogar ich verstehe es.« Itzhak stopfte sein bestes Hemd in den Koffer und schlug den Deckel zu.
»Es ist purer Leichtsinn, sich in so einer Zeit nach Warschau aufzumachen. Sie ist aufgewühlt, deine Rosa, labil. Sie ist …«
»Sie ist meine Frau, Mama, und ich wäre dir dankbar, wenn du nicht schlecht von ihr sprechen würdest.« Itzhak konnte den Krieg, der zwischen den beiden Frauen tobte, nicht verstehen. Boten Hitler und seine Verbündeten seiner Mutter nicht genug Grund zur Sorge? Warum musste in seinem Haus Zwietracht herrschen?
»Aber jetzt zu reisen – das ist meschugge! Es ist zu gefährlich. Überall Deutsche! Bleibt hier, bleibt in Vilnius bis zum Frühjahr, dann könnt ihr weitersehen. Vielleicht ist es bis dahin vorbei.«
»Bis zum Frühjahr wird es nicht vorbei sein, und wie könnte es in Warschau schlimmer sein als hier? Erst die Deutschen, jetzt die Russen weniger als einen Tag entfernt – wir werden wieder besetzt werden, und wenn du glaubst, dass die Russen kommen, um uns zu retten, dann bist du me…« Er hielt inne, bevor er das Undenkbare aussprach. »Wir sind Juden, wo immer wir hingehen.«
»Schon jetzt sind die Straßen blockiert; es wimmelt nur so von Soldaten. In Warschau wird es noch schlimmer sein, ich hab’s dir gesagt!«
»Vielleicht«, seufzte Itzhak. »Vielleicht geht morgen die Welt unter, aber vorher muss Rosa zu ihrer Mutter. Sie hat ihren Pape verloren. Ich hätte schon früher mit ihr aufbrechen sollen. Und mehr will ich nicht hören. Sie möchte reisen, und ich werde sie hinbringen. Bei Tagesanbruch machen wir uns auf den Weg.«
»Es tut mir leid, Itzhak«, flüsterte Rosa, als er in dieser Nacht die Arme um sie legte. Durch das offene Fenster fiel das Mondlicht auf ihre Arme, Schultern und Wangen. »Es tut mir leid, dass ich dich deiner Familie wegnehmen muss, aber ich kann nicht bleiben, jetzt wo Matka ganz allein ist.«
»Rosa, hör auf, dich zu entschuldigen. Es gibt nichts zu bedauern, außer dass wir nicht früher aufgebrochen sind, dass ich dich nicht rechtzeitig zu deinem Papa gebracht habe, bevor … bevor das alles passiert ist. Ich hätte nie auf Mama hören dürfen. Du bist meine Familie. Wir sind unsere Familie.«
»Wir konnten nicht früher reisen. Ich war … wir dachten …« Aber sie konnte nicht weiterreden.
Er drückte sie an seine Brust und küsste ihr Haar.
»Deine Mutter gibt mir die Schuld. Sie gibt mir die Schuld, weil ich dir keinen Sohn geboren habe.«
»Sie will einen Enkel, der den Familiennamen weiterführt, der so aussieht wie ich und mit dem sie erhobenen Hauptes vor Ponia Dziedzic dastehen kann, die fünf Enkel hat. Sie wird alle beschuldigen, bis sie bekommt, was sie will. Es ist nicht deine Schuld. Dinge passieren oder passieren nicht. Wir wissen nicht, warum. Wir müssen es auch nicht wissen. Wir dürfen uns nur nicht unterkriegen lassen.«
»Ob wir wohl jemals eine richtige Familie sein werden?« Zwei Tränen liefen ihr über die Wangen – Tränen, die ihr zu vertraut und zu ständigen Begleitern geworden waren.
Itzhak wischte sie weg, strich ihr eine Haarsträhne aus den Augen und zeichnete die feine Kette von ihrem sanft geschwungenen Hals bis zu ihrer Brust nach. Behutsam betastete er das filigrane Medaillon, das er ihr an ihrem Hochzeitstag angelegt hatte – das Symbol des Lebens, wie es in Eden sein sollte, der Ganzheit und der ewigen Heimat, der Beziehung zu Adonai. »Wir werden das sein, wozu Adonai uns bestimmt hat, all das, wozu er uns bestimmt hat.« Seine Lippen fanden ihre und er küsste sie tief und innig. »Du bist das einzige Zuhause, das ich jemals brauchen werde, meine Rosa.«
Die zerbombten Straßen Warschaus waren mit Flüchtlingen überschwemmt – so viele, dass Itzhak befürchtete, seine zarte, zierliche Rosa könnte von den Handkarren und den Pferdewagen, die vom Land herbeiströmten, zertrampelt werden. Er zog sie auf den Bordstein, kurz bevor ihr eine Ziege in die Seite stieß, die jemand an einem Strick führte.
»Wo meint der denn, in der Stadt eine Ziege unterbringen zu können?« Rosa schüttelte den Kopf. »Die vielen Menschen – wo sollen sie bleiben? Wer kann sie aufnehmen?« Itzhak beantwortete ihre Fragen nicht. Selbst jetzt, nach Tagen, an denen sie sich versteckt, und Nächten, in denen sie sich durch zerbombte Städte, über Felder und durch Wälder gekämpft hatten, schien seine Rosa das Ausmaß der deutschen Invasion nicht zu begreifen. Wer wusste schon, was die Russen aus dem Osten mitbrachten? Überall rannten die Menschen um ihr Leben und nahmen alles mit, was irgendwie von Wert war – um davon zu leben oder es zu verkaufen, um all das zu überleben, was kommen würde. »Es ist nicht mehr weit … nur diese Straße hinunter und an der nächsten Kreuzung rechts, glaube ich.«
»Du hast ein gutes Gedächtnis, Itzhak. Oh, ich bete, dass unser Haus noch steht. Es wäre schrecklich für Matka, Tata und ihr Haus im selben Monat zu verlieren.«
Dies war auch Itzhaks Gebet. Ja, es wäre schlimm für ihre Mutter, das Haus zu verlieren, aber es wäre auch ein harter Schlag für Rosa. Und wo würden sie dann bleiben? Wie würden sie ihre Mutter finden? Er hatte wenig Hoffnung. Eine Straße nach der anderen hatte unter dem Blitzkrieg der Deutschen gelitten. Und doch, in der Mitte eines zerstörten Häuserblocks standen hier und da ein, zwei, manchmal drei Häuser, die bis auf ein paar zerbrochene Fensterscheiben nahezu unversehrt geblieben waren.
»Da!«, rief Rosa und deutete auf ein Gebäude. »Da ist es! Oh, ich danke dir, Adonai, dass du unser Haus verschont hast!«
Itzhak brauchte Rosa nicht mehr mitzuziehen. In ihrem Eifer, die Türschwelle ihrer Mutter zu erreichen, zerrte sie ihn vorwärts. Sie schien nicht zu bemerken, dass der Vorgarten mit Unkraut überwuchert war, aber Itzhak entging es nicht.
»Matka! Matka! Ich bin es, deine Rosa! Ich komme nach Hause! Komm, mach uns auf!« Rosa hämmerte an die verschlossene Tür, aber es kam niemand. »Sie hat noch nie die Tür abgeschlossen – noch nie.«
Niemals in deiner Erinnerung, meine Liebste. »Ich sehe an der Hintertür nach. Warte hier mit unserem Koffer.« Itzhak sprang von der Vortreppe und verschwand um die Ecke des massiven Steinhauses, bevor Rosa etwas einwenden konnte. Er hatte seine Schwiegermutter nur ein paar Mal gesehen, bevor er und Rosa geheiratet hatten. Ihren Vater kannte er besser, denn er hatte bei dem älteren Mann eine Wohnung gemietet, während er in Warschau seine Ausbildung zum Elektriker absolvierte. Marya Chlebek war eine großzügige und anspruchsvolle Frau, eine liebevolle und anhängliche Mutter, für stark aber hielt er sie nicht. Seit Frau Dobonowicz, eine Nachbarin, Rosa geschrieben hatte, dass ihr Vater in den ersten Tagen der Bombardierung getötet worden war, hatte Itzhak um die Mutter seiner Frau gefürchtet, seine Ängste Rosa gegenüber aber lieber nicht geäußert.
Die Hintertür, die zur Küche führte, war verschlossen, innen waren die Vorhänge zugezogen. Obwohl die Dämmerung bereits hereingebrochen war, schien kein Licht. Itzhak griff unter die staubige Matte, dann unter die Geranie in einem Topf mit Riss, die jetzt trocken und verdorrt neben der Tür stand. Seine eigene Mutter hatte an ähnlichen Stellen Schlüssel versteckt. Nichts. Er fuhr mit ausgestreckten Fingern über den Türsturz und ertastete schließlich einen verrosteten Generalschlüssel. Wie lange mochte er dort wohl schon liegen? Vielleicht seit der Zeit, als Rosas Vater das Haus gebaut und seine Frau über die Schwelle getragen hatte.
Itzhak holte tief Luft und schloss die Tür auf. Die Küche war dunkel und kühl, aber sauber. Immer, wenn er zu Besuch gekommen war, hatte es nach Hühnersuppe, warmem Schwarzbrot mit Powidla sliwkowe – polnischer Pflaumenbutter – und sogar nach Zimtkugeln geduftet, so süß, dass ihm als Litauer jedes Mal das Wasser im Mund zusammengelaufen war. Was Itzhak nun am meisten auffiel, war dieses Nichts, und das beunruhigte ihn am meisten.
»Matka! Matka? Bist du da? Wir sind es, Itzhak und Rosa, wir kommen zu dir nach Hause!«, rief er, während er von Zimmer zu Zimmer eilte. Er würde Rosa nicht lange auf der Türschwelle warten lassen, aber erst einmal musste er Gewissheit haben. Er wollte seine Rosa vorbereiten und sich um sie kümmern können, was auch immer sie vorfinden würden.
Das Erdgeschoss war leer. Er war auf der Treppe in den ersten Stock, als Rosa erneut an die Tür klopfte. »Matka! Bitte! Mach doch auf!«, rief sie, den Tränen nahe.
Itzhak nahm zwei Stufen auf einmal, schloss die Haustür auf und zog Rosa in seine Arme.
»Wo ist sie? Warum hat sie nicht geantwortet?« Er hörte die Panik in der Stimme seiner Frau.
»Vielleicht ist sie einkaufen gegangen. Vielleicht besucht sie eine Nachbarin oder …« Er hielt inne, weil er nicht sagen wollte, das Grab deines Tata.
»Ja, du hast recht. Das kann sein.« Mit betont langsamen Atemzügen versuchte sie sich offenbar zur Ruhe zu zwingen. Sie wand sich aus seinen Armen, trat in die Stube und sah sich mit prüfendem Blick um. »Alles wie immer. Genauso wie immer.« Die Erleichterung in Rosas Stimme beruhigte Itzhaks Herz.
Sie fuhr mit den Fingern über den großen ovalen Tisch in der Mitte des Raumes – das Familienerbstück. Hier hatten sie ihre...




