E-Book, Deutsch, 324 Seiten
Goetz / IV. St.Galler Klostergeschichten
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-534-73758-1
Verlag: wbg Academic in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 324 Seiten
ISBN: 978-3-534-73758-1
Verlag: wbg Academic in Herder
Format: EPUB
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Ekkehard IV. schildert die Geschichte des Klosters St. Gallen aus der Zeit von ca. 883 bis 972. Er verfasste dieses Werk etwa um die Mitte des 11. Jahrhunderts. Seine Erzählungen, die meist auf der mündlichen Überlieferung der Mönchsgemeinschaft beruhen, sind außerordentlich lebendig und einprägsam und vermitteln einen vorzüglichen Einblick in das Klosterleben und die allgemeinen Lebensverhältnisse des 10. Jahrhunderts. Die Ausgabe bietet einen verbesserten Text in der hervorragenden Übersetzung durch Hans Haefele.
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TEXT UND ÜBERSETZUNG
PRELOQUIUM EKKEHARDI IUNIORIS
DE CASIBUS
Moniti a loci nostri fratribus id opere precium putantibus, quedam cenobii sanctorum Galli et Othmari cum infortuniis tradere fortunia, rem arduam aggressi sumus. Enimvero obloquiis patere non dubitamus: quoniam, ut nunc morum et temporum est, si quicquam asperum, et maxime quod discipline sit, tetigeris, si malorum libertates et impunitates non laudare videberis, velud impostor et calumniator apud eos,1 qui in levitate ambulant1, habeberis. At vero quoniam rerum loco nostro gestarum etiam alii veritati nihil parcentes fortunia et infortunia, quomodolibet erant, edixerant, temptantes quidem et nos ea, que a patribus audivimus, ea aviditate qua illi, quam verissime datum est stilo et atramento veritatem perstringere, fortunia et infortunia loci nostri veritati nihil parcentes edisserere.
De Salomone etenim abbate nostro, post episcopo, ingressi sumus. Quem per ordinem secuti rebus nostris potiti sunt Hartmannus, Engilpertus, Thieto, Cralo, cui interstitium regiminis frater suus fecerat Anno. Sequuntur Purchardus, Notkerus, Ymmo, Uodalricus, Kerhardus, Purchardus alter, Thiepaldus, Norpertus, cuius hodie sub regimine quidem non prout ipse et nos, ut inquiunt, volumus, sed prout possumus2, vivimus. Scripserat ante nos Radpertus, homo doctissimus, et ipse codicellum similis materie a sancto Gallo et Othmaro usque ad se ipsum, a quo nos incepisse videmur, Salomonem episcopum. Cuius nominis tarnen equivocatie sit, ut bene cerneret, praemonemus. Nam tres eius nominis cum Constantie praefuerint, secundum Rathpertus censum a loco nostro exegisse scripsit3. De tercio nos, prout Deo dante potuimus, sic incipiemus.
VORREDE EKKEHARDS DES JÜNGEREN
ZU DEN GESCHICHTEN
Von den Brüdern unseres Klosters, die das der Mühe wert fanden, ließen wir uns dazu bewegen, etwas von dem Glück und dem Unglück im Hause der Heiligen Gallus und Otmar zu erzählen, womit wir uns auf eine höchst schwierige Sache eingelassen haben. Tatsächlich zweifeln wir nicht, angeprangert zu werden; denn wie ja jetzt Sitten und Zeiten sind: berührst du irgendeinen und zumal die Zucht betreffenden Mißstand, und du gibst dir nicht den Anschein, das freie Schalten und Walten der Bösen zu loben, dann wirst du bei denen, 1die da im Leichtsinn wandeln1, für einen Lügner und Lästerer gelten. Indessen haben auch andere über Glück und Unglück in unserer Geschichte berichtet, je wie es war und ohne dabei die Wahrheit zu vertuschen; und so nun versuchen wir gleichfalls – mit demselben Eifer wie sie und so getreulich als es überhaupt möglich ist, mit Feder und Tinte die Wahrheit zu streifen –, das was wir von den Vätern gehört haben, Glück und Unglück unseres Klosters, ausführlich und ohne Beschönigung der Wahrheit darzulegen.
Also haben wir denn bei Salomo, unserem Abt, nachmals Bischof, eingesetzt. Und auf ihn folgten in der Herrschaft über uns der Reihe nach: Hartmann, Engilbert, Thieto, Craloh, dessen Regierung sein Bruder Anno durch ein Zwischenspiel unterbrach. Dann weiter: Purchard, Notker, Ymmo, Ulrich, Gerhard, Purchard der Zweite, Thiepald, Norpert, unter dessen Leitung wir ja noch heute leben, nicht so wie er und wir – wie der Spruch geht – wollen, sondern so wie wir können2. Vor uns schrieb Ratpert, der große Gelehrte, seinerseits einen schmalen Band zu dem entsprechenden Thema von den Zeiten des heiligen Gallus und Otmar bis eben auf ihn, Bischof Salomo, mit dem wir den Anfang machen. Doch raten wir, wohl zu beachten, daß sein Name mehrdeutig ist. Denn drei dieses Namens waren Bischof zu Konstanz, und von dem zweiten schrieb Ratpert, er habe Zins von unserem Kloster erhoben3. Wir nun wollen gemäß dem Können, wie es Gott uns verlieh, von dem dritten wie folgt beginnen.
INCIPIUNT LIBRI
DE CASIBUS MONASTERII
1. Salomonis tertii parentes cum essent clari et inlustres, ipsum Isoni sancti Galli monacho, tunc temporis doctori nominatissimo, tradunt erudiendum et clericatui initiandum. Quem adprime, ut aiunt, ipse erudierat; sed et Nokeri, Tuotilonis, Ratperti, Harthmanni commonachorum statui praetulerat et delicatius quasi canonicum edueaverat. Creverant tarnen inde clandestine inter summe indolis condiscipulos invidie; et cum conliberales genere essent et ingenio, ut ea etas solet, equanimiter non ferebant alienum sibi, qui fratres essent, praeferri, et qui natalibus quidem essent pares, doctrinarum provectibus ab illo praeiri.
Defunguntur Salomonis adhuc pueri parentes, tandem autem et frater, et ipse rerum heres effectus ad maximas res animum intenderat. Scolisque ablatus4 Grimaldo abbate nostro, archicapellano eius, iuvante capellanus fit Ludowici5 regis, cuius singulari gratia in brevi potitus Elewangis adhuc canonicus primo praeficitur; post etiam Campidonensibus variis suimet et loci dampnis illum detrectantibus praeponitur. In processu autem Hattone archiepiscopo Magontino, sibi propter animi acutissimam sollertiam amicissimo, opitulante plurimis locis praeficitur, tandem et nobis. Postremo vero et Constantie pastor et episcopus efficitur. His partim per transgressum praelibatis6 ad ordinem incepti operis revertamur.
ES BEGINNEN DIE BÜCHER VON
DEN KLOSTERGESCHICHTEN
1. Die Eltern Salomos des Dritten standen in Glanz und Ansehen, und darum übergaben sie den Sohn dem Sankt Galler Mönch Iso als dem damals berühmtesten Lehrer zur Ausbildung und zur Vorbereitung auf ein geistliches Amt. Und Iso unterrichtete ihn, wie es heißt, selber ganz vortrefflich; zugleich aber stellte er ihn rangmäßig über die Mitmönche Notker, Tuotilo, Ratpert und Hartmann und erzog ihn feiner, gleichwie einen Weltgeistlichen. Daraus jedoch erwuchs geheime Mißgunst unter den hochtalentierten Mitschülern; und da sie gemäß Geburt und Charakter gleich adelig waren, konnten sie es, wie es typisch ist für dieses Alter, nicht mit Gleichmut ertragen, daß ihnen, den Fratres, ein Auswärtiger vorgezogen wurde und sie, die ihm ja nach Stand ebenbürtig waren, mit seinen Fortschritten in der Wissenschaft überholte.
Es starben die Eltern Salomos, als er noch ein Knabe war, dann aber auch sein Bruder, und nun selber zum Erben des Vermögens geworden, richtete er seinen Sinn auf die höchsten Ziele. Und nachdem er von der Schule gegangen war4, wurde er Kaplan bei König Ludwig5, wozu ihm dessen Erzkaplan, unser Abt Grimald, verhalf. In kurzer Zeit erlangte Salomo des Königs besondere Gunst, und noch als Weltgeistlicher wurde er zuerst in Ellwangen eingesetzt, dann auch bei denen in Kempten, die ihn ablehnten zu ihrem und ihres Klosters vielfältigem Schaden. Im weitern aber übernahm er dank des Erzbischofs Hatto von Mainz, der ihm wegen seiner Verstandesschärfe und geistigen Beweglichkeit sehr zugetan war, das Regiment noch in vielen anderen Klöstern, schließlich auch bei uns. Zuletzt aber wurde er gar Hirte und Bischof in Konstanz. Nachdem wir dies zum Teil schon vorgreifend berührt haben6, wollen wir zur Ordnung des begonnenen Werkes zurückkehren.
2. Grimaldi temporibus canonici abbatis, Hartmuoto eius quasi proabbate, Marcus quidam Scotigena episcopus Gallum tamquam compatriotam suum Roma rediens visitat. Comitatur eum sororis filius Moengal, postea a nostris Marcellus diminutive a Marco avunculo sic nominatus. Hic erat in divinis et humanis eruditissimus. Rogatur episcopus loco nostro aliquandiu stare allecto nepote. Diu secum deliberantes vix tandem consenserant. Dieque condicto partitur Marcellus nummos avunculi sui multos per fenestram, 7timens, ne discerperetur ab eis7. 8Fremebant enim in ilium8, quasi ipsius suasu episcopus restaret. Equos autem et mulos, quibus ipse voluit, nominatim episcopus tradidit. Libros vero, aurum et pallia sibi et saneto Gallo retinuit. Stola tandem indutus abeuntes benedixit. Multis autem lacrimis utrimque discessum est.
Remanserat episcopus cum nepote et paucis sue lingue apparitoribus. Traduntur post tempus Marcello scole claustri cum Nokero, postea cognomine Balbulo, et ceteris monachici habitus pueris; exteriores autem, id est canonice, Ysoni cum Salomone et eius comparibus. Iocundum est memorari, quantum cella sancti Galli his auspitiis crescere ceperit tandemque floruerit Hartmuoto eam, Crimaldi quidem vicario tandemque abbate, omnimodis augmentante.
2. Zu den Zeiten, da Grimald als Weltgeistlicher Abt war, indes Hartmut sozusagen als Abtstellvertreter fungierte, besuchte Marcus, ein Bischof aus irischem Land, auf der Rückreise von Rom Gallus gleichsam als seinen Landsmann. Ihn begleitete sein Schwestersohn Moengal, nachmals von den Unsrigen Marcellus – so in Verkleinerungsform nach seinem Oheim Marcus – genannt. Dieser Marcellus war hochgebildet in göttlicher und menschlicher Wissenschaft. Der Bischof wurde eingeladen, eine Zeitlang in unserem Kloster Station zu machen, zusammen mit seinem Neffen. Lange berieten sie untereinander; mit Mühe kamen sie endlich zur Einigung. Und am verabredeten Tage verteilte Marcellus viele...




