E-Book, Deutsch, Band 4, 440 Seiten
Reihe: Der Fantast
Göhr Der Fantast und das Apokryptikum
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7394-4723-0
Verlag: tolino media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, Band 4, 440 Seiten
Reihe: Der Fantast
ISBN: 978-3-7394-4723-0
Verlag: tolino media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Stell dir vor ...
Wo du dein Herz verschenkst,
bist du trotz aller Macht verwundbar.
In dieser Schwäche liegt
deine größte Stärke.
Simon kann sein Glück gar nicht fassen: Endlich wird er Vater! Kaum ist seine Tochter auf der Welt, muss er alles daransetzen, um seine Familie zu schützen. Nach und nach wird offenbar, dass die kleine Annie Teil eines schicksalhaften Planes ist. Sie gerät ins Kreuzfeuer jenseitiger Mächte, die erbittert um die Vorherrschaft über die Menschheit kämpfen. Die Rollen in diesem perfiden Spiel scheinen unwiderruflich festgelegt. Der Fantast begehrt auf, um sein Kind vor einem grausamen Schicksal bewahren. Ein verzweifeltes Ringen gegen das Unvermeidliche beginnt.
Geboren im Sommer 1972 in einer sauerländischen Kleinstadt, dort aufgewachsen, von Beruf Lehrerin, mittlerweile wieder seit vielen Jahren fest am Heimatort verwurzelt mit Haus, Mann und Kind. Die Liebe zum Schreiben und zu weiteren kreativen Tätigkeiten bestand schon von klein auf. Seit 2014 widmet sie sich neben Kurzgeschichten, Reisetagebüchern, Gedichten und Liedern auch längeren Texten. Die fünfbändige Urban-Fantasy-Reihe 'Der Fantast' ist ihr Debüt im Bereich der Romane.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1.
Dieser mentale Ruf, verbunden mit einem merkwürdigen Ziehen im Unterbauch brachte mich dazu, meine Reisegeschwindigkeit bis zum absoluten Maximum zu beschleunigen. Unter Missachtung auftretender G-Kräfte und diverser Luftverkehrsregeln donnerte ich nahezu lautlos quer durch den Feierabendverkehr der Heli-Pendler. Es gelang mir, sämtliche Fluggeräte elegant zu umrunden, die wie geordnete Zugvogelschwärme über dem Ballungsgebiet schwirrten. Höher zu gehen machte wenig Sinn, denn dann wurde ich erst recht verfolgt und riskierte empfindliche Bußgelder.
Wie ich die Zeiten zurücksehnte, wo der Himmel noch mir allein gehört hatte! Das Schlimmste, was ehedem passieren konnte, war der Abschuss feindlicher Abwehrraketen auf mein ‚unbekanntes Flugobjekt‘. Heutzutage gestaltete sich die unauffällige Fortbewegung wesentlich schwieriger. Mein gedachtes Mittel dazu glich rein äußerlich den gängigen Modellen, sofern die Konzentration ausreichte.
Momentan verschwendete ich allerdings keinen Gedanken daran, den übrigen Verkehrsteilnehmern zu suggerieren, in einem hubschrauberartigen Gefährt zu sitzen. Deshalb erntete ich viel mehr erstaunte Blicke als sonst. Eine Flugverkehrskontrolle hatte ich bereits passiert und war mir sicher, demnächst ein Bild von mir und einen passenden Artikel mit aberwitzigen Geschwindigkeitsangaben im öffentlichen Netz zu entdecken. Vermutlich verbunden mit einem saftigen Knöllchen, das irgendwie den Weg zu meinen Eltern finden würde. Witzigerweise erhielten sie immer wieder Strafzettel für zu schnelles Fliegen, obwohl keiner von beiden einen derartigen Führerschein besaß. Mein Vater rief stoisch jedes Mal bei der zuständigen Behörde an und meldete den Irrtum. Daraufhin entschuldigte sich sein Gesprächspartner jeweils bei ihm und bat ihn, den Bescheid zu ignorieren.
Man musste es diesen Leuten nachsehen. Die Notwendigkeit zur regelmäßigen Kontrolle von Fluggeschwindigkeit, -höhe und -route bestand noch nicht allzu lange, und mit mir hatten die Planer des Systems von Anfang an ein Problem gehabt. Einerseits brauchten sie mich und wussten, dass die Öffentlichkeit es nicht gut aufnehmen würde, wenn ich wegen solcher Lappalien Schwierigkeiten bekäme. Andererseits sollte alles seine Richtigkeit und Ordnung haben. Irgendwer musste halt für die offensichtlichen Verkehrssünden büßen. Keine Ahnung, wie sie dabei jedes Mal auf meine armen, geplagten Eltern kamen. Aber solange diese die Strafen nicht zahlten, nahmen sie es mit Humor.
„Wie weit ist es? Ich bin gleich da, Schatz!“
Ich schickte meiner Frau einen mentalen Kuss, horchte gleichzeitig, ob es ihr und dem Baby gut ging. Anscheinend hatte unser kleiner Fratz sich ausgerechnet diesen Moment dazu ausgesucht, um auf die Welt zu kommen. Und das, obwohl Zoey durchaus ziemlich viel mitbestimmen konnte, was ihren Körper betraf. Aber das winzige Wesen in ihr schien jetzt schon seinen eigenen Willen zu haben und ihn rigoros durchzusetzen. Mit aller Macht drängte es, sein geborgenes Zuhause zu verlassen, um geboren zu werden. Ebenso dickköpfig versuchte mein Liebling, dieses Ereignis noch ein kleines bisschen hinauszuzögern - mir zuliebe.
Sie stöhnte.
„He, bloß nicht!“, rief ich entsetzt, während ich über den Flur stürmte. Vor dem Kreißsaal standen Timo und Susanna Hand in Hand. Anscheinend hatte Zoey ihre Eltern vor die Tür gesetzt, die sich nun vor mir öffnete.
, empfing ich die erleichterte Botschaft von meinem Freund.
„Meinst du, ich lass dich zusehen?“ Er musste mein Grinsen dabei spüren, das schnell in ein Strahlen überging, als ich das schwarz behaarte Köpfchen erblickte, das die Hebamme bereits behutsam gedreht hatte. Natürlich bekam Timo jede Einzelheit mit. Ich hielt Zoeys Hand, spürte ihre Schmerzen, ihre Anstrengung und gleichzeitig die unbändige Freude, die sie bei alledem empfand. Sie keuchte und presse noch einmal.
„Gleich ist es geschafft!“, rief der Doc, der in einer Ecke des kleinen Raumes stand und das Geschehen interessiert beobachtete.
Nur Momente später hielt die Geburtshelferin ein schmieriges Bündel in den Händen, das über die blutige Versorgungspipeline mit seiner Mutter verbunden war. Wie hypnotisiert hing mein Blick daran.
„Möchten Sie die Nabelschnur durchschneiden?“, fragte die Hebamme schüchtern. Ich tat es beinah mechanisch, ohne mich vom Fleck zu rühren oder Zoeys Hand loszulassen. Mit der zweiten strich ich dem winzigen Wesen zärtlich über das nasse Köpfchen. Meine Tochter! Der Gedanke hatte etwas Magisches, Unglaubliches. Sie war gesund und munter, aber gab noch keinen Laut von sich. Erst als die Frau sie energisch an den Beinchen packte und auf den Kopf stellte, atmete sie einmal tief, bevor sie zu quäken begann.
„Annie“, seufzte Zoey glücklich. Sie schloss einen kurzen Moment die Augen. Dann wurde ihr das inzwischen gebadete und abgetrocknete Kind auf den Bauch gelegt. Es war sofort still.
Timos Stimme in meinem Kopf klang nicht vorwurfsvoll. Er teilte meinen Glückstaumel. Wir wussten beide, dass dies mein einzigartiger Moment war, so wie er seinen bei Zoeys Geburt gehabt hatte. Meine Frau lachte ihr bezauberndes Lachen. Sie sah trotz der gerade überstandenen Anstrengung wunderschön aus. Ihre Augen strahlten wie Sterne, als sie leise murmelte: „Kommt ruhig rein, Papa!“
Annie hatte inzwischen den Weg zu einer der beiden Nahrungsquellen gefunden und begann konzentriert zu saugen. Noch immer starrte ich völlig fasziniert diesen neuen Erdenbürger an, genoss die Idee, dass er ab jetzt zu uns gehörte. Ich half, ihm sein erstes Kleideroutfit anzulegen, und umarmte meinen Freund sowie dessen Frau, die mittlerweile hinzugetreten waren. Sie gratulierten uns herzlich. Susanna meinte mit Tränen in den Augen: „Es ist wie ein Kreis, der sich schließt. Oh Simon, ich glaub, deine Eltern werden unheimlich glücklich sein!“
„Ja, das sind sie schon“, erwiderte ich leise. Telefoniert hatte ich nicht, aber die Textnachricht ging raus, bevor das Baby vollständig den Mutterschoß durchbrochen hatte. Auch die Antwort hatte ich inzwischen gelesen. Sie lautete: „Glückwunsch! Holst du uns ab?“
Timo fuhr seinem Enkelkind behutsam über das dunkelhaarige Köpfchen, berührte Nase und Mund, streichelte zärtlich seine winzigen Ohren und den Körper bis hin zu den perfekten Händchen und Füßchen.
„Sie sieht aus wie eine Mischung zwischen Mama und Papa“, strahlte er selig. „Das kannst du fühlen?“, staunte ich.
„Nö. Aber wenn ich deine Erinnerung von Zoey kurz nach ihrer Geburt mit deinem Spiegelbild kombiniere und das Gefühlte sowie das Bild von deiner Tochter damit vergleiche, kriege ich irgendwie Annie raus.“
Ich lachte. Die Fähigkeit meines Freundes, durch meine Augen zu sehen und sein großartiges Denkvermögen ließen beinah vergessen, dass seine eigenen Sehorgane von Geburt an funktionslos waren. Eine nette Gesichtsdekoration, die jedoch so echt wirkte, dass er die meisten Menschen problemlos damit täuschen konnte.
Wir verließen den Geburtsraum, begleiteten Zoey und die kleine Annie über den Gang. Ich durfte die Glaswiege unseres Nachwuchses schieben, Timo das Bett seiner Tochter. Er wollte es unbedingt, obwohl es auch ein Pfleger gemacht hätte. Im Zimmer des Krankenhauses küsste ich meine beiden Lieblinge und verabschiedete mich, um der Bitte meiner Eltern nachzukommen. Die Mädels brauchten ohnehin ein wenig Ruhe.
, teilte mir die blutjunge Mutter mental mit, während ich mich wieder aufs Dach des Klinikums begab. Hier befanden sich der Start- und Landeplatz für die Rettungshelikopter sowie Zoeys und meiner. Nach einigen Diskussionen mit der Stadt hatten wir die offizielle Genehmigung erhalten, ebenfalls dort zu landen, um Notfälle ins Krankenhaus zu bringen. Nicht, dass wir es vorher nicht getan hatten, aber nun durften wir es sogar. Also brauchte ich mich nicht ganz so sehr mit dem Start zu beeilen.
„Kann gar nicht so schlimm gewesen sein - du bist doch noch taufrisch“, neckte ich sie zurück. „Außerdem wolltest du sicherlich nicht den Rekord für die schnellste Geburt der Klinik brechen, oder?“
Meine Verbindung zu ihr war so stark, dass ich sie lachen hörte und spürte, wie sie mir zärtlich den Arm entlangstrich, während ich zweihundert Meter über dem Klinikdach schwebte, dann den zweiten Gang einlegte, um nach Norden zu düsen. Ihre innere Berührung löste einen Schauer bei mir aus, ein momentan unpassendes körperliches Verlangen.
„Wie lange brauchst du, um ...“, begann ich. Natürlich wusste sie schon, was ich wollte.
Ich stöhnte. Natürlich wusste ich das! Aber ich sprach mit Zoey, nicht mit einer gewöhnlichen Frau.
„Und wie lange dauert das bei dir?“, fragte ich amüsiert. Mir war klar, dass sie mich nur vereimern wollte.




