E-Book, Deutsch, 641 Seiten
Goddard Im Netz der Lügen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96148-896-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 641 Seiten
ISBN: 978-3-96148-896-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Robert William Goddard, geboren 1954 in Fareham, ist ein vielfach preisgekrönter britischer Schriftsteller. Nach einem Geschichtsstudium in Cambridge begann Goddard zunächst als Journalist zu arbeiten, bevor er sich ausschließlich dem Schreiben von Spannungsromanen widmete. Robert Goddard wurde 2019 für sein Lebenswerk mit dem renommierten Preis der Crime Writer's Association geehrt. Er lebt mit seiner Frau in Cornwall. Robert Goddard veröffentlichte bei dotbooks auch die folgenden Kriminalromane: »Im Netz der Lügen« »Der Preis des Verrats« »Eine tödliche Sünde« »Ein dunkler Schatten« »Denn ewig währt die Schuld« »Das Geheimnis von Trennor Manor« »Das Geheimnis der Lady Paxton« »Das Haus der dunklen Erinnerung« »Das Geheimnis von Malborough Downs« »Dunkles Blut - Harry Barnett ermittelt: Der erste Fall« »Dunkle Sonne - Harry Barnett ermittelt: Der zweite Fall« »Dunkle Erinnerung - Harry Barnett ermittelt: Der dritte Fall« Robert Goddard veröffentlichte bei dotbooks weiterhin die historischen Kriminalromane: »Die Sünden unserer Väter« »Die Schatten der Toten« »Jäger und Gejagte« »Die Klage der Toten« »Der Kartograf von London«
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
»Hallo?«
»Charlie? Hier ist Maurice.«
»Maurice? Was für eine nette Überraschung. Wie –«
»Der Grund meines Anrufes ist leider alles andere als nett, altes Mädchen. Ich habe schlechte Nachrichten. Es geht um Beatrix.«
»Beatrix? Was –«
»Ich fürchte, sie ist tot. Mrs. Mentiply hat sie heute nachmittag in ihrem Haus gefunden.«
»O mein Gott. Was ist passiert? War es das Herz?«
»Nein. Nichts dergleichen. Es scheint ... Mrs. Mentiply hat etwas von einem Einbruch erzählt. Beatrix wurde ... nun ... ums Leben gebracht. Ich kenne die Einzelheiten nicht. Die Polizei wird jetzt dort sein, nehme ich an. Ich mache mich auch auf den Weg. Die Frage ist ... Soll ich dich abholen?«
»Ja. Natürlich. Ja, gern. Maurice –«
»Es tut mir so leid, Charlie, wirklich. Du hast sie sehr gern gehabt, ich weiß. Wir alle mochten sie. Aber du besonders. Wir mußten natürlich irgendwann damit rechnen, aber das ist ... das ist eine beschissene Art zu sterben.«
»Sie wurde ermordet?«
»Raubmord, nehme ich an. Nennt die Polizei das nicht so?«
»Raub?«
»Mrs. Mentiply sagte, daß gewisse Gegenstände fehlen. Aber wir sollten nicht voreilig sein. Laß uns hinfahren und herausfinden, was wirklich geschehen ist.«
»Maurice –«
»Ja?«
»Wie wurde sie getötet?«
»Mrs. Mentiply zufolge ... Hör zu, lassen wir das jetzt, okay? Wir werden es bald genug wissen.«
»Ist gut.«
»Ich bin so schnell wie möglich bei dir.«
»Okay.«
»Mach dir einen Drink, ja? Es wird dir bestimmt gut tun.«
»Vielleicht hast du recht.«
»Bestimmt. Aber jetzt fahre ich besser los. Bis gleich.«
»Fahr vorsichtig.«
»Natürlich. Tschüs.«
»Auf Wiedersehen.«
Charlotte legte den Hörer auf und ging wie betäubt ins Wohnzimmer zurück. Nun, da zu der Stille auch noch Traurigkeit hinzukam, wirkte das Haus noch größer und leerer. Zuerst dieser schleichende, langsame Tod ihrer Mutter. Und jetzt auch noch Beatrix, und mit dieser so unerwarteten Brutalität. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie sich in dem hohen Zimmer umsah und sich daran erinnerte, wie sie alle hier zusammengekommen waren und mit Papierhüten auf dem Kopf ihre Kindergeburtstage gefeiert hatten. Damals hatte natürlich auch ihr Vater noch gelebt, er hatte gelacht und, im Schein des Kaminfeuers mit seinen Händen Schattentiere an die Wand geworfen. Jetzt, dreißig Jahre später, bewegte sich nur noch ihr Schatten, als sie auf den Schrank mit den Getränken zuging. Dann blieb sie stehen und wandte sich langsam ab. Sie konnte nicht warten. Das hatte sie in all den Jahren oft genug getan, zu oft. Sie würde eine Nachricht für Maurice hinterlassen und selbst auf der Stelle nach Rye fahren. Natürlich würde sie dadurch zwar nichts gewinnen, außer der Erleichterung, etwas unternommen zu haben. Auf jeden Fall würde es sie jedoch abhalten, Trübsal zu blasen. Genau das würde auch Beatrix gesagt haben, in ihrer forschen, nüchternen Art. Und das war das wenigste, was sie ihr schuldete, dachte Charlotte.
Es war ein stiller, dunstiger Juniabend, der ihre Trauer durch seine Vollkommenheit zu verspotten schien. Ein Rasensprenger zischte auf dem Rasen des Nachbarhauses, als sie zu ihrer Garage ging, eine Taube gurrte in den Bäumen, hinter denen sich die Straße versteckte. In dieser süß duftenden Luft erschien der Tod grotesk und weit entfernt. Aber sie wußte, daß er ihr wieder einmal hart auf den Fersen war.
Sie fuhr, als ob sie ihm entkommen wollte, mit gefährlich hoher Geschwindigkeit hinunter über den Common und über die Bayham Road, erst nach Süden am zypressengesäumten Friedhof vorbei, wo ihre Eltern lagen, und dann nach Osten durch die verschlafenen Wälder und Felder, wo sie als Kinder gespielt und Picknicks gemacht hatten.
Sie war jetzt sechsunddreißig Jahre alt und finanziell besser gestellt als je zuvor in ihrem Leben, aber überwältigt von Einsamkeit und kaum unterdrückter Verzweiflung. Sie hatte ihre Berufstätigkeit aufgegeben – man konnte es wohl kaum ihre Karriere nennen –, um ihre Mutter während ihrer Krankheit zu pflegen, und dank ihrer Erbschaft mußte sie auch jetzt nicht mehr arbeiten. Manchmal wünschte sie, sie wäre nicht so unabhängig. Durch einen Job, wie stumpfsinnig auch immer, könnte sie neue Leute kennenlernen. Und die wirtschaftliche Notwendigkeit könnte sie dazu bringen, das zu tun, was sie eigentlich schon längst hätte tun sollen: Ockham House zu verkaufen. Statt dessen hatte sie nach dem Tod ihrer Mutter vor sieben Monaten voller Trauer eine lange Italienreise angetreten, und bei ihrer Rückkehr wußte sie noch immer nicht, was sie eigentlich vom Leben erwartete. Vielleicht hätte sie Beatrix fragen sollen. Schließlich hatte sie in ihrer Abgeschiedenheit glücklich gewirkt – oder zumindest zufrieden. Warum konnte Charlotte nicht auch so sein? Natürlich wer sie jünger, aber Beatrix war auch einmal in ihrem Alter gewesen, und auch damals war sie alleinstehend gewesen. Während sie einen Sattelschlepper und einen Wohnwagen überholte, überlegte sie, in welchem Jahr Beatrix sechsunddreißig gewesen war.
1938. Natürlich. In dem Jahr, als Tristram Abberley gestorben war. Ein junger Mann mit dem Temperament eines Künstlers. Er war in einem spanischen Krankenhaus von einer Blutvergiftung dahingerafft worden, ohne zu wissen, welchen Ruhm die Nachwelt ihm würde zuteil werden lassen und welcher Reichtum seinen Erben dadurch zufallen würde. Er hatte eine junge Witwe in England zurückgelassen, Mary – aus deren zweiter Ehe Charlotte stammte –, Maurice, seinen einjährigen Sohn, Beatrix, seine einzige Schwester, und ein paar wenige avantgardistische Gedichte, die dazu bestimmt waren, von der Nachkriegsgeneration landauf, landab in die Lehrpläne der Gymnasien aufgenommen zu werden. Mit Hilfe der Tantiemen konnte Charlottes Vater ein eigenes Geschäft aufmachen, mit diesen Geldern wurde Ockham House gekauft und Charlottes Ausbildung bezahlt; sie waren für ihre augenblickliche Freiheit verantwortlich, aber auch dafür, daß sie keine Freunde hatte.
Plötzlich erkannte sie, was Beatrix' Tod für sie bedeutete: der Verlust einer Freundin. Sie schluckte trocken. Sie hätte Charlottes Großmutter sein können, und da sie keine leibliche Großmutter hatte, war Beatrix nur zu gern in diese Rolle geschlüpft. Während ihrer Schulzeit hatte Charlotte stets fast den ganzen August mit Beatrix verbracht. Sie erkundeten die Kopfsteinpflastergassen von Rye, bauten Sandburgen auf Camber Sands und schliefen bei dem sonderbaren, beruhigenden Geräusch ein, das der Wind in den Schornsteinen von Jackdaw Cottage verursachte. Es war so lange her, eine Ewigkeit In letzter Zeit – besonders nach dem Tod ihrer Mutter – hatte sie Beatrix nur noch selten gesehen, was sie jetzt natürlich bitter bereute.
Sie fragte sich, warum sie wohl die Gesellschaft der alten Dame gemieden hatte. Weil Beatrix nicht gezögert hätte, ihr zu sagen, daß sie ihr Leben verschwendete? Weil sie gesagt hätte, daß man Schuld und Schmerz niemals nachgeben sollte, damit sie nicht zu stark würden? Vielleicht, weil sie sich den Problemen nicht stellen wollte und genau wußte, daß Beatrix Abberley das unbequeme Talent hatte, einen zu zwingen, genau das zu tun.
Als Charlotte in Rye eintraf, waren die Tagesausflügler und Souvenirjäger bereits verschwunden, und der Ort versank in einem trägen, schläfrigen Sonntagabend. Sie fuhr die gewundenen Kopfsteinstraßen hinauf zur St. –Mary-Kirche, wo nach dem Abendgottesdienst noch immer ein paar Kirchgänger unterwegs waren. Als sie dann in Richtung Watchbell Street abbog, sah sie drei Polizeiautos, eines davon mit eingeschaltetem Blaulicht, gestreifte Absperrbänder, die die Vorderseite von Jackdaw Cottage sicherten, und eine Gruppe neugieriger Zuschauer.
Sie parkte auf dem Kirchplatz und ging langsam auf das Haus zu. Dabei erinnerte sie sich an die vielen Male, die sie diesen Weg gegangen war und gewußt hatte, daß Beatrix bereits auf sie wartete –groß, schlank, mit einem durchdringenden und forschenden Blick. Aber heute nicht. Heute nicht und niemals wieder.
Der diensthabende Polizist brachte sie ins Haus. Dort traf sie in jedem Zimmer auf Männer in Overalls mit Plastikhandschuhen, ausgerüstet mit Puder und kleinen Pinseln. Im Wohnzimmer stand ein Mann, der sich von den anderen abhob. Er trug einen grauen Anzug, blickte finster drein und arbeitete sich gerade durch die Teetassen und Zuckerdosen, die in einer von Beatrix' Vitrinen aufgestellt waren. Er sah auf, als Charlotte ins Zimmer trat.
»Kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Ich bin eine Verwandte, Charlotte Ladram, Miss Abberleys –«
»Ach ja, Sie müssen die Nichte sein. Die Haushälterin hat von Ihnen gesprochen.«
»Eigentlich bin ich nicht wirklich die Nichte. Aber das ist egal.«
»Nein. Richtig.« Er nickte müde. Man merkte, daß er sich um mehr Konzentration bemühte. »Mein Beileid. Muß ein schrecklicher Schock gewesen sein.«
»Ja. Ist ... ist Miss Abberley ...«
»Die Leiche wurde bereits weggebracht. Eigentlich ... Warum nehmen Sie nicht Platz? Setzen wir uns.« Er vertrieb eine gebückte Gestalt vor dem Kamin und führte Charlotte zu einem der Sessel, die auf beiden Seiten des Kamins standen, dann setzte er sich in den anderen. Es war Beatrix' Platz, wie Charlotte sofort an dem Durcheinander von Kissen erkannte und an dem schiefen Bücherstapel auf dem Boden daneben, wo ihn die alte Dame mit ihrem linken Arm bequem hatte erreichen können. »Entschuldigen Sie all die Leute. Sie sind ... leider nötig.«
»Ich verstehe schon.«
»Mein Name ist Hyslop. Chief Inspector Hyslop von der Polizei...




