E-Book, Deutsch, 489 Seiten
Goddard Der Kartograf von London
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96148-991-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 489 Seiten
ISBN: 978-3-96148-991-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Robert William Goddard, geboren 1954 in Fareham, ist ein vielfach preisgekrönter britischer Schriftsteller. Nach einem Geschichtsstudium in Cambridge begann Goddard zunächst als Journalist zu arbeiten, bevor er sich ausschließlich dem Schreiben von Spannungsromanen widmete. Robert Goddard wurde 2019 für sein Lebenswerk mit dem renommierten Preis der Crime Writer's Association geehrt. Er lebt mit seiner Frau in Cornwall. Robert Goddard veröffentlichte bei dotbooks auch die folgenden Kriminalromane: »Im Netz der Lügen« »Der Preis des Verrats« »Eine tödliche Sünde« »Ein dunkler Schatten« »Denn ewig währt die Schuld« »Das Geheimnis von Trennor Manor« »Das Geheimnis der Lady Paxton« »Das Haus der dunklen Erinnerung« »Das Geheimnis von Malborough Downs« »Dunkles Blut - Harry Barnett ermittelt: Der erste Fall« »Dunkle Sonne - Harry Barnett ermittelt: Der zweite Fall« »Dunkle Erinnerung - Harry Barnett ermittelt: Der dritte Fall« Robert Goddard veröffentlichte bei dotbooks weiterhin die historischen Kriminalromane: »Die Sünden unserer Väter« »Die Schatten der Toten« »Jäger und Gejagte« »Die Klage der Toten« »Der Kartograf von London«
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Kapitel 2
Der nutzlose Wiegemesser
Die Morgendämmerung kroch langsam und widerwillig in das schlecht beleuchtete Zimmer, das William Spandrel mit seiner Mutter unter den Dachsparren einer Pension im Cat and Dog Yard teilte. Ihre Ankunft war Spandrel nicht willkommen. Das graue, vom Staub gefilterte Licht legte die Risse im Putz und den Zerfall des Backsteins darunter nur umso deutlicher bloß. Während er beim Rasieren mit einer stumpfen Klinge und minderwertiger Seife sein durch eine Spiegelscherbe fragmentiertes Gesicht begutachtete, fiel ihm auf, wie hohlwangig er geworden war, und er bemerkte die tiefen dunklen Schatten unter den Augen und den verhärmten Ausdruck des Scheiterns, der sich dahinter zu verbergen suchte. Wer würde sich schon über die Morgendämmerung freuen, wenn doch die Dunkelheit wenigstens eine Art von Zuflucht bot.
Er hatte den Spiegel an den Rahmen des nach Süden gehenden Fensters in seinem Mansardenzimmer genagelt, weil ihm so zumindest genügend Licht gewiss wäre, um sich die Kehle aufzuschlitzen, sollte er eines Tages dazu gezwungen sein. Dass dieser Fall irgendwann eintreten würde, erschien ihm in Anbetracht seiner düsteren Lage durchaus möglich. Wenn er einen Blick zum Fenster hinaus wagte, konnte er hinter dem durchhängenden Firstbalken der Punch Bowl Tavern die mit Pfählen bewehrte Mauer des Fleet Prison sehen, jenes Gefängnisses, in dem er im vergangenen Herbst zehn Tage lang als ein von niemandem beachtetes Opfer der plötzlichen Verschärfung der Kreditrahmen in einem wahren Fegefeuer geschmort hatte. Nach dem Ende des South Sea Bubble war das gewesen, als die Betrügereien dieser Handelsgesellschaft aufgeflogen und mit ihnen unzählige süße Träume von Reichtum jäh geplatzt waren. Sein eigener Traum war genau genommen nicht davon berührt gewesen, aber Handelskatastrophen eines solchen Ausmaßes ziehen weite Kreise und reißen auch diejenigen mit in die Tiefe, die sich dagegen gefeit wähnen.
Sein Glaube an die eigene Unverletzbarkeit war, wie Spandrel jetzt begriff, ein Trugschluss gewesen, der auf einer zu schmalen Grundlage beruht hatte: nämlich der Gewissheit, dass er selbst nicht mit Aktien der South Sea Company gespielt hatte. Er war einfach zu sehr damit beschäftigt gewesen, seinem Vater bei der mühsamen Erstellung dessen zu helfen, was ihre stolzeste Errungenschaft hätte werden sollen – »eine exakte und vollständige Karte der Stadt London und ihrer Umgebung in der Regierungszeit Seiner Britannischen Majestät König Georg des Ersten« –, um sich mit Börsenspekulationen abzugeben, selbst wenn er das dafür nötige Kapital gehabt hätte. Doch alle anderen, auch die Königin, hatten spekuliert, am Anfang erfolgreich, letztlich mit verheerenden Folgen. All die feinen Herren, die William Spandrel senior versichert hatten, dass sie ihm eine Kopie abkaufen und damit die demnächst mit Blattgold tapezierten Wände ihres Salons schmücken würden, hatten ihm eilfertig die für sein Unterfangen nötigen Mittel versprochen, aber genauso eilig hatten sie sich ihr Geld zurückgeholt, als sich vor ihren eigenen Füßen ein Abgrund aufgetan hatte. Die Karte war mittlerweile der Vollendung verlockend nahe, aber was nützte das jetzt noch? Mit einem Schlag standen sie ohne Kunden und Geldgeber da. Aus Gram darüber war William senior schwer krank geworden. Um seinem Vater zu ersparen, dass man ihn ins Gefängnis warf, was er in seinem Zustand nicht überlebt hätte, übernahm William junior die Verantwortung für seine Schulden. Prompt holten die Büttel den jungen Mann. Der Altere starb trotzdem. Spandrels Opfer hatte nichts geholfen.
Seine Lage war derart verzweifelt, dass seine Mutter ihren sonst so knauserigen Bruder erweichen konnte und tatsächlich die fünf Guineen bekam, die nötig waren, um Spandrel die Freiheit zu erkaufen, in einer eigenen Unterkunft zu leben. Zwar war er nach wie vor den Gefängnisregeln unterworfen, durfte aber immerhin dessen Mauern hinter sich lassen. So beschränkt diese Freiheit auch war, so war sie doch dem Grauen im Fleet bei weitem vorzuziehen. Aber in dem Maße, in dem die Erinnerung an die Schrecken dort verblasste, traten neue an ihre Stelle. Würde er je wieder wirklich frei sein? Sollte er die Blüte seines Lebens wie eine Fliege in einem Glas verbringen? Gab es denn gar keinen Ausweg?
Nun, an diesem trüben Januarmorgen schien sich jedenfalls keiner abzuzeichnen. In der Ecke stand, halb verdeckt von der zum Trocknen vor dem Kamin aufgehängten Wäsche, einer der Wegemesser, die er und sein Vater durch die Straßen von London geschoben hatten, um mit seiner Hilfe mit geradezu besessener Genauigkeit Entfernungen zu berechnen. Inzwischen war sein Rad von Rost überzogen. Alles verfiel, selbst die Hoffnung. Die Bögen mit ihren fertig gestellten Zeichnungen lagen beim Drucker und würden dort wahrscheinlich auch bleiben, da der Bursche für seine bisherige Arbeit noch keinen Penny erhalten hatte. Und solange Spandrel im Cat and Dog Yard eingesperrt blieb, wie es die Regeln des Fleet Prison verlangten, würde es keine weiteren Bögen geben, so viel stand fest.
Land zu vermessen war das Einzige, was er konnte. Er war immer nur der treue Lehrling seines Vaters gewesen. In dieser Zeit brauchte jedoch niemand einen Landvermesser. Der Gedanke an all das, was er verloren hatte, war schier unerträglich. Letzten Sommer hatte er Hoffnungen auf eine Hochzeit mit der schönen Maria Chesney gehegt. Und die Erarbeitung der Karte hatte sich so angelassen, als wäre sie die beste Idee, die sein Vater in seinem ganzen Leben gehabt hatte. Jetzt war ihm nichts mehr geblieben. Maria hatte er verloren. Sein Vater war tot. Seine Mutter war Wäscherin geworden, und aus ihm ein Wäscherinnenhelfer.
An der Tür hörte er ein Geräusch und drehte sich um. Das musste seine Mutter sein, auch wenn ihn wunderte, dass sie schon so schnell zurückkam. Zu seinem Erstaunen war es jedoch jemand anderes.
Ein hagerer Mann mit dunklen Kleidern und grau-schwarzer Perücke stand in der Tür. Wegen des niedrigen Rahmens musste er sich leicht bücken. Zusammen mit seiner knochigen Hakennase verliehen ihm seine stets hin und her schießenden, tief liegenden Augen das Aussehen eines fremdartigen Raubvogels auf der Suche nach Aas. Und vielleicht kam es Spandrel in den Sinn, glaubte er, jetzt eines gefunden zu haben.
»William Spandrel«, sagte der Mann. Es war keine Frage, sondern hörte sich vielmehr an wie eine Feststellung, die jedes Leugnen im Ansatz erstickte.
»Ja«, gab Spandrel misstrauisch zu.
»Mein Name ist Jupe. Ich vertrete Sir Theodore Janssen.«
»Ach? Na ja …« Spandrel legte das Rasiermesser beiseite und wischte sich den Seifenschaum vom Kinn. »Wie Sie sehen, habe ich keine Möglichkeit, etwas für Sir Theodore zu tun.«
»Sie schulden ihm einen hohen Betrag.«
Das ließ sich nicht leugnen. In vielerlei Hinsicht war Sir Theodore tatsächlich sein Hauptgläubiger. Spandrels Vater hatte in Wimbledon ein Grundstück vermessen, das Sir Theodore ein paar Jahre zuvor erworben hatte, und sich später um Unterstützung an ihn gewandt, als ihm die Idee mit der Karte von London gekommen war. Sir Theodore, der damals in Geld schwamm, hatte sich nur zu gern erkenntlich gezeigt. Als einer der Direktoren der South Sea Company musste er jetzt ein verzweifelter Mann sein. Das hatte Spandrel geborgten Zeitungen und auf der Straße aufgeschnappten Gesprächen entnommen. Trotzdem war so jemand doch bestimmt nicht derart verzweifelt, dass er sich ausgerechnet an den unglücklichsten seiner vielen Schuldner um Hilfe wenden würde.
»Sir Theodore wäre an einer Begleichung der Schuld gelegen.« Jupe trat weiter ins Zimmer und ließ den Blick über die dürftige und armselige Einrichtung schweifen.
»Mir nicht minder. Aber ich habe Besseres zu tun, als mich mit Gedanken an all das zu quälen, was ich gerne hätte.«
»Sir Theodore ebenso.«
»Warum sind Sie dann hier?«
»Um Ihnen eine Möglichkeit aufzuzeigen, Ihre Schuld bei ihm – und all Ihre anderen Verbindlichkeiten – zu begleichen, indem Sie Sir Theodore eine kleine, aber bedeutsame Gefälligkeit erweisen.«
»Soll das ein Witz sein?«
»Sehe ich aus wie einer, der Witze macht, Mr. Spandrel?« Das war ganz gewiss nicht der Fall. »Sie sollten vielmehr darüber nachdenken, ob Sie es sich leisten können, die Gelegenheit zu ignorieren, die ich Ihnen biete, sich – und Ihre Mutter – von dem Dasein zu erlösen, das Sie hier führen.« Jupe betrachtete neugierig einen aus dem Verputz herabhängenden Splitter. »Das heißt, wenn man das hier noch Leben nennen kann.«
»Verzeihung, Sir.« Spandrel zwang sich zu einem Lächeln. Vielleicht, überlegte er, hatte sich Sir Theodore zu Großzügigkeit denen gegenüber entschlossen, zu deren Bankrott seine Misswirtschaft beigetragen hatte. Es hatte schon merkwürdigere Dinge gegeben, auch wenn ihm im Augenblick keines einfallen wollte. Aber wenn Jupe die Wahrheit sagte, bot sich vielleicht wirklich ein Ausweg aus seinen Schwierigkeiten. »Es gibt selbstverständlich keinen Dienst, den ich Sir Theodore nicht mit der größten Freude für den Erlass meiner Schulden erweisen würde.«
»Selbstverständlich.« Jupe erwiderte sein Lächeln mit kaum verhohlener Überheblichkeit. »Sie sagen es.«
»Was würde er von mir verlangen?«
»Er wird es Ihnen persönlich erklären, Mr. Spandrel. Wenn Sie sich treffen.«
»Er kommt hierher?«
»Das mit Sicherheit nicht.« Jupe kräuselte sogleich die Stirn, um dem anderen zu zeigen, wie absurd eine solche Vorstellung war. »Sie suchen ihn auf.«
»Aber das kann ich nicht.«
»Sie müssen.«
»Halten Sie mich für einen Narren, Mr. Jupe?« Spandrel glaubte, die Umrisse einer primitiven, doch...




