E-Book, Deutsch, 559 Seiten
Goddard Das Geheimnis der Lady Paxton
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-059-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 559 Seiten
ISBN: 978-3-96655-059-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Robert William Goddard, geboren 1954 in Fareham, ist ein vielfach preisgekrönter britischer Schriftsteller. Nach einem Geschichtsstudium in Cambridge begann Goddard zunächst als Journalist zu arbeiten, bevor er sich ausschließlich dem Schreiben von Spannungsromanen widmete. Robert Goddard wurde 2019 für sein Lebenswerk mit dem renommierten Preis der Crime Writer's Association geehrt. Er lebt mit seiner Frau in Cornwall. Robert Goddard veröffentlichte bei dotbooks auch die folgenden Kriminalromane: »Im Netz der Lügen« »Der Preis des Verrats« »Eine tödliche Sünde« »Ein dunkler Schatten« »Denn ewig währt die Schuld« »Das Geheimnis von Trennor Manor« »Das Geheimnis der Lady Paxton« »Das Haus der dunklen Erinnerung« »Das Geheimnis von Malborough Downs« »Dunkles Blut - Harry Barnett ermittelt: Der erste Fall« »Dunkle Sonne - Harry Barnett ermittelt: Der zweite Fall« »Dunkle Erinnerung - Harry Barnett ermittelt: Der dritte Fall« Robert Goddard veröffentlichte bei dotbooks weiterhin die historischen Kriminalromane: »Die Sünden unserer Väter« »Die Schatten der Toten« »Jäger und Gejagte« »Die Klage der Toten« »Der Kartograf von London«
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
ES BEGANN vor mehr als drei Jahren, an einem goldenen Abend im Hochsommer. Morgens war ich in Knighton zu einer Wanderung, entlang der südlichen Hälfte von Offa's Dyke, aufgebrochen, die sechs Tage dauern sollte. Ich war schon immer der Meinung, daß ich beim Gehen am besten nachdenken kann. Und weil ich zu jener Zeit über sehr viel nachzudenken hatte, schien eine lange Wanderung genau das Richtige zu sein. Verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten standen mir zur Auswahl. Ich näherte mich dem mittleren Alter, eine Gabelung auf dem Pfad des Lebens schien unausweichlich. Nichts war so einfach und sicher gewesen, wie ich es gerne gehabt hätte. Doch es bestand die Hoffnung, daß es oben auf den Hügeln anders sein könnte. Es war Dienstag, der 17. Juli 1990. Ein Datum, an das ich mich gut erinnere und das oft protokolliert wurde. Ein Tag voll glühender Hitze und nicht enden wollendem Sonnenschein, der sich zu einer Abenddämmerung voll schläfriger Schwüle neigte. Für mich ein Tag des kräftigen Wanderns und ernsthaften Nachdenkens, mit knochenhartem Grasboden unter meinen Füßen und einem dunstigen blauen Himmel über meinem Kopf. Ich sah keine Bussarde über mir kreisen, wie ich es gehofft hatte, obwohl vielleicht irgend etwas dort oben außerhalb meiner Sicht kreiste, das sah, was ich vorhatte.
Bereits am Tag zuvor war ich mit dem Zug von Petersfield nach Knighton gefahren, glücklich, endlich weg und alleine zu sein. Mein ältester Bruder Hugh war vor fünf Wochen an einem Herzinfarkt gestorben, mit neunundvierzig Jahren. Das war natürlich ein Schock gewesen – vor allem für meine Mutter. Hugh und ich hatten uns allerdings nie besonders nahegestanden. Ich denke, zwölf Jahre Altersunterschied waren einfach ein zu großer Abstand. Das einzige Mal, daß wir uns als Brüder wirklich näherkamen, war im Sommer 1973, als wir zusammen den Pennine Way entlangwanderten. Seit seinem Tod war die Erinnerung an jene drei weit zurückliegenden Wochen in den nördlichen Bergen in meinem Gedächtnis zu einer Art Talisman verlorener Brüderlichkeit geworden. Mein Ausflug zur walisischen Grenze war teilweise ein bewußter Akt der Trauer, teilweise eine Suche nach den wenigen Vergnügungen und Möglichkeiten, die das Leben damals geboten hatte. Aber vor allem war der Ausflug dazu gedacht, Ordnung in meinen Gedanken zu schaffen und über meine Zukunft zu entscheiden. Meine Schwester Jennifer und meine beiden anderen Brüder, Simon und Adrian, arbeiteten alle im Familienunternehmen Timariot & Small, in dem Hugh Geschäftsführer gewesen war. In dieser Hinsicht – und in manch anderer auch war ich überflüssig gewesen. Ich lebte in der Überzeugung, daß meine Karriere bei der Europäischen Kommission in Brüssel mich gegen die beschränkten Sorgen und ständigen Streitigkeiten der Familie immun gemacht hatte. Und so war es auch. Außerdem bescherte mir mein Beruf absolute Sicherheit und relativen Wohlstand. Das ging nun schon zwölf Jahre so, und man konnte sich darauf verlassen, daß es auch die nächsten zwanzig Jahre so bleiben würde. Gefolgt von einer frühzeitigen Pensionierung und einer gesicherten Pension. O ja, das Leben eines Eurokraten hat seine Vorzüge.
Aber es erlegt einem auch Strafen auf. Und seit kurzem begannen sie, mich niederzudrücken. Der Berlaymont, ein x-förmiger Berg aus Glas und Beton, in dem ich seit meiner Ankunft in Brüssel in verschiedenen engen Büros arbeitete, war in meiner Vorstellung sogar noch bedrückender geworden, als er in Wirklichkeit war. Er wurde geschlossen, nachdem man in jedem Hohlraum krebserregenden Asbeststaub entdeckt hatte. Doch selbst wenn man den Staub des Berlaymont von den Füßen schüttelt, hält er sich vielleicht immer noch in den Lungen versteckt, wo er geduldig wartet – mehrere Jahrzehnte lang, wie die Experten sagen –, um dann seinen Tribut zu fordern. Nun, es gibt nichts, was ich jetzt dagegen tun könnte. Und damals gab es nichts so Greifbares wie Asbest, das mich zu ersticken drohte. Es war das Wissen über all die Kilometer an Fluren, die ich voller Pflichtgefühl entlanggehastet war, all die Meter von Notizen, die ich dienstbeflissen aufgezeichnet hatte, die Flut von bürokratischen Informationen, die mich nur am Rande betrafen – und ich würde damit fortfahren, Jahr um Jahr, bis das Himmelreich oder die Pensionierung oder die Asbeststaublunge kommen würden.
Ich würde natürlich ausgelaugt sein. Aus Mangel an Alternativen würde ich weitermachen müssen, mit den Jahren immer zynischer und desillusionierter werden. Ich würde immer mehr wie jene meiner verbrauchten Mittfünfzigerkollegen werden, die von Bungalows in Surrey träumen und von Tagen, an denen sie nur noch Golf spielen würden. Es war bereits zu spät, ihr Schicksal nicht zu teilen. Es war bereits alles für mich vorbei, wie ich manchmal in milden Brüsseler Nächten erkannte.
Aber dann starb Hugh. Und es mußte keineswegs alles vorbei sein. Es bereitet mir kein Vergnügen, das zu sagen. Ich wünschte, weiß Gott, es wäre ihm nicht passiert. Aber mein Leben hat sich vollständig verändert, seit er unter seiner Arbeitslast zusammenbrach und an einem Juniabend im Jahre 1990 kurz nach neun Uhr langsam auf den Boden seines Büros sank. Ich hätte mir nie vorstellen können, wohin mich sein Tod führen würde. Und vielleicht ist das auch gut so. Wenn ich auch nur die Hälfte davon geahnt hätte, wäre ich zurück in meine langweilige, aber sichere Existenz nach Brüssel geflohen. Das steht fest. Aber trotz allem, was geschehen ist, bin ich froh, daß ich es nicht getan habe. Ich bin froh, daß ich diesem Weg gefolgt bin.
Anfangs schien es nicht mehr zu sein als ein Blitz aus heiterem Himmel, eine unangenehme Erinnerung an meine eigene Sterblichkeit. Aber auf der Beerdigung gab es weitere Anzeichen: die allgemeine Anspannung, die nicht allein auf Trauer zurückzuführen war. Fünfzehn Jahre lang war Hugh Timariot & Small gewesen, hatte die Firma durch seine Energie und sein Engagement aufrechterhalten und ihre geschäftlichen Vorteile geschickt betrieben. Jetzt war er tot. Deshalb war die Frage nicht einfach nur, wer ihn ersetzen würde, sondern ob die Firma ohne ihn als Steuermann überleben könnte. Sogar im Krematorium beäugten sich Simon und Adrian gegenseitig angesichts des Wettbewerbs, der auf sie zukam, während Reg Chignell, Abteilungsleiter der Produktion, beide beobachtete und sich ganz offensichtlich fragte, ob einer von ihnen den Chefsessel beanspruchte.
Onkel Larry, längst in Rente, war wieder zurückgekommen, um für die Übergangszeit den Vorstand zu führen. Er und meine Mutter unterbreiteten mir am Tag nach der Beerdigung einen Vorschlag, über den ich einen Monat später, als ich in Knighton aufbrach, noch immer nachdachte. Obwohl Adrian der Jüngste von uns war, arbeitete er am längsten in der Firma. Überdies hatte er zwei Söhne und zwei Töchter, und das war mehr, als wir übrigen zusammen besaßen. Laut der kuriosen Logik meines Onkels machte ihn das zu einem geeigneten Hüter der Familientradition. Außerdem verfügte Adrian über einen größeren Stimmenanteil als Simon, Jennifer oder ich, da er einige Geschäftsanteile für seinen ältesten Sohn treuhänderisch verwaltete. Der Posten des Geschäftsführers stünde ihm zu Recht zu, erklärten sie. Mit der Unterstützung von Hughs Witwe Bella, die dessen Anteile geerbt hatte, beabsichtigten sie, Adrian den Posten anzubieten. Aber sie sahen Reibereien zwischen ihm und Simon voraus. Nun, dafür benötigte man kaum eine Glaskugel. Was man brauchte, war ein beruhigender Einfluß, jemand, der Adrian als Produktionschef nachfolgte und den klaren Verstand eines ausgebildeten Volkswirtschaftlers in die Überlegungen der Firma einbrachte. Mit einem Wort, man brauchte mich.
Ehrlich gesagt, standen ihre Chancen nicht besonders gut. Ich hatte während der Semesterferien in der Fabrik gearbeitet und ungefähr achtzehn Monate im Büro, so lange wie die Europäische Kommission für ihre Entscheidung gebraucht hatte, daß sie mich wollten. Aber all das war schon ewig her, und mein wirtschaftliches Können war nicht viel mehr als Augenwischerei. Die eigentliche Absicht meiner Mutter war, mich nach Hause zu locken und zu sehen, daß ich mich in Petersfield niederließ, am besten mit Frau und Kindern, bevor sie starb. Onkel Larry war mehr als bereit, dabei mitzuspielen. Und ich war versucht, das gleiche zu tun – aus ganz persönlichen Gründen.
Natürlich erzählte ich ihnen nicht, wie begierig ich war, Brüssel zu verlassen. Ich wollte nicht, daß sie – und vor allem nicht meine Brüder und meine Schwester – dachten, sie würden mir einen größeren Gefallen erweisen als ich ihnen. Ich bemühte mich anzudeuten, daß ich um der Familie willen eventuell meine Karriere aufgäbe – wenn die Bedingungen stimmten. Aber da lag der Hase im Pfeffer. Die Bedingungen würden niemals gut genug sein. Ob ich nun frustriert war oder nicht, als Fonctionnaire lag ich auf Rosen gebettet. Bei Timariot & Small würde mir vermutlich das Geld knapp werden. Außerdem mußte man die Zukunft der Firma berücksichtigen. Ich war mir gar nicht so sicher, daß sie eine haben würde. Eine Vergangenheit, das schon. Im Jahre 1836 hatte sich mein Urgroßvater Joseph Timariot mit John Small zusammengetan, um in einer bescheidenen Werkstatt in der Sheep Street Kricketschläger herzustellen. Seitdem hatte die Firma einmal den Standort gewechselt – die gegenwärtige Fabrik befindet sich in der Frenchman's Road – und war so etwas wie der drittgrößte Hersteller von Kricketschlägern im Land geworden. Aber das machte sie noch nicht zu General Motors. Sie beschäftigte ungefähr fünfzig Leute in einem mittelgroßen Marktstädtchen in Hampshire und benutzte veraltete Methoden, um in einem Zweig der Sportindustrie, in dem der Ferne...




