E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Glen Weil es nicht anders sein kann
1. Auflage, Ungekürzte Ausgabe 2025
ISBN: 978-3-03790-162-5
Verlag: Arche Literatur Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-03790-162-5
Verlag: Arche Literatur Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Über den Mut, den es braucht, sich lieben zu lassen
Sol und Addie fühlen sich in der Natur wohler als unter Menschen. Doch als die beiden sich auf der windgepeitschten Insel Rokesby vor der Küste Englands zum ersten Mal begegnen, scheint mitten im Sturm alles stillzustehen. Sofort spüren sie, dass sie füreinander geschaffen sind, und wagen eine zaghafte Annäherung.
Doch sie haben nicht mit der Wucht gerechnet, mit der die Vergangenheit über sie hereinbricht, und müssen hart dafür kämpfen, zusammen sein zu können – nicht nur gegen äußere Umstände, sondern manchmal auch gegen sich selbst. Woran sie sich festhalten, ist der Pakt, den sie schließen: Sie wollen wie zwei Papageientaucher sein. Denn auch wenn die Vögel einen großen Teil des Jahres getrennt von ihrem Partner leben, bleiben sie einander treu und finden doch immer wieder zueinander.
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Samstag, 22. April
Addie sitzt in ihrem Zimmer und schaut dem Passagierschiff nach, das im Grau des Regens und des Meeres verschwimmt und mit dem ihr Vater und ihr Bruder die Insel verlassen. Sie fragt sich, wie es sich anfühlen muss, so ungehindert kommen und gehen zu können. Sie ist seit sieben Jahren hier, seit sie fünfzehn war, und sie will unbedingt fort, nur würde sie damit ihre Mutter verraten.
»Das Leben auf dem Festland wäre für dich überwältigend«, sagt ihre Mutter.
Addie fragt sich, ob sie bereit ist, sich überwältigen zu lassen.
Und da verschwinden sie auch schon, ihr Vater und ihr Bruder. Über die Wellen, unter dem bleiernen Himmel, schaukelnd auf dem weiten Meer, das größer wird, dunkler wird, und darüber und darunter fahren sie weg. , denkt Addie, Sie lacht leise, dann ist ihr mit einem Mal nach Weinen zumute.
Bei dem trüben Wetter ist die Gebetsinsel Ora kaum mehr als ein dunkler Schatten, nur durch ein schmales Felsband mit Rokesby verbunden. Hinter den Klippen von Ora liegen die Farne Islands und dahinter auf dem Festland das Dorf Seafields, wo ihr Vater und ihr Bruder das Schiff verlassen und in ihr eigenes Leben abtauchen werden.
Addie sieht sich selbst über das Meer gespannt, wie abgespultes Garn, mit Rokesby hinter sich und der Zukunft voraus. Neben ihr steht eine Nähmaschine auf einem zerkratzten Eichentisch, ergänzt von einem Gewirr aus Spulen und einer großen Stoffschere, die Klingen aufgesperrt wie ein Maul.
An diesem Morgen hat Addie beim Schwimmen einen Hai gesehen. Einen Heringshai, glaubt sie, etwa zwei Meter lang. Ihr erster Gedanke galt Eureka. Addie ist dreimal zu ihrer Höhle hinuntergetaucht, mit vor Angst rasendem Herzen, und fand Eureka beim dritten Versuch sicher versteckt, sämtliche Tentakel bis zur Spitze eingerollt.
Niemand weiß von Eureka.
Es weiß auch niemand von Mac.
Addie vergleicht sich mit den antiken Matroschkas, die auf ihrem Nachttisch stehen. Die gute Puppe außen ist mit Blumen bemalt: Sie rettet Jungvögel, die aus dem Nest gefallen sind, und zappelnde Fische, die sich zu weit an den Strand gewagt haben, näht Seidenkleider und Latzkleider mit Patchworkmuster, kocht reizende Abendessen; arrangiert Bilder an den Wänden, reiht Kiesel auf Fensterbänken auf, kümmert sich um die Gäste, die der Ruhe wegen herkommen, lächelt, als wäre es ein Geschenk, sie zu bedienen.
Darunter ist ihre böse Puppe, ihre Sirene, wild, mit dunklen Flügeln und widerspenstig. Nur Mac kennt sie. Unter der guten und der bösen Puppe steckt die Meerespuppe, behangen mit Seetang; sie liebt Delfine und die Wellen. Und schließlich die kleine Puppe, die zu sehr geliebt hat, die zu der Größe einer Kidneybohne geschrumpft ist, als ihre Großmutter starb, und eingerollt mit den Händen über dem Kopf daliegt und immer noch weint.
Addies Mutter sagte nur: »Ich habe noch nie von Haien in dieser Gegend gehört«, bevor sie sich wieder ihrem Buch widmete. Sie hatte sich auf der indischen Liege ausgestreckt, die Addie bei einer Onlineauktion ersteigert hat.
Addies Großmutter hätte sie fest an die Brust gedrückt und angefleht, sie sollte nicht mehr ins Wasser gehen und sich von dem Hai fernhalten. Den Wunsch hätte Addie ihr zwar nicht erfüllen können, aber sie hätte ihre inbrünstige Liebe gespürt.
Mit dreizehn ihre Großmutter zu verlieren war das Unglück ihres Lebens. Denn als sie geboren wurde, war es ihre Großmutter, die sie anlächelte, die sie auf den Arm nahm und ihr das Meer und den Sand und die Möwen im Wind zeigte. Ihre Mutter ging frühmorgens fort und kam spätabends zurück, um Geld zu verdienen, denn irgendwer, sagte sie, musste das ja tun. Ihr Vater war seltsamerweise an den Wochenenden nie zu Hause.
Spiegelneuronen entwickeln sich innerhalb von zweiundsiebzig Stunden nach der Geburt eines Kindes, hat Addie im Radio gehört, und das Gesicht, das sie spiegelte, war das von Oma Flora.
Ich habe dich lieb; ich habe dich auch lieb.
Ich kenne dich; ich kenne dich auch.
So funktioniert das.
Lächeln; lächeln.
Plappern; plappern.
Lieben; lieben.
Nur funktionierte es nicht so mit ihr und ihrer Mutter, die sich erst sechs Jahre später für die Mutterschaft erwärmte, als Addies Bruder geboren wurde, blond und engelsgleich und ein Junge – eine Miniaturversion ihres Vaters Peter Mimms. Addie sah zu, wie ihr Vater dem Baby ins winzige Gesicht sang und wie ihre Mutter seinen Haarwirbel glatt strich, aber wenn sie sich selbst nervös ans Kinderbett wagte und die warme Schulter des Jungen drückte, fing er an zu wimmern, und ihre Mutter sagte: »Nicht so fest. Das mag er nicht.«
»Wir nennen ihn Sydney!«, sagte ihre Mutter. »Nach dem Ort, wo Onkel Ray wohnt.«
»Ich dachte, er wohnt in Adelaide«, sagte Addie.
Nichts war an seinem Ort geblieben: Die Möbel aus ihrem Zimmer waren ins Zimmer des Babys gewandert, genau wie Pu der Bär von ihrer Mutter und das Flugzeug ihres Vaters, das früher an ihrer Deckenlampe gehangen hatte. Und jetzt war auch noch Onkel Ray umgezogen, weg von Adelaide, von wo er Addie immer Postkarten geschickt hatte.
Addie drückt den Eisengriff herunter, und das Fenster fliegt nach innen auf; wegen des Winds ist es so entworfen. Ihre langen rotbraunen Locken schlagen ihr ins Gesicht und wirbeln hoch.
Addie hat ihre Lemming-Locken von ihrer Mutter geerbt, Martha Lemming, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, Frederick Lemming, der durch und durch ein Fiesling war. Seine Frau Flora Finch Lemming war dagegen ein wahrer Engel. Es ist Opa Freds Schuld, dass Oma Flora tot ist. Opa Fred ist auch tot, und auch daran ist er schuld. Aber – so schlimm es auch ist, das über einen anderen Menschen zu sagen – bei ihm kümmert es niemanden groß.
Der weite Himmel wird von zwei Schlafzimmerfenstern eingerahmt, ihnen gegenüber stehen vier hohe Schränke, einer davon mit offener Tür, die den Blick auf Stoffballen freigibt: Netzstoff und Leinen und Samt und Seide. Auf dem Boden stehen Oma Floras Körbe mit Reststücken, nach Farben sortiert – Blautöne, Rottöne, Grüntöne, dunkle und helle Farben. Addie näht für die Gäste Patchworkdelfine, halbherzig und so gelangweilt, dass sie dabei in einer genervten Trägheit versumpft. Sie würde lieber an dem Hochzeitskleid weiterarbeiten, weil bei Kleidern ihr Talent liegt, das sie von ihrer Großmutter geerbt hat.
Wenn Addie diese Insel verlassen könnte, würde sie nicht dahin zurückgehen, wo sie aufgewachsen ist. Das Haus der Lemmings stand in dem winzigen Dörfchen Beal, mit Blick aufs Wasser und auf den Damm nach Holy Island, aber das nächste Dorf war Braxham, eine halbe Stunde von Seafields entfernt, wohin ihr Vater und Sydney mit dem Schiff unterwegs sind.
Das Einzige, was Addie in Braxham mochte, war , eine alte Kapelle, gerammelt voll mit Abendkleidern aus Satin, mit Militärjacken, Zylindern und Bowlern, Seidenschals und Seidenstrümpfen in Holzschubladen, Stolen und dicken Schals aus Pelz und eigenartigen Gegenständen mit unklarem Zweck – eine ganze Welt bunt gemischter, wundersamer Dinge, in der sie und ihre Großmutter sich stundenlang verlieren konnten.
»Die Welt ist voller Wunder«, sagte ihre Großmutter oft. »Man muss nur richtig hinsehen.«
Aber ihre Mutter sagte, ganz im Gegenteil, alle Wunder ließen sich durch Fortschritte in der Wissenschaft und den menschlichen Verstand erklären.
»Na gut«, antwortete ihre Großmutter ihrer Mutter. »Dann sag mal, wie die Wissenschaft und der menschliche Verstand die Liebe erklären.«
»Was hat dir die Liebe denn gebracht?«, fragte ihre Mutter.
Addie hasste die Liebe, als ihre Großmutter starb. Sie hasste sie! Sie drängte sie tief in ihr Inneres, weit weg von ihrem Herzen, und die Liebe legte sich im Dunkeln ganz eng um die kleine Bohnenpuppe, wie Fruchtwasser, und erstarrte zu Eis.
»Ich helfe dir, dich scheiden zu lassen«, bot Addies Mutter Oma Flora nicht nur einmal an.
»Ich habe ein Versprechen gegeben«, antwortete Oma Flora dann.
Worauf ihre Mutter sagte: »Ein schlechtes Versprechen darf man brechen.«
Addie hat ein schlechtes Versprechen gegeben, und sie will – – es brechen.
***
Sol sitzt im stehenden Wagen hinter dem Lenkrad und starrt geradeaus. Es ist dunkel draußen – er ist seit drei vollen Jahren von Dunkelheit umgeben, gefangen in einem Loch, in dem es nichts gibt, woran er sich festhalten könnte, und niemanden, der ihm heraushilft.
, denkt er, Er erinnert sich an die Sommer seiner Kindheit, in denen er die Klippe hinter Tante Peggys Garten in Cornwall hinunterkletterte, um mit einem Netz die Gezeitentümpel zu erkunden, von Kopf bis Fuß dopamingeflutet wegen der aufregenden Dinge, die ihn erwarteten. Jetzt fühlt er sich ganz ähnlich.
Es ist fünf Uhr morgens: Er bricht früh auf zu einer langen Fahrt in sein neues Leben. Er hat das scheußliche Gefühl, dass dieses neue Leben nicht lange währen wird, dass ihn irgendeine Katastrophe heimsuchen wird. Keiner von uns kennt die Zukunft, sagt er sich, und vielleicht bleiben wir dadurch bei der Sache.
Er sieht in den Rückspiegel, fährt sich durch die welligen dunklen Haare und genießt den Anblick seines schönen neuen...




