E-Book, Deutsch, 234 Seiten
Gleichmann Signora Alberti und die Liebe
2. Auflage 2014
ISBN: 978-3-945408-00-1
Verlag: Verlag Neue Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 234 Seiten
ISBN: 978-3-945408-00-1
Verlag: Verlag Neue Literatur
Format: EPUB
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Gerald Gleichmann stammt aus Sonneberg und lebt heute in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. Er ist sowohl gelernter Porzellanmaler als auch Bibliotheksassistent und kann bereits mehrere Veröffentlichungen vorweisen.
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Eins
Toskana, Mai 2010
»CIAO, TALPA!«,
feixten die Gäste übermütig, allesamt die üblichen Gesichter, als der kommunale Angestellte Pasquale Pettini nach einem für ihn schweißtreibenden Tag über die Schwelle der Trattoria im Schatten der hohen Stadtmauer stolperte. In verdrecktem Arbeitsanzug und klobigen Schuhen. Schließlich konnte jeder sehen, er verdiente auf ehrliche Art sein täglich Brot. Brachte ihm das am Ende auch weniger ein, als im Vorübergehen schnell mal eine Bank auszurauben.
Auf seinem Heimweg führten Pettinis Füße ihn beinahe schon schlafwandlerisch hierher. Um in der gemütlichen Runde der Nachbarn und Freunde so lange auszuharren, bis er sich das nötige Quäntchen Mut angetrunken hatte, um seiner stets gallig dreinschauenden Schwester entgegentreten zu können.
Die führte ihm seit Jahrzehnten mehr schlecht als recht den bescheidenen Haushalt. Sie kochte mit gehässiger Vorliebe das, was er nicht mochte. Sie stopfte ihm die löchrigen Strümpfe, wusch die Wäsche, verwaltete sein Taschengeld strenger als das Finanzministerium und kontrollierte mit Argusaugen regelmäßig den Weinvorrat, den sie unter ihrem eigenen Bett hortete. Kurz: sie verwandelte bereits sein irdisches Dasein in die ewige Verdammnis. Pasquale Pettini war gewiss kein großer Held vor dem Herrn. Und selbst wenn er seine buckligen Einmetersechzig auf hölzerne Stelzen schwang, überragte die kropfige Bohnenstange ihn noch immer um etliche Längen.
Pettini, ein schmächtiger Fünfziger mit spärlichem Haarwuchs und großzügig geformter Adlernase, hatte sich mittlerweile demütig damit abgefunden, es gab keinerlei Entrinnen für ihn. So blieb ihm lediglich, die Verzweiflung darüber regelmäßig im Alkohol zu ertränken. Auch wenn ihm das die ältere Schwester kaum lieblicher erscheinen ließ. Sie war und blieb nun einmal eine giftige Natter. Außerdem besaß sie den bösen Blick. Deshalb konnte er sie nicht einmal einem Deppen als jungfräuliche Braut andrehen und blieb wohl zeitlebens auf ihr sitzen wie auf einer Kiste fauler Tomaten.
»Hat sich heute einer der Kunden ungerecht von dir behandelt gefühlt?«
»Mir sind keinerlei Beschwerden zu Ohren gekommen«, brummte der Friedhofswärter und Totengräber, von jedermann kurz Talpa – Maulwurf – gerufen, als er auf einen der freien Hocker vor der länglichen Theke kletterte.
»Demnach liegt jeder dort, wohin er gehört?«, hakte Sebastiano Petracci, der Betreiber der beschaulichen Trattoria, mit ernster Miene nach.
Pasquale Pettini überhörte geflissentlich dessen spöttisch gemeinte Frage. Mit stoischer Gelassenheit stützte er sich mit dem Ellenbogen auf die marmorierte Tresenplatte, legte die hohe Stirn in Falten und schielte sehnsüchtig nach einer Flasche Grappa, die scheinbar seit Stunden ungeduldig darauf hoffte, von ihm ausgetrunken zu werden. Petracci folgte grinsend seinem Blick und schenkte ihm daraufhin großzügig ein.
Da Maulwurf Talpa die meiste Zeit über stumm wie ein ausgenommener Fisch vor seinem Glas sitzen blieb, überließ der Wirt ihm achselzuckend die Flasche und wandte sich wieder den übrigen Besuchern zu.
Einer hatte unbändigen Appetit auf eine Antipasti. Jemand rief nach einer weiteren Flasche Wein, während der Nächste wissen wollte, ob denn noch ein Teller Minestrone zu haben sei. Familien kamen, um vor dem Abendessen in gemütlicher Runde zusammenzusitzen. Die letzten Touristen zahlten und flüchteten wie auf ein geheimes Kommando hin zurück in ihre Hotels.
Petracci eilte zwischen den Tischen hin und her, schenkte ein oder nochmals nach und schnappte während des Bedienens so mancherlei auf, was momentan in der Stadt in aller Munde war. Die minderjährige Gespielin des Erlauchten war angeblich noch weit minderjähriger als gesetzlich wie moralisch erlaubt. Zu besichtigen waren beide auf einem Pressefoto. Ein Schnappschuss, auf dem die aufgeschreckten Nackedeis eilig über ein Rasenstück davonhüpften.
Der betrunkene Spross einer angesehenen Florentiner Adelsfamilie wurde von einer Polizeistreife gestoppt, nachdem er während seiner rasanten Spritztour durch die Provinz bereits fünf Hühner, eine trächtige Ziege und die Gattin eines Weinbauern überfahren hatte. Letzterer forderte wiederum für diesen tragischen Verlust ein Schmerzensgeld, dessen Höhe über den Daumen gepeilt ausreichte, den bankrotten Staat für alle Ewigkeiten schuldenfrei zu sanieren.
Über einen Arzt aus dem Süden rissen sie gleichfalls ihre Witze. Der Ärmste hatte scheinbar zu viele Verrückte behandelt. Nun glaubte er nämlich, eine Straßenlaterne zu sein. Jeden Abend lungerte er auf dem campo herum und bettelte die Passanten händeringend an, freundlicherweise sein Licht anzuknipsen.
Aber wesentlich länger, als sich über diese kleinen Narreteien zu amüsieren, schwärmte man zum guten Schluss gemeinsam doch wieder von der schönen Signora Alberti.
La Donna Alberti, die wiedergeborene Aphrodite mit dem Körper einer Gina Lollobrigida, den tiefgründigen Augen einer Sofia Loren, dem Schmollmund einer Bardot und dem sinnlichen Charme einer Ornella Muti. Carlotta Alberti, deren Beine unter den schwingenden Röcken nicht enden zu wollen schienen. Die kurvenreiche Signora, bei deren Anblick jedes Männerherz holpriger zu schlagen begann und für die sich manch einer liebend gerne in den finanziellen Ruin gestürzt hätte. Für eine einzige Stunde der göttlichen Offenbarung. Sie war in den Augen aller schlichtweg die fleischgewordene Sehnsucht nach der Sünde. Kaum dreißig Jahre alt und seit Kurzem bereits Witwe. Sie lebte alleine in dem für sie nunmehr viel zu großen Haus.
»Vielleicht nehme ich dieses Gebäude irgendwann ein wenig genauer in Augenschein!«, sann Sebastiano Petracci laut nach. Als hätte der Wirt vor, sich nach einer neuen Wohnung umzusehen. War der doch seit Langem verheiratet und eigentlich auch recht zufrieden mit dem Umstand. Aber schließlich war er ein Mann! Einer in den besten Jahren noch dazu. Und sollte sich denn tatsächlich zufällig eine verschwiegene Gelegenheit für ihn ergeben, wäre er mit Sicherheit einem kleinen Abenteuer niemals abgeneigt.
Vernünftigerweise hielt er sich diesmal diskret zurück, da beinahe jeder freimütig eingestand, wenigstens schon ein Mal die hohen Fenster nach dem Antlitz der Signora hinter den Gardinen abgesucht zu haben. Weil er die kleine Gasse nämlich gleichfalls allzu gut kannte. Und ebenso das ockerfarbene Haus mit seinen grünen Fensterläden, den bepflanzten Blumenkästen und der massiven braunen Eingangstür.
Zu seinem allergrößten Bedauern hatte die Signora sich auch ihm nicht gezeigt. Dabei war er fast zwei geschlagene Stunden damit beschäftigt gewesen, auf der Straßenseite gegenüber den linken Schnürsenkel zu binden. Und danach nochmals den rechten. Ehe ihm jedoch ein Wort zu viel über die Lippen kam, zog er sich hinter die Theke zurück und schenkte dem trübsinnigen Totengräber nochmals reichlich nach.
Den interessierte dieses Gequatsche über die vergötterte Abwesende sowieso nicht die braune Kaffeebohne. Er schluckte selig einen weiteren Grappa. Und gleich danach noch ein paar mehr. Fünf oder sieben oder vielleicht zehn. Zählen war sowieso nicht seine allergrößte Stärke. Jedenfalls nicht, sobald er seinen Dienst beendet und das Friedhofstor überpünktlich hinter sich verschlossen hatte. Während seiner enorm verantwortungsvollen Arbeit riss er sich dann aber doch gewaltig zusammen. Soweit er das jedenfalls irgendwie auf die Reihe bekam. Die Frotzeleien Petraccis und der Gäste hatten ihren guten Grund. Und er selbst dachte nur äußerst ungern an jenen verhängnisvollen Tag zurück, an dem das Schicksal ihn auf eine derart harte Probe gestellt hatte.
Unglücklicherweise war er am Vorabend auf dem ausgelassenen Hochzeitsfest einer entfernten Nichte oder Cousine oder angeheirateten Tante seines Vaters Bruders Stiefsohnes in der Gemeinde Caponnori gewesen, hatte dort üppig gegessen, noch weit üppiger getrunken und zur Überraschung aller zur fortgeschrittenen Stunde sogar in den höchsten Tönen gesungen. Und das nicht einmal schlecht. Auch trotz der schallenden Proteste und schmerzhaften Knuffer seiner neben ihm sitzenden, galligen Schwester.
Lediglich eine Winzigkeit verwirrt im Kopf – er selbst hatte das am Morgen darauf auf die bereits arg sengende Sonne geschoben – war er, als er von der feierlichen Tafel mit dem Fahrrad ohne Umwege über Land hin zum Städtischen Friedhof gefahren war. An diesem Vormittag hatten gleich mehrere Beisetzungen angestanden und so hatte er wie wild in die Pedale getreten, um bloß nicht zu spät zu kommen. Was ihm die Verblichenen wohl nachgesehen hätten, der Priester dafür umso weniger.
Die paar Kilometerchen schnurgerader Wegstrecke waren ihm diesmal allerdings enorm kurvenreich erschienen. Und Nebelbänke waren wabend vor seinen Augen vorbeigezogen, in denen allerlei seltsame Gestalten miteinander wildeste Reigen getanzt hatten. Um sich selbst Mut zu machen, hatte er schließlich lauthals alle Lieder nochmals wiederholt, die ihm gerade eingefallen waren. Von der hübschen Signorina und den dreisten Räubern. Vom einsamen Schäferburschen und den lieblichen Blümchen am Wiesenrain. Nicht zu vergessen: Die Moritat vom Spa-Spe-Spitzenhöschen einer gewissen Signora Sowieso. Wie ihm auf dem Friedhof am Ende dennoch dieser fatale Fehler hatte unterlaufen können, darauf konnte Pettini sich auch jetzt noch keinen Reim machen.
In der Kapelle hatte sich die erste Totenmesse bereits ihrem Abschluss zugeneigt, als er wie ein Wahnsinniger den Spaten in die steinharte Erde rammte....




