Glavinic Unterwegs im Namen des Herrn
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-446-23837-4
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 1 mm x 2 mm, Gewicht: 1 g
ISBN: 978-3-446-23837-4
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Glavinic wurde 1972 in Graz geboren. 1998 erschien sein Debüt Carl Haffners Liebe zum Unentschieden. Es folgten u.a. Die Arbeit der Nacht (2006), Das bin doch ich (2007), Das Leben der Wünsche (2009) und Das größere Wunder (2013). Seine Romane Der Kameramörder (2001) und Wie man leben soll (2004) wurden fürs Kino verfilmt. Thomas Glavinic erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, zuletzt den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Seine Romane sind in 18 Sprachen übersetzt. Er lebt in Wien.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
" (S. 150-151)
Als ich erwache, ist es ein Uhr früh. Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass mir eine Gefahr droht. Welcher Art, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich aufpassen sollte, was ich tue.
Ich habe Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Hunger und Durst. Meine Zunge brennt, das gefällt mir am wenigsten, denn in einem populärmedizinischen Buch las ich einst, Zungenbrennen würde auf mehr oder minder ernstzunehmende Leberprobleme hindeuten. Ich nehme eines der umgestürzten Gläser, fülle es mit Champagner und spüle damit eine Mexalen hinunter.
Vom Hafen her pulsiert Musik. Ich reibe mir das Gesicht. Obenrum bin ich nackt. Mein Hemd liegt am Fußende des Bettes, es ist durchgeschwitzt, und ich frage mich, wann und wie ich es losgeworden bin. Während ich es widerwillig anziehe, bemerke ich, dass nicht nur mein Gepäck verschwunden ist, sondern auch alle anderen Dinge, die ich bei der Ankunft in meinem Zimmer bewundert habe, woraus ich schließe, dass ich mich gar nicht in meinem Zimmer befinde und das stürmische Paar grundlos und widerrechtlich verscheucht habe. Ich höre, wie jemand im Haus auf einem Schlagzeug zu trommeln beginnt. Planlos stehe ich da.
Zwar würde ich am liebsten hierbleiben, doch zum einen gilt es, das richtige Zimmer zu finden, zum anderen habe ich ein schlechtes Gewissen gegenüber Ingo. Also öffne ich leise die Tür, und ebenso leise arbeite ich mich in das Feigenzimmer vor. Dort finde ich nur ein Paar, das in seine Unterhaltung versunken ist und von mir keine Notiz nimmt.»Ingo? Ingo?«
Nirgends eine Spur von Ingo, dafür halte ich das klamme Hemd auf meiner Haut nicht mehr aus, ich reiße es mir herunter und werfe es auf einen Fauteuil, es ist ohnedies wahnsinnig heiß und feucht im Haus.Ich stelle mich auf einen Balkon und schaue auf das Meer hinunter. Ich trage nichts als meine Jeans und schwitze dennoch schrecklich, was diesmal aber nicht alleine an mir liegt, sondern an der Schwüle der Nacht und am kroatischen Sommer. Ich bilde mir ein, eine Schiffssirene zu hören. Ein einsamer Nachtfalter tanzt um eine Laterne. Ein Hund bellt, ein Auto hupt lange, jemand lacht in der Dunkelheit.
Ich strecke mich und gehe wieder hinein.Vergeblich suche ich nach unseren Zimmern. Als ich die Hoffnung bereits aufgegeben habe, stoße ich in der Wohnküche auf Ingo, der vor sich eine Munterkanne voller Rotwein hat. Bei ihm sitzen Tomy und einige andere Menschen. Tomy und ich umarmen uns, und ich muss Goran-Ivaniševic-Schnaps trinken, was ich nicht gleich registriere, obwohl ich eine ganze Weile am Etikett der Flasche herumfummle, das den kroatischen Tennisspieler zeigt. Tomy stellt mir die Leute am Tisch als seine Freunde vor. Ich erfahre, dass eine gewisse Andrea für uns am Herd steht und Pasta kocht, damit Ingo und ich etwas essen. Ich will nichts essen und versuche das zu kommunizieren, aber ich lese von Ingos Gesicht ab, dass er an diesem Vorhaben auch schon gescheitert ist."




