E-Book, Deutsch, Band 27, 320 Seiten
Reihe: Köln-Krimi
Glaser Mordstafel
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86358-321-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 27, 320 Seiten
Reihe: Köln-Krimi
ISBN: 978-3-86358-321-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Spitzenköchin Katharina Schweitzer kehrt zurück nach Köln. Auf der schäl Sick, am Ende der Keupstraße in Mülheim, verwirklicht sie ihren Traum vom eigenen Restaurant. Doch leider steht die "Weiße Lilie" unter keinem guten Stern. Trotz der schicken Medienszene auf der Schanzenstraße bleibt der ganz große Ansturm aus - und Katharina kann ihre Schulden nicht bezahlen. Da tut sich völlig unerwartet eine Geldquelle auf. Leider ist diese mit einem Mord vor ihrer Haustür, dem Verschwinden ihrer Putzfrau, dem Ärger mit Schutzgelderpressern und der türkischen Mafia verbunden. Diesmal braucht Katharina mehr als ihre gute Spürnase, um sich aus dem Schlamassel herauszuwinden.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Auf dem Walter-Pauli-Ring parkte ungefähr ein Dutzend grünweiße Kleintransporter, und aus dem Polizeipräsidium stürmten martialisch ausstaffierte Beamte. Ich kämpfte mich gegen den Strom der Olivgrünen ins Innere des Gebäudes durch. Alle Aufzüge waren blockiert oder übervoll, auch im Treppenhaus herrschte reger Betrieb. Zwanzig nach elf, diesmal wartete Eva nicht vor Riegers Büro, wahrscheinlich saß sie schon drinnen. Ich klopfte mehrmals, niemand antwortete. Auch auf diesem Flur liefen Beamte eilig hin und her, einer brachte mich zu einem Konferenzraum, wo Rieger mit anderen saß. Als er mich bemerkte, runzelte er missbilligend die Stirn, stand dann aber auf und kam aus dem Raum. Er drückte knapp meine Hand und eilte mir mit riesigen Schritten in sein Büro voraus. Diesmal trug er ein meerblaues T-Shirt, auf das »Slowmotion« gedruckt war. »Frau Hochstetten ist vor fünf Minuten gegangen«, sagte er, während er gleichzeitig die Tür öffnete, sein bellendes Handy bediente, »in zehn Minuten!« knurrte, mir den Stuhl neben seinem Schreibtisch zuwies und ein paar Fotos auf den Schreibtisch legte. Ich sah ihn fragend an. »Über einen unserer Informanten haben wir von dem Gerücht gehört, dass ein rechtsrheinischer Geldbote ermordet werden sollte«, erklärte er mir. »Dabei könnte es sich um unseren Toten handeln. Ich hab Ihnen direkt am Tatort gesagt, dass das Ganze nach Hinrichtung aussah, ein deutlicher Hinweis auf organisierte Kriminalität.« »Was denn für ein Geldbote?« Rieger sah mich ungeduldig an. »Prostitution, Drogengeschäfte, Menschenhandel, Schutzgelderpressung werden nicht per Banküberweisung getätigt«, rasselte er dann mit einem Blick auf seine Uhr herunter, »das geht cash, da fließt Bargeld. Der Zaster muss vom kleinen Boss zum größeren, vom größeren zum großen und vom großen zum ganz großen und von dort nach Liechtenstein oder Luxemburg. Für den Transport braucht man Geldboten. Wenn einer von denen Mist baut, dann hilft weder Gott noch Teufel.« Mir wurde abwechselnd heiß und kalt bei der Vorstellung, meine fünfzigtausend könnten einem der ganz großen Bosse gehören. »Und auf den Fotos sind Ihnen bekannte Geldboten?« »Nein. Das sind Kölner Mafia-Größen. Möglicherweise hat die Geldübergabe beim Essen in Ihrem Laden stattgefunden. – Sie haben den Toten wiedererkannt, vielleicht erkennen Sie … Schauen Sie sich die Fotos einfach an.« Mafia-Größen in der Weißen Lilie! Geldübergabe unter meinem Eichentisch! An so was hatte ich bisher überhaupt noch nicht gedacht. Vorsichtig sah ich mir die Fotos an: junge, mittelalte, ältere Männer, Männer mit Pferdeschwanz und Brillantine-Haar, Männer mit dicken Schnauzbärten, Männer mit finsteren, stechenden Augen, Männer mit Goldrandbrille und grau melierten Haaren, Männer mit Halbglatzen und roten Backen. Manche sahen aus wie Gewaltverbrecher, andere wie Bankdirektoren, wieder andere wie spießige Nachbarn oder wie der nette Junge von nebenan. Die Großkriminellen Kölns hatten viele verschiedene Gesichter und nur zwei Dinge gemeinsam: Sie waren alle männlich, und ich kannte keinen von ihnen. »Tut mir Leid«, sagte ich, gab Rieger die Fotos zurück, der währenddessen schon wieder zweimal telefoniert hatte. »Sind Sie wenigstens mit unserer Reservierungsliste weitergekommen?« »Mit den Viva-Leuten sind wir fast durch«, berichtete er unwillig und drängte mich zum Gehen. »Von denen kannte ihn keiner. Bei zwei, drei Adressen haben wir noch niemanden erreicht. Mal sehen, ob von da noch ein Hinweis kommt.« Im Flur drückte er mir hastig die Hand und eilte zu seiner Konferenz zurück. Konnte der Mann sich überhaupt nicht ruhig hinsetzen und nachdenken? Bei allen Begegnungen mit mir hatte er nicht einmal innegehalten, hetzte nur von Ort zu Ort, verfolgt von einem unentwegt klingelnden Handy und einem Berg Arbeit, der eher größer als kleiner wurde. Welchen Platz nahm der Mord vor meiner Tür in seinem Arbeitsberg ein? Lag er noch oben auf, oder war er, von neuen Verbrechen verdrängt, schon weit nach unten gerutscht? Langsam stieg ich die Treppen zum Eingang hinunter. Das Foyer war jetzt fast leer, die olivgrüne Truppe wie vom Erdboden verschluckt, auch die Cafeteria nur an wenigen Tischen besetzt. Von einem der Tische winkte Kuno zu mir herüber. Gemeinsam mit dem Grafen und dem Cowboy trank er dort Kaffee. Nach den ersten aufregenden Monaten in seiner neuen Heimat, wo Adela ihn zu allem und jedem mitgeschleppt und all ihren Freundinnen vorgeführt hatte, bemerkte Kuno, dass ihm zwei Dinge fehlten: seine Arbeit und Kontakt zu Männern. Nahe liegend, dass ihn sein Weg bald ins Polizeipräsidium führte, zumal dieses keine fünfzehn Minuten Fußmarsch von der Kasemattenstraße entfernt lag. Dort saß er seither regelmäßig, und nicht nur er. Auch der Graf und der Cowboy wurden von Heimweh nach ihrer alten Arbeitsstelle geplagt und verbrachten in der Cafeteria die späten Vormittags- oder die frühen Nachmittagsstunden. So hatten sich die Pensionisten kennen gelernt. An manchen Regentagen muteten sich die drei sogar das Polizeikantinenessen zu und blieben, bis die alten Kollegen Feierabend machten. Natürlich kam dabei der eine oder andere Weggefährte an ihren Tisch, ließ etwas Dampf über die Arbeit ab, berichtete über den Stand aktueller Ermittlungen. Sie hatten Zeit, sich alles anzuhören, alles zu debattieren. Sie kannten die alten Seilschaften, wussten, wer mit wem gut konnte und wer gegen wen intrigierte. Das Trio glaubte sich über den Stand der Kölner Verbrechensbekämpfung genauso gut informiert wie der Polizeipräsident. Auf einen kurzen Gruß ging ich an ihren Tisch. Schon half mir der Graf aus der Jacke, schob Kuno mir einen Stuhl zurecht, trabte der Cowboy zur Theke, um mir einen Kaffee zu holen. »Ich habe überhaupt keine Zeit«, wehrte ich ab. Kuno lächelte beruhigend, der Graf charmant, und der Cowboy fragte: »Milch und Zucker?« »Wissen Sie, Gnädigste«, begann der Graf, »wenn ich an den Kollegen Rieger denke, kann ich mich an meinem Pensionärsdasein erfreuen, denn in seiner Haut möchte ich nicht stecken. Der arme Mann kommt weder in der Soko Sprengstoff weiter noch bei dem Kannibalenmord. Für so einen ehrgeizigen, erfolgsgewohnten Kollegen keine schöne Situation.« »Komm schon, Graf, wir hätten auch bei der Aufgabe geflucht, kurz nach Aschermittwoch Karnevals-Kannibalen-Gruppen zu befragen. Da versinken die doch in Katzenjammer«, grummelte der Cowboy. »Ich hätt halt eine Anzeige in die Zeitung gesetzt: Welchem Kölner Kannibalen wurde Weiberfastnacht sein Kostüm geklaut?«, meldete sich Kuno zu Wort und schlürfte dabei lautstark einen Schluck Tee. »Gute Idee«, stimmte der Cowboy zu. »Der Tote kann genauso gut kein Mitglied einer Karnevalsgruppe gewesen sein. Und einer, dem sein Kostüm geklaut wurde, meldet sich schneller bei der Polizei, als die Befragung von zig Karnevalsgruppen dauert.« »Der Kannibale hatte übrigens einen merkwürdigen Text bei sich«, fiel mir ein, und ich kramte in meiner Handtasche nach dem fotokopierten Blatt, das Rieger mir gegeben hatte. »Vielleicht kann einer von euch damit etwas anfangen.« Ich legte es auf den Tisch, und Kuno und der Cowboy begannen sofort zu lesen. »Riegers Problem ist doch, dass er auf gute Ideen überhaupt nicht mehr kommen kann bei dem Stress, den er sich macht«, stichelte der Graf weiter. »Der fühlt sich doch mehr als Manager denn als Polizist, will seine Abteilung führen wie ein Wirtschaftsunternehmen, spektakuläre Festnahmen, medienwirksame Maßnahmen, hohe Erfolgsquoten in kürzester Zeit und so weiter. Wenn er die nicht hat, täuscht er blinden Aktionismus vor.« »Komm schon«, dämpfte ihn der Cowboy und unterbrach kurz das Lesen, »als wir so alt waren wie er, hatten wir nicht diesen Druck. Da wollten die Medien nicht schon beim Fund der Leiche wissen, wer der Täter ist.« »Zugegeben. Aber wir hätten uns auch durch so ein Kannibalenkostüm nicht täuschen lassen. Natürlich kann es ein Karneval-Eifersuchtsmord sein! In den verrückten Tagen ist alles möglich, dennoch toleriert nicht jeder Mann die promiskuitiven Ausschweifungen der Gattin. Aber wir wissen auch alle, was für eine heiße Gegend die Keupstraße, trotz aller Anstrengungen, noch immer ist, zudem der Böcklingpark mit der Drogenszene nicht weit weg liegt. Warum also sucht er nicht im Milieu nach dem Täter?« »Aber das tut er doch«, warf ich ein, setzte meine leere Kaffeetasse ab und griff nach meiner Jacke. »Angeblich soll ein Geldbote ermordet worden sein. Rieger hat mir Fotos von Kölner Mafia-Größen gezeigt. Er vermutet, dass die Geldübergabe in der Weißen Lilie stattfinden sollte oder stattgefunden hat.« Der Graf und der Cowboy blickten sich vielsagend an. »Hat er Ihnen auch diesen Mann gezeigt?«, fragte der Graf und zog ein Foto aus seiner Brieftasche. Der Mann mit den stechenden Augen und dem dunklen Schnäuzer kam mir bekannt vor. Das gleiche Foto hatte ich bei Rieger gesehen. Ich nickte und stand auf. »Wer ist das?« Der Graf blickte triumphierend, der Cowboy warnend und Kuno interessiert zwischen den beiden hin und her. »Mehmet Gürkan«, informierte mich der Graf. »Kontrolliert den Drogenhandel im Rechtsrheinischen und in weiten Teilen des Bergischen Landes.« »Ich habe ihn noch nie gesehen. Das habe ich auch Rieger gesagt«, erklärte ich den dreien und klopfte zum Abschied auf den Tisch. Ganz alte Schule erhoben sich die Herren und reichten mir einer nach dem anderen mit einer kleinen Verbeugung die Hand. »Wenn ebbes isch, hier kannscht du uns immer finden, gell«, rief Kuno mir im breitesten Schwäbisch...




