E-Book, Deutsch, Band 23, 200 Seiten
Reihe: Köln-Krimi
Glaser Leichenschmaus
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86358-322-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 23, 200 Seiten
Reihe: Köln-Krimi
ISBN: 978-3-86358-322-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Katharina Schweitzer hat einen Spitzenjob bei Hugo Spielmann, dem Star am deutschen Köche-Himmel. Anstatt aber ihre feine Spürnase ausschließlich zum Kochen zu benutzen, setzt sie sich auf die Spur eines Mörders. Doch kurz bevor sie den Täter entlarvt, macht sie einen verhängnisvollen Fehler.
Diese Köchin ist eine Wucht: schwergewichtig, eigensinnig und ungemein sympathisch. Mit Elan und Witz reißt sie die Leser mit in eine turbulente Geschichte, die man nicht mehr aus der Hand legen kann.
Autoren/Hrsg.
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Ich fuhr bis zum Heumarkt. Auf dem Weg zum Ochsen ging ich davon aus, die Brigade wie beim ersten Mord wieder im Restaurant versammelt zu finden. Doch als ich durch die Fenster nach drinnen sah, war niemand zu sehen. Nicht einmal Krüger wuselte zwischen den Tischen herum. Ich nahm den Hintereingang in die Küche. Keiner meiner Kollegen war an seinem Platz. Am Pass stand allein Spielmann. Vor ihm lagen ein schwerer Thunfisch und fünf Doraden. »Du weißt es schon«, sagte ich. Spielmann sagte nichts, er wetzte sein Ausbeinmesser, hackte dem Thunfisch den Kopf ab, schlitzte den Bauch auf, entnahm die Eingeweide und schnitt Filets. »Wo sind die anderen?« »Der Ochse bleibt heute geschlossen.« »Warum hast du sie nach Hause geschickt?« »Ich kann heute kein Geschwätz vertragen. Nimm die Doraden aus! Und setz die Köpfe und Gräten gleich für einen Fond auf.« »Ich kann jetzt keine Doraden ausnehmen. Mir wird schon schlecht, wenn ich dir zusehe! Genauso haben sie den General auseinander genommen!« »Fisch ist Fisch! Jetzt bloß keine Sentimentalitäten!« »Was hast du eigentlich vor?« »Ich will ein Ragout machen. Im Kühlraum stehen noch ein paar Jakobsmuscheln, die kannst du gleich holen, die nehmen wir noch dazu. Gestern hat mir Pfeffer-Brecht eine neue Anissaat mitgebracht, die möchte ich ausprobieren.« »Wer hat es dir gesagt?« Unter meinem Messer verloren die Doraden jetzt Köpfe und Schwänze. »Die Spurensicherung war hier und hat Niehausers Spind geleert. Sind die Doraden fertig?« »Dieser Fischer ist wieder zuständig. Grauenvoll! Der Mann ist maßlos überfordert. Er war schon bei Schwertfeger keine Leuchte. Du kannst von Glück sagen, dass du heute Mittag noch nicht da warst. Ich musste nämlich an deiner Stelle ins Leichenschauhaus.« »Katharina! Die Doraden, ein bisschen plötzlich!« »Verdammt noch mal, Hugo!« Ich klopfte mit meinem Messerknauf mehrmals auf das Brett. »Der General ist ermordet worden, und du hast nichts anderes als die blöden Doraden im Kopf.« »Ich arbeite!«, donnerte er und ließ sein Messer in den Messerblock zurückfahren. »Wenn du quatschen willst, kannst du gehen!« Ich hieb mein Messer mit Wucht ins Brett und ging. An der Tür holte Spielmann mich ein. »Katharina, bleib«, bat er. »Ich bin völlig durcheinander. Wenn ich zu Ende gekocht habe, geht es mir besser.« Es war wieder die Stimme vom Gleisdreieck und der Blick, den ich so liebte. Die Kombination war magisch, der konnte ich mich nicht widersetzen. Dann arbeiteten wir. Still. Spielmann briet seinen Fisch, und ich machte Zitronentörtchen. Ich knetete Eiswasserteig, teilte Eier, rieb Zitronenschale, rührte Brandteig, schlug Eischnee schaumig, presste Zitronensaft und merkte, dass ich ruhiger wurde. Jetzt verstand ich Spielmann. Durch das Arbeiten kam der Boden unter den Füßen zurück. Auch Spielmann war völlig auf sich konzentriert. Wenn er mit seiner langen Nase den Fischfonddunst schnupperte und seinen Probierlöffel in die Sauce tauchte, dann glitt ein fast verklärtes Lächeln über sein Gesicht, und aus den Tiefen seines Bauches stieg ein genüssliches Brummeln. Die Zitronentörtchen schob ich in den Ofen, die feine Gänseleber garnierte ich mit milchsauer eingelegten Kürbisspaghettis, und dann bat Spielmann mich, den Tisch zu decken. »Nimm Nummer Acht, den am großen Fenster, du weißt schon. Ich habe so selten Gelegenheit am besten Tisch meines Hauses zu sitzen. – Und Katharina: Deck für drei!« Ich ahnte, wen Spielmann erwartete, aber sein Gast ließ auf sich warten. So tafelte ich mit Spielmann in einem völlig leeren Resto. Er öffnete eine Flasche Château Grillet, einen Wein, für den er ein kleines Vermögen bezahlt hatte. Er schnupperte am Flaschenhals und ließ seinen Blick stolz durch das Restaurant schweifen. »Biertische und Brauereistühle standen hier drinnen, als ich das Restaurant vor zwanzig Jahren von meinem Onkel übernommen habe. Es war eine dieser üblichen Altstadt-Touristen-Schänken«, Spielmann steckte seine große Nase ins Weißweinglas, und ein verklärtes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Der ist großartig! Ein Gedicht! – Die erste Zeit war hart. Ich legte weiße Tischdecken auf die Biertische, und plötzlich kam überhaupt keiner mehr. Aber bald sprach es sich in Köln herum, dass ich gut kochte. Damals hatte man als guter Koch auch noch viel weniger Konkurrenz. Ja und dann kam der erste Michelinstern …« Nicht, dass Spielmann mir diese Geschichte zum ersten Mal erzählte! Er redete, um sich zu beruhigen. Draußen begann es jetzt zu dämmern. Ein leichter Sommerwind fuhr durch die zarten Gardinen und brachte etwas Kühlung in den erhitzten Raum. »Die alten Stiche habe ich bei einem holländischen Antiquar in Amsterdam entdeckt, und die Damastdecken sind aus einem Mailänder Stoffgeschäft. Die Signora hat mir geschworen, dass sie mir die nächsten dreißig Jahre jederzeit die gleichen Decken und Servietten liefern kann.« Spielmann zündete die Kerzen an. Nicht nur die auf unserem Tisch, sondern auch die auf allen anderen. Silber und Gläser blitzten, der goldene Ochse auf der Mahagonianrichte funkelte im Schein des sanften Lichts. Die Grünpflanzen warfen bizarre Schatten. Die Situation war völlig unwirklich. So als wäre nicht geschehen, was geschehen war. Wir aßen den vorzüglichen Fisch, tranken dazu den Grillet, und Spielmann redete und redete. Als wir die Zitronentörtchen aßen, kam Fischer. Spielmann ging ihm mit offenen Armen entgegen. »Herr Kommissar, ich habe Sie erwartet, bitte setzen Sie sich. Da wir nicht wussten, wann Sie kommen würden, haben wir schon ohne Sie gegessen. Darf ich Ihnen die Vorspeise servieren? – Eine Scheibe Gänseleberpastete von Fouchon. Exquisit, Sie werden begeistert sein.« »Danke«, Fischer schmiss seinen Ledermantel achtlos auf einen der Stühle, »aber ich esse kein Fleisch.« Er sah sich um. »Was ist das hier? Ein Candle-Light-Dinner?« »Dann das Fischragout? Thunfisch, Dorade, Jakobsmuscheln, abgerundet mit einem ganz klitzekleinen Touch Nordafrika aus Anis und Safran.« »Ich esse auch keinen Fisch.« »Oh!« Spielmann war nicht daran gewöhnt, dass man seine Gerichte nicht aß. »Dann vielleicht etwas Süßes? Frau Schweitzer hat frische Zitronentörtchen gebacken. Knusprig und säuerlich, cremig und leicht.« »Also, gut«, Fischer zog seinen Tabak aus der Hose, »wenn ich dazu einen Kaffee kriege, nehme ich eins von den Dingern.« »Möchten Sie einen Milchkaffee, einen Cappuccino, einen Espresso oder eine Wiener Melange?« »Völlig egal, nur ohne Milch.« Ich servierte Fischer ein Zitronentörtchen, und Spielmann warf die Espressomaschine am Getränketresen an. Er brachte eine große Tasse für Fischer und zwei kleine für uns und stellte die Silberdose mit den sechs verschiedenen Zuckersorten auf den Tisch. Fischer griff blind in die Dose und schüttete sich drei Tütchen Zucker in den Kaffee. Er schlürfte einen großen Schluck Kaffee, biss achtlos in eins meiner Zitronentörtchen und legte los. Er forderte die aktuelle Adressenliste aller Mitarbeiter, Niehausers Personalunterlagen und fragte nach dem Alibi von Spielmann. »Ich bin letzte Nacht mit dem Intercity um null Uhr achtundfünfzig nach München abgefahren, um meinen Bruder zu besuchen. Frau Schweitzer hat mich zum Bahnhof gebracht.« Fischer grinste uns beide breit an: »Das ist bestimmt praktisch, dass Ihre Köchin auch Ihre Herzdame ist.« »Also, wirklich!«, empörte sich Spielmann. »Ich glaube nicht, dass Sie das irgendetwas angeht!« »Da irren Sie sich. Bei einem Mordfall ist nichts mehr privat. – Frau Schweitzer hat mir übrigens schon gesagt, dass Sie mit ihr ins Bett gehen.« »Ich muss Sie aber bitten, Herr Kommissar«, beharrte Spielmann nach einem bösen Blick auf mich, »die Angelegenheit diskret zu behandeln. Meine Angestellten wissen nichts davon, und das soll auch so bleiben!« »Da bin ich mir nicht sicher, Hugo«, klärte ich ihn auf. Spielmann war einen Moment lang sprachlos. Fischer grinste. »An dem Punkt können Sie später weitermachen, Herrschaften. Ich will jetzt wissen, wie Niehauser zu Ihnen oder Sie zu Niehauser gekommen sind, Herr Spielmann.« »Er wurde mir von meinem Freund Hans Stucki aus Basel empfohlen. Ich kannte ihn aber schon aus München. Vor fünfundzwanzig Jahren haben wir beide bei Witzigmann gearbeitet. Ich war damals Chef de partie und Niehauser war einer meiner Lehrlinge. Niehauser hat danach auch weiterhin nur in den besten Häusern gearbeitet. Er war bei Wondratz in Lehel, bei Schubeck in Waging, bei Finkbeiner in Baiersbronn. Aber das sagt Ihnen wahrscheinlich nichts.« »Nein!« Fischer krümelte sich eine seiner Zigaretten zurecht. »Als ich vor zwei Jahren einen neuen Küchenchef suchte, hat Stucki mir erzählt, dass Niehauser sich verändern will. So sind wir miteinander ins Geschäft gekommen.« »Niehauser hat Ihnen dann hier den Laden geschmissen?« »Er war, wie seine Position schon sagt, Chef der Küche. Das heißt, er war Tag für Tag dafür verantwortlich, dass meine Gerichte auf höchstem Niveau in perfekter Zubereitung pünktlich hergestellt wurden und dies bei einem fast immer ausgebuchten Restaurant. Er musste das Zusammenspiel der Köche untereinander und das zwischen Küche und Service koordinieren. – Er war darin sehr gut. Ich war sehr zufrieden mit ihm.« »Wo gab’s Konflikte?« »Nun, er war ein sehr ruhiger und kühler Mensch. Sieht man von dem ermordeten Schwertfeger ab, könnte ich Ihnen nicht sagen, was ihn aus der Fassung gebracht...




