E-Book, Deutsch, Band 2, 200 Seiten
Reihe: Katharina Schweitzer
Glaser Kirschtote
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86358-654-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2, 200 Seiten
Reihe: Katharina Schweitzer
ISBN: 978-3-86358-654-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brigitte Glaser, geboren 1955 in Offenburg, wuchs im Badischen auf. Sie studierte in Freiburg Pädagogik und wechselte danach nach Köln, wo sie heute lebt. Sie arbeitet schwerpunktmäßig im Medienbereich. Seit 2001 erscheint ihre Krimiserie 'Tatort Veedel' im Kölner Stadt-Anzeiger.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
FK räumte Hörkassetten, Playmobil-Indianer und Bonbonpapierchen vom Beifahrersitz. Er warf das Zeugs einfach auf die Rückbank, wo sich zwischen zwei Kindersitzen weiteres Spielzeug und noch mehr Müll türmte.
»Ich muss noch auf die ›Schwend‹. Ich hab meiner Frau versprochen, dass ich frische Forellen mitbringe«, sagte er, wurstelte seine Zeitung aus der Jackentasche und schleuderte sie zu dem Müllberg nach hinten. »Zudem habe ich hoch und heilig geschworen, heute Abend pünktlich zu Hause zu sein!«
»Und? Wirst du es schaffen?«
Ich quetschte meinen großen, schweren Körper auf den Beifahrersitz.
»Ich muss noch siebzigtausend Anschläge in den Computer hauen. Seit ich diese Skihalle und den Mord von Hils am Hals habe, kriege ich immer Platz für lange Artikel. Ich schreibe mir die Finger wund.«
Seufzend startete er den Wagen.
»Jetzt mal ehrlich FK, und ohne die Ausgewogenheit für dein Käseblatt: Was hatte die komplette Ortenauer Politprominenz auf Konrads Beerdigung zu suchen?«
»Ich weiß es nicht«, seufzte er erneut.
Der Auspuff seiner Familienschleuder machte einen Lärm wie meiner, kurz bevor er abgefallen war.
»Dann spekulier mal ein bisschen.«
FKs Trägheit konnte einem wirklich auf den Wecker gehen.
»Sollen wir nicht tauschen? Ich koche für dich in der Linde, und du schreibst meine Artikel?«
»Also, wirklich, FK!«
Jetzt war es an mir, zu seufzen.
»Na gut. Ich weiß nicht, wie viel du über diese Skihallen-Geschichte weißt. Denn damit hängt das zusammen. Dieses Projekt spaltet die Bevölkerung, quer durch alle Schichten, quer durch alle Vereine, quer durch die politischen Parteien. Natürlich sieht man ganz klar, dass man im einundzwanzigsten Jahrhundert neue Wege finden muss, um Touristen in den Schwarzwald zu locken. Andererseits geht es um den Umgang mit Natur und natürlichen Ressourcen. Seit der Orkan ›Lothar‹ hier zig Quadratkilometer Land vernichtet hat, die du als Narben überall sehen kannst, egal welches Tal du den Schwarzwald hochfährst, seit man also die Zerstörung von Natur Tag für Tag vor Augen hat, gibt es in diesem Bereich eine erhöhte Sensibilität.«
»Du musst nicht bei Adam und Eva anfangen!«
»Entweder lässt du mich jetzt so erzählen, wie ich will, oder ich sag gar nichts mehr!«, knurrte FK bockig und hielt den Mund.
Wir waren schon in Kappelrodeck angelangt, und FK trieb seine Karre zum »Zuckerberg« hoch. Dort hatte sich irgendein Reicher im Neunzehnten ein Schlösschen in Buntsandstein bauen lassen, heute ein beliebter Ort, um Hochzeiten zu feiern.
»Jetzt mach schon weiter, FK!«
»Auf der politischen Schiene hat sich die Gruppe durchgesetzt, die die wirtschaftlichen Aspekte im Vordergrund sieht. Aber äußerst knapp. So eine Entscheidung ist bei uns sehr ungewöhnlich. Eigentlich sucht man immer den Konsens, aber in dieser Sache sind die Fronten so hart, dass bisher alle Kompromissversuche gescheitert sind. Es gab zum Beispiel den Vorschlag, die Halle in der Rheinebene, in der Nähe einer Autobahnausfahrt anzusiedeln. Rust böte sich an. Da gibt’s schon die riesige Kunstlandschaft des Europa-Parks, da würde so eine große Skihalle nicht weiter auffallen. Angeblich wollen das die Investoren nicht. Und Morgentaler will das natürlich auch nicht. Wenn Hils der Frontmann der Hallengegner war, so ist Morgentaler der für die Befürworter. Er hat sich so in das Projekt verrannt, dass jetzt sein politisches Überleben davon abhängt. Aber er weiß genau, wie knapp sein Sieg in der Regionalkonferenz war und dass er jeden weiteren Schritt vorsichtig planen muss.«
FKs Wagen holperte über einen schmalen Kiesweg, und der Auspuff lärmte immer beängstigender. Die Weinberge lagen schon unter uns. Viehweiden erstreckten sich rechts und links, durch die sich der Fautenbach schlängelte, der hier oben auf der Schwend entsprang.
FK ignorierte die Geräusche seines Wagens und fuhr fort: »Und in dieser Situation wird jetzt Konrad Hils ermordet, die Galionsfigur der Hallengegner.«
»Ist doch klar, dass die Leute so Typen wie Morgentaler verdächtigen«, meinte ich.
»Genau. Der Gedanke kommt zumindest jedem. Und deshalb musste Morgentaler auf die Beerdigung. Er musste zeigen, dass er den Tod seines Gegners bedauert, dass er damit nichts zu tut hat, und er musste zeigen, dass er nicht allein steht. Deshalb das Gefolge aus den anderen Bürgermeistern und Ortsvorstehern der Region. Ich vermute, dafür hat er lange telefoniert und mehr als eine Versprechung gemacht. Eine Hand wäscht die andere, so läuft das doch in der Politik. Sonst wären die nicht so zahlreich erschienen.«
»Und der Landrat?«
»Den hat der Morgentaler nicht lange überreden müssen! Die zwei sind schon ewig per du, alte Jagdkameraden. Außerdem kenn ich wirklich keinen, der so mediengeil ist wie der Apfelbök. Der riecht eine Kamera, ein Mikro oder einen Bleistift zehn Meter gegen den Wind, setzt dann sein Strahle-Lächeln auf und schwadroniert ohne Punkt und Komma. Bei dem Medienaufgebot auf Konrads Beerdigung wär der sowieso gekommen.«
Neben dem Bach lösten jetzt zwei breite Forellenteiche die Wiesen ab. Vor einem verwahrlosten Bauernhof auf der Bergseite bellte ein angeketteter Hund.
»So wie du das schilderst, passt der Mord gar nicht in das Konzept der Hallenbefürworter.«
»Das ist doch das Verrückte! Die haben schwer an dem Image zu knacken, dass sie nur dem Geld hinterherrennen, und jetzt kommt noch hinzu, dass sie über Leichen gehen. Das ramponiert das Ansehen derart, dass sie die Halle bald vergessen können.«
FK redete sich richtig in Rage. Seine Augen, die ganz oft einen unbestimmten, uninteressierten Eindruck machten, blitzten hell und wach.
»Du würdest ausschließen, dass Morgentaler etwas mit dem Mord an Konrad zu tun hat?«, fragte ich.
»Das Einzige, was ich ausschließe, ist ein Mord aus politischem Kalkül. Nach dem Motto: Man räumt einen Gegner aus dem Feld und kommt dadurch schneller zum Ziel. Morde sind oft irrationale Taten. In Extremsituationen ist wahrscheinlich jeder des Mordes fähig. Also kann man Morgentaler nicht von der Liste der Verdächtigen streichen.«
Das leuchtete ein.
»Noch mal zur Beerdigung: Was treibt so Typen wie Bohnert oder Armbruster dorthin?«
FK lenkte seine Schrottkarre auf einen großen, mit Betonsteinen gepflasterten Innenhof eines Bauernhauses.
»Konrad ist in Armbrusters Steinbruch ermordet worden, und Bohnert kauft hier fast allen Bauern ihren Schnaps ab. Also ist die Beerdigung für beide ein gesellschaftliches Muss.«
»Wie stehen die zwei denn zu der Skihalle?«
FK stieg aus und bedeutete mir, ihm zu folgen.
»Keinen der beiden habe ich je auf einer Veranstaltung für oder gegen die Halle gesehen. Als Unternehmer sind sie nicht von der Halle abhängig, aber natürlich an allem interessiert, was dem wirtschaftlichen Aufschwung der Region dient. Sind übrigens beide auch Jäger.«
FK winkte der Bäuerin zu, die ihm aus dem Haus mit einer Tüte entgegenkam.
»Ich hab se grad usgnumme! Vorär halb’ Schtund sin die noch im Fautebächel gschwumme!«
Stolz öffnete sie die Tüte und zeigte fünf prächtige Forellen. Forellen, aufgezogen im Quellwasser des Fautenbach. Das musste unbedingt auf die Speisekarte der Linde!
»Habt ihr auch geräucherte?«, fragte ich die Bäuerin.
»Ganz feine. Mir räuchere nur mit Tanneholz.«
Ich erkundigte mich nach Preisen und Lieferbedingungen und nahm mir vier geräucherte Forellen zum Probieren mit. Sie rochen so gut, dass ich bereits im Auto anfing, die erste zu essen. Der Fisch war zart, nicht zu fett, nicht zu mager und roch ganz sanft nach Tannennadeln.
»In Köln muss man in einer Karnevalsgesellschaft sein, wenn man was werden will.– Und hier Jäger«, knüpfte ich an unser Gespräch an und leckte mir das Fett von den Fingern.
»Du kannst hier nicht neben mir diesen feinen Fisch futtern, ohne mir was abzugeben«, beschwerte sich FK.
Ich zupfte ein Stück von dem Filet ab und schob es ihm in den Mund.
»Jäger. Morgentaler, Apfelbök, Armbruster, Bohnert, alle gehen auf die Jagd«, wiederholte ich.
»Bohnert hat eine große Jagd im Markwald. Dahin lädt er gerne ein. Und nach der Jagd vergnügen sich die Herren auf der Tiroler Hütte«, schmatzte FK. »Ich wette mit dir, dass viele wichtige politische Entscheidungen in dieser Hütte gefällt werden!«
»Und im Anschluss gehen die Herren dann auf einen Schlummertrunk zu Maxi van der Camp in den Breitenbrunnen«, fiel mir das Gespräch zwischen Maxi und Morgentaler wieder ein. Dann suchte ich in meiner Handtasche nach einem Taschentuch, um mir das Fett von den Fingern zu wischen.
»Genau. Die Dame jagt zwar nicht, mischt aber überall mit.– Dennoch, in der Tiroler Hütte, da würde ich zu gerne einmal Mäuschen spielen!«
»Und warum tust du es nicht?«, fragte ich und schob ihm das letzte Stück Fisch in den Mund.
»Ach je«, seufzte er. »Erstens weiß ich nie, wann die Herrschaften zur Jagd gehen. Zweitens bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich wissen will, was da verhackstückt wird.– Das ist wie mit dieser Skihalle. Ich ahne, dass da eine ziemliche Schweinerei im Gang ist, und ich fürchte, dass Konrads Tod damit zusammenhängt. Nur, ich will nicht derjenige sein, der das aufdeckt.«
»Du bist ein feiger Hund, FK.«
Der Glanz verschwand aus seinen...




