E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Glaser Kaiserstuhl
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8437-2741-9
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-8437-2741-9
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Brigitte Glaser lebt seit über 30 Jahren in Köln. Bevor sie zum Schreiben kam, hat die studierte Sozialpädagogin in der Jugendarbeit und im Medienbereich gearbeitet. Heute schreibt sie Bücher für Jugendliche und Krimis für Erwachsene, u. a. ihre erfolgreiche Krimiserie um die Köchin Katharina Schweitzer. Mit Bühlerhöhe gelang ihr der Durchbruch.
Autoren/Hrsg.
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Als das Wünschen noch geholfen hat …
Freiburg
Charles Debray hatte am Vortag abgesagt und kam nun zu spät, deutsche Pünktlichkeit lag den Franzosen halt nicht. Hennys vorwurfsvollen Blick auf die Uhr machte er mit Charme wett: , Handkuss und Komplimente, Madame hier und Madame da, alles leicht und luftig. Trotz ihrer einundvierzig Jahre kicherte sie wie ein Backfisch. Der alte Zängerle, den sie vor zwei Jahren als Verkäufer angestellt hatte, staunte Bauklötze. »Ja, Herr Zängerle, was den Umgang mit Frauen angeht, können sich die deutschen Männer bei den Franzosen eine Scheibe abschneiden«, lachte sie, beendete dann aber schnell die Honneurs, um zum Geschäft zu kommen.
Debray radebrechte deutsch, Henny ölte ihr Schulfranzösisch, irgendwie verstand man sich. Henny, die guten Verkaufszahlen des letzten Jahres im Kopf, orderte großzügig Champagner nach. Das Wirtschaftswunder sorgte für immensen Aufschwung: Otto Normalverbraucher konnte sich ein Eigenheim, einen Fernseher und ein Auto leisten, in besseren Kreisen gehörte Champagner wieder zum guten Ton.
»Der Professor Künzle hat neulich nach einem Bollinger gefragt«, warf Zängerle ein. »Und die Frau Drescher will unbedingt einen Taittinger-Champagner.«
Auch Bollinger und Taittinger könne er besorgen, bot Debray an.
Henny erkundigte sich nach der kleinsten Menge und dem Preis und orderte auch Taittinger und Bollinger. »Wer weiß! Vielleicht kommen wir in den nächsten Jahren auf die fünfzehn Champagnersorten, die mein Vater in den Zwischenkriegsjahren im Sortiment hatte«, prophezeite sie übermütig.
»Fünfzehn verschiedene?«, echote Debray höflich.
Henny nickte. »Ich kann sie Ihnen heute noch aufzählen!«
, widersprach er.
, hielt sie dagegen und legte los.
»Vossinger? Ihr Vater hatte Vossinger im Sortiment?« Debray war nun regelrecht elektrisiert.
Henny ohrfeigte sich innerlich, weil sie sich von einem kindlichen Stolz hatte hinreißen lassen, alle Champagner-Häuser aufzuzählen. Wieso hatte sie Vossinger nicht weggelassen?
»Vossinger stellt nur eine kleine Menge hervorragenden Champagners her und vertreibt diesen über wenige, exquisite Adressen. , es wundert mich, dass Vossinger in den Zwischenkriegsjahren an einen kleinen deutschen Weinhändler geliefert hat«, erklärte Debray. »Oder etwa während des Krieges? Das wäre etwas anderes.«
»Mein Vater und Georges Vossinger kannten sich«, erwiderte Henny schnell. »Vor dem Ersten Weltkrieg hat mein Vater ein Jahr bei Vossinger gearbeitet. Georges und er haben sich angefreundet.«
» Dann wissen Sie sicherlich, wie schwer gerade das Haus Vossinger im Zweiten Krieg von der deutschen Besatzung betroffen war?«
Henny machte eine undeutliche Kopfbewegung. Bloß nicht darüber reden müssen. Bloß nicht.
»Euer Reichsmarschall Göring war ein gefräßiges Ungeheuer. Ein gefräßiges Ungeheuer mit einem exquisiten Geschmack.«
Bildete sie es sich nur ein, oder klang Debrays Stimme plötzlich eisiger? Musterte er sie nicht kühler, ja regelrecht feindselig? Mit einem Schlag kamen ihr Debrays Honneurs von vorhin nur wie ein dünner Firnis aus Höflichkeit vor.
»Alle Nazis waren gierig, aber keiner war so gierig wie Göring. Kannten Sie seinen Statthalter in der Champagne? Den Weinhändler Friedrich Rohl?«
Die Ladenklingel ersparte ihr die Antwort: »Das ist bestimmt Elfie, die ihren Schlüssel vergessen hat«, sagte sie, als Zängerle aufstehen wollte. »Ich geh schnell.«
Natürlich war es nicht Elfie. Die war im Theater und präparierte die Requisiten für die Abendvorstellungen. Der unbekannte Kunde wollte zwei Flaschen Merdinger Bühl. Henny ließ sich Zeit, um den Wein in Seidenpapier einzuwickeln, sie musste sich sammeln.
Es erleichterte sie bei ihrer Rückkehr, dass Debray bereits in Hut und Mantel dastand. Zängerle reichte ihr die Bestellliste zum Unterzeichnen. Debray gab ihr einen Kugelschreiber.
»Dann kennen Sie bestimmt auch Yves, den Sohn von Georges Vossinger«, knüpfte er an ihr Gespräch an. »Vor einigen Jahren hat er den Betrieb seines Vaters übernommen. Er macht einen genauso guten Champagner wie der Alte.«
Henny war, als hätte er ihr einen Schlag in die Kniekehlen verpasst. Sie musste sich am Tisch festhalten, um nicht umzuknicken.
»Alles in Ordnung?«, fragte Zängerle besorgt, Debrays Gesicht konnte sie nicht lesen.
»Der Kreislauf.« Ihr gelang ein Lächeln. »Manchmal spielt er mir einen Streich.«
Irgendwo
»Wer bist du, Fremder?«, fragte die Frau, die neben Paul Duringer auf der Bettkante saß und mit ihrem Finger ein Fragezeichen auf seinen nackten Rücken zeichnete.
»Das willst du gar nicht wissen«, antwortete er, drehte sich um und setzte sich auf. Er hasste Fragen am Morgen danach. Während er ihr kurz übers Haar strich, fiel ihm ihr Name nicht mehr ein. Marie? Maria? Marie-Luise?
»Wo bist du zu Hause?«
Er lächelte schief und suchte neben dem Bett nach seinen Anziehsachen.
»Hältst nicht viel von Bindung, was?« Sie reichte ihm einen Socken.
»Eine große Illusion! Jeder ist allein, jeder bleibt allein, jeder stirbt allein.«
»Oh, da muss einer aber mal schwer enttäuscht worden sein.« Sie erhob sich und schlüpfte in einen Morgenmantel, der mit großen, fleischigen Blüten bedruckt war.
Das ging die Frau nichts an. »Ich muss weiter«, sagte er und stopfte das Hemd in die Hose. »Ich bin heute mit einem alten Kameraden verabredet.«
»Alte Kameraden reden immer vom Krieg. Immer noch geht es um den Krieg. Ich hasse den Krieg.«
»Ja«, bestätigte Paul. »Er verfolgt uns, wir werden ihn nicht los, obwohl er schon fast zwanzig Jahre vorbei ist. Er hat uns verdorben. Auch wenn man es äußerlich nicht bei allen sieht: Viele von uns haben etwas abgekriegt, wie die Opfer einer Explosion.« Er schlüpfte in seine Jacke, sie brachte ihn zur Tür.
Er küsste sie zum Abschied. »Danke«, sagte er.
»Lang wirst du dieses Leben nicht mehr führen können, Fremder.« Sie strich ihm mit den Fingern durch die grauen Haare. »Du wirst alt, und mit alten Männern geht keine mehr umsonst ins Bett.«
Er griff nach dem Hut an der Garderobe neben der Tür.
»Kein Mensch glaubt, dass er alt wird. Er weiß es, aber er glaubt es nicht.«
»So ist es wohl.« Er setzte den Hut auf, wünschte ihr alles Gute und eilte dann die Treppe hinunter. Erst als die Haustür hinter ihm zuschlug, atmete er auf.
In der Kneipe, in der er gestern Abend gestrandet war, hörte er Freddy »Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong …« singen, das Lieblingslied von Marie-Luise. Ja, sie hieß Marie-Luise, sie bediente dort. Er war der letzte Gast gewesen, sie hatte ihn mitgenommen. So einfach ging das. Er war gut darin, den Frauen ein bisschen Nähe zu geben. Ein bisschen, mehr nicht. Nur den kleinen Finger, niemals die ganze Hand.
Es war nicht weit bis zum Bahnhof. Paul kaufte sich eine Fahrkarte nach Bonn. Der nächste Zug fuhr in zwanzig Minuten.
Bonn
Zeit, das wusste Paul, war keine gleichbleibende Maßeinheit. Es gab Jahre, die mit ihrem Gewicht andere auf ein Nebengleis schoben; Jahre, die bis ins Detail grell erleuchtet blieben, während andere im Nebel des täglichen Einerleis versanken. Die Jahre, die sich ihm eingebrannt hatten, waren die zwischen 1940 und 1948, und fast fünf davon hatte er mit Colonel Bruno Fels verbracht.
Sie waren in Bonn verabredet, der Colonel hatte den als Treffpunkt vorgeschlagen. Ihre letzte Begegnung lag bereits ein paar Monate zurück. Sie bewegten sich schon lange in verschiedenen Welten, führten sehr unterschiedliche Leben, zudem trennten sie achtzehn Jahre Altersunterschied. Ihrer tiefen Verbundenheit tat dies keinen Abbruch. Der Krieg hatte sie, zwei Elsässer in der Panzerdivision von Général Leclerc, zusammengeschweißt. Sie waren sich nah wie Brüder. Wenn der eine rief, kam der andere. Das war einfach so. Und diesmal hatte der Colonel ihn gerufen.
Bruno Fels wartete auf der Terrasse des Hotels. Er saß in der Sonne und blickte auf den Rhein. , Habicht hatten sie ihn wegen seiner Hakennase genannt. Sie bestimmte immer noch sein Gesicht, war aber nun von vielen Falten umgeben. Er war ein 1900er, zweiundsechzig Lenze zählte er inzwischen. Er trug Zivil, konnte aber den Militär nicht verbergen. Seine hagere Gestalt steckte in einem leichten Sommeranzug, doch sein Körper strahlte immer noch die Wachsamkeit eines Kämpfers aus. Dass die linke Hand und der Unterarm nicht echt waren, merkte man erst, wenn man ihm gegenüberstand.
Er deutete einen militärischen Gruß an.
, winkte der Habicht ab und erhob sich zur Begrüßung. Sie reichten sich die Hand, und der...




