E-Book, Deutsch, Band 20, 220 Seiten
Reihe: Der Badische Krimi
Glaser Bienen-Stich
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86358-653-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 20, 220 Seiten
Reihe: Der Badische Krimi
ISBN: 978-3-86358-653-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nach dem plötzlichen Tod ihrer Patentante Rosa erbt Katharina deren Haus und Hof. Bald mehren sich ihre Zweifel an dem angeblich natürlichen Tod der alten Frau. Wer ist in ihr Haus eingebrochen? Warum hat Rosa sich geweigert, ihre Felder als Bauland zu verkaufen? Wohin sind ihre Bienenstämme verschwunden? Oder hat Rosas Tod etwas mit ihrer Rolle in der Mais-Guerilla zu tun, die gegen den Einsatz von tödlichen Insektiziden kämpft? Um die Rätsel zu lösen, muss Katharina tief in Rosas Geschichte eintauchen und damit auch in ihre eigene Vergangenheit.
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EINS Neun kopflose Hühner torkeln wild durcheinander und spritzen mit ihrem Blut zackige Muster auf den grauen Kachelboden. Mit dem Beil in der Hand jage ich das zehnte Huhn durch die blutverschmierte Küche. Coq au vin steht auf dem Speiseplan, im Restaurant poltern die hungrigen Gäste. Das zehnte Huhn gackert nervös und entwischt mir mit wildem Flügelschlagen jedes Mal, wenn ich es am Hals packen will. Aber ich kann erst anfangen zu kochen, wenn ich auch das letzte Huhn geköpft und dann alle gerupft und ausgenommen habe. Das Telefon riss mich aus diesem Hühnerblutbad. Ein jobbedingter Alptraum. Köche träumen gern so einen Scheiß. »Ja?«, raunzte ich in den Hörer. »Kannst wenigstens Guten Morgen sagen!« Auch heute noch, fünfundzwanzig Jahre nachdem ich ausgezogen war, konnte es Martha nicht lassen, mich im Kasernenton in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett zu klingeln. Meist nutzte meine Mutter meinen schlaftrunkenen Zustand, um mir Vorwürfe zu machen. Nie würde ich mich melden, die eigenen Eltern wären mir egal, immer vergäße ich Familienfeste. »Mama«, stöhnte ich und versuchte die kopflosen Hühner zu verscheuchen. »Was willst du diesmal?« »Tante Rosa ist tot.« Die Hühner verschwanden sofort, stattdessen klumpte sich mein Magen zu einem harten, schmerzenden Etwas zusammen. »Die Beerdigung ist am Freitag«, hörte ich Martha sagen, »’s wär besser, du kommst heut schon. Auch wegen dem Testament.« Der Klumpen in meinem Magen zog sich fester zusammen. Ich ließ mich an der Wand auf dem Fußboden nieder, zog die Knie eng an den Körper, in der Hoffnung, dass es dann nicht so weh tat. »Katharina? Du kommst doch?« »Ja«, murmelte ich und legte auf. Eine frühe Bahn rumpelte über den Gotenring, der Dackel aus der Wohnung über uns kläffte, auf der Kasemattenstraße startete ein Auto. Die Stadt erwachte. Ohne mich. Ich war nicht da. Von dem geträumten Hühnergemetzel wanderten meine Gedanken zu Rosas Schlachtfesten. Anfang der siebziger Jahre schlachtete kaum ein Bauer mehr zu Hause, alle brachten ihre Schweine oder Kälber direkt zum Metzger, holten sich dort die fertige Wurst und das portionierte Fleisch für die Gefriertruhe ab. Nicht so Rosa. Ein kriegsversehrter, einbeiniger Fleischer aus dem Hanauerland tötete und zerlegte das Schwein für sie. Ich muss acht oder neun Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten Mal dabei war. Sie zwang mich zuzusehen, wie der Einbeinige das Schwein erschoss. »Es hat Angst vor dem Tod, wie jede Kreatur«, sagte sie, als der Fleischer der quietschenden Sau den Bolzen an die Stirn drückte. »Schau ihr in die Augen«, befahl sie. »Sie stirbt, damit wir in den nächsten Monaten gut zu essen haben. – Fressen und gefressen werden, so geht es zu auf unserer Welt!« Geschockt nahm ich die plötzliche Stille im Hof wahr, nachdem der Schlachter die Sau von ihrer Angst erlöst hatte. Ich wartete nicht, bis er das tote Tier mit heißem Wasser überbrühte und ihm mit Ketten die Borsten abrieb. Ich stolperte zu meinem Fahrrad, schwang mich auf den Sattel und raste am Bach entlang die Talstraße hinunter, immer schneller und schneller, bis mir der Wind um die Ohren pfiff. Ich wollte Rosa nie wieder besuchen. Ich hasste sie, weil sie so brutal, direkt und ohne viel Federlesen war. Immer noch zusammengekrümmt wie ein Embryo schreckte ich auf, als mich jemand an der Schulter berührte. »Kathi!«, murmelte Ecki. »Hast schlecht geträumt?« »Rosa ist tot«, sagte ich. »Rosa?«, fragte Ecki. Nicht mal Ecki hatte ich von Rosa erzählt! Wie hatte ich Rosa nur für so lange Zeit vergessen können? »Sie war meine Patentante.« »Vielleicht erbst was!«, rief er, während er im Bad nach Papiertaschentüchern für mich suchte. »Ein bissl Extrageld könnt dich und die Weiße Lilie über das nächste halbe Jahr retten. – Hat’s überhaupt was zum Vererben?« »Ich hab mich bestimmt zehn Jahre nicht bei ihr gemeldet«, schniefte ich. Ecki rupfte ein Taschentuch aus der Plastikpackung und drückte es mir in die Hand. »Vor zehn Jahren haben wir zwei uns kennengelernt«, sagte er. Und sofort fiel mir ein, wann ich Rosa zum letzten Mal gesehen hatte. Die Silberhochzeit meiner Eltern, großes Familienfest, ich, frisch verliebt, zum ersten Mal mit Ecki in Fautenbach. Während er reihenweise meine Tanten und Kusinen mit seinem Wiener Charme einwickelte, nahm Rosa mich zur Seite und sagte: »Der ist ein Hallodri! Lass die Finger davon, bevor’s richtig wehtut.« Ich stellte ihr Ecki an dem Abend nicht vor und erzählte Ecki nicht, was sie über ihn gesagt hatte, erzählte ihm eigentlich überhaupt nichts über sie. Den Satz mit dem Hallodri hatte ich ihr übel genommen, wie so vieles. Dabei hatte sie recht gehabt, wie bei so vielem. Ein paar Stunden später fegte ich über die Frankfurter Autobahn in Richtung Süden. Während hinter dem Siebengebirge die Sonne unterging, sang Billie Holiday »Travelin’ Light«, eines von Rosas Lieblingsstücken. Das Stück hatte sie, genau wie die Musik von Glenn Miller, aus Amerika mitgebracht, als sie Ende der vierziger Jahre mit Karl nach Fautenbach kam. Die zwei hatten sich in New York kennengelernt, Rosa hatte dort als Köchin, Karl als »Tschoffr«, wie Rosa es in ihrem harten, alemannisch gefärbten Englisch ausdrückte, gearbeitet. Es brauchte zwei Jahre Englischunterricht, bis ich kapierte, dass »Tschoffr« nichts anderes als Chauffeur bedeutete. Musikhören mit Rosa war den kalten Winternachmittagen vorbehalten, wenn es auf dem Feld und im Garten nichts zu tun gab und ich sie mit Fragen zu ihrem Leben in New York löchern durfte. Nie hat sie mir alle beantwortet. Von Rosas Ami-Musik mochte ich als Kind schnelle, fröhliche Stücke wie »Chattanooga Choo Choo« oder »Pennsylvania 6-5000« gern, besonders wenn Rosa mit mir dazu Boogie tanzte. Den traurigen Blues von Billie Holiday verstand ich erst, als mir zum ersten Mal das Herz gebrochen wurde. Es war nach Mitternacht, als ich in Achern von der Autobahn abfuhr. Am Ortseingang von Fautenbach erinnerte mich die riesige Holzzwiebel sofort wieder an Rosa. Im ewigen Wettstreit mit Traudl um die größte Zwiebel hatte sie beim jährlichen »Ziwwlfescht« öfter als ihre Nachbarin den ersten Platz ergattert. Dabei war Traudl die Frau mit dem grünen Daumen und nicht Rosa. Die Zwiebelfelder, die früher die Scherwiller Straße säumten, hatten einem Neubaugebiet weichen müssen. Jahrelang war hier nicht gebaut worden, aber auf einmal säumten frisch gestrichene Einfamilienhäuschen die Straße. Selbst in so einem kleinen Kaff wie meinem Heimatdorf blieb nichts, wie es war. Als ich im Hof der Linde parkte, lag die Gaststube bereits im Dunkeln. Auch im Schlafzimmer meiner Eltern brannte kein Licht mehr. Ich hatte Martha überhaupt nicht Bescheid gegeben, dass ich tatsächlich heute schon kommen würde. Wenn ich meine Mutter jetzt wach klingelte, würde sie, aus dem Schlaf gerissen und schlecht gelaunt, sofort eine geballte Ladung Vorwürfe über mir ausschütten. Nichts, was ich jetzt gebrauchen konnte. Kurz entschlossen stieg ich wieder ins Auto. »Fautenbach ist ein Straßendorf«, hatte uns Fräulein Giersig in Heimatkunde beigebracht, »es wurde nur rechts und links entlang des Baches gebaut. Deshalb ist es fast vier Kilometer lang, aber nicht mal einen halben Kilometer breit.« Und diese vier Kilometer fuhr ich durch die stille Talstraße bis hinauf zum Weber-Hof und zur Ölmühle. Dahinter lag Rosas Haus. Es war das letzte im Dorf, ein altes Fachwerkhaus mit einer separaten Tabakscheune. Rosas Garten zog sich bis zu den Kirschbaumhügeln hin, hinter den Bohnenstangen stapelten sich ihre bunten Bienenstöcke. Der Hühnerhof lag in Richtung Bach, ein Maisfeld verdeckte dessen Lauf. Aber natürlich wusste ich, wie er sich von der Schwend aus in vielen Serpentinen den Schwarzwald hinunterschlängelte, bis er im Unterdorf in die Acher floss. Ich parkte unter der alten Kastanie und stieg aus. Der Kies knirschte unter meinen Füßen, der Bach murmelte leise, ein leichter Sommerwind ließ die Maisblätter hinter dem Hühnerhof rascheln und wehte den Duft reifer Zwetschgen vom Garten zu mir herüber. Alles unglaublich vertraut. Viele Jahre lang war mir dieser Ort Heimat gewesen, weit mehr als mein Zuhause in der Linde. Ihr Ersatzschlüssel lag immer noch unter Schnurresten in einem alten Bastkörbchen auf der Fensterbank. Rosa hatte das Versteck nicht geändert, aber der Schlüssel war ein anderer. Sie hatte das Schloss austauschen lassen. Auf den ersten Blick war dies die einzige Neuerung in Rosas Haushalt. Im schmalen Flur, von dem aus eine steile Treppe zu den Schlafzimmern führte, hingen noch die Bilder aus gepressten Blumen, das graue Wandtelefon und das Poster mit den New Yorker Bauarbeitern beim Frühstück in luftiger Höhe, das ich ihr zum siebzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Wie immer führte mein erster Weg in die Küche. Beim Lichtanmachen stolperte ich über eine Wurstmaschine und sah sofort, dass hier alles zum Schlachten bereitstand: die ausgespülten Konservendosen auf dem Tisch, die großen Töpfe auf dem Herd und eben diese Wurstmaschine, die genauso aussah wie die, die der einbeinige Schlachter immer im Gepäck gehabt hatte. Hielt sich Rosa tatsächlich noch eine Sau? Ich öffnete die Tür zum Garten, in deren Rahmen sich ein altmodischer brauner Fliegenfänger, schwarz gepunktet von Fliegenleichen, kringelte, und ging nach draußen. Ich roch die Sau, bevor ich sie sah. Sie stand in einer Box von Rosas altem Schweinestall, schaute mich mit ihren kleinen, wässrigen Augen neugierig an und grunzte gierig. Ich schüttete ihr aus einem Eimer ein paar gekochte Kartoffeln in den Futtertrog,...




