E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
Glaesener Die Hexe und der Leichendieb
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8437-0320-8
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-0320-8
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helga Glaesener wurde in Niedersachsen geboren und studierte in Hannover Mathematik. 1990 begann die Mutter von fünf Kindern mit dem Schreiben historischer Romane, von denen gleich das Debüt, Die Safranhändlerin, zum Besteller avancierte. Sie lebt in Oldenburg. Neben dem Schreiben bringt sie angehenden Autoren die Kniffe des Handwerks bei. Seit 2010 lebt sie in Oldenburg. Weitere Informationen unter www.helga-glaesener.de
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ber dann schlug er sie doch nicht. Gott hatte Erbarmen. Es wurde wie durch ein Wunder alles gut.
»Wie durch ein Wunder wurde alles gut«, erklärte Sophie fünf Wochen später ihrer Mutter Ursula und ihrer Schwester Christine, die aus Breitenbenden angereist waren, um zu schauen, wie es der Jungvermählten ging, und die nun mit ihr zusammen in der kleinen Stube im Untergeschoss des Palas saßen. Ihre Familie war zum ersten Mal seit der Hochzeit auf der Wildenburg. Die Frauen hatten es sich in der Fensternische auf den Bänken gemütlich gemacht und lauschten angespannt Sophies Bericht über die Schwierigkeiten, die den Beginn ihrer Ehe überschattet hatten.
Marsilius regt sich leicht auf, man darf ihn nicht reizen, hatte sie ihnen erzählt, und Mutter hatte bekümmert genickt. So waren die Männer. Was war sonst geschehen? Sophie hatte vom Gesinde gesprochen, das viele ihrer Anweisungen ignorierte oder nachlässig ausführte. Auch das war nicht ungewöhnlich, bei Sophies Jugend, musste aber natürlich unverzüglich bestraft werden, damit klar wurde, wer jetzt Herrin im Haus war. Und weiter?
Sophie hatte gezögert. Sollte sie von dem Mörder berichten, dem sie Fluchthilfe geleistet hatte? Nein, das behielt sie lieber für sich. Ihr schwante, dass Mutter dieses Verhalten unentschuldbar finden würde. Dafür begann sie von Edith zu erzählen, die ihr das Leben schwermachte, die Dienerschaft gegen sie aufhetzte und dafür sorgte, dass Marsilius seine Nächte in ihrem Lotterbett verbrachte.
»Der Herr möge sie dafür strafen«, regte Ursula sich auf. »Aber nur Geduld, Sophie, am Ende schützt er die Gottesfürchtigen und bringt die Sünder zu Fall.«
Christine, die neben ihrer Mutter saß, zwinkerte Sophie aufmunternd zu. Sie hielt ihren kleinen Sohn im Arm, Jürgen, einen Schreihals von sechs Monaten mit einem schwarzen Haarflaum, der sich ein Vergnügen daraus machte, von einem Arm zum anderen zu wandern. Im Moment schlief er allerdings, und Ursula, die Kinder über alles liebte, strich sanft mit dem Zeigefinger über den kleinen, rosigen Mund des Enkelsohnes.
»Das Schlimme ist, dass Marsilius keine Mutter hat, die ihm den Kopf zurechtrückt«, erklärte sie dabei. »Sonst hättest du eine Verbündete in der Burg.« Sie hob den Blick, um ihre Tochter anzusehen. »Aber du kannst zuversichtlich sein. Männer gleichen einander wie Eicheln. Sie naschen an fremden Töpfen, doch sobald sie auf einen Sohn hoffen dürfen, kehren sie in die eigene Küche zurück. Deshalb heiraten sie uns schließlich. Wir erfüllen ihren Herzenswunsch.«
Und genau darin bestand das Wunder. Sophie war nämlich schwanger geworden. Sie selbst hätte es wahrscheinlich gar nicht so rasch bemerkt. Es kam heraus, als Marsilius sie nach der Flucht des Mörders in die Halle schleppte, um sie zu prügeln, weil sie sich auf dem Hof rumgetrieben und den Flüchtigen nicht aufgehalten hatte. Edith hatte ihm dafür eine Reitpeitsche gereicht, die sie berechnend von draußen mit hineingetragen hatte. Sie hatte ihre Nebenbuhlerin mit einer Grausamkeit angestarrt wie eine Katze, die ein Mäusenest wittert – eine unheimliche, eine entsetzliche Frau. Marsilius hatte Sophie befohlen, das Kleid und ihr Hemd auszuziehen, und als sie nicht schnell genug gehorchte, die Peitsche fortgeworfen und selbst Hand angelegt.
Und da hatte sie sich auf seine Stiefel übergeben.
Vielleicht hatte Marsilius der Anblick, wie sie das Essen hervorwürgte, an die Schwangerschaft irgendeines Weibes erinnert. Jedenfalls hatte er sie am Arm hochgerissen und gefragt, ob ihre Blutung ausgeblieben sei. Sie hatte ihm nicht antworten können, weil sie immer noch würgen musste. Dann war sie auf eine Bank gesunken und hatte gewartet, während er eine Hebamme holen ließ, die ihm angstvoll versicherte, dass sein Weib vermutlich schwanger sei. Die Frau hatte in seiner Anwesenheit eine Untersuchung durchführen müssen – die er fasziniert beäugte – und schließlich ihre Meinung wiederholt. Aber natürlich war es noch viel zu früh, um wirklich etwas Sicheres sagen zu können. Überzeugt wurde Marsilius wohl erst von Ediths wuterfülltem Schrei.
Das Weib war totenblass geworden, und der unverhohlene Zorn, mit dem sie auf die Schwangere stierte, hatte Marsilius auflachen lassen. Er wünschte sich so sehr einen Nachfolger. Seine schlechte Laune verflog, und in seinem jungenhaften Gesicht malte sich reines Entzücken. Er hatte Sophie befohlen, sich wieder anzukleiden und sich in ihre Kammer zu begeben. Dann war er gegangen, um mit Dirk auf sein Glück anzustoßen.
»Alles, was du jetzt tun musst, ist, deine Stellung zu festigen«, holte Ursula ihre Tochter aus der Erinnerung zurück. »Du bist die Mutter seines Kindes, das gibt dir die Macht, die du brauchst, um wirklich zur Herrin der Burg zu werden. In deinem Bauch wächst sein Glück. Pass nur auf – wenn du dich nicht gar zu ungeschickt anstellst, hat er seine Hure in wenigen Wochen davongejagt.«
Sophie blickte zu der Tür, die in den Wohnturm führte. Über ihrer Kammer lag die Schlafkammer von Marsilius, und von dort waren es nur wenige Schritte zu dem Zimmer, in dem Edith wohnte. Sie hörte jede Nacht die Türen knarren, wenn Marsilius zu seiner Gespielin ging. Und wenn sie ehrlich war, dann war sie sogar froh darüber. Dass Marsilius seine Bedürfnisse nicht in ihrem Bett erfüllen wollte, war der einzige Vorteil, den Ediths Existenz bot. Mit Grauen dachte Sophie an ihre Hochzeitsnacht zurück – und verdrängte die Erinnerung sofort. Wenn sie diesen Bildern Raum gab, würde sie verrückt werden.
»Auf jeden Fall darfst du nicht mehr auf ein Pferd«, dozierte Ursula, der es stets ein Dorn im Auge gewesen war, dass ihr Mann ihre Jüngste reiten und schießen gelehrt hatte – und zwar nicht in dem sittsamen Umfang, in dem es einer jungen Frau zukam, sondern mit sportlichem Ehrgeiz. Sophie ahnte, dass ihre Mutter vor allem ihr unweibliches Wesen für die Schwierigkeiten verantwortlich machte, die ihre Ehe überschatteten. Dass sie die dürre Gestalt eines Jungen besaß, konnte man leider nicht ändern. Auch die spitze Nase und das unweiblich harte Kinn gehörten zu den Prüfungen, die Gott ihr auferlegt hatte. Aber man hätte die körperlichen Mängel ja nicht dadurch hervorheben müssen, dass man das Mädchen wie einen Knaben großzog – bloß weil der ersehnte Stammhalter ausgeblieben war. Ursula hatte das hin und wieder angedeutet, aber sie war zu wohlerzogen gewesen, um ihren Mann ernsthaft zu kritisieren.
»Hörst du mir überhaupt zu, Kind?«
»Nicht reiten, ja. Marsilius lässt mich sowieso nicht.«
»Dietrich hat die Nachricht von meiner Schwangerschaft in der Kirche verkünden lassen«, kicherte Christine. »Ich wusste gar nicht, wohin ich schauen sollte. O süße Jungfrau, es ist alles so aufregend.«
Sophie lächelte ihr mechanisch zu. Christine war seit einem Jahr Witwe, aber das hatte ihre Stimmung nicht lange trüben können. Sie würde bald erneut heiraten und ein weiteres Kind bekommen und glücklich sein. Sophie war klar, dass sie sich über das Kind in ihrem eigenen Bauch ebenfalls freuen müsste. Doch statt aufgeregt auf den Tag zu warten, an dem sie es endlich im Arm hielt, dachte sie nur: Herrgott, nimm’s weg, ich will es nicht. Ihr war, als hätte Marsilius etwas in sie hineingestopft, das schmutzig war und … und sie von innen her auffraß. Konnte man das glauben – so eine schreckliche Vorstellung?
Über sich selbst beschämt, zwang Sophie sich, auf ihren schlafenden Neffen zu schauen, der so niedlich war, dass keine Magd vorübergehen konnte, ohne ihn anzulächeln. »Wart nicht zu lange«, drang Ursulas Stimme an ihr Ohr. »Umschmeichle deinen Mann, koche ihm etwas Gutes, sei ihm gefällig – und dann verlange, dass er Edith fortjagt!«
Sophie nickte.
»Verstehst du mich?«
»Ja.«
»Gut. Dann würde ich nämlich vorschlagen, dass du sogleich damit beginnst!«
»Womit?«, fragte Sophie verwirrt.
Mutter seufzte. »Mit der guten Mahlzeit. Schau doch Kind.« Sie wies zum Fenster. »Die Männer kommen heim. Sie reiten in den Hof ein! Du musst dich schon kümmern, Sophie, wenn du eine zufriedene Ehe führen und den Respekt deines Ehemannes erlangen willst. Er ist hungrig, er will essen. Biete ihm ein Glas Wein, um die Zeit zu überbrücken, bis die Mahlzeit auf dem Tisch steht. Hast du nie zugeschaut, wie ich es mache? Ach Herzchen, bist du langsam.«
Es brauchte den Wein nicht. Die Dienerschaft hatte den Tisch auch ohne Anweisung der Hausherrin gedeckt. Die Wildenburg war so lange ein Junggesellenhaushalt gewesen, dass die Leute genau wussten, was zu tun war. Ich bin hier völlig überflüssig, dachte Sophie niedergeschlagen. Sie nahmen an dem Tisch in der Saalkammer Platz, die im oberen Geschoss neben Marsilius eigenen Räumen lag. In dem wagenradgroßen Leuchter waren zu Ehren der Gäste Kerzen entzündet worden. Eine weiße Tischdecke, die zu Sophies Aussteuer gehört hatte, bedeckte die zerschrammte Tischplatte. In der Mitte standen ein Salzfass und vier Jahreszeitenplatten, auf denen Theiß Dörrobst drapiert hatte – Birnen, Aprikosen, Äpfel, dazwischen lagen Nüsse.
»Nun sei doch nicht so still!«, wisperte Ursula ihrer Tochter zu, während Sophies Vater und Marsilius über Kaiser Ferdinand sprachen, der mit den protestantischen Schweden Krieg wegen des heiligen katholischen Glaubens führte und seinen Generalissimo Wallenstein erneut zu seinem Heerführer gemacht hatte, um die Eindringlinge aus dem Land zu jagen. Sophie rang...