Gladstone | Fall der Engel - Ein Roman der Kunstwirker-Chronik | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 560 Seiten

Reihe: Die Kunstwirker-Chronik

Gladstone Fall der Engel - Ein Roman der Kunstwirker-Chronik


Neuauflage 2024
ISBN: 978-3-7569-9964-4
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 560 Seiten

Reihe: Die Kunstwirker-Chronik

ISBN: 978-3-7569-9964-4
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Götterkriege haben die Stadt Alikand in Trümmer gelegt. Heute, anderthalb Jahrhunderte und viele Bauaufträge später, erhebt sich an ihrer Stelle Agdel Lex. Tote Gottheiten übersäen die umliegende Wüste, Gassen verschieben sich, wenn die Menschen gerade mal nicht hinsehen, ein krakenähnlicher Turm dominiert die Skyline, und die mysteriöse Iskari-Gleichrichtungsbehörde sorgt für strenge Ordnung in der einst unabhängigen Stadt - während sich in den ständig wechselnden Gassen Schatzsucher, Kriminelle, Kampfbibliothekare, Albtraumkünstler, Engel, Dämonen, enteignete Ritter, Studenten und andere Verrückte auf der Suche nach dem nächsten großen Coup tummeln. Priesterin und Investmentbankerin Kai Pohala (zuletzt gesichtet in Fünf Faden Tief) kommt in die Stadt, um sich den Löwenanteil an der aufkeimenden Albtraum-Startup-Szene von Agdel Lex zu sichern und ihre Schwester Ley zu besuchen. Dabei erfährt sie, dass Ley in einen dubiosen und brandgefährlichen Deal verwickelt ist und sie alles daran setzen muss, ihre Schwester zu finden, bevor es die Behörden tun. Doch Ley hat ihre eigenen Pläne, die ihre Ex-Freundin, einen waghalsigen Raubüberfall in der von herumspukenden Göttern befallenen Wüste und vielleicht die Freiheit einer besetzten Stadt einschließen. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass Alikand doch nicht völlig tot ist - und es gibt Kräfte, die genau das um jeden Preis erreichen wollen ...

Max Gladstone: Ich habe mit der Kunstwirker-Chronik eine Saga erschaffen, die in einer postindustriellen (und Nachkriegs-) Fantasywelt spielt, wo schwarze Magie ein Riesengeschäft ist, Zauberer Nadelstreifenanzüge tragen, nekromantische Prozeduren an toten Göttern durchgeführt werden und der alltägliche Handel darauf beruht, dass Menschen Teile ihrer Seelen für Waren und Dienstleistungen eintauschen. Die Kunstwirker-Chronik-Romane sind sowohl juristische Thriller über den Glauben als auch religiöse Thriller über Justiz und Finanzen. Außerdem gibt es Polizeikräfte mit verbundenem Bewusstsein, dichtende Wasserspeier, gehirnwaschende Golems, Alptraumtelegrafen, überraschend sympathische Dämonen, weltzerstörende Magie, Umweltzerstörung und das tiefste und dunkelste Übel von allen: BAFÖG. Also, im Grunde alles wie im richtigen Leben!
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1

Ley baute ihr Sandschloss unterhalb der Gezeitenlinie.

Natürlich hatte Kai sie gewarnt. Denn wozu war eine ältere Schwester sonst da? Als Ley ihren Platz wählte und ihre Fahne aufstellte, sagte Kai: »Sie wird absaufen.« Das letzte Wort zerrte an ihr, als hätte es einen Haken in ihrer Lippe hinterlassen. Fast hätte sie sich entschuldigt, aber sie hielt sich zurück. »Absaufen« war das richtige Wort. Man konnte Worten nicht ausweichen, nur weil sie wehtaten.

Als Ley die Zinnen ihrer Burg gestaltete, die wie die Burgen aus den Schwarzwald-Märchenbüchern aussah, in denen Kinder gefressen werden, sagte Kai: »Siehst du, das ist die Gezeitenlinie. Da vorne, wo der Seetang trocknet.« Als Ley mit einer leuchtend blauen Kelle eine Ringmauer modellierte und dabei nassen Sand zwischen ihren Handflächen zusammenpresste, sagte Kai: »Deine Mauer ist zu dünn, um das Wasser draußen zu halten.«

»Sie soll nicht das Wasser draußen halten«, sagte Ley. »Sie soll unsere Feinde fernhalten.«

»Du hast keine Feinde.«

Ley zuckte mit den Schultern und grub ihren Burggraben.

Mama war nicht da, um zu helfen. Heute war ein Trauertag; sie war mit ihren Schwestern zum Grab von Kais Vater gegangen, um sich das Gesicht mit Asche zu bemalen und nackt dazusitzen, allein, bis die Tränen kamen. Sie hatte an dem Tag, als die Träger ihren Mann nach Hause brachten, mit ihren Kindern getrauert, edel und elegant in Trauerweiß – sie stand mit vorgerecktem Kinn und hoher Stirn da, die Augen leuchtend und schwarz, äußerlich teilnahmslos wie eine Büßende. Jeder Körper birgt Scharen, hieß es in alten Liedern. Als Mutter half sie ihren Kindern, ihren Vater, der Schiffbruch erlitten hatte, zu betrauern. Als Ehefrau, als Frau, als jemand, der einen Freund verloren hatte, brauchte sie Zeit für sich, um sich zu erholen.

Sie überließ Kai das Sagen, weil Kai älter war und nicht alles in Brand steckte, nur um zu sehen, in welcher Farbe es brannte. Aber Ley hatte nur eine vage Vorstellung von der Bedeutung der Redewendung »das Sagen haben«, und Kai wollte ihre jüngere Schwester diesbezüglich lieber nicht auf die Probe stellen. Sie hatte immer noch blaue Flecken vom letzten Mal, als sie es versucht hatte.

Also überließ Kai Ley ihrem Werk und ging höher hinauf, an einen anderen Strandabschnitt, um ihre eigene Burg außerhalb der Reichweite der kommenden Wellen zu bauen. Da der Sand hier trockener war und sich nicht so gut verdichten ließ, ging sie mit einer halben Kokosnussschale zur Brandung, füllte sie mit Wasser und trug sie den Strand hinauf, um den Sand anzufeuchten. Sie baute eine ausladende Küstenstadt wie Kavekana, mit einem Berg dahinter wie Kavekana’ai, und schmückte die Küste mit Kieselsteinstatuen – Büßende, die aufs Meer hinausblickten und auf die Rückkehr längst vergangener Götter warteten. Helden. Väter.

Jedes Mal, wenn sie zum Meer zurückkehrte, war die Stadt ihrer Schwester gewachsen. Ley hob mit ihren Fingerspitzen Gassen aus und schnitt mit einem Bambussplitter Verzierungen auf die Dächer. Von oben betrachtet sah ihre Stadt so kompliziert aus wie ein Kunstwirkerdiagramm oder ein Werk der Hohen Theologie. Ley kniete in ihrem Badeanzug und mit zusammengezogenen Augenbrauen, als wolle sie die Hälfte der Welt ausblenden, die sie nicht interessierte: den Strand, den Vulkan im Landesinneren, ihre Schwester. Sie biss sich auf die Unterlippe, während sie arbeitete.

»Du musst etwas tun«, sagte Kai. Sie wählte ihre Worte sorgfältig, denn das war das Schöne an ihnen: Man konnte sie kontrollieren, wenn alles andere versagte. »Sonst wird das ganze Ding einstürzen.«

Oben am Strand schrien und kreischten größere Kinder. Ein bleiches iskarisches Touristenmädchen machte einen Hechtsprung, um einen Aufschlag beim Volleyball zurückzuspielen, und Sand spritzte dort auf, wo sie landete. Das Meer lag ruhig bis zum Horizont, aber niemand schwamm. Heute wehte die rote Flagge, und unter dem Wasser wimmelte es von Galgenbrillen mit ihren langen, brennenden und Schmerz verursachenden Tentakeln, obwohl sie vom Ufer aus nicht zu sehen waren. Weiße Segel blähten sich in der Bucht auf. Kutter, Jollen und Barken kreuzten trotz der riesigen Containerschiffe, die in der Nähe von Westklaue im Tiefwasserhafen festgemacht hatten, vor dem Wind.

»Du hörst nicht zu.«

Ley sah nicht hoch.

Na schön. Sollte Ley doch ihre dem Untergang geweihte Stadt bauen. Kai marschierte zurück. Sie fügte ihrer Insel Häuser hinzu und grub eine tiefe Bucht, damit die einlaufende Flut sie füllen konnte. Sie stand davor und befand sie für gut. Dann drehte sie sich um.

Leys Metropole breitete sich am Strand aus. Sie hatte sich vom zentralen Bergfried spiralförmig nach außen gearbeitet, Stadthäuser und Fabriken verteilt und ihre Gassen erweitert, als sie sich ihnen erneut gewidmet hatte. Kai kannte die Welt, die sie selbst aus Sand gebaut hatte – aber sie kannte auch Leys Welt, obwohl sie sie noch nie gesehen hatte. Diese breiten Durchgangswege mit voneinander abgetrennten Straßen und Bürgersteigen waren Handelsstraßen – nein, Prozessionsstraßen, an deren Anfang und Ende Triumphbögen standen, und auf denen einst die alten Kaiser siegreich marschiert waren. Hier gab es Paläste, dort hohe Tempel, da eine Fabrik; im Norden wurden die Gassen so eng, dass Leys Finger sie nicht hätten anlegen können. Dafür musste sie wohl ihren Bambusstreifen benutzt haben. Sie hatte in beiden eine Traumstadt gefunden und sie real gemacht.

Dann rollte die Flut heran.

Leys Hände hielten nie still. Der Rest von ihr kniete starr neben den Bezirken, die sie gebaut hatte, während ihre dünnen Finger den Sand formten, bildeten und glattstrichen.

Kai schnappte sich ihre Kokosnussschale, lief vor Leys Stadt und begann, eine Mauer zu bauen.

Sie baute ohne jede Kunst, denn um Kunst ging es nicht. Sie wusste nicht, warum Ley sie ignorierte, warum sie diese seltsam vertraute Stadt baute. Sie wusste nicht, warum Ley glitzernde Spuren ihrer Seele in den Wällen unter ihren Fingern hinterließ. Aber sie hatte eine Vermutung. Sie hätte Ley fragen können, sie an den Schultern packen und schütteln und schreien können, bis sie aufhörte und versuchte, es zu erklären. Aber Leys Gesicht erinnerte Kai an das von Mama in Trauerweiß. Und die Worte, die sie womöglich sagen würde, wenn Kai sie zum Sprechen zwang, waren Worte, von denen Kai wusste, dass sie es nicht ertragen konnte, sie zu hören.

Also baute sie die Mauer. Sie errichtete sie mit ihren Händen, mit ihren eigenen angespannten Schultern und Beinen, mit Mamas dicken Fingern und Papas grimmiger Schärfe. Sie höhlte den Sand mit ihrer Kokosnussschale aus und die Sonne brannte ihr in den Augen, wärmte ihre Haut und bedeckte sie mit Schweiß.

»Junge!«, rief ihr eine Stimme auf Iskari vom Strand aus zu: das Volleyballmädchen, betrunken, in einem weißen Badeanzug. »Junge, du kannst die Flut nicht aufhalten.«

Kai ignorierte das Mädchen, dessen Freunde sie zum Schweigen brachten und versuchten, es ihr zu erklären. Kais Mauer war eigentlich eher ein Hügel, mit einem Graben dahinter, der so tief war wie Kai selbst. Sie schätzte die Höhe der Mauer anhand der Gezeitenlinie ab und begann, eine Wölbung bergauf anzulegen, um die äußeren Grenzen von Leys Stadt zu schützen. Sie schwitzte und zitterte.

Es war keine Zeit mehr. Sie konnte die östliche Mauer nicht schließen, bevor die Flut hereinkam. Sie wusste das, blendete es aber aus, denn sonst hätte sie aufgehört, es zu versuchen. Oben am Strand versammelte sich ein Publikum, Touristen und andere Ungeheuer, angezogen von den beiden Mädchen, die sich im Sand abmühten. Ein Skelett in einem Hemd mit Blumenmuster sah ihnen zu und rollte eine Zeitung zwischen seinen Fingerknochen zu einem immer enger werdenden Zylinder zusammen. Kai ignorierte es und kämpfte weiter.

Das Wasser stieg, während sie die Ostmauer aufbaute. Jede Brandungswelle trug mehr Sand von der Mauer zurück in die Tiefe. Kai klopfte ihren Sand nicht mehr fest, sondern schaufelte ihn nur noch, warf ihn hoch und hoffte. Hinter ihr plätscherte eine Welle in den Graben und nasser Sand klebte an Kais Füßen. Sie sank ein. Die Mauer bekam einen Riss. Salzflüsse strömten herein und durchnässten Kai bis zur Hüfte. Die Nordmauer wurde vom Wasser weggewaschen. Kai versuchte, sie zu stützen, aber die nächste Welle riss ihr die Füße weg. Sie ging in einem Gewirr aus Gliedmaßen und Schaum unter.

Wellen und Strömungen warfen sie herum, sie überschlug sich und wurde auf den Strand gespült. Sie spuckte Salzwasser und Sand aus, und als sie sich erholt hatte, blickte sie in der Erwartung einer Katastrophe zurück.

Aber Leys Stadt stand.

Die Wellen bedeckten sie und flossen durch die ausgehöhlten Gassen ab, die wie Kais Mauer hätten einstürzen müssen. Ley starrte durch das Wasser und die Gischt nach unten. Ihre Stadt starb nicht.

Leys Seele schimmerte im Sand. Sie hatte sich selbst in diese Stadt eingebaut, indem sie Seelenstoff mit Wasser unter den Sand mischte, und nun stand sie über dieser Welt, die sie geschaffen hatte, und wollte, dass sie echt war und den Wellen standhielt. Der Sand behielt seine Form. Die Stadt sank, aber sie blieb. Sie würde nicht zerbrechen, solange sie Atem hatte.

Ley erhob sich wie eine Göttin über ihrer Schöpfung, während die Flut hereinbrach. Sie streckte ihre Hände aus, als wolle sie die Wellen glätten, und einen Moment lang glaubte Kai, sie würden gehorchen.

Dann fiel Ley schreiend in das schmutzige Wasser. Sie schnappte nach Luft, würgte, röchelte – und verschwand in der Gischt...



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