Gjesdal | Rebellinnen der Philosophie | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 333 Seiten

Gjesdal Rebellinnen der Philosophie

Frauen, die das Denken der Moderne geprägt haben
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-7507-6
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Frauen, die das Denken der Moderne geprägt haben

E-Book, Deutsch, 333 Seiten

ISBN: 978-3-7517-7507-6
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Ein überfälliger Akt der Gerechtigkeit.« KLASSEKAMPEN

Weibliche Philosophinnen - gibt es nicht? Im Gegenteil. Eine beeindruckende Zahl von Frauen prägte die moderne Philosophie und damit das Denken der letzten zweihundert Jahre. Kristin Gjesdal präsentiert elf außergewöhnliche Frauen, die zu unrecht aus der Geschichte der Philosophie verschwunden sind. Wir begegnen Germaine de Staël, die sich mit den Folgen der Französischen Revolution auseinandersetzt, Rosa Luxemburg, die im späten 19. Jahrhundert für soziale Gerechtigkeit kämpft, und Angela Davis, die in den 1970er Jahren dem amerikanischen Rassismus entgegentritt. Als Aktivistinnen und Philosophinnen waren diese Frauen Rebellinnen ihrer Zeit, doch ihre Gedanken prägen uns bis heute.



Kristin Gjesdalist eine norwegische Professorin für Philosophie an der Temple University, Philadelphia. Sie hat eine Reihe von Monografien und Forschungsartikeln zur modernen europäischen Philosophie veröffentlicht undschreibt außerdem Bücher über Philosophie für ein breiteres Publikum auf Englisch und Norwegisch. Als gefragte Rednerin wird Kristin Gjesdalregelmäßig eingeladen, ihre Arbeit an international bekannten Universitäten vorzustellen. Für ihre Lehrtätigkeit wurde sie mit dem Eleanor Hofkin Award ausgezeichnet.

Gjesdal Rebellinnen der Philosophie jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1


Semesterbeginn


Über Kanon, Geschlecht und das Denken


Die Morgenstunden des ersten Semestertags habe ich zu Hause in meiner Lieblingsecke auf dem Sofa verbracht. Mein großzügig verglastes Zimmer liegt im zweiten Stock, über der Veranda des alten Hexenhauses, in dem ich mit meiner Familie wohne: meinem Mann, ebenfalls Philosophieprofessor, und unseren beiden Kindern – wenn sie mal in Philadelphia sind.

In der Nachbarschaft stehen große Ahornbäume, die Straße ist mit denkmalgeschützten Ziegeln gepflastert. Das Haus ist aus lokalem Wissahickon-Schiefer gebaut und hat für seine Bauzeit untypisch offene und sonnige Räume. Es liegt bereits ein langes Leben hinter ihm: Gebaut wurde es in den 1890er-Jahren, also in jener Zeit, in der viele der Philosophinnen, über die ich in diesem Frühjahr sprechen werde, ihre wichtigsten Werke verfassten.

Als angenehme Kombination von mir wichtigen Orten und Kulturen wurden ihre Werke sowohl in Norwegen, wo ich herkomme, als auch hier an der Ostküste der Vereinigten Staaten, wo ich den größten Teil meines Erwachsenenlebens verbracht habe, viel gelesen.

Ich bin gestern Nachmittag aus meinem Weihnachtsurlaub in Norwegen zurückgekehrt und leide noch etwas unter dem Jetlag. Oslo war bei meiner Abreise verschneit, während Schnee in Philadelphia eine Seltenheit ist. Hier sind die Wintertage länger als in meiner Heimat. Trotzdem nutze ich jeden Winkel des Hauses, in den das Tageslicht fällt. Überall stehen Bücher. In diesem Zimmer ist es hauptsächlich deutsche Philosophie des 19. Jahrhunderts. Die Belletristik befindet sich im Wohnzimmer im Erdgeschoss, die antike Philosophie im Gästezimmer, die Ästhetik im zweiten Stock, ebenso die kritische Theorie und die zeitgenössische Philosophie, und zwar im Arbeitszimmer meines Mannes. In den letzten Jahren haben wir ein frei gewordenes Kinderzimmer mit neuen Bücherregalen ausgestattet. Hier stapeln sich größtenteils Bücher über Frauen in der Philosophie.

Ich lebe seit 2005 in Philadelphia und habe die Stelle hier kurz nach meiner Promotion bekommen. Davor studierte ich Philosophie an den Universitäten von Oslo, Frankfurt und New York. Soweit ich mich erinnere, gab es damals nicht viele Vorlesungen – wenn überhaupt –, in denen auch nur ein einziger Frauenname auf der Lektüreliste stand.

Von Zeit zu Zeit fragten ich und andere Studierende unsere Professoren, warum es in der Geschichte der Philosophie keine Frauen zu geben schien. Die häufigste Antwort war erstaunlich naiv, und das im doppelten Sinne. »Wenn es Beiträge von Frauen gegeben hätte«, erklärte man uns, »dann würden sie auch gelesen, aber da es keine gibt, können wir sie auch nicht lesen.« Die Naivität liegt vor allem im selbstbestätigenden Ausgangspunkt. Wenn man davon überzeugt ist, dass es in der Geschichte der Philosophie keine Frauen gegeben hat, macht es auch keinen Sinn, nach ihnen zu suchen. Aber in dieser Denkweise verbirgt sich auch eine tiefere Naivität, nämlich die Annahme, dass, wenn es Frauen gegeben hätte (und es gab sie!), man ihre Beiträge gelesen hätte … was heißen soll: Man stellte sich die Philosophie, diesen strahlenden, kritischen Zweig der Akademien und der Kultur, insgesamt so reflektiert und reif vor, so ganz anders als den Rest der Gesellschaft, der die Frauen ignorierte, ihnen weder das Wahlrecht noch das Recht auf öffentliche Ämter zugestand.

Wegen dieser Haltung blieb das Bild der Philosophie lange Zeit unverändert. Jahr für Jahr öffnete sich die moderne Philosophie neuen Generationen großer Denker wie Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Schopenhauer und Nietzsche. Prächtige Schnauzer, buschige Vollbärte, sorgfältig in Szene gesetzte Stirnfalten über nachdenklich ernsten Augen. Wenig erstaunlich scheint da Kants Spott, eine sich in Wissenschaft oder Philosophie versuchende Frau könne sich genauso gut einen Bart wachsen lassen.

Ist es da verwunderlich, dass es das Fach bis heute schwer hat, Studentinnen anzuziehen? Vielleicht fragen sich die Frauen, die den Weg in die Philosophie gefunden haben: »Ist hier überhaupt Platz für mich?« Und was sagt es eigentlich über uns aus, die wir doch durch die Vermittlung neuzeitlicher Philosophie zum Nachdenken über die Grundfragen des Menschseins anregen wollen, dass unser Fach so gänzlich ohne Frauen auskommt?

Diese Fragen beschäftigen mich seit Beginn meiner Dissertation. Es ist unbestritten, dass die etablierten Klassiker – mit oder ohne Bart – absolut wichtig sind. Das heißt aber nicht, dass wir den etablierten Kanon, den wir allzu leicht für selbstverständlich und unproblematisch halten, nicht zur Diskussion stellen und erweitern können. Wir können und müssen uns fragen, wer dazugehört und wer ausgeschlossen wird. Entscheidend ist, welche Kriterien bewusst oder unbewusst bei der Zusammenstellung des Kanons eine Rolle gespielt haben.

Nun war es nicht so, dass die Abwesenheit von Frauen im Kanon das erste Thema war, das mich zu Beginn meines Philosophiestudiums umtrieb. Im Gegenteil: Wie viele meiner Mitstudierenden faszinierten mich die klassischen philosophischen Fragen – etwa nach dem menschlichen Ich, nach Richtig und Falsch oder nach dem Wesen von Wissen und Wahrheit.

Meine erste Begegnung mit der Philosophie war ein Wahlfach am Gymnasium, dann in den 1990er-Jahren auf Universitätsebene im In- und Ausland. Als neue Studentin an der Universität Oslo stürzte ich mich auf das Studium der Ideengeschichte. Danach studierte ich eine Zeit lang Literaturwissenschaft. Dennoch war Philosophie das Fach, das mich am meisten interessierte – und in dem ich mich schließlich etablieren wollte.

Als ich begann, die klassischen Philosophen des 19. Jahrhunderts zu lesen, waren die Weichen gestellt. Kants drei Kritiken, Hegels Darstellung der Entwicklung des menschlichen Geistes, Marx, Schopenhauer, Nietzsche, Phänomenologie, Hermeneutik und kritische Theorie. Das war der Studiengang, in dem ich mich als Frau Anfang 20 zu Hause fühlte und der mein Interesse auf ganz andere Weise weckte als andere Fächer. Damals, zu Beginn meines Studiums, dachte ich, dass die Fragen der großen Philosophien uns alle betreffen, unabhängig von Faktoren wie Geschlecht, sozialer Klasse, ethnischer Herkunft oder Alter.

Aber je mehr ich mich mit der modernen Philosophie beschäftigte und vertraut machte, desto mehr stieß ich auf die weniger bekannten Werke der großen Denker. Hier beginnt sich, zumindest als Leserin, ein erster Widerstand zu regen. Kant und Hegel schreiben in ihren berühmtesten Beiträgen tiefgründig über das Wesen und die Bedeutung der Vernunft. Geht man aber weiter zu den Schriften innerhalb der philosophischen Anthropologie, Rechtsphilosophie und anderer Gebiete, so wird das Geschlecht zum Problem. Umso deutlicher wird der Standpunkt dieser großen Philosophen: Die Frau mit ihrer labilen und emotionalen Natur hat grundsätzlich nichts in der Philosophie zu suchen, wie auch in keinem anderen Bereich des öffentlichen Lebens.

Mir war vorher nicht bewusst, dass Philosophie auch dadurch geprägt wird, wer philosophiert – Kant, Hegel und Nietzsche galten einfach als Philosophen, aber selten als Männer in der Philosophie. Weibliche Autoren hingegen werden bis heute als Frauen der Philosophiegeschichte bezeichnet. Nach und nach wurde mir klar, dass diese Werke von Philosophen, also von Männern, geschrieben worden waren. Wo um alles in der Welt waren die Werke von Frauen?

Die Enttäuschung, die darauf folgte, kann ich kaum beschreiben. Später habe ich mich mit anderen Philosophinnen darüber unterhalten, wie es ist, sich in diesem akademischen Feld fast heimatlos zu fühlen – wo wir doch gerade erst angefangen hatten, uns wohlzufühlen, auf eine lange und erfüllte Studienzeit gehofft hatten, vielleicht sogar auf die Möglichkeit, zu promovieren und später selbst zu lehren.

Es dauert erstaunlich lange, bis sich eine solche Erkenntnis durchsetzt. Aber wenn es so weit ist, löst sie ein neues Gefühl der Verfremdung aus. Und diese Verfremdung verschwand erst wieder, als ich vor etwa zehn Jahren ernsthaft begann, Texte von Frauen zu lesen.

Mir fiel auf, wie vielfältig und umfangreich die Beiträge von Frauen – und ich verwende hier den Begriff »Frau« sowohl in einem historisch engen als auch in einem anachronistisch weiten Sinne (d. h. diejenigen, die keine Männer sind) – in Wirklichkeit waren. Im Grunde genommen wurde mir erst zu diesem Zeitpunkt bewusst, wie verzerrt die mir vermittelte Philosophiegeschichte war. Schlimmer noch: Ich selbst hatte diese verzerrte Philosophiegeschichte Jahr für Jahr in meiner eigenen Forschung und Lehre fortgeschrieben.

Natürlich habe ich in meinen Zwanzigern die deutsche Philosophin Hannah Arendt gelesen, die zweifellos eine Leitfigur der politischen Philosophie der Nachkriegszeit war. Besonders interessiert hat mich ihr Frühwerk über die romantische Salonnière Rahel Levin Varnhagen, ebenfalls eine beeindruckende Philosophin. Ich erinnere mich aber auch, dass ich nicht ganz verstand, wie Arendt, selbst eine Frau, ihre schriftstellerische Karriere mit einem Werk über diese romantische Denkerin beginnen konnte und sie oder andere Frauen später kaum noch erwähnte.

Es ist nicht so, dass Arendt Frauen überhaupt nicht thematisiert – sie tut das durchaus, und sie hat hervorragende Essays geschrieben, zum Beispiel über die romantische Salonkultur, an der Frauen aktiv teilnahmen, über Rosa Luxemburg und Karen Blixen. Aber diese Orientierung am Leben und an den Erfahrungen einzelner Frauen, wie es...


Gjesdal, Kristin
Kristin Gjesdal ist eine norwegische Professorin für Philosophie an der Temple University, Philadelphia. Sie hat eine Reihe von Monografien und Forschungsartikeln zur modernen europäischen Philosophie veröffentlicht und schreibt außerdem Bücher über Philosophie für ein breiteres Publikum auf Englisch und Norwegisch. Als gefragte Rednerin wird Kristin Gjesdal regelmäßig eingeladen, ihre Arbeit an international bekannten Universitäten vorzustellen. Für ihre Lehrtätigkeit wurde sie mit dem Eleanor Hofkin Award ausgezeichnet.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.