E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
Giuseppe Glorias Finale
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-312-01249-7
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01249-7
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Gloria ist die jüngste Finalistin der (fiktiven) europaweiten Castingshow Eurostar, die über 50 Millionen Menschen erreicht (eine Castinghow-Variante des Eurovision Song Contests). Gloria, Gastarbeitertochter eines portugiesischen Einwandererpaars, kommt aus schwierigen, armen Verhältnissen. Schon früh erlebt sie Gewalt vom Vater und von anderen Männern. Sie glaubt, ihrer feindlichen Umwelt nur dann zu entkommen, wenn sie eine berühmte Sängerin wird. Aber auch hinter den Vorhängen des Showbusiness erfährt sie Missbrauch. Sie tut alles, um sich für das Eurostar-Finale, das in 24 Ländern live übertragen wird, zu qualifizieren. Am Abend des Finales kommt Gloria allerdings nicht ins Studio, um zu gewinnen, sondern mit ganz anderen Absichten. Und einer geladenen Pistole.
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1
Angst?
Gloria schüttelt den Kopf. Sie hat keine Angst, und sie wird nicht zulassen, dass ihr der Sender Angst macht. Sie wird ihr Ziel nicht verfehlen.
Mit den Fingern spielt die Produktionsassistentin am Strohhalm ihres Drinks. Eine Sekunde, zwei Sekunden. Sie lächelt. Ihr Lächeln wirkt freundlich, warm. Wenn nicht die Augen wären, zu denen die Wärme nicht vordringt, die abwesend wirken, als würden dahinter stille, ferne Berechnungen stattfinden.
»Morgen ist das Finale, live übertragen von sechsundzwanzig Fernsehstationen, sechzig Millionen Zuschauer. Und du hast keine Angst?«
»Wovor denn?«
»Dass du verlierst.«
Gloria überlegt. »Soweit wird es nicht kommen.« Und nach einigen Augenblicken: »Bestimmt nicht.«
»Großartig, dieses Selbstvertrauen.« Die Produktionsassistentin wirkt enttäuscht. »Seit der Vorrunde hast du mich immer wieder überrascht. Du hast uns alle überrascht.« Den Drink in der Hand – Prosecco mit Eis, Zitronenmelisse und Holunderblütensirup – lehnt sie sich zurück, auf dem Ledersofa der Hotellounge, in der sie sich seit etwa dreißig Minuten befinden. Angeblich geht es darum, letzte Fragen zu besprechen. Angeblich soll die Assistentin die »Wünsche« der Produzenten übermitteln. Doch Gloria weiß, worum es wirklich geht. Seit Monaten, seit Jahren hat sie nichts anderes getan als sich auf diese Leute vorzubereiten, auf diesen Tag.
Sie wollen mich aushorchen. Die Assistentin soll mich einseifen, damit ich mich öffne, damit ich ehrlich bin. Sie wollen meine Schwächen finden, um sie morgen gegen mich zu verwenden.
Die Assistentin, den Strohhalm am Mund, beginnt zu saugen. Schmale, schöne Lippen, ein schönes Gesicht eigentlich, wenn es nur echt wäre, wenn nur irgendetwas daran echt wäre.
»Morgen Vormittag findet die Schlussprobe statt«, sagt die Assistentin. Das ist eigentlich klar, die drei, die es ins Finale geschafft haben, haben den Ablaufplan bekommen. Trotzdem richtet sich die Produktionsassistentin bei diesem Satz auf, als hätten sie diesen Punkt bisher nicht besprochen. Sie stellt den Drink zurück auf den Tisch.
Gloria betrachtet den honigfarbenen Prosecco-Sirup-Mix mit den Eiswürfeln, die sich langsam auflösen, während die Assistentin erklärt, um welche Uhrzeit die Kameraleute eintreffen, wie es mit dem Drehbuch der Redaktion aussieht, wann die Medienkonferenz beginnt und wo die Kostümproben stattfinden.
Gloria beobachtet die Schleier der schmelzenden Eiswürfel und fragt sich, ob die Assistentin Chantal gekannt hat. Sonderbar, dass sie erst jetzt darauf kommt. Es liegt wahrscheinlich daran, dass die Assistentin jung ist. Zu jung, um damals dabei gewesen zu sein. Sie hat keine Ahnung, denkt Gloria, sie hat noch nie von Chantal gehört.
Trotzdem – für einen kurzen Moment – schließt sie die Augen und sieht die Waffe vor sich, die Walther PPS. Sie stellt sich vor, wie sich die Waffe in der Hand anfühlen wird – schwer, kühl –, stellt sich vor, wie sie die Walther auf das falsche Lächeln richten wird, auf die falsche Wärme. Stellt sich vor, wie sie darauf wartet, dass sich in den Augen der Assistentin etwas regt, etwas Echtes, Wahres, stellt sich vor-,
»Alles in Ordnung?« Die Stimme der Assistentin klingt noch immer freundlich.
»Kopfschmerzen«, antwortet Gloria.
Du willst, dass ich Angst habe. Die Produzenten brauchen das, sie arbeiten damit. Aber ich werde ihnen keine Angst bieten. Ich werde dafür sorgen, dass sie Angst haben.
»Du bist sehr lieb«, sagt Gloria. »Ich wünschte, wir wären Freundinnen.«
»Das sind wir doch,« strahlt die Assistentin. »Das sind wir.«
Der Barkeeper, der ihnen bis jetzt verstohlene Blicke von der Theke aus zugeworfen hat, nähert sich zögernd und bleibt vor ihrem Tisch stehen: weißes Hemd, schwarze Fliege, schwarzes Gilet. Er lässt die Arme hängen, berührt mit den Fingern der rechten Hand seinen Ledergürtel, als wolle er sich daran festhalten.
»Sie sind Gloria, nicht wahr?«
Gloria nickt.
»Dürfte ich ein Autogramm haben? Es ist für meine jüngere Schwester. Sie schaut jedes Jahr Eurostar. Sie hofft, dass Gloria gewinnt – ich meine, dass Sie gewinnen.« Kurze Pause: »Das hoffe ich natürlich auch.«
»Ich gebe Ihnen gern ein Autogramm«, erwidert Gloria. »Wo soll ich signieren?«
»Oh, natürlich, wie dumm!« Der Kellner eilt zurück zur Theke, und als er wieder zum Tisch kommt, hält er ein offizielles Studiofoto in der Hand: Gloria in einem langen, brombeerblauen Kleid, die Augen funkelnd im Scheinwerferlicht.
Gloria signiert das Foto. Der Kellner nickt, während er sich bedankt, deutet sogar eine Verbeugung an.
Gloria spürt seine Nervosität. Ihr wird bewusst, wie lange es her ist, dass sie so etwas erlebt hat. Die Nervosität und Verlegenheit des Kellners: Es fühlt sich beinahe so an, als würde Gloria nach Wochen im Geschlossenen an die frische Luft kommen, als würde sie eine echte, kleine Blume entdecken, die sie daran erinnert, wie lange sie schon in einer Shoppingmall aus Stein und Plastik lebt.
»Ich danke Ihnen«, sagt Gloria.
»Nein, bitte«, erwidert der Kellner. »Ich danke Ihnen.«
Als der Barkeeper wieder hinter der Theke steht, schmunzelt die Produktionsassistentin. »Er ist süß«, meint sie, »Du gefällst ihm.«
Die Eiswürfel im Glas sind jetzt geschmolzen.
Gloria sagt der Assistentin, dass sie müde sei, und sie verabschieden sich. Endlich kann sie nach oben in den fünften Stock gehen, in die Suite, die das Studio für sie gemietet hat.
Angenehme, klimatisierte Stille. Gloria legt sich aufs Bett. Sie streckt Arme und Beine aus und denkt an den Barkeeper, dann an das Gesicht der Assistentin, ihr falsches Lächeln und an die Produzenten, die damit rechnen, dass Gloria Angst hat.
Aber Gloria hat keine Angst. Auch nicht, wenn sie sich vorstellt, was alles schiefgehen könnte. Wenn sie sich vorstellt, dass sie vor laufender Kamera die Wahrheit sagen wird. Dass sie, die jüngste Finalistin in der Geschichte von Eurostar – und die erste Schweizerin – alles verändern wird.
Nein. Sie fühlt sich entspannt. Ohne Beruhigungsmittel. Schon gestern hat sie keine genommen, schon vorgestern nicht.
Gloria betritt das Badezimmer und betrachtet sich im Spiegel. Sie zieht die Hose aus – schwarze Seide – und geht zurück in den Wohnraum, zum Fenster neben dem Kanapee. Sie dreht sich zur Minibar, ohne sie jedoch zu öffnen. Sie zögert und legt sich wieder aufs Bett. Ausgestreckt liegt sie da, die Augen geschlossen, fühlt das Gewicht der Müdigkeit, die Erschöpfung.
Sie denkt an den Barkeeper, an seine kleine Schwester, die sich über das Autogramm freuen wird. Die kleine Schwester, die Gloria morgen am Bildschirm sehen wird. Die kleine Schwester, die morgen alles sehen wird.
Aber auch dieser Gedanke beunruhigt Gloria nicht. Die Augen geschlossen, sinkt sie tiefer in die Müdigkeit, in den Schlaf.
Ein guter Schlaf. Keine Alpträume. Nicht so wie gestern. Nicht so wie immer wieder in den letzten Monaten. Nicht so wie zum Beispiel jener Traum, der Glorias Herz mit kleinen, heißen Hammerschlägen gequält hat, während sie auf die Fernsehbühne gehen musste, in ein verlassenes, mondfarbenes Scheinwerferlicht. Oder der Traum, in dem sie gegen Hände kämpfen musste, die von allen Seiten nach ihr griffen, um sie in die Dunkelheit, in die Tiefe zu zerren. Oder der Traum mit den grinsenden Gesichtern der Mitbewerber, die dafür gesorgt haben, dass Gloria während der Show plötzlich nackt dastand, zitternd vor dem glotzäugigen Publikum. Oder das Schreien, als Gloria gesehen hat, dass ihre Hände voller Blut waren. Sie hat geschrien und gespürt, wie die Jury und die hin- und hergleitenden Kameras ihre Angst und das Blut gierig in sich aufsaugten, wie alle Leute draußen vor dem Bildschirm ihre Angst und ihr Blut aufsaugten und dabei mit der Zunge schnalzten.
Doch nicht heute. Heute kann Gloria ruhig schlafen. Und sie träumt von schönen Dingen. Sie spürt Sonnenlicht auf der Haut. Spürt, wie frei sie ist, losgelöst vom Gewicht der Zeit. Sie spürt, wie sie durch die Jahreszeiten der Kindheit gleitet.
Gloria schwimmt in der Schwerelosigkeit eines himmelblauen Wassers. Schwimmt, wie damals im See, zu dem Chantal sie immer mitgenommen hat, ihre beste, ältere Freundin.
Neun Jahre ist Gloria damals gewesen. Sie hatte gerade angefangen, mit den Jungs der Oberstufe raus zur Boje zu schwimmen. Die Jungs, die ihr besser passten als die Mädchen ihres Alters, während Chantal am Ufer des Sees wartete, im Gras unter dem Baumschatten.
Ein Teil von Glorias Bewusstsein weiß – während sie träumt –, dass die Blumen am Ufer nicht mehr existieren, dass sie tot sind, dass der See hier nur das Wasser der Erinnerung ist; sie weiß, dass auch Chantal in Wahrheit nicht unter dem Baum wartet, dass nichts davon je wiederkehren wird.
Ein anderer Teil von Gloria kuschelt sich in den Traum, möchte sich an diesen Ort verlieren, der sich anfühlt, als wäre hier für immer alles aufgehoben, geschützt vor dem Verzehr durch die Zeit.
Gloria schwimmt durch das Glitzern auf dem Wasser und erreicht das Ufer. Sie setzt sich auf das Badetuch neben Chantal, riecht die Sonnencreme der Freundin.
Chantal reagiert empfindlich auf die Sonne. Mit ihrer hellen Haut muss sie aufpassen, sie wird immer krebsrot. Sie ist trotzdem stark, denkt Gloria....




