E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Giuliani Im Wartezimmer der Unsterblichkeit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-25597-8
Verlag: Kösel
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Reisebericht aus der Welt von morgen
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-641-25597-8
Verlag: Kösel
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Journalist Alberto Giuliani macht sich auf eine Reise, den Tod zu überwinden. Gleich zwei Wahrsager, eine alte Frau am Baikalsee und ein indischer Brahmane, prophezeien Roberto Giuliani als junger Mann, dass er im Alter von 43 Jahren den Tod finden werde. Für viele Jahre denkt er nicht weiter darüber nach. Giuliani wird ein erfolgreicher Journalist und Fotograf, heiratet, bekommt ein Kind.
Mit Anfang 40 erinnert er sich wieder an die Prophezeiung bis zu seinem vorausgesagten Tod wäre es nicht mehr lang. Doch es könnte einen Ausweg geben: Ein Mann aus der Zukunft werde ihm helfen können, den Tod zu überwinden, hatte der Brahmane damals gesagt. Auf der Suche nach diesem Mann macht sich Giuliani auf eine außergewöhnliche Reise. Auf der ganzen Welt trifft er Wissenschaftler und Vordenker: NASA-Mitarbeiter, die das Überleben der Menschheit durch eine Kolonialisierung des Mars sichern wollen; Genetiker in Korea, für die das Klonen zumindest von Haustieren schon normal ist. Er besucht ein Unternehmen für Kryo-Konservierung, die größte Gendatenbank in China und ein Forschungszentrum in Japan, wo an neuartigen Robotern und »Ersatzteilen« für den Menschen gearbeitet wird. Bei jeder Begegnung geht es um die Frage, wie unser Leben in Zukunft aussehen kann. Welchen Preis sind wir bereit, für die vermeintliche Unsterblichkeit zu zahlen? Und worum geht es eigentlich – um ein längeres Leben an sich? Oder sind es am Ende vielleicht ganz andere Werte, die zählen? Ein ungewöhnliches und poetisches Buch, das verzaubert.
Alberto Giuliani, geboren 1975, ist Journalist und Fotograf und Regisseur. Er versteht sich als Erzähler, ob mit Worten oder mit der Kamera. Seine Reportagen und Fotos erscheinen in bedeutenden internationalen Medien, darunter Condé Nast Traveller, Vanity Fair, Der Spiegel und Stern. Für seine Bilder wurde er mit den wichtigsten internationalen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Canon Award und dem Leica Award für Reportage. Das fotografische Projekt Surviving Humanity, das während der in diesem Buch beschriebenen Reise entstand, wurde in Italien, Deutschland, Frankreich, China, Portugal und den Vereinigten Staaten ausgestellt.
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DIE PROPHEZEIUNG
Ich kam schon immer gerne zu früh, wenn ich eine Verabredung hatte. Die Zeitspanne zwischen dem, was wir gerade getan haben, und dem, was wir gleich tun werden, ist frei von jeder Unruhe: Ich muss und kann nichts anderes tun als warten. Endlich höre ich auf, der Welt hinterherzujagen. Stattdessen kann ich sie, so kommt es mir jedenfalls vor, in solchen Momenten genau betrachten, kann mich Träumen und Hoffnungen hingeben, die fast immer erfreulicher anmuten als die Realität. Es ist wie mit einer Reise: Sie beginnt in dem Moment, in dem wir anfangen, sie uns auszumalen. In unserer Fantasie kommen wir meist weiter herum als in der Wirklichkeit. Manchmal denke ich, ich sollte mich einfach hinsetzen und mein ganzes Leben mit Warten verbringen statt ständig irgendetwas hinterherzuhetzen und mich zu verlieren, nur um mit den Problemen der Rastlosigkeit fertig zu werden.
Befände ich mich auf einem weit entfernten Planeten, bräuchte ich dafür nur einen Augenblick. Man sagt, die Zeit dehne sich da oben, wo sie der Schwerkraft entrissen ist, aus. Ein Seufzer im Himmel entspricht einem Jahr auf der Erde. Dann wäre ich vielleicht schon wieder wohlbehalten zu Hause.
Stattdessen spiele ich immer noch mit dem Ring herum, der seit zwanzig Jahren mein Wegbegleiter ist. Er ist viereckig und hat abgeschrägte Kanten. Ein honigfarbener Saphir ist in das inzwischen matt gewordene Gold eingebettet. Ich sollte ihn eigentlich am Zeigefinger tragen, aber am Ringfinger der rechten Hand gefällt er mir besser. Als ich ihn zum ersten Mal ansteckte, befand ich mich auf der anderen Seite des Erdballs. Ich war in einem Alter, in dem wir uns wünschen, jede Erfahrung möge Spuren auf unserem Körper hinterlassen. So würden wir uns weniger hilflos fühlen angesichts der Ungewissheit des Lebens. Ein Kuss vielleicht oder eine Narbe. Oder eben ein Ring. Der erinnert mich jetzt an diese Geschichte, die vor langer Zeit ihren Anfang nahm. Ich habe ihn immer bei mir getragen, weil er mir half, die Angst zu verscheuchen. Aber die hat mich nach all diesen Jahren wieder gepackt und mich zu dieser Reise getrieben.
Sie hatte leichtes Spiel mit mir. Fortgehen war schon immer mein Heilmittel gegen jede Art von Übel, jedenfalls soweit ich mich erinnern kann. Wenn es nicht mehr rund läuft, packe ich meine Sachen und breche still und leise meine Zelte ab. Das heißt nicht, dass ich fliehe. Was mich antreibt, sind eher eine Art Nomadeninstinkt und die Achtung vor dem Glück. Sind die Weiden abgegrast, hat Ausharren keinen Zweck, weil mich nur noch Dunkelheit und Kälte erwarten wie beim Einbruch des Winters. Ziehe ich hingegen los, sehe ich durch das Fenster die Landschaft an mir vorbeifliegen und mit ihr zusammen die Erinnerungen. Im Licht neuer Begegnungen, in der Sehnsucht nach dem Vergangenen finde ich zu meinen Gefühlen zurück. Manchmal brauche ich nur in einen Zug zu steigen oder ein paar Stunden lang im Auto herumzufahren, und schon geht es mir besser. Zu anderen Zeiten hingegen gibt es kein Zurück. Ich kehre meinem bisherigen Leben für immer den Rücken und behalte es in Erinnerung wie ein wunderbares Abenteuer.
Die Reiselust habe ich von meiner Mutter. Als ich acht war, klingelte an einem Sommernachmittag das Fernweh an unserer Tür. Ich öffnete mit nackten Füßen, die Katze auf dem Arm. Vor mir saß ein Mann auf einem Moped. Er war so um die sechzig und trug einen Sonnenhut und ein schweißnasses hellblaues Hemd. Auf dem Gepäckträger und dem Trittbrett des Mopeds stapelten sich Zeitschriften. Weitere Exemplare hingen in Tüten am Lenker. Es war der Zeitungshändler, der einen Stand auf der Piazza hatte. Er teilte mir mit, die Sammlung unserer Reisezeitschriften sei komplett, wir müssten sie nur noch bezahlen. Ich lief zu meinem Vater. Er hatte sich in der Mansarde ein Büro eingerichtet. Sein Schreibtisch stand vor den Fenstern, die auf den Garten gingen. Ich wusste, dass er bei der Arbeit nicht gestört werden wollte. Daher blieb ich auf der Schwelle stehen und meldete ihm mit gedämpfter Stimme, es sei ein Mann an der Tür, der uns etwas verkaufen wolle. Mein Vater war nicht geizig, aber er hatte als Kriegskind erfahren, was Armut bedeutet. Deshalb ging er mit Geld sehr sparsam um und beschränkte sich auf das Wesentliche. Ganz anders meine Mutter. Zwar hatte sie dieselbe Not erlebt, doch sie gab aus, was sie nur konnte, als wollte sie sich für diese Zeit entschädigen. Sie hatte eine besondere Leidenschaft für Reiseberichte und alles, in dem von fernen Ländern die Rede war. Also hatte sie den Inhaber des Zeitungsstands vor ihrem Büro gebeten, ihr die vielen Ausgaben einer in Einzelheften veröffentlichten Enzyklopädie aufzuheben. Nur hatte sie dies dann völlig vergessen, weil die Telefongesellschaft, für die sie arbeitete, an einen Standort außerhalb der Stadt verlegt wurde.
Mein Vater stand vom Schreibtisch auf und murrte etwas vor sich hin. Während ich die Zeitschriften auf den Tisch im Wohnzimmer häufte, bezahlte er ohne ein weiteres Wort den Betrag, der über anderthalb Jahre zusammengekommen war. Er wusste, wie wichtig diese Hefte waren, auch wenn niemand sie vielleicht je durchblättern würde.
Auf den Landkarten der Welt spürte meine Mutter ihren Erinnerungen nach, fügte die Bruchstücke ihrer Familie wieder zusammen, die von der Geografie und der Not der Auswanderer und Melancholie in alle Winde verweht worden waren. Auf den Seiten ihrer Reisebücher konnte sie Argentinien sehen und ihren Vater ausfindig machen, der sie für ein staubiges Zwiebelfeld in Patagonien zurückgelassen hatte. In den symmetrischen, rechtwinkligen Straßen von Buenos Aires suchte sie nach einem Friedhof am Stadtrand, in dem das Grab ihrer Schwester lag. Und auf den Fotos der Fischer auf dem Rio Paraná fand sie ihre Kindheit wieder. Sie wünschte sich, nach Kanada zu reisen, wo jener Onkel mit den rauen Maurerhänden eine Modedesignerin geheiratet und später, der Ärmste, sein Lebensende in der Klapsmühle verbracht hatte. Sie träumte von Kenia, wo ihre Cousins hingezogen waren. Einer von ihnen hatte sich in eine Chinesin verliebt und war dann spurlos verschwunden.
Im Alter von vier Jahren war meine Mutter ganz allein und wurde einer Adoptivtante anvertraut. Von da an behielt sie wie eine Schiffbrüchige den Horizont im Auge. Sie wollte ihre Wurzeln schützen, weil alle versprochen hatten, eines Tages zurückzukommen. Aber die Zeit ließ alle Beziehungen dahinschwinden und ließ ihr Leben zu einer Form des Exils werden. Sie fuhr nie weg, aus Angst, auch sie würde in der Welt verloren gehen. Aber in jenen stummen, in Zellophan eingeschweißten Heften fand sie die Kraft weiterzumachen.
Erst als Erwachsener verstand ich ihre Neurose. Als Kind setzte ich mich vor ein Bücherregal und schlug wahllos einen Band auf, von derselben Neugier getrieben, mit der man eine Truhe auf dem Dachboden öffnet. Ich liebte den Geruch des Kunstdruckpapiers und das Geräusch der Seiten beim Umblättern. So begann ich in der Fantasie zu reisen. Ich riss meine Lieblingsbilder aus den Heften und versteckte sie in einem Rucksack unter dem Bett. In meinen Tagträumen verbrachte ich jeden Tag an einem anderen Ort, traf Ureinwohner oder fuhr auf dem Schiff neben Walfischen her. Ich wusste nicht, ob ich je den Mut aufbringen würde, wirklich wegzufahren. Bis ich ins Teenageralter kam und alles in meiner Umgebung mich zu langweilen begann.
Ich war dreizehn. In China besetzten junge Leute den Tian'anmen-Platz und in Berlin brachten sie die Mauer zu Fall. Ich aber verbrachte meine Tage mit Algebra und den alten Ägyptern, und das mit denkbar schlechten Resultaten. Ich schämte mich für meinen schmächtigen Körper und versteckte ihn unter zu weiten Sweatshirts, deren Kapuzen mein Gesicht verbargen. Auf einem kaputten Rad fuhr ich zum Basketballtraining. Der einzige Korb, den ich in einem Spiel je warf, landete im eigenen Korb. Ich fühlte mich unnütz, alles erschien mir sinnlos. Ich begann ernsthaft darüber nachzudenken, wegzugehen.
In jenem Herbst schenkte mir mein Vater einen Fotoapparat zum Geburtstag. Damit ich die schönen Momente verewigen könne, meinte er. Dafür hätte ich das Geschenk gar nicht erst auspacken müssen. Aber ich hängte mir die Kamera um den Hals und begann, einfach alles zu fotografieren. Ich tat das nicht, um die Zeit festzuhalten, eher im Gegenteil. Ich fühlte, dass mich die Kamera über meine Grenzen hinauswachsen ließ. Mit dem Apparat in Händen fand ich in den Augen der anderen endlich eine Bestimmung, er machte meine Unzulänglichkeit wett und rückte mich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Aber das Wichtigste war, dass er sich zwischen mich und die Welt stellte und mir so ein Gefühl der Sicherheit verschaffte. So wurde die Kamera zum Reisepass meiner übermütigen Neugierde, zur Wegzehrung auf meinen Reisen und bald auch zu meinem Beruf.
Nachdem ich die Schule abgeschlossen hatte, begann ich wegzufahren, ohne jemandem zu sagen, wohin ich ging oder wann ich zurückkommen würde. Ich wollte alles erleben, einfach alles, und wie kein anderer sein, ohne groß über die Zukunft nachzudenken, die mir damals unvergänglich erschien.
Auch als mich eines Tages in Sibirien jemand auf das Ende des Lebens ansprach. Das war im Oktober 1996. Ich befand mich im Auftrag einer deutschen Zeitung am Baikalsee. Als Dolmetscherin wurde mir eine junge Frau aus Sankt Petersburg zugeteilt, die im gleichen Alter war wie ich. Anna hatte rote Backen und einen fröhlichen Blick. Meine Aufgabe schien nicht weiter schwierig zu sein, aber nach zwei Wochen war mir noch kein einziges gutes Bild gelungen. Der Wintereinbruch hatte alle meine Pläne zunichtegemacht. Dieses Pech brachte mich fast zum Aufgeben. Ich saß auf dem Bett in meinem...




