E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Gien / Stark M
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95757-740-5
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-95757-740-5
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna Gien, geboren 1991 in München, ist freie Autorin und arbeitet in unabhängigen künstlerischen Projekten. Studium der Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte in Berlin und Florenz. Ihr Interesse gilt der Körperpolitik, feministischer Theorie, Sexarbeit und den Zusammenhängen von Kunst, Kapital und Popkultur. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
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2. ANSUCHEN
Es klingelt. Ich stehe gähnend vor der Herdplatte, warte, bis der Kaffee hochkocht, und reibe mir dabei das Gesicht, um es aufzuwecken. Mein Hirn läuft schmalgradig. Sprechen ist noch undenkbar. Wahrscheinlich ist es die alte Frau, die in regelmäßigen Abständen den Müll im Hinterhof durchsucht, wonach, weiß ich nicht.
Ich drücke den Türöffner der Gegensprechanlage und gehe zum Fenster, um die Mülltonnen zu beobachten.
Freitag, morgens um halb 10. Wie ein Tier im Käfig.
Hinter dem Doppelglas kann uns nichts passieren.
Aber die Anwesenheit des Elends und die verwaisten Sperrholzküchenschränke, die in den matschigen Inseln um die spärliche Straßenbepflanzung schwimmen, sind tolle Kulissen für weißkörnige Schnappschüsse von Beinen mit Kritzeltattoos. In Seidenpapier geschlagen trudeln die Kompaktkameras mit der Post aus Bad Kissingen in der Hauptstadt ein, Ebay sei Dank.
Die alte Frau weiß von all dem nichts, und mir ist die Empathie für sie und die totale Verwüstung des Hinterhofs, die sie mit ihrem traurig-routinierten Gestochere hinterlässt, abhandengekommen.
Das Küchenradio ist auf einen indischen Sender gestellt. Ich mag es, wenn jemand über Dinge, die ich nicht verstehen will, in einer Sprache spricht, die ich nicht verstehen kann. Bollywood handelt von solchen Dingen, dem romantisch-hysterischen Zelebrieren des Schicksals, verrückter Liebe, Endlosigkeit, Herzschmerz bis zum Tod und alles in einem Tanz vergessen.
Mein Unterleib schmerzt. Ich drücke Becken und Schenkel gegen die Heizung und versuche mich aufzuwärmen. In dieser Jahreszeit steigt die Kälte schon langsam vom Boden auf.
Der Heizkörper ist nicht wirklich befriedigend warm. Er hat genau die klägliche Temperatur, bei der weder die Wärme des Wassers noch die Kälte des Metalls überwiegt.
Statt des Stocherns ihrer Farbrolle oder des kaputten Regenschirms im Müll höre ich Schritte im Treppenhaus. Es klopft. Vielleicht ist es die GEZ, DHL, der Stromableser, oder irgendeine andere Instanz, die sich vergessen fühlt und etwas von mir will. Weil der Postbote weiß, dass ich die Einzige bin, die immer zu Hause ist, und ich seinem beschämend insistierenden Blick so schlecht widerstehen kann, übe ich mein Verweigerungsgesicht, bevor ich aufmache. Das hilft gegen das Gewinnerlächeln der Greenpeace-Botschafter auf dem Ku’damm genauso gut wie gegen Pakete vom Nachbarn. Ich verharre zehn Sekunden mit zusammengepressten Lippen und ohne einzuatmen, bevor ich energisch die Tür aufreiße.
Vor der Tür steht K..
K. mit Koffer.
Ein bisschen verquetscht und verquollen.
Sie zwingt ihre Mundwinkel nach unten.
»Oh Gott.«
»Kann ich bei dir wohnen erst mal? Hab Boris verlassen.«
Sie drückt sich an mir vorbei, stellt ihren Koffer in der Tür ab und plumpst auf einen der Küchenstühle.
»Ja, klar.«
Irgendwie traurig, dass sie offenbar niemanden hat, der ihr nähersteht als ich.
»Tee?«
»Kaffee mit Milch und Zucker. Fuck, er ist so ein krasser Idiot. Hätte ich nur studiert oder gearbeitet, nein, ich hab alles gemacht, die Wohnung eingerichtet, seinen Scheißladen am Laufen gehalten, und nichts, keine Kinder, keine Ehe, nichts. Nichts kam dabei raus.«
Sie schreit fast. Ich schiebe ihr eine Tasse zu und versuche dabei so auszusehen wie die Frauen, die mit ihren Freundinnen in den Frühstückscafés auf der Akazienstraße sitzen. Die schauen ernst in ihren Milchkaffee und nicken. Bis drei zählen, nicken. Das mache ich sieben Mal hintereinander, während K.s schrilles Staccato gegen meinen Schädel trommelt. Es hört nicht auf. Wie kann man so schnell so viel sagen?
»K., mach mal ’nen Punkt. Du bist 24.«
Sie bricht ab und starrt auf eine Stelle oberhalb meiner Augenbrauen. In ihrem Blick ist immer so etwas Entsetztes. Sie ist aufmerksam, seismografisch auf der Suche nach der negativen Essenz der Worte des anderen. Ich will es wiedergutmachen und irgendetwas Tröstendes sagen. Etwas, das nicht so klingt wie die Motivationssprüche, die einem ein Teddybär von einer dieser elektronischen -Karten, die man früher umsonst über seinen Webmailaccount verschicken konnte, auf einem pixeligen Herz entgegenstreckt.
»Meine Mutter hat immer gesagt, dass es für eine Frau das Wichtigste ist, an ihrer Beziehung zu arbeiten.«
K. scharrt mit ihrem Fuß auf dem Boden und fragt, ob es okay ist, wenn sie jetzt einkaufen geht.
Sie will was für mich kochen. Ich sage, dass ich ihr das Bett frisch beziehe, dass ich nachher noch Besuch bekomme, der aber gegen Abend wieder weg ist, drücke ihr die Wohnungsschlüssel in die Hand, zwinge mich in Richtung Schreibtisch und warte auf das Knallen der Tür.
Ich klappe den Laptop auf. 2887 ungelesene Mails. Den Gedanken, dass die eine Mail, die mein Leben verändert hätte, wenn ich sie nur geöffnet hätte, irgendwo unter diesen blauen Punkten schlummern könnte, verdränge ich jedes Mal, wenn ich das Programm öffne. Die Mail ganz oben ist von Philipp. Philipp fragt wieder irgendetwas zu der Ausstellung, die ich in seinem Projektraum machen soll. Bezahlen kann er nichts. Dafür darf ich machen, was ich will.
Diesmal geht es um die Sache mit dem Nagelstudio. In Lichtenberg gibt es einen Ort, das Don Xuan Center, eine Vorhölle aus Containerbauten, in denen sich vietnamesische Läden dicht aneinanderreihen. Es gibt vier Storekonzepte: Nagelstudiozubehör, T-Shirts mit Prints von halbnackten Fantasy-Amazonen und Nagelstudiozubehör, Plastikblumen und Nagelstudiozubehör und Einrichtungsgegenstände (schillernde Toilettendeckel mit Schneetigern drauf) und Nagelstudiozubehör. Seit ein paar Jahren ist das Center Pilgerstätte für nach Insta-Input dürstende Zugezogene, die sich mit ihren Nike-Huaraches zwischen die Plastikblumen drängeln und versuchen, sich mit schuldbewusstem Lächeln an den immer leicht verärgerten Ladenbesitzern vorbeizuschleichen, um sich möglichst beiläufig zwischen den Polyesterbergen zu inszenieren. Exotismus 2.0. Da bringt auch das beim Jasminteekauf über den Tresen geplänkelte »Super, vielen Dank« nichts.
Vor ein paar Monaten hat ein in die Gasflamme unter dem Pho-Kochtopf gefallener Küchenhandschuh zu einem Großbrand geführt, der die gesamte Plastikbiomasse in Containerhalle 4 in ein schwarz gähnendes Loch schmolz.
Gelnägel haben nur AfD wählende Prolls aus Reinickendorf. Wir tragen den Look krass subversiv und machen Wochenendexkursionen in das des Dienstleistungssektors am Rande von Lichtenberg.
Ich mag die Vorstellung, dass Kunstszenemenschen bei der Ausstellungseröffnung auf viel zu niedrigen, mit türkisem Stoff bespannten Plastikhockern kauern müssen, um sich in der weißen Zelle des Ausstellungsraums von nur durch den Mundschutz und die 40 Zentimeter des klinisch weißen Behandlungstischs getrennten vietnamesischen Nageldesignerinnen die Nägel machen zu lassen.
Als Motive für die Nageldesigns wären mir am liebsten Miniatur-Malereien, Straßenszenen aus Hanoi als Gelgemälde, folkloristisch aufgeladenes Kunsthandwerk, das mit Vietnam so wenig zu tun hat wie die Thom-Ka-Brühe in dem Fusion-Kitchen-Pop-Up-Restaurant auf der Torstraße. Mir gefällt die Scham, die in der Offensichtlichkeit erzeugt wird. Dass die Unmöglichkeit von Kommunikation, die Inszenierung der unüberbrückbaren Kluft zwischen den Protagonisten, bis an die Grenze zur Geschmacklosigkeit getrieben, unwillkürlich und schmerzhaft peinlich wird. Man muss die Dinge beim Namen nennen. Alles andere ist überhöhendes Herumgestöpsel, das keiner braucht. Zur Zeit feiern alle die , Didier Eribon hat es tatsächlich geschafft, dass wir uns alle beim dritten Glas Crémant die tiefe Einsicht in unsere verstockten Bobo-Existenzen (mit Betonung auf dem zweiten »o«, bourgeois-bohémien, das kann ich jetzt auch mitwisserisch sagen) zuflüstern, als hätten wir es eigentlich immer gewusst, ganz tief drinnen, dass unsere geheuchelte Kumpelschaft mit dem Spätiverkäufer genauso widerlich ist wie unsere Political Correctness.
Deshalb: .
Ich tippe ein paar Zeilen Konzept in meinen Computer, scrolle durch Onlineshops für Nagelstudiozubehör und schiebe im Sketch-Programm Massagestühle mit angeschlossener Fußbadapparatur durch den simulierten Ausstellungsraum.
Gelnägel müssen zur neuen Volkskunst erklärt werden. Ich will, dass das Acryl wochenlang an den manikürten Fingern der Prêt-à-porter behangenen Körper klebt, sich langsam abträgt, während die zarte, rosa...




